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Libyen – Jugoslawien; Gaddafi – Milosevic

31. August 2011

Die Nato hat im Gegensatz zum Mandat der UN, das nur Schutz der Zivilbevölkerung vorsah, jüngst in Libyen aktiv, mit Marschflugkörpern und Bomben, in den Feldzug, der zum Sturz Gaddafis führte, eingegriffen. Einerseits wäre ohne die Nato Gaddafi wohl noch am Ruder, andererseits ging der Nato (gegen eine Armee von geschätzten 76000 Berufssoldaten und einigen zehntausend Milizionären) bereits die Munition aus, und es hat drei Monate gedauert, bis das Ziel erreicht war. Frankreich und Italien – ehemalige Kolonialherren der Gegenden dort (und Grenzzieher, auf dem Reissbrett vermutlich, Stichwort: Aufteilung der Welt), bombten nach Kräften mit.

In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts griff die Nato in den jugoslawischen Bürgerkrieg ein. Serbien und insbesondere Ziele in Belgrad wurden monatelang bombardiert. Siehe dazu auch die sehr ergiebigen Blogs und Kommentare auf MI.

Beide Male ergriff die Nato (die ja eigentlich als Verteidigungsbündnis gegründet worden war) auf Seiten der Muslime – wenn man das so sagen kann – ein. Gaddafi ist zwar ebenfalls dem Islam anhängend, doch sein Sturz wird möglicherweise (oder kann man inzwischen schon “wahrscheinlich” sagen?) die Muslimbrüder oder andere Anhänger eines Gottesstaates an die Macht bringen. Dass die muslimische Türkei da auf Seiten der Nato mit angreift, zeigt, wie sehr Erdoğan inzwischen zum blossen Erfüllungsgehilfen des “Westens” geworden ist. Die USA müssen da mächtige Druckmittel in der Hand haben? Wie auch immer, die muslimischen Länder sollten schnellstens mit ihrem Westenbashing aufhören, haben sie doch mittlerweile in der Nato ihren treuesten Verbündeten gefunden.

Die Frage nach den Kriegszielen ist na klar wichtig. Auch dazu wird auf MI einiges gesagt.

Wirtschaftliche Gesichtspunkte spielten in beiden Fällen eine Rolle. Aber die Exporte der EU nach Libyen und die Rohölimporte von dort florierten doch? Zwar war Tripolis alle Nase lang bombardiert worden, zwar hatte Gaddafi mit dem internationalen Terrorismus geflirtet oder war gar selbst diesbezüglich aktiv geworden (Discothek La Belle in Berlin, Absturz eines Jumbos im schottischen Lockerbie), zwar hatte Gaddafi, nachdem einer seiner Söhne in Genf verhaftet worden war, zur Zerschlagung der Schweiz aufgerufen, zwar hatte sich das Regime seit langer Zeit eines scharfen Antisemitismus‘ befleissigt, aber doch hatte der Bilderbuchoberst jahre- und jahrzehntelang (genau genommen bis vorgestern) die islamistischen Kräfte in Benghazi im Zaun gehalten, neue Ideen zu Sozialismus und direkter Demokratie eingeführt, und und…. Die westlichen und auch östlichen Industriestaaten hatten gute Geschäfte mit ihm gemacht, wohl auch in Waffen (man denkt dabei unwillkürlich ans schwäbische Werk Heckler & Koch, gell?) Nicht wenige Staatsoberhäupter, zum Beispiel Silvio Berlusconi, waren gut mit ihm befreundet; Erdoğan, ein weiterer seiner Busenfreunde, hatte sogar noch unlängst den mit 200000 Dollar dotierten libyschen Friedenspreis in Empfang genommen. Ein verrücktes Bild. Aber wer sieht’s genau? Und was ist pure Mär? Tatsächlich war er ein Quasi-Alleinherrscher seit über vier Jahrzehnten. Ein Tyrann wie Milosevic. Der in Den Haag (eines natürlichen Todes?) verstarb. Möge der Gaddafi auch beschieden sein. (Ist das nun Fürbitte oder Fluch?)

Slobodan Milosevic, Jahrgang 1941 (ein Jahr älter als der libysche Tyrann) war ähnlich schillernd. Oder wissen wir auch über ihn zu wenig? Jedenfalls erlitt er ein ähnliches Schicksal der Dämonisierung. Nein, ich bin kein Freund Milosevics. Aber ich mag es, etwas genauer hinzusehen. Milosevics Vater war Priester im montenegrinischen Posarevac. Er beging Selbstmord, erschoss sich. Seine Frau erhängte sich später. Ich erspare mir ein abschliessendes Urteil über den Vollwaisen, auch wenn mir bekannt ist, dass die grossserbischen Pläne in der serbischen Akademie (der Wissenschaften oder der Künste?) vorgedacht wurden. Die Nato griff Serbien an, ohne selbst angegriffen worden zu sein. Die Pläne zur Zerstückelung Jugoslawiens lagen schon lange in den Schubladen vieler (auch deutscher) Politiker.

Seltsame Parallelen……..

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10 Kommentare leave one →
  1. 31. August 2011 21:16

    Hibouh, richtig es gibt einige Parallelen. Ganz klar sind die wirtschaftliche Interessen. Trotzdem ist mir der Libyen-Krieg der NATO bei weitem nicht so „einleuchtend“ wie die Zerschlagung Jugoslawiens. Deine Befürchtungen wie es in Libyen weitergehen wird teile ich auch. Der Iran hat viele Kämpfer der Opposition finanziert und steht wohl schon mit einem Bein in Libyen, was nichts Gutes erwarten lässt. Es sieht so aus ob in Libyen die Cholera die Pest ablösen wird.

  2. 1. September 2011 19:23

    Die in Málaga erscheinende spanische Zeitung DIARIO SUR schreibt heute:

    „Der Präsident des Übergangsrats, Dschalil, hat erklärt, das islamische Recht, die Scharia, werde die ‚Quelle der Jurisprudenz‘ sein, nach der das Land nach dem Sieg über Gaddafi geführt werden soll. Diese Worte haben für eine gewisse Irritation gesorgt. Dschalil fügte zwar hinzu, der neue Staat werde demokratisch und unabhängig sein. Und er wiederholte auch, dass es zu freien Wahlen unter internationaler Aufsicht kommen werde. Man könnte auch noch hinzufügen, dass die Verfassungen aller arabischen Länder irgendeine Formel enthalten, die auf die Scharia als wichtige Rechtsquelle hinweist. Die Aufregung mag also übertrieben sein. Aber es ist schon besorgniserregend, dass bekannte Islamisten wichtige Positionen einnehmen.“

    Befürchtungen, islamistische Kräfte könnten in Libyen bestimmenden Einfluss gewinnen, sind wohl nicht ganz unbegründet und zeigen die „demokratischen“ Nato-Eingriffe möglicherweise bald in ganz anderem Licht!

    lg LL

  3. 2. September 2011 16:45

    Der transatlantische Herakles schlug der vielgesichtigen libyschen Hydra das vermeintlich unsterbliche Haupt seiner vierzig jährigen Herrschaft ab. Wer aber ist und war Muammar Abu Minyar al-Gaddafi? Terroristen-Unterstützer, Diktator, Tyrann, Staatsmann, Egozentriker? Letzteres ist und war er sicherlich. Oppositionelle bestrafte der Despot mit Folter und Haft. Lt. westlichen Medien war er Terrorist und Partner, je nachdem wie er bei „uns“ mitspielte. Nach den Ausführungen von Daniela Dahn in ihrem Artikel „Störfaktor Gaddafi“, erschienen in „Blätter für deutsche und internationale Politik“, muss ich über sein Bild noch mal neu reflektieren, da sie insbesondere am Terror-Bild nachbessert und ein ganz anderes von ihm zeichnet:

    „Der Anschlag auf die Berliner Diskothek La Belle im April 1986 ist ihm eindeutig zuzuschreiben. Allerdings wird immer vergessen zu erwähnen, dass es sich bei diesem zweifelsohne verabscheuungswürdigen Akt um Vergeltung handelte. Einen Monat zuvor hatte die US-Armee bei einem Manöver in Friedenszeiten zwei libysche Kriegsschiffe samt Besatzung versenkt. Und auch nach amerikanischem Rechtsempfinden ist Vergeltung legitim, wie das genau so – als Vergeltung für La Belle – begründete Bombardement von Tripolis zeigte. Dort starben zehn Mal mehr Zivilisten als in Berlin, darunter die Adoptivtochter Gaddafis.
    Auch die ganze Geschichte des Lockerbie-Attentats ist heute weitgehend verdrängt: Am 3. Juli 1986 flog der Iran-Air-Linienflug 655 von Teheran nach Dubai. Über dem Persischen Golf wurde er von der Crew des US-Kriegsschiffs CG-49 abgeschossen. Diese fühlte sich, da unerlaubt in iranischem Hoheitsgewässer unterwegs, angeblich angegriffen, obwohl der Airbus im Steigflug war und die Signale eines Passagierflugzeuges von sich gab. Alle 290 Insassen starben, darunter 66 Kinder. Statt sich zu entschuldigen, zeichnete Präsident Ronald Reagan den Schiffskapitän mit dem Legion-of-Merit-Orden aus. Ayatollah Khomeini kündigte an, man werde mit Gleichem vergelten, es werde Blut vom Himmel regnen. Was vier Wochen später über Lockerbie in aller Brutalität geschah. Der ganze Grad unserer Desinformation lässt sich daran messen, wie wenig die 290 abgeschossenen Iraner im allgemeinen Bewusstsein sind, nämlich in aller Regel gar nicht, und wie stark dagegen die 270 Lockerbie-Opfer.“

    Sollte das stimmen, wäre nicht nur Gaddafi, sondern auch der Nato-Einsatz völlig anders zu bewerten. An einem rein altruistisch-humanitären Einsatzgrund der Nato in Libyen war aufgrund des Ölgeruches, anderer ökonomischer Gründe (z.B. einziger eigener Kommunikationssatelliten Afrikas), sowie der sich häufenden Animositäten mit dem Westen wegen Gaddafis „egozentrischer Unbequemlichkeit“ von Anfang an zu zweifeln. Er war es, der es als Einziger wagte, dem Westen bzw. den USA ein Ultimatum zu stellen, diese hätten bis zum 30. Juni 1970 ihren Militärstützpunkt im Norden von Tripolis zu räumen. Am 28. März 1970 wurde der seit 1948 bestehende US-amerikanische Luftwaffenstützpunkt Wheelus Air Force Base geschlossen, am 11. Juni 1970 auch der seit 1955 genutzte britische Stützpunkt El Adem bei Tobruk.

    Dahns Artikel ändert insofern den Schattenwurf des Libyenbildes, bringt einige neue Komponenten ins Spiel. Die Zweifel an der Richtigkeit von Gaddafis Beseitigung teile ich mit Dahn, auch wenn ich skeptisch bin, dass nur in westlicher Abhängigkeit das Übel lag und eine unabhängig-arabische Regierung schon das Heil bringt. Ob mit den arabischen „Rebellen“ für das libysche Volk eine freiere und aufgeklärtere Zukunft zu machen ist, wird sich zeigen.

    lg LL

    • 3. September 2011 01:49

      Der Link oben, zum genannten Artikel, ist schlecht ersichtlich unter Dahns ARTIKEL, deshalb hier nochmal. Ich weiß nicht wie glaubhaft das Ganze ist, ob Wahrheit dahintersteht oder nur Antiamerikanismus? Ich stelle das deshalb zur Diskussion!

      lg LL

  4. 2. September 2011 18:43

    Danke für die gründliche Dokumentation und die Arbeit an unserem Erinnerungsvermögen!

  5. 3. September 2011 00:13

    Sarajewo 84, ich saß vorm Fernseh, im Winter, in Münster, 3. Semester. Aber 76 die EM, wohnhaft noch in Osnabrück und mit lila-weißer Fahne geguckt, den Cullmann, den Toppmöller und den Heynckes. Und natürllich für die Gastgeber, den Vielvölkerstaat Titos, Danilo Popivoda vom Traditionsgegner Eintracht Braunschweig. – Das Endspiel verlängerte Hölzenbein, aber heute, 25 Jahre später, ist Spanien Em & Wmmeister. Tja, der Jugoslawe, früher war er um die Ecke, aber da wohnte ich noch in Frankfurt.
    ~als dank für solche blogs~

  6. 3. September 2011 17:08

    Einige Jahre lang wurde Jugoslawien (von wem?) zur Quelle allen Übels erklaert. Nun, da das Land zerstückelt ist, werden sich immer mehr Leute bewusst, das die neuen (kroatischen, bosnischen, kosovarischen etc.) Politiker NOCH viel korrupter und volksferner sind, als die alten.

    Wie wird es den Bürgen des neuen Libyens ergehen?

    Deine Quellen, LL, bleiben zu überprüfen, aber ich neige dazu, sie für zutreffend zu halten….

    • 5. September 2011 00:55

      In Steinfurt gibt es noch einen „Jugoslawen“. Mein Sohn (15) war da gerade zum Essen mit seiner Arnoldinumtruppe, weil der Lehrer mit ihnen ein Projekt „Jugoslawien“ macht. Das ist durchaus groß angelegt, und ich werde erzählt bekommen. – Erzählen, sich, anderen, ist wichtig, ist schön.

      • 5. September 2011 07:19

        Wisst Ihr noch, zu ner Zeit kam das Schaschlik auf!
        Ich hörte gestern die jugoslawische Hymne……
        Ah: Leseempfehlungen: Ivo Andric: Die Brücke über die Drina, naja, alles von Andric, obwohl da dauernd Serben geschlachtet werden…..
        Film: Marschall Titos Schatten

  7. 5. September 2011 07:20

    Und was ham wir über Libyen? Den ollen Hardy Krüger. Rommel. Karl May?

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