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Die bleierne Zeit

11. November 2013

Es war zu lesen, daß sich ein „Sonne-Mond-und-Sterne-Umzug“ eines Kindergartens nur unter Polizeischutz durch Bad Homburg bewegen konnte, weil massenweise Drohungen eingingen. Der Kindergarten hatte sich, ganz im Geist der Merkel-Ära, umbenannt, um mit seinem Martinsumzug niemanden zu „verletzen“.

Gutmenschen sind unterwegs, passt auf, Freunde!

Sie legen jedes Wort auf die Goldwaage, sie beschützen ihre Kinder vor allerlei Unbill und ich befürchte, sie erhalten eine moralische Deutungshoheit.  Jim Knopf wird arisiert und ist künftig kein Neger mehr, sondern ein „weißer Junge mit dunklen Pigmenten“. – Die kleine Hexe wird bei der kleinen Hexenjagd zur (na was wohl?) „kleinen frechen Göre“ (Zicke!) und der Hexensabbath wird zum Umzug alter weiser Frauen. Zum Teufel mit ihnen! Pippi Langstrumpf hat auch keinen „Negerkönig“mehr, sondern trifft auf einen „Südseekönig“.

Ich mag keine Eiferer, vor allem keine, die es „ja nur gut meinen“. Was in diesem Land derzeit stattfindet, ist eine Zensur, die Werke renommierter Antifaschisten (Michael Ende war z.B. im Widerstand) unter dem Deckmantel des „Modernisierens“ trifft.

Am Gutmenschen-Stammtisch wird diskutiert, ob man heutzutage noch ein „Zigeunerschnitzel“ essen darf – die Antwort ist bekannt: Natürlich nicht. Ebenso wie Mohrenköpfe und Negerküsse zu verschwinden haben, um nur weitere Beispiele moderner Eiferer zu nennen.

Ich esse gerne Zigeunerschnitzel und werfe mit Mohrenköpfen. Ich bin ein ganz Schlimmer. Und ich mache keinen Veggy-Day und lasse mir von keinem Eiferer vorschreiben, was ich zu sagen und zu essen habe. – Mir wurde dann in einer Facebook-Diskusssion unterstellt, dann könne ich ja auch weiterhin „bis zur Vergasung“ sagen und in mir einen „inneren Reichsparteitag“ abhalten.  Da wurden die Gutmenschen sehr sehr böse mit mir.

Natürlich benutze ich so Worte wie „Innerer Reichsparteitag“ nicht – die Reflektion der eigenen Sprache ist schon in Ordnung. Nur: Wenn man statt „Zigeuner“ nun „Rotationseuropäer“ sagt, dann bleibt die Lage der Zigeuner absolut unverändert. Worte ändern nix, man muss -ganz aktuell z.B. jetzt in Ungarn – den Widerstand gegen Rassisten organisieren, die „Zigeuner“, „Sinti und Roma“ oder „Rotationseuropäer“ kriminalisieren. Worte kaschieren nur. Und wirklich schlimm wirds, wenn man in Büchern wie Pippi Langstrumpf oder Jim Knopf auf Worte-Hexenjagd geht.

Das ist die neue Zeit – sie ist die Wiederauferstehung der Adenauer-Ära. Bleiern, politisch korrekt bis zum Kotzen und mit einer Bevölkerung gesegnet, der es nichts, aber auch gar nichts ausmacht, wenn sie von vorne bis hinten, vom Arsch bis zu den Ohren, ausgespäht und überwacht wird: „Wir haben ja nichts zu verbergen“.

Die Politiker koalieren und sind sich über alle Grenzen hinweg einig, staatstragend zu sein. – Der ehemalige Bundespräsident stolperte über ein geschenktes Bobbycar und eine Hotelrechnung und über die Bildzeitung, die in diesen dunklen Zeiten als seriöses Blatt gilt. Der Hoeness hingegen wird staatlich getragen und stolpert niemals. Ganze Stadien entblöden sich nicht “ es gibt nur einen Uli Hoeness“ zu skandieren.

Das andere Deutschland war – so trommeln sie seit Jahren auf die Fern-Seher ein, ein Unrechtsstaat, der seine Bürger ausspionierte und über seine „Widerstandskämpfer“ scheiterte – Die globale Komplettüberwachung, wie sie spätestens durch Edgar Snowden jedem bewusst sein sollte, also eine Monsterstasi mit niemals kontrollierbarem und überblickbarem Ausmaß gehört hingegen in dieser bleiernen Zeit einfach „dazu“. Hauptsache, Merkels Handy wird gesichert.

Die Atomwirtschaft feiert weltweit fröhliche Urstände. Die Rüstungsindustrie jubiliert über Panzer- und U-bootlieferungen in die arabische Welt,  deren Verständnis von Menschenrechten so weit enfernt ist wie der Obama von der Abschaffung der Folter in seinem Land.

Religiöse Eiferer beherrschen die Welt – mir ist es egal, ob diese zu Gott, Allah, oder Buddha beten. Angst macht mir, was sie im Namen ihres jeweiligen Gottes machen. Und das ist nichts Gutes.

Europa blutet aus, es herrscht Massenarbeitslosigkeit und der Abbau der sozialen Netze, die Entmachtung der Gewerkschaften sowie die Monopolisierung der Banken schreitet unter Merkels Federführung munter voran.

Was hat das alles mit dem Martinsumzug eines Homburger Kindergartens zu tun? Das ist das verinnerlichte Merkelsche Prinzip: Zensiert Euch selber, ihr habt ja nichts zu verbergen.

Aber alles zu verlieren. Nur das juckt hier keinen mehr.

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One Comment leave one →
  1. 11. November 2013 10:33

    “ politisch korrekt bis zum Kotzen“

    Ja, hast ganz recht, das ist die grosse Gefahr heutzutage: Selbstzensur.
    Da wurden zum Beispiel neulich in einer Kunstausstellung (ich glaube in Berlin, jedenfalls net in Mekka, Akte, d.h. Bilder von nackten Körpern, in vorauseilendem Gehorsam, abgehaengt, „weil ihr Anblick die religiösen Gefühle Andersglaeubiger verletzen könnte“ (wohlgemerkt: KEIN Muslim hatte das gefordert, und niemand nimmt hier Rücksicht auf meine Gefühle – ich reagiere allergisch auf den Anblick verschleierter Frauen…).
    Auch die Umbenennung des Martinsfestes laeuft unter einem falschen Gesichtspunkt: haette nix gegen „Sonne, Mond und Sterne“, aber Martini sollte vielleicht deswegen umbenannt werden, weil Bischof Martin von Tours unbeschwert Hexen verbrannte etc.pp? und heutzutage weiterhin gut katholisch als Heiliger verehrt wird….. Diesen Gesichtspunkt habe ich nirgends berücksichtigt gefunden bei den politisch so korrekten Leuten. Dass die Lieder fein sind, steht ausser Frage. Labimmel, Labammel, Labum.

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