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Die Stadt

24. Februar 2014

“Stadtluft macht frei”

Die Stadt war der Geburtsort frei diskutierender Bürger. Leibeigene des Dorfes und der grossen Gutsherren trachteten danach, dorthin zu entkommen. Sobald sie den nasenringartigen Türklopfer des Stadttores angefasst hatten, waren sie “frei”. Noch immer erinnern die bronzenen, zuweilen mit Löwenköpfen geschmückten Ringe an den Türen alter Häuser oder Paläste an dieses Unabhängigkeitsversprechen (der Sklave trug einen eisernen Ring um seinen Hals) (welche Bedeutung hat der Ehering?).
Die Bürger (Frauen blieben noch lange davon ausgeschlossen) versammelten sich – bevorzugt auf dem Hauptplatz der Stadt – nicht nur zu Festen wie dem Palio auf dem Campo, sondern auch, um in ganz unhierarchischer Freiheit und Gleichheit “Politik” zu machen, d.h., über die Belange der Gemeinschaft, über Vorhaben und Gesetze, über den Bann oder die Erhöhung eines aus ihrem Kreise zu entscheiden.
Wie eine alte Erinnerung daran haben wir bis hinein in unsere Jahrhunderte die Landsgemeinde im alten Appenzell.
In der Schule lernten wir von der Polarität Kaiser und Papst. Das war, wie vieles, Falschmünzerei. In Wirklichkeit hielten Kaiser und Päpste, die Repräsentanten der heiligen Hierarchien, der Gottgesalbtheit, der durch Erbfolge oder andere Traditionen auf den Thron gelangten und gerade nicht frei gewählten Herrscher, im entscheidenden Augenblick immer gegen die freien Städte zusammen. Man studiere dazu einmal die Geschichte der Städte von Mailand bis Frankfurt am Main…..
Die Städte mit ihrem Drang nach Selbstbestimmung waren also den Gesalbten, den Besitzenden, den Usurpatoren schon immer ein Dorn im Auge. Das hat sich wohl bis heute nicht geändert. Baron Hausmann, Lakai Napoleons III., schuf die grossen Boulevards in Paris “um gegen die Plebs mehr freies Schussfeld zu haben”. Merke: er war Architekt des 19. und nicht Polizeikommandant des 21.Jahrhunderts. Doch diese richten ihr Handeln anscheinend noch immer nach Hausmanns Devise aus. Und die grossen Plätze? Tahrir, Taksim, Maidan? Man müsste sie, so die Tyrannen, zubetonieren. In Hamburg geschah anderes, sie wurden privatisiert. Betteln und Hausieren verboten! Und endlich haben private Sicherheitskräfte das Hausrecht. Sich frei versammeln? Das wär ja noch schöner…..

PS: Demonstrationen und Proteste, die gewisse Leute zu Fall bringen, mögen zwar heutzutage das andäquate Mittel gegen gefälschte Wahlen sein, sind jedoch nicht immer per se den Fortschritt bringend. Gibt es Unterschiede zwischen den Unruhen in Aegypten und Venezuela, zwischen den Protesten in Bangkok, denen in Kiev oder İstanbul? Ist es besser, Statuen von Saddam oder solche von Lenin vom Sockel zu reissen? Wo solls hingehn: in eine selbstbestimmte Zukunft oder in die Vergangenheit?

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5 Kommentare leave one →
  1. 24. Februar 2014 19:42

    Bemerkenswert ist auch, dass „die Stadt“ weiblich ist! Wobei „die Stadt“ für den Stellvertreter Gottes wiederum, wenn er sein Segen „Urbi et orbi“, also „der Stadt (Rom) und dem Erdkreis“ spendet, naturgemäß Rom ist. Urbane Landwirtschaft und Gärten können als das antagonistische Zeichen des Kampfes gegen die zunehmende Urbanisierung betrachtet werden. Man sieht also: Die frei-machende Stadtluft ist teilweise eine urbane Legende, da kein Stadtmensch gerne dort frei-willig lebt, wenn er an jedem frei-em Plätzchen wieder eine Landidylle braucht!

    lg LL

    • 25. Februar 2014 06:30

      Du weist (zu Recht) auf die Ambivalenz der „Stadt“ hin. Rom ist dafür das beste Beispiel (Kennst Du die sehr frühe Stadtrepublik des Arnoldo da Brescia da? Und gleichzeitig haust da der Papst….ach, waer er doch in Avignon geblieben…..). Auch das zweite und dritte Rom könnten als Beispiel herhalten.
      Ja, die Parks! Das waere ein anderes spannendes Thema. Früher einmal wurden grosse Parks für das Volk geschaffen (es sollte gefaelligst regenerieren. Heute werden in der Stadt selbst die winzigsten Fleckchen zubetoniert oder mit Einkaufspassagen versehen……ist Shoppen vielleicht als Regeneration gemeint?)

  2. 28. Februar 2014 02:17

    Der Herr Baron baute zwar auch Häuser, wurde aber Haussmann geschrieben. Dass bei der Haussmannschen Sanierung von Paris ab 1853 auch strategische Überlegungen beteiligt waren, ist wohl eine historische Tatsache, Auslöser war aber der Besuch Napoleons III. in London, dessen nach dem großen Brand von 1666 neu angelegtes Westend ihn so beeindruckte, dass er dasselbe auch für seine noch sehr mittelalterliche Hauptstadt wollte.

    • 28. Februar 2014 02:37

      Bei der römischen Kommune um 1140 aber, an der auch Arnold von Brescia beteiligt war, von einer „Städtrepublik“ zu sprechen, verkennt doch sehr das mittelalterliche Bild einer Stadt dieser Zeit. Rom stand nach wie vor unter der Oberherrschaft des Papstes und war zu diesem Zeitpunkt keineswegs frei wie z.B. Frankfurt seit 1816 (erst!). Arnold, selbst ein Kirchenmann, hat diese Insubordination gegen seinen Dienstherrn dann ja auch die Verbannung durch denselben und schließlich das Leben gekostet (hoffen wir, dass es für Tebartz-van Elst nicht ganz so heftig ausgeht).

      • 28. Februar 2014 02:58

        Muss mich selbst korrigieren: Frankfurt war bereits ab 1273 Freie Reichsstadt und ab 1816 Freie Stadt. Allerdings handelte es sich bei der erstgenannten Freiheit doch noch um eine recht eingeschränkte:
        „Aus dem Status der Reichsunmittelbarkeit ergab sich für die Reichsstädte eine Reihe von Freiheiten und Privilegien. Sie waren im Inneren weitgehend autonom und besaßen im Allgemeinen eine eigene niedere und hohe Gerichtsbarkeit. Insbesondere die Hochgerichtsbarkeit stellte sie den Fürsten gleich und unterschied sie von den landständischen Städten, die einem Landesherrn untertan waren. Als Reichsstände hatten die Reichsstädte aber auch besondere Pflichten gegenüber dem Kaiser. So hatten sie ihre Steuern direkt an ihn abzuführen und auf Verlangen Heerfolge zu leisten.“ (Wikipedia, Art. Freie und Reichsstädte)

        In diesem Zusammenhang will ich aber auch noch auf eine andere Freiheit hinweisen, die auch in Städten erlangt werden konnte, aber keineswegs in Opposition zur gesalbten Obrigkeit, sondern eben durch diese gewährt: das Kirchenasyl. Dabei entzog sich ein städtischer Bürger der weltlichen Obrigkeit, indem er sich der kirchlichen unterstellte, – dabei aber meist vom Regen in die Traufe kam, da nun für ihn das Kirchenrecht galt, das auch schonmal recht heftig ausfallen konnte, vgl. o.g. Arnoldvon Brescia.

        War also alles nicht ganz so einfach, wie du es in deinem Beitrag darstellst, Thomas!

        (Und ich bitte im Nachsehen für diese Zersplitterung meines Kommentars, die Suche nach den entsprechenden Informationen kostete etwas Zeit, und ich wollte sie möglichst zeitnah fixieren….)

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