Skip to content

Ferne Weltgegenden IV: Stuttgart

29. August 2011

Habe den Text schon vor einiger Zeit geschrieben. Aber er passt doch zu „Ferne Weltgegenden“? Ich widme ihn Monica Bleibtreu

Stuttgart/hinterm Mond/ein Logbuch von Hibouh

„Der Wahrnehmungspartisan Hibouh zeigt sich einmal wieder von hybrider Geistesgegenwart. Er setzt konventionelle Beobachtungen einem Crossover von Gleichzeitigkeit der Bewusstseinsebenen, den Alltagsstimmen wie den Lyrismen aus Phrase und Poesie, Wortspiel und schräger Metapher aus. So bringt er die Realität aus der Balance.“ (Mousli Bouhrov)

„Wenn ich wüsste, was mein Film bedeutet: warum sollte ich ihn dann drehen?“ (David Lynch)

Km 3,2

Sie versteht ihn

Am Tisch sitzt ein Taubblinder, ein jüngerer Mann mit lichtem Haar und unruhigen Bewegungen. Seine Begleiterin tippt ihm eine Zeichensprache in die Handfläche, recht flink, streicht bestimmten Fingern entlang, macht Kreuze und Haken, tätschelt dann zweimal schnell – neues Wort? Korrektur? Bejahung? Was es alles für Sprachen gibt. Ein lebendiges Keyboard mit Entertaste…… Er antwortet mit unartikulierten Lauten, die wie von unter Wasser aus ihm hervortönen. Sie versteht ihn.

Km 5,5

Weich in den Knien

Königsstraße. Vor den jonischen Säulen der alten Börse sind zwei große Kranwagen aufgebaut. „Taubenabwehr“ ist auf die hydraulischen Hebebäume lackiert. Massive Mittel sind das, Technik wird gegen die Ratten der Lüfte aufgefahren. Es erinnert an das unternehmen „Enduring Freedom – against shit“. Mir ist etwas weich in den Knien. Ob das die laue Luft macht? Die ersten Gäste sitzen auf den Terrassen des Schloßcafés. Ein paar Schritte weiter ist die zu restaurierende Stiftskirche ähnlich wie das Brandenburger Tor von einer riesigen Werbefläche verhüllt. Die Erneuerung des Baues wird zu guten Teilen aus den Werbemitteln bezahlt, die dadurch in die Kassen der Kirche gespült werden. Das wäre doch eine Lösung auch für marode Theater und zu errichtende antifaschistische Großdenkmäler, sie einfach vollkommen mit Werbeflächen zu verhängen? Hier ging ich vor kurzem mit meinem Onkel entlang. Oder war es ein Nennonkel? er hatte Kehlkopfkrebs im Endstadium. Unterm Kinn haben die Operationen ein großes Loch gelassen. Nun saß er an Bord des Flugzeuges, das in einen südkolumbianischen Vulkankrater gestürzt ist.

Km 7

Das Zeichen

Wieder einmal einen Mittag im Marktcafé. Biofein! Eselsmühle! und „Le città del vino“, sagen die Fahnen, Schilder und Plakate. Ich trinke Roero aus dem Piemont. Mit dem Wein die Gegend gleich mittrinken? Zum ersten Mal bekomme ich eine italienische Zwei-Euro-Münze zurück. Was ist daran Italien? Das Material ist in allen dasselbe, die Münzen müssen nicht einmal unbedingt in Italien selbst geprägt worden sein. Aber das Profil Dantes überträgt unmittelbar die „Italianità“. Was die Überlegenheit des Zeichens über die Substanz und selbst das Bild beweist. Was also ist piemontesisch an meinem Glas weißen? Ich kaufe anschließend noch ein halbes Pfund gemahlenen Esels und ein Stück Raclettekäse, und stolpere zu guter Letzt über einen Knoblauchzopf.

Km11,5

Herr Aydoğdu

Auf dem Weg zur Evangelischen Gesellschaft. Ich muss zur Monatsabrechnung in die Büchsenstraße. An der Kasse wartet vor mir Herr Aydoğdu, mein Alptraum. Er hatte ein Jahr lang unter mir im Keller gewohnt. Er lieh sich zu jeder Tages- und Nachtzeit Bier und Margarine von mir. Die Margarine geriet ihm in der Bratpfanne in Brand, und sein Kellerzimmer mit. Oft brach er seine eigene Türe mit dem Kuhfuß auf, weil er die Schlüssel verloren hatte. Sogar nach seinem Rauswurf bat er mich ab und zu, ihn doch im Flur schlafen zu lassen. Heute sah er gepflegt und nüchtern aus. Hallo! Aber mehr lieh ich ihm nicht. Ob Gott existiert? Vermutlich schon, denn er konnte Arabisch, seinem Propheten den Koran zu diktieren. Es ist gar nicht so leicht. Der Lautumbruch bei den verschiedenen Pluralformen! suk-aswaq, dukhan-dukakin, tadschin-tudschar!!! Wer soll das erfunden haben. Es gibt ihn. Die evangelische Gesellschaft aber sucht ihn noch immer. Hülya, die beim Stehbäcker bedient, schenkt mir heute ein Lächeln.

Km 11,8

Sagt Malkovich

Eine schwarze Hummel krabbelt am Rand des Trottoirs. im Waschsalon sitzen Männer, die John Malkovich ähnlich sehen. Malkovich, Malkovich? Malkovich! Die Nachrichten um Mullah Omar und Bin Laden sind versiegt. Stattdessen müssen andere Idole der hellen oder dunklen Art her. Strange, sagt Malkovich, wie wir feste Überzeugungen mit wenig Wissen kombinieren. Der Himmel ist knallblau, der Orangensaft gelb, die Pfeiler des Salons tieforange, die Bodenkacheln grün. Darauf ein Chaos von Wäscheteilen. Ich gehe vor die Tür, rauche eine, schaue zur Haltestelle Arndt-Spittastraße hinüber. Keine Bahn fährt. Es ist Samstagmorgen und die Welt ist klein.

Km 15

Eissalon Fragola

Die Tische stehen schon draußen, und sind auch im Nachmittagsschatten voll besetzt, die Hausfassaden gegenüber leuchten und spiegeln. Ich bestelle einen Espresso und eine Eisschokolade. Ein Schwarzer setzt sich zu mir. Wir kommen ins Gespräch. Ich bin ein Yoruba, sagt er. Das ist meine ethnische Gruppe, so was wie Schalke oder Dortmund.

Meinen Einwegfotoapparat habe ich in der Tram liegenlassen. Es bleibt mir nur, zur nächsten öffentlichen Fundsachen-Versteigerung zu gehen. Die finden immer in der alten Zahnradbahnstation statt. Wenn mein Apparat nicht mehr auftaucht, werde ich einen Schirm ersteigern, oder ein Fahrrad, oder eine Schrotflinte. Damit könnte ich Datteln schießen.

Km 20 (km 4300)

Oase Selime (wâhat salima)

Über die Wüste nachgedacht oder geträumt. Die Wüste ist ein Bild unseres Bewusstseins mit Spuren des Denkens. Hier denkt man, indem man wandert. Die Sesshaften haben keine Geschichten, keine Märchen. Sie haben Grundstücke. Im Sand verwehen Spuren nach Stunden, in der Steinwüste bleiben alte Reifeneindrücke, Benzinkanister, Skelette für Jahrzehnte. Ich gehe Geschichten. Ich suche einmal wieder die weiße Stadt Zarzura. Zarzura ist auch ein Vögelchen, schwalbenartig, schwarz mit weißer Stirn und weißem Schwanz. In seinem Schnabel trägt es den Schlüssel zum Tor. Kommst du hinein, findest du Prinzessin und Prinzen schlafend. Wecke sie nicht, aber nimm Teil an den Schätzen.

Festgeklemmt unter einem Steinbrocken finde ich einen Fetzen Zeitung. Ich entziffere einen Satz, gebe ihn hier sinngemäß wieder. „Signifikant höher war da schon mein Interesse an der mirakulösen Miranda, die mich eine gewisse Zeit lang auf eine Art faszinierte, wie es sonst nur Cameron Diaz tut.“ Ich muss nach Wegzeichen suchen, ich muss unbedingt auf der Darb el arbe’in bleiben, der Straße der vierzig Tage.

Km 4317 (km 31)

Darb el arbe’in

Um die Staatsgalerie zu erreichen muss ich nach meinen Berechnungen Kurs Nord 21° Ost anlegen. Ich will die lange Nacht der Poesie erleben. Schech Abu Hussein neben mir staunt, dass man nach dem Papier reisen kann. Immer wieder nehme ich Peilungen mit meinem Prismenkompass vor, steige auf Transformatorenkästen oder Telekomrelais am Strassenrand, um den Horizont nach den charakteristischen Gebäudesilhouetten abzusuchen. Schon glauben wir uns verirrt, aber da künden das dichter werdende Halfagras und endlich sogar einige Dumpalmen das nahe Ziel an. Meine Begleiter spüren ihr maurisches Blut und legen im Betongrund des Parkhauses eine verschwundene Quelle frei. Das Wasser schmeckt leicht salzig. Dankbar trete ich in die Halle mit dem giftgrünen Bodenbelag und den geschwungenen Glaswänden. Ringsum Krieger. Sie wissen mit ihren Körpern nichts anzufangen, warten sitzend, die Knie unschlüssig angezogen darauf, dass sie ihn in die nächste Schlacht werfen können.

Km 31

Aus Liebe

Brigitte O. hat ihre Lesung beendet. Sie erschien heute im Kimono. Rühmkorf würde das postmodern Manieristische bemängelt haben. Pause mit Prosecco. Eine nervöse Frau, groß, mit wirren blonden Locken, in Kleidungsschichten gehüllt, setzt sich neben mich. Wir wechseln einige Worte, schnell verstummt sie wieder. Es ist Birgit K., stelle ich bald fest, nun trägt sie in schnellem Singsang aus „mike und jane“ vor.

„mike liegt unter dem baum. jane liebt mike. sie liegt daneben.“ Das „i“ spricht sie wie die Vögel so hell, „a“ und alle Umlaute abgedunkelt. Arabische Fernsehsprecher bei Al Jazeera vokalisieren ihre Nachrichten vor der Sendung. Sicherheitshalber. Ob „o“ oder „u“ gesprochen wird, ist schriftlich nicht festgelegt. „an was denkst du, fragt jane. an dich, sagt mike. jane weint. man denkt nur an das, was nicht da ist, sagt jane.“ Der Wachmann neben dem Podium lächelt. „an was denkst du, fragt mike. an die liebe, sagt jane. aus rache, sagt mike. aus liebe, sagt jane.“

Km36

Käpten C.

The world will devore you, so you better taste good. Neben der Rolltreppe auf der B-Ebene esse ich einen selbst gemischten Gemüseteller, betrachte kauend die Muttermale meines Gegenübers. Sie liegen auf einer schrägen Linie. Der schwarze Punkt rechts der Nase tiefer als der links, zusammengehalten von einem goldenen Nasenring im linken Flügel. Darunter mahlende Kiefer. Die quer hindurch gesteckten Wildschweinhauer fehlen einem. Ein weiterer Fleck, linsengroß, rotbraun, wandert unmerklich den Hals hinunter. Endeavour, Discovery, Resolution. Mancher Entdecker ist am Schluss selbst verspiesen worden.

Km 41

Zur Lilie

Bami Goreng und Bambusspitzen, gebatikte Tischdecken auf deutscher Eckeiche. Einem beladenem Boot gleich schlurft die Wirtin den Archipel entlang. Und an der Wand die Schattenspielfiguren, im langen Bastkleid, mit Federhauben, die knochendürren Arme zierlich abgespreizt. Das russische Paar zeigt das Kurzprogramm. Perfekt, sagt der Sprecher, die Koordination der Sowjets. Mein Freund Kumaran spielt den Wok-Rock, den Phuket-Rock, den Perlentaucher-Shimmy. Einst brach er von Penang mit Ziel Island auf, kam aber nie weiter als bis nach Deutschland, wo er seine Karin traf. Karin liegt auf den Batiktüchern. Ich reibe sie mit Haselnussmus ein, befeuchte sie mit Kokosmilch und bestreue sie mit Sojasprossen. Dann geben wir den Wurf-Lutz, den dreifachen Toeloop und die eingesprungene Waage mit Oberschenkelgriff. Kumarans Lockenkopf hält die Mitte zwischen Kofi Annan und Jimi Hendrix. Er singt noch den Ayam-Rica-Rica-Blues und We didn’t start the fire. Wir erhalten Note 5.7 für die Technik und 5.8 fürs Künstlerische.

Km 290 – 328

Reggeli

In linksauswickelnder Spirale verlässt Zug Bartok Bela die Stadt. Geleisegeflecht, Schuppen, verwachsene Rangierbahnhöfe, Haselkätzchenschnüre. Am Güterbahnhof Berg am Laim ist ein weißes Beiboot vertäut. Klar zum Halsen! Belegt Ankerleine! Ein Kronleuchter hängt im Baum. Darunter mechanische Puppen in Kostümen aus der Zeit Casanovas. Ihr abgezirkelter Tanz ist von anrührender Schönheit. Ein Paar betritt den Wagon, bückt sich suchend unter alle Tische. Haben sie ihr Haustier verloren, frage ich. Die Frau lacht. Nein, wir suchen nach Steckdosen. Ein Schälchen Strom für den Laptop! bestellt sie beim Kellner. Reggeli. Rönditalok. Söröh. Ich nehme noch einen Zwack Unikum. Auch der Inn will zur Puszta und macht sich grün.

Km 336

Wie Kekulé

Ich hatte einen Traum, nicht auf dem Blaubeerenhügel, aber im Café Rundfunk . Ich sah blinkende Fahrradrücklichter und Liebhaber mit Ziegenbärten. Ich glaubte an Engel. Die Melange floss mir wie Samt durch die Kehle. Die Wandspiegel warfen mich sechsfach zurück. Im Windfang ließ ich kommende und gehende Gäste pendeln. Man soll allen Spiegeleier mit Bratkartoffeln bringen. Die Temperatur soll sinken und auch der Blutalkoholspiegel der Anwesenden. Ist doch nicht so schwer: deren Lebern brauchen das Ethanol nur in Acetaldehyd und dann in Essigsäure – sprich Urin – aufzuspalten. das jeweils verschieden getönte Resultat würde ich dann draußen in den Pissoirs begutachten können.

Km 799

Bleib treu

Rose sitzt in Miami Beach. Rose sitzt im Ghetto. Rose sitzt in ihrem Leben. Auf die Dachterrasse des Volkstheaters platschen indes große Regentropfen. Sie spielt mit Füßen und Schuhen und das üble Jahrhundert wandert an ihr vorbei. Ihre Zehen holen diesen Gedanken, verwerfen jenen. Sie hat Ringe um die Augen und hustet. Nein, sie will sich nicht erinnern. Andererseits. Weißt du noch, sagt Irene zur Tochter, als ich dich neunjährig ins Bellaria mitnahm? Pünktchen und Anton. In der Esche hängt eine Mistel. Die Gehsteige tief unten sind fest in der Hand von Schneeräumdiensten, die rechtsseitigen von Attensam, die gegenüber von Kuruz. Rose hustet. Sie schmiert den Samen ihres amerikanischen Freundes an die Tür, damit der Geist ihres toten Geliebten als ein Dibbuk in sie einziehe. Das Leben hält für Sekunden inne.

Km 880

Traktion St.Pölten

Aufgeschüttete Kieshügel mit nach oben schwebenden Fahrwegen. Brombeergestrüpp und die Skelette der letztjährigen Beifußstauden. überall das nagende und mahlende Geräusch gefräßiger Seidenraupen. Die Eier wurden aus Südafrika eingeflogen, wegen der vertauschten Jahreszeiten kommen sie im Jänner und schlüpfen, kaum dass man sie aus dem Kühlschrank holt. Maulbeerblätter gibt’s jetzt nicht, deswegen die Brombeerblätter, angenommen, diese blieben auch im Winter grün. Ich verschlinge das Vielfache meines Gewichts, dann spinne ich mich mit lemniskatenförmiger Bewegung meines Hinterteils in goldenes Dunkel ein. Katapultiere mich alsbald in eine höhere Daseinsform. Pilger in Sportbekleidung warten nahebei auf den Triebwagen nach Mariazell.

Km 1521

Von den Toten.

Im Barbaresco ist die Bar aus maurischen Kacheln gearbeitet. Ein Piano, silberne Kerzenleuchter und angelaufene Barockspiegel tun ein Übriges. Eine hochschwangere Frau schuckelt ihr Kind, mit mechanischen Bewegungen der Hüfte an den Wagen und beschwörenden serbischen oder russischen Lauten bringt sie es in den Schlaf. Wie viele werden jetzt eben geboren? Kim ist aus den Faschingsferien nicht zurückgekommen. Aus einer brennenden Skihütte hat sie es als einzige der Jugendgruppe nicht ins Freie geschafft. Vor kurzem hatten sie welche aus ihrer Klasse noch abgezockt. Sie schüttelt mir die Hand. Von den Toten reden. ICE Wilhelm Röntgen. Der Zug nach Assuan. Mein Vater, dessen warme Stirn ich streiche. Dampfwolken steigen aus seinem Atemgerät. Gerlinde mit der Petroleumlampe. L’Inconnue de la Seine. Day and night/you are the one…. spielt das digitale Piano.

Km 1532

Hikmeta

Ein Sitzriese, der mit rechts wie ein Linkshänder schreibt. Die Nässe an den Fingern, wenn ich eine saure Gurke aus dem Glas klaube. Die Idee von Essig. Diese Sandsteinbauten. Braune Wiesen in Autobahnkreiseln. Enthemmte Karnickel. Grundsätze! Deutschland war immer so düster. Einen Tango mit Hikmeta. Sie weint, sie lächelt. Sie steht morgens früh auf. Mit einem allein erträgt sie die Stille nicht, flüchtet in einen Kuss und versteckt ihr Gesicht. Alle sind an allem schuld, sagt sie.

Km 1543

In den Bäumen

Die Veilchen, die Schneeglöckchen, die Winterlinge. Und verrückte Vögel, die in den blattlosen Bäumen singen. Unterhalb des schwäbischen Taj-Mahal – die Liebe höret nimmer auf – wird Kim begraben. Viele Jungs und Mädchen in schwarz, viele Tränen. Konzert ist heute angesagt/im frischen grünen Wald. Il pomeriggio è troppo lungo ed azurro/per me. Die Schuhe treten die Treppenstufen aus. Die Treppe nagt an der Ledersohle. Der Tod gibt sich als Diplomat mit weißen Orden und Bändern. Die laue Luft. Die Krokusse, die gelben Hartriegelbällchen, die Hyazinthen.

Km 1557,6

Pressekonferenz

Gefühlvoll – denn es hat neulich schon wieder einen Vorfall gegeben – fahre ich durchs Rückgrat hoch in den obersten Stock. Pressekonferenz im Kleinhirn. Auch die Hypophyse ist zugezogen. Weiße Blutkörperchen sind in Alarmbereitschaft, um gegen eingedrungene Viren, denen eine Verbindung zur Al-Qaeda nachgesagt wird, auszuschwärmen.. Sonderkommandos besetzen die Schleimhäute. Wer nicht mit uns ist, ist mit den Terroristen. Indessen wiege ich mich mit Evas Schlange. Mein Bett rast krachend und holpernd durch die Flure und treppauf-treppab. Projektionen an sämtlichen Wänden. Alles ist besser/ ohne dich! singt Sven Regener. Return to sender! Elvis. Man, you got a curse on you, as sure as the moon rolls around the earth! meint Jarmusch. Oder ist es Screaming Jay Hawkins? Auf der Bettkante sitzen Victor Hugo und mein Hund. Sie unterhalten sich über mich, und es scheint sie überhaupt nicht zu stören, dass ich zuhöre. Hugo mag mich nicht. Zum einen, sagt er, ist er zu wenig patriotisch. Zum anderen besichtigt er viel zu selten die diversen Körperöffnungen von bezahlten Grisetten. Mein Hund ist sauer, weil ich noch immer nicht gemerkt habe, dass er ein Mensch ist. Er versteht außer Deutsch auch Österreichisch, dann Katzen und Hühner, den Mond, die Wasseradern. Seine Reflexe sind unglaublich.. Aus tiefstem Schlaf schnellt er empor, rennt zur Terrassentür und bellt eine entfernte Bedrohung an. Ebenso unfehlbar reagiert er auf das leiseste Rascheln von Butterbrotpapier. Er ist ein Tag-und-Nacht- und ein Alljahreszeitenhund. Seine weißen Flecken leuchten des Nachts, seine schwarzen im Schnee. Er steckt seine Nase in jeden Scheiß. Gerade ist er indigniert über die Berichterstattung aus Salt-Lake-City. Es erstaunt mich, hatte der Kommentator gesagt, dass die Japaner im Langlauf so weit vorne zu finden sind. Und das trotz ihrer kurzen Extremitäten.

Km1617 (km2631)

Tozeur, Sahara

Das Filmteam des Englischen Patienten ist bei den Einwohnern unvergessen. Bordel, ces mecs! In unserem Reisebus ist jemandem schlecht. Der Chauffeur hält beim Frisiersalon kurz vorm Ortsende. Hierzulande, sagt Sami, der Reiseführer, ist der Friseur zugleich Arzt, Therapeut Aufklärer, Hochzeitsmakler, Brautputzer. Mich überkommt ein Verlangen nach Depilation. Das zwickt an manchen Stellen. Der Bus fährt inzwischen ohne mich weiter. Ich habe Zeit und lasse mir im selben Arbeitsgang den Rücken tätowieren. Was soll es sein? Ein Lokal, vielleicht das Café Nast, wo die Stühle blaugrün gepolstert und die Deckchen weiß sind. Dort sitzen die Leute wie in Eisenbahnabteilen. Nur logisch, denn das Café rast unvorstellbar schnell mit der Erdumdrehung mit. Glücklicherweise fährt der Bürgersteig auch mit, die Straße mit den Lieferwagen, der Comic-shop, das Dreifarbenhaus, die Stiftskirche. Aber keiner schaut nach draußen. Jeder einzelne liest in einem Buch des Schweizers Stauffer. Dort sind die Fußnoten länger als der Haupttext. In einer Art Foxtrot-Rhythmus blättern die Leute zwei Seiten vor, eine zurück, zwei vor, eine zurück. Killing me softly. Ich bin schon vorsichtig, sagt der Tatoo-Mann. Die Leute im Café leiden etwa an Staublunge, Arteriosklerose, Hüftluxation oder Ulkus. Indem sie auf meiner Haut ins Bild gebannt werden, ist auch ihr Leiden stabilisiert. Voilà, sagt der Berber. Ich freue mich auf den Sommer, wenn ich mich am Strand bäuchlings hinlegen werde. Die Leute sollen was zum Schauen haben.

Km 2441

Eine Scheibe

Sonntag. Alles ruhig. Ich sollte nicht aus dem Haus gehen, ich erlebe einfach zu viel. Ein kleines Kind steht wie an Fäden aufgespannt, beugt sich nach vorne, damit die Beinchen zu laufen beginnen. Ein dunkellockiger Junge und ein Amerikaner mit Stetson parlieren völlig ungehemmt auf Englisch, und das hier. Ich muss dir von meiner neuen Erfindung schreiben. Ich schreibe viel. Habe alle Briefkästen des Viertels genau im Kopf. Der eine hinter dem Pissoir am Bismarckplatz, der andere neben Schlecker um die Ecke beim Waschsalon. Einer hinter der Hauptstraße neben Toto-Lotto, einer an derselben beim Chinesen. Also, pass auf. Ich erfand einen neuen Schuh, mit zwei Absätzen, einem hinten wie üblich und einem vorn. Ich verspreche mir Export. Die Wüstentruppen! Keiner könnte mehr an ihren Spuren ablesen, in welcher Richtung sie geflohen sind! Auf die Idee kam ich durch meinen alten Verdacht, dass die Erde trotz anderslautender Meldungen doch eine Scheibe ist. Der Beweis? Meine Schuhsohlen sind immer vorne und hinten abgelaufen. Wäre die Erde aber ne Kugel, müssten sie es doch in der Mitte sein? Are you kidding? Zugegeben, die Erde als Kugel: eine berückende, wenn auch abstrakte Vorstellung: wo auch immer ich auf ihr bin, stets bin ich die Mitte der Geschehnisse…. Ich habe auch einen Brief, wähle den Briefkasten beim Pissoir. Vorher nehme ich einen Espresso und stecke eine der blauen Zuckertüten in die Tasche.

Km 2450

Safranland will ich essen

Sorgfältig beschreiben. Stell dir vor, Günter Grass wäre dick und mollig und trüge eine Brille: so etwa sieht sie aus. Komme ich wegen ihres Mundes darauf? Als wenn ein Nebengott in Verzweiflung Zähne durch den Kosmos geschmissen hätte, sie stand da, offenen Mundes, ergeben, und fing sich die ihren ein, und so wie sie geflogen kamen, sind sie angewachsen.. Sie nimmt mich nach Bali mit. Aber merk dir: streiche niemals einem Kind übers Haar. Der Kopf: tabu. dort sitzt die Würde. Ich esse jeden Tag weißen Reis an Erdnusssauce. Meinerseits nehme ich sie mit ins südliche Hochland. Safranernte. Die roten, fadenförmigen Pollen, Krokusgold, wertvoller als Trüffel. Die erntenden Frauen. Der Rücken. Den ganzen Tag gebückt, mit Daumen und Zeigefinger an den Blüten zupfen. Sie bergen es wie einen Schatz an ihrem Busen oder nahe am Schoß: ambulantes Bankkonto. Nur so viel verkaufen, wie gerade Geld benötigt wird. Ein weibliches Gewürz, sagen sie. Der Boden des Paradieses ist ganz damit ausgelegt. Man lacht, wenn man viel davon nimmt. Zu viel ist giftig. Man lacht sich tot. Ich würze meine Fischsuppe aus ihrem Schoß.

Km2467

Östlich der Sonne

Aus Weltschmerz halb heruntergelassene Rolläden, Wolkenstores, von Nikotin und Teer gelbgefressen. Bierdosen auf Kaugummiautomaten, verlorene Plastiktiere oder -schneewittchen, singende Drähte, Gleisschotter, Steinenbronn entthront Tabellenführer Tamm, Maden entlarven Mörder -, die unzähligen Eindrücke, die man sieht oder mit sich führt und sie so vor dem Verschwinden in die Vergangenheit bewahrt. Die bemessenen Freuden. Sie schaffen es eben, die alten Verletzungen zu lindern.

Um eine Geldstrafe abzustottern, planen Alberta und ich, mit unserem Puppentheater aufzutreten. Alternativ wollen wir „Östlich der Sonne und westlich vom Mond“ oder eine szenische Fassung der Chants du Maldoror spielen. Für Wochen proben wir, unterbrochen nur von Fahrten zum Flohmarkt, wo wir Stoffe für die Puppenkostüme und Requisiten wie schwimmende Inseln, Wälder samt Chasse à Cour, winzige Jagdhörner, Dreispitze, Pelikane, die sich mittels eines verborgenen Mechanismus‘ den Schnabel in die Brust stoßen, Weichselkirschensaft, der als Blut vorgesehen ist, und viele andere Dinge im Kleinformat erwerben. Ich murmele auch während dieser Einkäufe die Expositionen vor mich hin, variiere sie, damit sie hundert Tage reichen würden. Es war einmal wie keinmal, da lebte auf einem fernen Schloss Kira die wunderschöne…., da lebte in einem Land hinter dem Horizont Kira Kiralina, Fee Dzina, Jungfrau schönes Kind, schön wie Blumen sind…., in einer Zeit, da das Wünschen noch geholfen hat…, Alberta deklamiert Lautréamont: „Je cherchais une âme qui me ressemblât, et je ne pouvais pas la trouver. Je fouillais tous les recoins de la terre; ma persévérance était inutile. Cependant, je ne pouvais pas rester seul!“

Nach den Aufführungen sitzen wir und reden. Ich frage sie nach ihrem Make-up. Mal mehr die Augen, mal mehr die Lippen, sagt sie. Meist mehr die Lippen. Alberta beginnt mit Politik. Jetzt sind langsam andere Mittel gefragt! Das neue Konzept der USA mit den Mini-Atomwaffen, du weißt? Das System Bush verhält sich als Schurkenstaat, ich meine, genau was sie denen vorwerfen tun sie selbst. Mein Großvater meldet sich aus dem Jenseits, aus Far-rock-away-Beach, im schwarzen einteiligen Badeanzug mit schmalen Trägern, ein Auswanderer. Von Appenzell nach NY. Die Utopie Amerika. Sie hielt in etwa bis 1945, für mich jedenfalls. Er hat noch Jahre nach seinem Tod diesen resignierten Zug im Gesicht, ganz im Gegensatz zu Alberta, die Entschlossenheit im Mundwinkel zeigt. Wie gerne wäre ich da geblieben! stattdessen mit der Lusitania mitten im U-Bootkrieg nach Europa zurückschippern!. Der Vietnamkrieg hat mein Wunschbild dann endgültig zertrümmert. Mein Großvater verschwindet wieder. Und meine Amerikaner, sage ich. Ich entdeckte sie in der Besatzungszone, großgewachsen, kaugummikauend, vielfarbig, „lässig“ war das Wort, damals, als noch nicht alles cool oder geil war. Wie sie aus den Jeeps sprangen! Meine beiden Patenonkel waren Juden aus Prag, der eine hieß Hans der andere Franz. Franz Löw floh vor den Nazis nach Osten durch Russland, bis nach Sibirien, von Wladiwostok aus nach San Francisco, und kam als Major Frank Lion wieder nach Deutschland zurück. Einmal um die Erde und dann die Übriggebliebenen neu erziehen. Ich besuchte ihn in Friedberg, wo er stationiert war.. Er fuhr einen silbernen Studebaker. Wir sitzen noch immer im Auto, die Nacht vergeht. Früher, sagt Alberta, zog ich mich schwarz an, meist weil ich mich schlecht fühlte. Heute zieh ich mich ganz normal an. Sie ist ganz in schwarz. Mein anderer Patenonkel Hans floh in die Schweiz. Nach dem Krieg fand er weder Eltern noch Brüder noch sein Haus wieder. Nur sein Hund lief ihm zu. Honzo, nannten wir ihn. Er war Musiker. Seine Wohnungseinrichtung bestand hauptsächlich aus Büchern und einem Flügel. Wenn er erzählte, ging er fahrig um ihn herum. Draußen ist‘s eisig, die Fensterscheiben frieren zu. Alberta kratzt sie mit einer Kassette frei, ich glaube es ist die mit Luca Bloom drauf. Oder REM., you sugar sweet, you cinnamon? Nichts ist besser zum Enteisen als eine Audiokassette, sagt sie. Zurück zu den Amerikanern. Ich würde keine Hochhäuser mehr in die Luft pusten, obwohl, merke: der symbolische Wert war unübertrefflich. Aber kämpfen müssen wir.

Km 2509

Aus der Welt getrunken

Feuerbach:

Ein Schlossergeselle ißt genüßlich einen Berliner, den er eben von der Verkäuferin Frau Karabulut erstanden hat. Er liest dazu BILD. Ich habe kein schlechtes gewissen, erklärt Uschis Rivalin.

Hong Kong:

Im vegetarischen indischen Restaurant in einer der fast unterirdischen Seitenstraßen von Kolon verzehren Lilien und ihre Mutter gemischtes Gemüse (scharf). Lilien hat soeben ein Foto von zwei Hochhäusern, die nur 8cm voneinander entfernt stehen, geschossen. Eigentlich hat sie den ZWISCHENRAUM abgelichtet.

Basel:

Bernoulli schaut einmal wieder sein eigenes Grab an. Man hängt so an den irdischen Dingen. Eadem mutantur resurgo. Mathematisch gesehen, denkt es in ihm, ist meine Spirale weder am Nullpunkt noch im Unendlichen je angekommen, und doch bildet sie die vollkommene Spannung ab: zwischen Freiheit und Geborgenheit, zwischen SEEFAHRT und Mutterleib, zwischen Isolation und Vermischung. Er notiert sich all das wie jedes Mal in sein Akasha-Notizbüchlein.

Slawrafia:

Mitten im Grießwall halte ich halb erstickt inne. Wie lange noch muss ich mich durchfressen zum gelobten Land, wo Milch und Honig, Wein und BALSAM fließen? Der Grießbrei kommt mir zu Mund und Nase wieder heraus, aus den Ohren und dem Hintern auch.

Wonderland:

„I’m late! I’m late! I’m late for an IMPORTANT date!“

Istanbul:

DILEK bereitet Bulgursalat. Sie nimmt noch eine weitere junge Zwiebel, schneidet sie behutsam in Ringe. Sie lächelt.

Schaffhausen:

Die 8. Realschulklasse der Johannes Müller-Schule mitten im Deutschaufsatz. Welches wäre meine liebste Todesart? An einer SALAMI ersticken, schreibt Gian-Andri.

Königsberg:

Kant trifft sich an diesem sonnigen Vormittag mit Merleau-Ponty und Foucault zu einem Schwätzchen. Er hatte darauf geachtet, dass der Treffpunkt nicht zu weit von seinem Haus ENTFERNT sein würde.

Eden-Bar, Larsum:

Mascha, der klar ist, dass ihr Kunde wegen der Einnahme von Betablockern nahezu impotent ist, tränkt dessen Schwanz in GRANATAPFELgelée und genießt ihn als Lolli.

Imam bayildi

Seine Frau hatte ihm gefüllte Eierfrüchte gebacken. Wieviel Öl hast du dafür genommen? Ein ganzes Glas. Der Imam fällt in OHNMACHT.

Ceva:

Aus einem Zwinger vor der Stadt wird der beste Trüffelhund der Gegend, ein LABRADOR, von Unbekannten entführt.

Dublin:

„..und ein nettes, halbdurchscheinendes Morgenkleid habe ich auch sehr nötig oder eine pfirsichblütenfarbene Matinee wie damals ist schon lang her bei Walpole nur 8/6 oder 18/6 ich will ihm noch eine Gelegenheit geben ich will früh aufstehen kann es auf alle Fälle in Cohens altem Bett nicht mehr aushalten könnte mal über den Markt gehen und mir das Gemüse besehen und den KAPS und die Tomaten und die Karotten und all die herrlichen Früchte die so nett und frisch reinkommen wer weiß welchem Mann ich zuerst auf der Straße begegne morgens sind sie schon danach auf der Suche hat mir Mamy Dillon erzählt…“

Km 2587

Sie schlendert

Airport. Türk Hava Yollari. Die Zeichen an der Wand. Die Durchsagen. Herr Sikora, bitte sofort zu Gate 16 kommen. Ich bin halb bewusstlos, halb überbewusst. Leoparden, Tiger, Antilopen und Schmetterlinge streifen und flattern durch die Halle. Müde Flugkapitäne dazu. Mit der kirchlichen Betreuung reden. Nicht nötig. Flight tk 1701 delayed. Dann Dilek hinter der Glaswand. Sie schlendert! Wirft mir eine Kusshand zu.

Km 2611

Der Zeitpunkt

Wieder die Bahn. Drei Frauen plaudern in lautem Appenzellerdialekt. Spargelfelder, Weinberge, Spalierobst fliegen vorbei. Ein Pathologe mir gegenüber hakt Positionen in seinen Listen ab. 25-jährige weibliche Leiche. Rechte Hand abgerissen. Kontusionen, Frakturen, schwere Brandwunden. Er diktiert in ein Gerät, das er wie ein belegtes Brötchen an seinen Mund führt. Den genauen Zeitpunkt des Exitus wird erst die Obduktion ergeben. Zwischendurch nimmt er mit präzisen Bewegungen einzelne Haselnüsse aus einer milchigen Plastikdose mit blauem Deckel, kaut sie, und es klingt, als ob es seine Kieferknochen sind, die brechen. Ein Bilanzbuchhalter des Lebens, ein eifriger Mensch mit schwerem goldenen Ehering. Die Hethiter, das Volk der tausend Götter. Ein Zeichen sind wir, deutungslos. Schmerzlos sind wir und haben fast die Sprache in der Fremde verloren.

Km 2629

Retinal

Ich dachte, meine Augen würden schwächer, aber ich hatte nur die Brille nicht geputzt. Auf den Treppenstufen vor dem Fastfood liegt ein Junge auf einer Isomatte, auf dem Bauch, regungslos, stumm, die Augen geschlossen, neben ihm ein Pappschild darauf steht geschrieben: auch du wirst sterben, also sei klug! Im Café Künstlerbund fehlt Hikmeta, wie schon seit Wochen. Es ist, als habe sie mir sagen wollen: warte! bald wird etwas geschehen. Ein Mann tritt an meinen Tisch, will Feuer, ein anderer hält mir einen Brief vor die Nase. Entschuldigen sie! ich bin Pole. Ich habe ein Problem. Ich muss noch eine Woche hierbleiben. Jetzt brauche ich eine Briefmarke. Könnten Sie.. ? Ich gebe ihm zwei Fünfziger. In dem Brief steht: Lieber Adam, diese Worte wirst du nie lesen.

Vergangene Nacht sah ich eine Schweizer Fünflibermünze vor mir und mir fiel wieder ein, wie wir sie nannten: cent sous.. Mit dem Rücken zu mir sitzt eine junge Frau. Ihre tief taillierten Jeans lassen das Dreieck ihres Stringtangas hervorschauen, zwischen ihm und dem beigen Pullover spannt sich die schöne Boa ihres Rückgrats. Neben einen Briefträger gequetscht fahre ich mit der Neun nach Hause. Sein Gefährt, ein Rollstuhl für Briefe, passt eben in die Tram. Er liest „La lenteur“ von Kundera. Seine Augen liegen tief in den Höhlen. Sein Gesicht ist ausdruckslos. Soeben liest er den Satz: „Vincent ayant la tête sous l’eau, elle est sûre que personne ne la regarde; l’eau monte à la hauteur de sa toison et lui parait froide, elle voudrait bien s’immerger, mais le courage lui manque…. elle trempe la main et, par des caresses, refroidit ses seins.“

Km 2656

Sie versteht ihn

Ein weißgelb leuchtender Spot in meinem Glas, auf der Rotweinoberfläche pulsiert er zum Rhythmus von „I’ve got Bette Davis eyes“. Ich trage ein T-Shirt mit aufgedruckten Massagezonen vorne und hinten. So kann nichts schiefgehen. Neben mir sitzt ein Taubstummer. Er bestellt, indem er mit dem Finger auf die Karte deutet und röchelt. Ohne Fleisch? fragt Lili. Sein Bart gleicht dem des Apostels Andreas. Die neue CD von Brian Ferry. Er covert Richard-Coeur-de Lion. Ein Dandy hat Stil/ein Dandy hat Klasse/und er gibt sich nie ganz. Die Turmglocke schlägt zwei. „Zehn Tage nach der Explosion eines Lasters auf der Insel Djerba hat das BKA ….“ Apollinaire schrieb seiner Geliebten ein Gedicht mit je einem Vers zu allen neun ihrer Körperöffnungen. Zwei für die Augen, zwei für die Ohren, zwei für die Nasenlöcher, einen für den Mund, einen für den Anus, einen für die Vagina. Einer anderen Geliebten schrieb er‘s auch, bloß tauschten da Vagina und Arschloch die Plätze. Warum? Die Vagina sei öffentlicher, „verehrter, besungener“. Das Arschloch als letztes Geheimnis. Und Kundera, sagt der Briefträger aus dem Gestern, schreibt: der Mond ist der Anus des Universums.

Eine Walliser Hebamme pflegte in den Bergdörfern bei schwierigen Geburten den werdenden Müttern einen Rotweineinlauf zu verabreichen. Der Erfolg war verblüffend. In Sekunden waren sie betrunken und schmerzfrei.

Ich habe bisher nicht einen einzigen Km deiner Geschichten verstanden, Hibouh.

(Jenny, 15:56:43)

No comments yet

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: