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Quo vadis, Gesundes Volksempfinden

6. März 2015

Überkommt Sie bei diesem Begriff ein gewisses Unbehagen? Das ist nicht weiter verwunderlich, zeigt er doch auf eine Vergangenheit, die wenig Grund zur Freude gab. Leider müssen wir uns eben diesem »Gesunden Volksempfinden« heute wieder stellen und mit ihm beschäftigen. Dieses »Empfinden«, das stets nach vermeintlichen Tätern sucht und »Gerechtigkeit« einfordert, die Sicht auf die Realität mal verkürzt, mal vernebelt, bricht wieder hindurch.Tausende hängen ihm an und suchen ihr Heil in den vermeintlich logischen Erklärungen, die ihnen Agitatoren jeglicher politischer Richtung anbieten. Die eigene Verunsicherung, die offenkundige Überforderung mit komplexen Vorgängen ist wieder Nährboden für allerlei krude Erklärungsmuster. Dabei sammeln sich Linke wie Rechte hinter den immer wieder verbreiteten Theorien und wähnen sich im alleinigen Besitz der Erkenntnis, die ihrerseits auf primitivster Propaganda basiert, was jedoch vehement abgestritten wird, obwohl sie denkbar leicht als solche zu identifizieren ist.

Das Märchen von den »Alternativen Medien«
Insbesondere die »Mahnwachen«, die bundesweit stattfinden, tun sich durch angeblich alternative Informationsbeschaffung hervor. Die von Einfalt getragene Argumentation ist immer gleich. Auf der einen Seite misstraut man den sogenannten System-Medien/der Mainstream-Presse und unterstellt ihr, ein Propagandainstrument zu sein, geht sogar so weit, »Gleichschaltung« zu unterstellen. Auf der anderen Seite werden ausgerechnet Medien, die belegbar staatsgesteuert sind, als Alternativen angeboten. Der Begriff der »Alternativen Presse« wird hier in sein Gegenteil verkehrt. Hinzu werden unzählige Blogs und kleinauflagige Blätter als »alternativ«, was nichts weiter als »glaubhaft« heißen soll, angeboten, die schon rein finanziell nicht in der Lage sind, eine wirklich journalistische Arbeit zu leisten. Ihre Tätigkeit beschränkt sich ausschließlich auf die Umdeutung dessen, was sie in der angeblichen »System-Presse« gelesen haben. Es ist ein mehr oder weniger »kreatives Abschreiben« mit einem vorher bereits feststehenden ideologischen Ergebnis. Auch das rechte Spektrum in all seinen Ausprägungen bedient sich teilweise dieser Quellen. So gesteht man dem russischen Staatssender RT journalistische Integrität zu – ausgerechnet einem Sender also, der zu 100% staatsfinanziert ist. Einziges »Qualitäts-Kriterium« ist hier offenbar die Gegnerschaft zu den USA und der EU. Dabei verschließt man die Augen vollständig, wenn es um die militaristischen und auch nationalistischen Artikel seitens RT und Sputniknews geht, die man – abgesehen vielleicht von Medien wie der ultrarechten Nationalzeitung – hierzulande niemals drucken würde. Auch, dass Homosexuelle, Oppositionelle und NGOs in Russland massiven Repressionen ausgesetzt sind, stört die versammelte Gemeinde der »Aufklärer« nicht weiter. Offenbar ist es für sie in Ordnung, Menschen ihre Freiheitsrechte abzusprechen, wenn dies von der »richtigen Seite« aus geschieht. Extrem Linke und Rechte haben sich hier längst verbrüdert und hängen einem von Misstrauen und Unkenntnis geprägten »Gesunden Volksempfinden« an.

Dabei ist die Ansprache mehr als vulgär und weit entfernt von jeglicher differenzierter Betrachtungsweise, die gerade seitens der Mahnwachen doch so vehement eingefordert wird. So veröffentlichte die »Mahnwache Hamburg« unlängst folgenden Text: »Du liest wöchentlich den Spiegel und auch Tageszeitungen, wie die Bild? Du hast in einigen Momenten vielleicht das Gefühl, dass diese „Mainstream“-Medien zu gewissen Teilen einseitig berichten, Tatsachen verschweigen oder sogar vermutlich verdrehen? Du möchtest abseits dieser „Mainstream“-konformen Meinungsbildung eine andere Sichtweise einnehmen, um auch mal eine andere Position zu betrachten? Dann schau Dir doch mal einige alternative Medien an.

Insbesondere durch die Möglichkeiten des Internets gibt es inzwischen eine große Vielfalt an weiteren Medien, die unabhängig vom „Mainstream“ berichten und diesen zu teilen sehr kritisch betrachten.«

Derlei Aufrufe finden sich in abgewandelter Form auch in der ultrarechten Szene. Die sogenannten »Mainstream-Medien« verdrehen Tatsachen ist die immer wieder kehrende Behauptung. Dabei wird an die Unsicherheit, das Gefühl, appelliert. Geliefert wird ein »Gesundes Volksempfinden«, dass »Gefühl«, etwas entdeckt zu haben und der »Wahrheit« endlich ein Stück näher gekommen zu sein. Dabei ist die Argumentation zumeist gleich. Die Frage nach dem »Wem nutzt es?« steht an erster Stelle und über allem. Im Regelfall wird faktenfrei argumentiert – die Frage nach einem möglichen Motiv, nach dem Denkbaren, ersetzt den Beweis. Das sich so freilich nahezu jede Theorie »schlüssig« beweisen lässt, liegt auf der Hand – sie muss es ja nur in sich sein. Eine belegbare Verbindung zur Realität ist hierzu nicht erforderlich, störende Fakten lassen sich ausblenden oder diskreditieren. Das man sich hier der Vorgehensweise bedient, die im Dritten Reich Millionen das Leben gekostet hat, scheint die Protagonisten der selbsternannten »Alternativen Szene« nicht weiter zu stören. Das die durch sie hofierte »russische Seite« im In- und Ausland konsequent gegen die Forderungen gerade der Mahnwachen und der Friedensbewegung verstößt, hält sie nicht davon ab, sich gerade dort zu positionieren. Man ist eben vor allem gegen die »westliche Seite« und offenbar bereit, den Menschen, die in Russland und auch in der Ukraine um ihre Freiheitsrechte kämpfen, in den Rücken zu fallen.

Es geht noch aggressiver
Reichsbürger und weitere »Friedliebende« verbreiten via Facebook folgenden Aufruf, der zum Sturm des Reichstags am 8. Mai inklusive der Billigung von Gewalt aufruft, also massiv gegen geltendes Recht verstößt. Auch hier werden Medien, die gerade nicht frei sind, als Alternative angeboten und völlig wirklichkeitsfremd als »frei und unzensiert« angeboten. Folgerichtig sprechen die Initiatoren von »Frontberichterstattung«: »Frontberichterstattung für die Hosentasche: Kennst Du schon unsere Smartphone-App? Auf dieser findest Du freie und unzensierte Berichterstattung von RT/RuptlyTV, NewsFront, Aktuelle Kamera, Sputnik und laufenden Kundgebungen in Berlin. Auch über unsere mobile Seite kannst Du alle Informationen abrufen. Reihe dich ein in die Gruppe der Aufgewachten und lade dir ganz einfach die kostenlose Kundgebungen Smartphone-App für Android oder Apple/IPhone herunter.«

Klar und ohne jeden Zweifel ruft die Facebook-Gruppe zur Gewalt auf
Nimmt man es wörtlich, kann man den folgenden Absatz auch als Aufruf zur Verabredung zum Mord auffassen: »Wer sich uns in den Weg stellt, muss damit rechnen, vernichtet zu werden. Sollten uns Polizisten ohne Gegenwehr passieren lassen, gibt es auch keinen Grund, Widerstand zu leisten. Wir wollen das ab sofort das Volk in direkter Demokratie entscheidet was es will, und nicht irgend welche voll gefressenen Bonzen, die uns ihre kapitalistische Ausbeutung mit aller Gewalt aufzwingen wollen.«

Rechts oder Links?
Angesichts der immer weiter eskalierenden radikalen Propaganda der Gruppen muss man sich die Frage stellen, ob die genannten Gruppen nicht sogar Recht damit haben, dass sie weder Links noch Rechts sind. Realistisch betrachtet ergibt die Einordnung keinen Sinn mehr. Beide Seiten, die sich hier zusammenfinden, stehen in ausgesprochener Gegnerschaft zu einem freiheitlich-demokratischen Wertesystem. Daran ändert auch nichts, dass sie es vordergründig einfordern, denn ihre Parolen strafen sie Lügen. Letztlich ist ihr Handeln durch eine Sehnsucht nach einfachen Erklärungsmustern geprägt, die in einem »Gesunden Volksempfinden« münden, wobei sie durch eigene intellektuelle Grenzen und Misstrauen zu Fürsprechern eines nationalistsichen Chauvinismus degenerieren. Die Folgen davon dürften jedem Demokraten bewusst sein – ein Blick in die jüngere deutsche Vergangenheit oder in die des stalinistischen Russland reicht dafür aus.

Quelle: http://www.metropolenmond.de/quo-vadis-gesundes-volksempfinden

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2 Kommentare leave one →
  1. 10. März 2015 08:34

    Wie Du sicher richtig bemerkst, sind derlei Gruppen weder rechts noch links, aber m.E. nach eher rechts, denn sie sehnen sich ja auch nach Autorität und Führung, hier wird plötzlich der russische Sender zur glaubwürdigen Autorität.

    Das Problem ist aber hier bei uns hausgemacht – würden die hiesigen Medien einigermassen (ganz geht ja wohl nicht) objektiv berichten, alle Seiten zu Wort kommen lassen und nicht so offensichtliches Russland-bashing betreiben, dann gäbe es diesen weit verbreiteten Unmut über sie nicht.

    Im Ukraine-Konflikt stehen sich zwei kapitalistische Systeme gegenüber, nicht mehr und nicht weniger. „Gute“ gibt es dabei nicht, sondern Rohstoffe und Absatzmärkte, Gewinnspannen und Ausbeutung, immer auf dem Rücken der kleinen Leute. Business as usual. Wer meint, Putin sei ein verkappter Kommunist ( und damit womöglich gut) liegt ebenso daneben wie diejenigen, die die westlichen Werte kritiklos feiern. Allerd ings gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen den beiden Systemen: Wir können unsere Werte hinterfragen und weiterentwickeln, unsere Presse offen kritisieren u.a.m.

    Einem gesunden Volksempfinden und dessen Machern misstraue ich immer, egal wo.

    MFG

    Hermann

    • 10. März 2015 10:59

      Hallo Herrmann,
      und dieses „Gesunde Volksempfinden“, welches sich wieder Bahn bricht, hinterfrage ich ja und halte es für eine Bedrohung. Es wird überall „hochgejubelt“ – auf Seiten der Wahnwichtel, im russischen überkochenden Nationalismus und bei den neo-rechten Hierzulande. Was den Kapitalismus betrifft: Der Mensch ist Kapitalist, wenn man es eng betrachtet. Er ist immer auf seinen Vorteil bedacht. Die Frage ist nur die nach der Ausgestaltung dessen. Was du über den Ukraine-Konflikt sagst, ist falsch. Zuerst stehen sich dort ein souveräner Staat und ein Aggressor gegenüber und nicht zwei kapitalistische Systeme. Hier von Gleichwertigkeit zu sprechen, ist menschenverachtend, weil das der Ukraine letztlich einseitig ihr Recht auf Existenz abspricht. Ebensogut könnte man sagen, während des zweiten Weltkriegs standen sich zwei Gruppen aus Kapitalisten gegenüber und es gäbe keine „Guten“ (was auch immer dieses „Gut“ heißen soll).

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