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Michael Kohlhaas

7. August 2013

Was ist Gerechtigkeit? Ist Justitia wirklich ”unbestechlich”? Ich sage nur Mollath, Mustafa Balbay, Weisse Rose, Ergenekon, NSU, Snowden, Berlusconi (der sich seine eigenen Gesetze machte), na, ihr habt bestimmt eure eigenen Beispiele parat….
Wenige Tage ist es her, dass die Urteile im ”Ergenekon”- Prozess gesprochen wurden, ohne dass das Gericht irgendetwas über die Existenz einer solchen Gruppe mitgeteilt hätte. Ilker Başbuğ, pensionierter Generalstabsschef, erhielt zwei Mal lebenslänglich (Abdullah Öcalan, inhaftierter Kurdenführer, den viele für etwa 40 000 Tote im Verlauf der Kurdisch-Türkischen Kämpfe verantwortlich machen, sitzt ”nur” lebenslänglich und kommt vermutlich bald frei. Satiriker meinten, die Ergenekon-Verdächtigen hätten gut daran getan, sich als Terroristen zu outen, aber bitte als PKK-Leute, dann wären sie heut frei……). Journalist Mustafa Balbay soll 28 Jahre abbüssen. Der Mann hatte vermutlich nie eine Flinte in der Hand.
Vergewaltiger aus Bingöl laufen frei herum. Sie sind ja AKP-Parteimitglieder. Gegendemonstranten aus den Gezi-Park-Tagen, obwohl mit Macheten und Pistolen bewaffnet, werden nach kurzer U-Haft auf freien Fuss gesetzt.
Gerichte als Rache-Instrumente? Nieder mit dem ”Feind”; ist es der Freund, werden Akten vernichtet, Spuren verfälscht, Beweise getürkt (Hoffe, Nomen wird nicht Omen).
Lange genug, so Erdoğan im Zusammenhang mit den von ihm so genannten ”Çapulcu”lar, haben die Kemalisten uns unterjocht, jetzt sind wir dran!
Aber wie war man empört, dass türkischen Journalisten der Zugang zum NSU-Prozess nicht ermöglicht wurde! Bis zum Verfassungsgericht ging man.
In Silivri jüngst aber wurde alles weiträumig abgesperrt (Luftraum inclusive), der Gerichtssaal selbst liegt wie ein Hochsicherheitstrakt inmitten des Gefängnisses…
Der Fall Mollath ist schrecklich und sollte jedem Juristen die Schamröte ins Gesicht treiben, für türkische Verhältnisse ist er lachhaft. Was sind Gesetze wert? Was sind Gesetze GEGEN Schwule, die extra für Olympische Winterspiele in Sotschi ”ausser Kraft” gesetzt werden?
”Michael Kohlhaas” von Kleist gehörte zu unserer Schullektüre. Wir wurden davor gewarnt, das Recht selbst in die Hand zu nehmen.

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4 Kommentare leave one →
  1. 7. August 2013 23:09

    Mehr noch: uns wurde eingebläut, dass der Einzelne nichts gilt, wenn es ums „Allgemeinwohl“, sprich den Staat geht! Und das uns, der Nachkriegsgeneration, bevor wir auch nur beginnen konnten, uns zu fragen, wie denn unsere Erzeuger das totalitäre Allgemeine solange am mörderischen Leben gehalten hatten. Schon damals „lernten“ wir die Maxime, dass auch wir „in derselben Situation nicht anders gehandelt hätten“, wurde uns verständlich gemacht, dass Kritik damals ohnmächtig war und auch heute noch zu sein hat. Und wurde sie dennoch laut, wie 1968, wurde ihr das Verdrängte nur allzu schnell in Erinnerung gerufen, indem der totalitäre Knüppel, Wasserwerfer, Tränen- und Pfeffergasversprüher schon präventiv zur Stelle war. Seine Klimax erklomm diese Staatsmacht ja dann bekanntlich im Kennedy-Slogan: „Frage nicht, was dein Land für dich tut, sondern was du für dein Land tun kannst!“

    Der Einzelne war und ist also immer noch dieser Anti-Kohlhaas, zu dem ihn die Nachkriegserziehung im nunmehr demokratischen Rechts-Staat dressierte, der systemkonforme „Merkel-Bürger“, wie die ZEIT ihn kürzlich erst wieder nannte. Im Staat, in dem nun das Volk nicht mehr die Ideologie trug, sondern als angeblicher Souverän die Staatsräson selbst sein sollte, war ihm eben diese Raison auszutreiben, damit es nicht auf Gedanken, dumme gar kam, sondern brav den mitimportierten Parasiten der neuen Staatsform, den Kapitalismus verkonsumierte und allvierjährlich der Macht seine Stimme abgab, mit der diese dann zu sprechen vorgab.

    Der andere deutsche Michel, der sein Leben selbst aufs Spiel setzen muss, will er nicht nur sein Recht, sondern gar Gerechtigkeit, ist folgerichtig im Lande immer noch der geächtete Outlaw, der „linke Chaot“, der dem Deutschen Michel den Gartenzwerg klauen will. Folgerichtig werden dann die neuen verräterischen Helden des Widerstands zu zu verachtenden Anti-Helden, wie beispielsweise aktuell in den sozialen Netzwerken an einer großen Anzahl menschenverachtender Kommentare zur Snowden-Affäre zu lesen ist. Wenn nicht schon längst wieder diejenigen, die sich noch für’s versprochene Menschenrecht einzusetzen wagen, mit Mord und Totschlag bedroht werden, dann werden ihnen dort doch wenigstens unlautere Absichten, mangelhafte Lebensführung und minderwertige Intelligenz unterschoben.

    Dabei handelte es sich bei dem Kohlhaas im Drama Kleists aus dem Jahre 1810 ursprünglich keineswegs um das Subjekt des modernen Rechtsstaats, der damals noch gar nicht existierte, sondern im nachnapoleonischen Umbruch um eine rechtsphilosophische Debatte, in der nur eine wahre Begebenheit aus der Reformationszeit aufgegriffen wurde. In ihr stellte sich der historische, keineswegs reibungslose noch widerspruchsfreie Übergang vom mittelalterlichen Fehderecht des Einzelnen zum beginnenden staatlichen Gewaltmonopol dar. Der im Kleistschen Drama aufgegriffene Fall des Hans Kohlhase von 1532-40 schildert einen Mann, der sich durchaus noch im hergebrachten Recht wähnt, das ihn ermächtigt, wie ein Westernheld seiner Privatfehde nachzugehen, um sich zu holen, was die Staatsmacht nicht gewillt ist, ihm zu geben: Gerechtigkeit!

    Der Rest der Geschichte kennen wir, und wer sie noch einmal nachlesen will, mag hier schauen: http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Kohlhase

  2. 8. August 2013 13:33

    Erdogan scheint cleverer als Mursi zu sein. Er hat sich viel mehr Zeit für die Islamisierung der Türkei gelassen als sein Spezi aus Ägypten. Bei der Entmachtung des türkischen Militärs stand die EU tatkräftig zu Seite, wie der Westen bei der Aufrüstung der Muslimbrüder in Ägypten geschäftig mitgeholfen hat. Siehe die 140.000 Tränengascontainer im Wert von 2,5 Milliarden US Dollar durch die USA für Mursis Banditen. Ganz zu schweigen von den Verharmlosungskampagnen am Anfang der „Ägyptischen Revolution“ von den deutschen „Nahostexperten“ im deutschen Blätterwald.

    Die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber.

  3. 14. August 2013 15:18

    Dank Euch beiden für die Kommentare! Ja, Mursi geht einem ja dieser Tage auch nicht aus dem Kopf…hatte ihn und Aegypten auch im Sinn als ich (s.o.) über Demokratie elukubrierte. Erdoğan scheint wirklich cleverer, aber taeuscht Euch nicht, der Mann ist fertig. Ey, Nobel, sagte er gestern, in dem Glauben, das Komittee sei ein Mann. Er ist nur noch Wut und Paranoia….

    P.S. Die Türkei hat gerade 400 000 neue Traenengaspatronen bestellt. Ihr überlegt Euch, in den Handel einzusteigen? Hier ist die Branche!

    und nochn Kalauer: Was kriegt Fatma als Geschwister? Nen Muslimbruder!

  4. 14. August 2013 15:25

    Erdogan’s stance has made Turkey look like just another Muslim Brotherhood government in the region.

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