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Fragen zu Soma

16. Mai 2014

In der westtürkischen Kleinstadt Soma – nicht weit von Manisa – ereignete sich im Mai 2014 das schwerste Grubenunglück der türkischen Geschichte, mit (16.5.2014, acht Uhr) 284 toten Bergleuten. Die Fragen zu stellen scheint auch deshalb wichtig, weil die Regierung soeben jede Ursachenforschung verboten hat. Zum Teil werden sie rethorisch, zum Teil vielleicht sogar polemisch sein. Aber Fragen sind keine Behauptungen, keine Komplotte und keine terroristischen Aktivitäten.

Technisches:

Gab es in dem Bergwerk Notstromaggregate, die nach einigen Minuten das Funktionieren von Förderkorb und Luftzufuhr wieder sicherstellen würden?
Gab es feuersichere Abschottungen?
Warum stand nur ein Schacht zur Verfügung, wo doch die Verschütteten angeblich 4 Kilometer vom Grubenausgang entfernt lokalisiert worden waren?
Warum konnte das unter Tage ausgebrochene Feuer so lange nicht gelöscht werden?

Geld:

Was verdienten die Kumpel, was verdienten sie im Vergleich zu Kohlegruben etwa in Rumänien, in den USA oder in Deutschland?
Wann wurde die Grube privatisiert und welche Summe wurde dafür an die Regierung gezahlt?
Entsprach die Verkaufssumme annähernd dem Wert der Grube?
Ist der jetzige Besitzer der Grube mit dem Ministerpräsidenten befreundet?
Besitzt die Soma-Holding anderweitige Gebäude?
Wieviel kostet eine Wohnung in dem Soma-Hochhaus in İstanbul?

Arbeitsrechtliches und Sicherheitsfragen:

Wieviele Leiharbeiter waren zur Zeit der Explosion unter Tage?
Waren die Kumpel sozialrechtlich versichert, stehen sie unter Kündigungsschutz?
Gab es Sicherheitsmängel in dem Bergwerk?
Wieviele Unfälle gab es vor der Katastrophe, wann, Tote und Verletzte dabei ?
Mit welcher Begründung wurde die CHP-Anfrage zu Somas Sicherheitsdefiziten am 29.4.2014, also kaum zwei Wochen vor der Katastrophe, im Parlament von der AKP-mehrheit abgelehnt?
Was sagte Energieminister Taner Yıldız bei seinem Besuch vor dem Unglück über die Arbeitssicherheit in der Grube?
Warum wurde jüngst den Arbeitern von der Soma-Holding verboten, mit Journalisten zu sprechen?
Wieviele Opfer sind noch unter Tage eingeschlossen? Und wo sind die anderen?
Warum wird die Zahl der Opfer kleingehalten?
Was werden die Familien der Opfer, die nun ohne jedes Einkommen und fast durchweg durch viele von den Banken bereitwillig angebotenen Kreditkarten verschuldet sind, jetzt zu ihrem Lebensunterhalt tun?
Was werden die Überlebenden tun?
Werden sie wieder in der Grube arbeiten?

Soma_Yerkel

Menschliches:

Ist es richtig – was der Ministerpräsident bei seinem Besuch in Soma andeutete – dass der türkische Kohleabbau sich zur Zeit auf dem Stande Englands von 1834 befindet?
Ist es opportun (dass es nicht statthaft, steht ausser Frage), im Handgemenge mit wütenden Trauernden dort einen Mann persönlich zu ohrfeigen, einen anderen, am Boden liegenden, von zwei Uniformierten festgehaltenen von einem Berater treten zu lassen?
Warum geht die Polizei in türkischen Städten mit Wasserwerfern, Schlagstöcken, Tränengas und Gummigeschossen – und, wie berichtet wird, ohne Vorwarnung – gegen Trauernde vor?
Ist es, weil diese Schilder mit dem Slogan “Nicht Unglück, sondern Mord” tragen?

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3 Kommentare leave one →
  1. 16. Mai 2014 07:35

    Ist es nicht gespenstisch, dass Soma, der Name des Unglücksortes, auch der Name der beruhigenden Droge ist, die in Aldous Huxleys Roman „Brave New World“ den Leuten verpasst wird?

  2. 16. Mai 2014 17:14

    Zitat „Huxley/Schöne neue Welt“:

    „Heutzutage – sehn Sie, das ist wahrer Fortschritt! – arbeiten die alten Männer, erfreuen sich ihrer Geschlechtskraft, sind immer beschäftigt, das Vergnügen lässt ihnen keine Muße, keinen freien Augenblick, um sich hinzusetzen und nachzudenken. Und selbst wenn sich durch einen unglückseligen Zufall eine Lücke in der ununterbrochenen Kette ihres Zeitvertrebs auftut, ist immer Soma zur Hand, das köstliche Soma! Ein halbes Gramm genügt für einen halbfreien Tag, ein Gramm fürs Wochenende, zwei Gramm für einen Ausflug in die Pracht des Orients, drei Gramm für eine dunkle Ewigkeit auf dem Mond. Und wenn sie zurückkehren, sind sie bereits über den Abgrund hinweg, stehn auf dem sichern Boden täglicher Arbeit und Unterhaltung…“

  3. 20. Mai 2014 10:32

    20.5. Der Berater Erdoğans, der den am Boden Liegenden gestreten hat, ist inzwischen für 7 Tage krankgeschrieben. Schmerzen im Trittbein.

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