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Der Diktator

1. Dezember 2013

Wir müssen uns auf die wortwörtliche Bedeutung der Begriffe rückbesinnen, wenn wir phänomenologisch schlüssig vorgehen wollen. Die Begriffe sind meist sehr vielsagend, in unserem Alltag aber sind sie uns zu blossen Signalen ohne jeden Inhalt geworden.

Der Diktator – diktiert.
Er schreibt nicht selbst, er hat Sekretäre (prüfe mal das Wort “Sekretär auf seine Bedeutung!) oder Referenten, also verfügt er – obwohl er selbst selten schreibt – über die Macht der Schrift, ohne die kein Staat – Akten, Gesetze, Kleingedrucktes etc. – denkbar wäre. Die Schrift war schon immer ein Instrument der belesenen Minderheit gegenüber den Massen, die nur reden und zuhören können.

Der gesamte Kolonialismus wäre ohne Diktatoren nicht denkbar. Beispiel Südamerika: Da trafen die schriftkundigen Spanier und Portugiesen auf weitgehend orale Kulturen (gleichzeitig trafen Logik, Mechanik, Statisitik und Grossstadt auf Magie, Urwald und Schamanismus). Klar entstanden Diktatoren aller Art, und das bis in jüngste Vergangenheit. Gleiches galt und gilt für Afrika. Dort können Diktatoren oft nicht einmal selbst lesen und schreiben, hatten sich als Schuhputzer, Viehtreiber und Suppenköche durchgeschlagen, bevor sie ihr Talent zu Diktat und Brutalität entdeckten.

Aber Schreiben und Lesen ist doch wichtig auch für Nichtdiktatoren? Was ist mit Literatur und Theater? Mit Gedicht, Epos und Roman?
Zudem bringt die elektronische, die digitale Kultur den Vorteil, dass alles Geschriebene (freilich nicht das Kindle light und das Smartphone) rückstandfrei vergeht. Ich brauche nur auf “delete” zu klicken, und schon werden die Brüder Karamasov und alles andere Geschriebene zu Nullen und Einsen, die widerstandslos im Zwischenraum versickern (Na gut, ein Teil davon ist noch immer in Paul Klees Bildern zu finden….). Früher mussten Noten auf Papier geschrieben und gedruckt werden, und dies Papier blieb in der Welt, die auch sonst unaufhörlich mit Zivilisationsschrott – wie der Indio des Regenwaldes sagen würde – gefüllt wird.

Maria durch ein‘ Dornwald ging,
Innsbruck, ich muss dich lassen,
Wenn der Kuckuck auf die Kiefer…..

mussten früher in Noten und Text auf Papier stehen, dann erst konnten sie vom gemischten Chor eingeübt werden,

Aber alles kann nicht auf den Dachboden? Selbst der bildende Künstler weiss mit der Zeit nicht mehr wohin mit Gemälden, Statuen und Gebäuden.

Doch kein Wunder, dass es Diktatoren gibt. Es gibt ja auch immer noch jede Menge Leute, die einer Schrift folgen, an der kein Jota geändert werden darf und die sie zumeist weder lesen noch verstehen können. Dabei steht weder in der Bibel, noch in der Thora, noch im Koran geschrieben, dass man seine Mitmenschen vergasen soll, dass man Rabin wie einen Hund erschiessen soll, dass man als Suizidbomber seinen Pimmel mit ner Stahlhaube schützen soll, damit der bereit für die Huris des Paradieses sei….

Doch wir lesen und schreiben. Für manche von uns ist es das grösste Glück (für andere liegt das auf dem Rücken der Pferde, für noch andere auf dem Golfplatz). Ich schreibe zum Beispiel dieses hier. Nun lese die Buchstaben zusammen, wie Ruth früher Ähren las (welche die Sonne als ein grosses Gedicht aufs Feld geschrieben hatte). Du hast gelernt, welche Bedeutung ihre Kombinationen haben. Es sind Substitute, die nur eine Bedeutung tragen. Ich schreibe “Sonnenuntergang” – aber es ist ja gar keiner! Allein das Wort “Wort” ist, was es bedeutet, aber auch nur im Deutschen. Sonst müsste ich “mot”, “word”, “kelime” usw. sagen. Aber nur mit Worten evoziere ich ganze Welten!

Davon hat der Diktator keine Ahnung. Er möchte die Welt, die vor seinen Augen liegt, unter seine Knute bekommen. Durch sein Diktat bringt er sogar Schreibende dazu, nur noch zu schreiben, was ER will. Das nennt man etwa bei Journalisten Selbstzensur. Sie befragen sich beim Schreiben fortlaufend selbst: ist es das, was er hören will? und lassen aderes weg.

Der Diktator zieht die höchste Befriedigung aus seinem Diktat. Naja, reich will er dabei natürlich auch werden, doch das ergibt sich.

Das Wort “Buchstaben” kommt von Stäben aus dem Holz der Buche. Unter einer Buche hatte Jeanne d’Arc als blutjunges Mädchen die Erscheinung, die sie zu all ihren Taten trieb. Wie sie dem französischen König uneigennützig half! Und doch sind aus ihrem Wirken, wenn wir ehrlich sind, die Nationalstaaten, der Nationalismus, entstanden, und das bis in die jüngste Unabhängigkeitsfeier des Südsudan hinein. Doch das ist eine andere Baustelle…..

“Wer schreibt, der bleibt”, dieses Sprichwort hätte Homer nie unterschrieben, es wurde aber zunehmend wichtig und ist heute von höchster Bedeutung. Die Unterschrift wird sogar von Diktatoren noch sporadisch angewandt, für unsere Verträge ist sie von Bedeutung, für biometrische Daten wird sie zunehmend gebraucht, da sie, wie etwa der Fingerabdruck, unverwechselbar sein soll.
Poeten und Journalisten schreiben ihre Werke für uns alle nieder. Das geschriebene Wort hat grosse Bedeutung, etwa in der Reklame, im Verbotsschild (obwohl da zunehmend durch das Zeichen ersetzt), in der Ausschilderung, Wegweisung und Information – IKEA versuchts ohne 🙂 – (hier wäre zu untersuchen, ob und wie Bild, Wort und Zeichen verwandt sind).
Wir haben nach wie vor eine Schreibkultur, auch wenn die geschriebene wie auch die gesprochene Sprache einem rapiden Wandel unterworfen ist: wer zählt die Tweets, die Facebook-Elukubrationen, die SMSses, die Chatergüsse? (fast jedem Internetspiel etwa ist ein Chat angeschlossen, viele TV-Sendungen fordern uns zum chatten auf). Notgedrungen oder aus Bequemlichkeit kürzen wir Sprache ab, die Grammatik wird rudimentär, Zeiten wie etwa Konjunktiv oder Futurum verschwinden ganz.
Dem Diktatoren ist das einerlei. Selbst wenn er einen Wunsch äussert, wird dieser von seinen Proselyten als Befehl verstanden. Ansonsten feiert natürlich der Imperativ Triumphe…..

Öffentlicher wie auch privater Raum sind aber ebenfalls zur Gänze von Wort und Sprache besetzt. Die Rufe des Muezzin und die Bimbam-Sprache der Glocken, die schlagenden Argumente der Polizei gefallen dem Diktator dabei wesentlich besser als die jede freie Fläche besetzenden Tags der Sprayer, das Geklimper von Töpfen und Pfannen oder die Tatoos auf unseren sichtbaren und unsichtbaren Körperstellen. Auch da wird geschrieben, neben dem Bild des Adlers, der Schlange oder des Hirschgeweihs steht da schon einmal: “Every day I am chapulling” oder “Protect me from what I want”… Jeder Strassenprotestzug beschreibt auf Spruchbändern und Plakaten ausführlich seine Ziele. Die Untertitel in Kino und TV sind aus unserer Sicht nicht mehr wegzudenken.
Und schliesslich: Was wäre Schule, Wissenschaft und Forschung ohne Schrift?

Der Diktator, obwohl selten selbst schreibend, versucht alles, was geschrieben wird zur Gehirnwäsche seiner Untertanen zu verwenden. Orwell gibt uns gute Beispiele für die Korrumpierung von Worten durch den Grossen Bruder. 1984 ist aber längst Vergangenheit, die Wirklichkeit hat Georg Orwell mühelos überholt.

Lassen sie mich zum Schluss einen (schriftlichen) Wunsch äussern: Mögen allen Diktatoren der Welt die Diktiergeräte in der Hand verdorren!

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15 Kommentare leave one →
  1. 2. Dezember 2013 00:46

    Interessant ist ja, um mal wieder Wikipedias Weisheit zu bemühen, dass der Diktator in seinem historisch ersten Auftreten bei den Römern ein zeitlich befristetes „mit weitgehenden Vollmachten ausgestattetes politisches Amt“ war. Was daraus geworden ist, steht auf einem anderen Blatt, – wie deinem… 🙂

    Lustig deine Herleitung, der Dikatator sei der, der diktiert. Im ursprünglich lateinischen Sinne kommt es ja von dicere = sagen, ist also der, der das Sagen hat. Aber wie man bei Wikipedia auch findet, gibt es in Kanzleien auch einen Diktator, nämlich einen Schreiber, der „für die sprachliche Fassung eines Urkundentextes verantwortlich zeichnet“.

    Dennoch bleibt bei aller Etymologie die Frage, warum es immer wieder in der Geschichte freie Menschen gab und gibt, die sich einem einzelnen unterordnen. Warum braucht der Mensch ständig einen, der „das Sagen hat“, also ihm sagt, was er zu tun hat? Denkfaulheit? Anpassung? Oder doch die „Furcht vor der Freiheit“, wie sie Erich Fromm beschrieb?

    Übrigens: die Herleitung des Wortes „Buchstabe“ von der Buche ist ein alter Irrglaube, wie wir Bibliothekare in der Schule lernen, Wikipedia informiert uns da noch ein drittes Mal korrekt: das Wort entstand aus den „germanischen, zum Los bestimmten Runenstäbchen (*bōks)“.

    • 2. Dezember 2013 11:31

      aber die Runenstaebchen waren aus Buchenholz.
      Danke! für den Kommentar

      • 3. Dezember 2013 01:42

        Nur wenn es keine Knochen vom Abendessen mehr gab… 😉

        Dennoch noch ein Zitat aus Wikipedia, Art. Buchstabe:
        „Die Verbindung zwischen „Buche“ und „Buchstabe“ wird dabei aus sachlichen Gründen angezweifelt, denn der Ausdruck „Buchstabe“ sei für die im Buch verwendeten lateinischen Schriftzeichen verwendet worden, nicht aber für die germanischen Runenzeichen, die im Altnordischen beispielsweise „stafr“ und „rūnastafr“ hießen.“

    • 3. Dezember 2013 00:35

      Die Diktatur ist nur eine der vielen Herrschaftsform, neben vielen anderen, z.B. neben der Demokratie, oder der parlamentarischen Monarchie, oder der präsidentialen Monogamie, oder der merkelianischen Idiokratie. – I prefer the proletarian … dingens.

  2. 2. Dezember 2013 11:32

    böks

    • 3. Dezember 2013 01:27

      Der Germanist sollte eigentlich wissen, dass es im Germanischen keinen Umlaut gab….

      • 3. Dezember 2013 07:34

        na gut: boeks

        • 3. Dezember 2013 19:10

          Nein, nicht gut genug für einen Bibliothekar. Hab zwar das Lexikon des gesamten Buchwesens nicht mehr zur Hand, aber Brockhaus tut’s vielleicht auch noch:

          „Buch [ahd. buoh, mhd. buoch, altsächs. bōk, engl. book, altnord. bok]“
          (Brockhaus Enzyklopädie in zwanzig Bänden, 17. Aufl. 1967, Bd. 3, S.376)

  3. 3. Dezember 2013 01:07

    Und was machten die germanischen Kinder, wenn’s kein Buchenholz gab? Sie hatten schulfrei! 🙂

  4. 3. Dezember 2013 03:35

    Da Rainer meint, ihm gälte hier Zensur,
    und ich Zensur gar scheußlich find
    und Markenzeichen jeder Diktatur,
    versuch ich dem mal abzuhelfen
    als sein Diktator (Schreiberling)
    mit diesem Link:

  5. 3. Dezember 2013 10:07

    „Die entscheidenden Determinanten der conditio humana sind zweischneidig: das Heilige (anbetungswürdig und verabscheuungswürdig), das Hymen (eine Sperre und deren Durchdringung), die Grenze und die Sprache (das Schlimmste und das beste von allem).“
    (Regis Debray)

    • 3. Dezember 2013 13:33

      Zwei Schnitte tat sie, die Determinante,
      dann war sie hin, dem Régis seine Tante.
      Ach, hätt‘ er nur den Che genommen,
      das wär ihr nicht so schlecht bekommen…

      • 5. Dezember 2013 08:28

        oder den Augustin…….

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