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Vespasiano

14. August 2012
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Wer schreibt, der bleibt, sagt man. Heute wird kaum noch geschrieben, höchstens getippt, auf Keybords oder virtuellen Keyboards, oder aber geshortmessaged. Wer schreibt noch mit Stift oder Füller? Wer gibt noch einen Brief zur Post?
Einen Ort aber gibt es, an dem noch immer echt geschrieben wird, wir nennen ihn den stillen Ort. Bleiben tut man da nicht, wegen des Gestanks, und auch die Schrift wird regelmässig abgewaschen oder abgekratzt.
Warum schreibt mensch auf Toilettenwände, und zwar weltweit? Hier steht: “Männer sind wie Wale, immer im Tran und alle Kraft im Schwanz”, in China: “Das Grossgrundbesitzerweib Wang Xiaohong ist eine Kapitalistenfotze!”
Aber auch Gedichte, Knittelverse; Skizzen und Symbole sind zu finden. Obzönität feiert fröhliche Urständ. (Nenn mir ein Land ohne Klosprüche…)
Warum gerade an diesem Ort? Man ist da alleine, unbeobachtet (in der Regel). Was man sich sonst nicht zu sagen traut,fixiert man da. Dann verschwindet man wieder spurlos und für immer im Teehaus, in der Kneipe; der Volxküche oder sonstwo im Weichbild der Stadt.
Hängt es auch mit dem Loslassen, dem “Von sich geben” zusammen? “Dampf ablassen” sagen wir ja. Der Druck hat sich am Arbeitsplatz oder zu Hause aufgestaut… Man hat geschwiegen. Aber hier, am ebenso öffentlichen wie anonymen Ort, traut man sich wieder und lädt seine Last ab.

P.S. Der altrömische Caesar Vespasian erhob als erster eine Gebühr für kleine und grosse Geschäfte am öffentlichen Ort. Willst du wirklich Einnahmen von diesen stinkenden Plätzen? fragte man ihn. “Non olet”, “Geld stinkt nicht” soll seine Antwort gewesen sein. Bis heute werden daher im Volksmund die Scheisshäuser der Apenninenhalbinsel ganz vornehm “Vespasiano” genannt.

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6 Kommentare leave one →
  1. 14. August 2012 18:46

    „am ebenso öffentlichen wie anonymen Ort“ – genau da stinkt die Wahrheit zum Himmel!
    Gute Beobachtung, hibouh, und wie immer historisch tief und geographisch weit. Denn: Alle sind betroffen!
    In Münster als öffentlichem Zuhause besuche ich heute noch – wenn es sein muß – die Universitätstoiletten des Fürstenberghauses, des Gründungsbaus der Uni. Um nicht zu sagen: Hier (!) habe ich meinen Magister gelassen … als Literatur; was aber Geschichte ist, und auch Philosophie …
    Aber: Ich scheiße nicht drauf, ich nicht! Ich: lese! Damals wie heute.

  2. 15. August 2012 06:42

    merci! ja, „scheiss drauf!“ *gg*

  3. Der Bassist permalink
    15. August 2012 23:46

    ‚kapitalistenfotze‘ – da sehe mal ganz feministisch :: diskussionsbedarf … gerne auf der toilette des meines und ihres vertrauens …

  4. 17. August 2012 09:43

    naja, ob die Linde rauscht oder in China ein Sack umfaellt….

    • 18. August 2012 12:50

      Blatt versus Reis = interessantes Duell
      (welche Waffen?)

    • 18. August 2012 22:06

      Kollege Wolkmann hat übrigens die Soziologie am siedenden Aasee besucht: und tiefe Einblicke gewonnen. Waffen heute: ein Handtuch und zwei Wasser.

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