Skip to content

Verschwundene Berufe, Usancen und Sachen:

31. Mai 2013
by

Geschrieben von Hibou, der staunt: wehmütig über all die verschwundenen Sachen, aber auch dankbar für all das wunderbar Neue!

Die Graphologen: Haben sie umgesattelt auf Programmierer? Wer erinnert sich nicht an die Zeiten von zittrigen Unterlӓngen, verwischten Verbindungen und überproportionierter Kommata? Verbrecher wurden anhand ihrer Handschrift identifiziert. Die Parkinson-Früherkennung funktionierte auf Grund leicht verӓnderter Handschriften hervorragend…..Graphologen waren vielbeschӓftigt und erlangten anhand berühmter Prozesse wie desjenigen gegen Rosemarie Nitribitt internationale Berühmtheit.
Nun schreiben wir alle mit Keyboard. Buchstaben gleichen einander aufs Haar. Anhand von “Courier” imitieren wir die alten Zeiten der Schreibmaschinen…..

Ja, die Schreibmaschinen: Jeder angehende Autor hatte seine Reiseschreibmaschine dabei, damit er zur Not auch in der Kneipe schreiben konnte. P.G.Hübsch tippte mir ein Abschiedsgedicht auf Klopapier. In den grossen Firmen waren ganze Hallen mit Schreibmaschinen Walze an Walze belegt, im Nebenraum ratterten die Fernschreiber. Und wo sind die vielen “Tippsen”?

Das Diapositiv: Was hatten wir zu Hause für Sammlungen! Wie oft haben wir Rӓhmchen gekauft und ganze Nachmittage mit dem Rahmen von Neuzugӓngen verbracht! Renommierte Firmen lieferten nach der Entwicklung die Bilder schon in Pappe vorgerahmt. Aus Faulheit beliess man es oft dabei. Dann aber im Projektor klemmte das Bild. Vermögende Leute liessen sich eine elektrisch auf- und zuzurollende Dialeinwand ins Haus einbauen. Wir anderen kauften die Wand auf wackeligem Stativ. Leihst Du mir Deinen Projektor? Der Dia-Abend konnte stattfinden. Mit dem Dia ist auch der Zelluloid-Film verschwunden. Die Dunkelkammer schaun wir uns bewundernd in “The Blow-Up” an. Jeder Dummbeutel verfügt über eine Digitalkamera oder zumindest ein fotografierfӓhiges Handy.

Die Souffleuse und der Souffleur: Nun haben wir den Teleprompter. Davon wird alles abgelesen. Vorbei die Zeiten, als im Theater aus dem Souffleurkasten Hilfe kam. Die Huckedohle kam extra als Souffleuse auf unsere Wintertournee mit und half uns über alle Textklippen von “Next time I’ll sing to you” und “Woyzeck”. Zugegeben: bei entscheidenden Sӓtzen wie “ich sterbe!”, “ich komme!” oder so war der Blick zum Bühnenrand kontraproduktiv. Das aber ist heute beim Prompten net anders. Eben versagte für die TV-Nachrichtensprecherin der Teleprompter (vielleicht hatte sich ein Mistkӓfer in die Maschinerie eingeschlichen? Sie sehen, ich stelle mir den Teleprompter noch mechanisch wie den “Rolling Title” vor). Sofort war sie stumm wie ein Fisch. Wahrscheinlich hatte sie im Privatleben noch nie vom Bundeswulff gehört?

Die Fensterkurbel: Auf früheren Autofahrten kurbelten wir bei Hitze die Seitenscheibe von Hand herunter. Wehe dem, der das heute versucht! Seine Hand greift voll ins Leere. Stattdessen übernimmt nun der Bordcomputer auf Knopfdruck diese Aufgabe. Aber Vorsicht! Leuchtet eine Warnlampe auf, kann das heissen, dass ein Teil des Wagens kaputt ist, meist aber heisst es nur, dass der Bordcomputer net funzt…..

Die Hausmusik: Mӓnniglich und frauiglich griff nach der Mahlzeit oder/und zu Festeszeiten zum Musikinstrument. Im trauten Familienkreis erklangen Mozart, Diabelli und Corelli. Oder es wurde vierstimmig “Alles Leben strömt aus Dir”, “C’est ci simple d’aimer” oder “Siam’ giovani e siam’ soldati…” gesungen. Heute leben wir als Couchpotatoes, wir schalten selbst beim Essen den Fernseher net ab, oder wir stellen uns den Fast-Food-Teller neben den Laptop und twittern. Kein Schwein beherrscht mehr die Blockflöte!

Der Brief: Was schrieb Franz Kafka an Milena und Martha Gellhorn an Hemingway? Tempi passati! Vorbei die Zeit der vielseitigen Briefe, der wertvollen Briefmarken, an denen auch kein Zacken fehlen durfte (anstatt ”darf ich Ihnen meine Briefmarkensammlung zeigen?” sagen wir heutzutage ”willst Du mein Touchpad sein?”), der Billetdoux’ an die Geliebte, die diese nach dem Lesen errötend am Busen verbarg! Wir schicken mal eben ne E- Mail, schreiben auf Facebook oder gehn in den Chat und “sprechen” dort mit wildfremden Leuten aus Wellington oder Urumtschi….. Selbst das (stationӓre) Telephon hat irgendwie ausgedient. Meine Grossmutter ging zur Wand, an der auf Kopfhöhe das Telefon angebracht war, nahm den Hörer ab und sagte: “Schefer hier!” In der Leitung war dann Geschӓftskollege Wellauer aus der Multergasse. Vorbei…
Dafür haben auch die Ӓrmsten auf Haiti oder in Somalia mindestens ein Handy. Das hat Vorteile: werde ich verschüttet oder gehe verloren, wӓhle ich mal eben 911. Flaschenpost? Wer wird denn jahrelang warten? Das Papier überhaupt wird kaum mehr gebraucht. Das wird unsern Wӓldern guttun. Zeitung? Denkste. Packpapier? Das Cargo-Unternehmen verfügt über eigene Plastikbeutel. Klopapier? Wir wischen uns mit synthetischem Hakle-feucht den Hintern ab!

Das Morse-Alphabet: Was wӓre der Film “Once upon a time in the West” ohne den morsenden Bahnbeamten? In Bodrum morste Teleğrafcı Kemal Einzelheiten über den Feind bis zum eigenen Tod. Kein Schiff sank ohne SOS. Die Punkte und Striche und deren Kombinationen wurden von uns auswendig gelernt und hatten mythischen Charakter. Heute haben wir na klar Handy, GPS und Google-Earth…..

Der Telegraph
Das “Internet des victorianischen Zeitalters” wurde das Telegraphennetz genannt. Die nötige Spannung wurde nicht selten durch in Reihe geschalteter Ammoniumchlorid-Batterien erzeugt, wurde der Salmiakgeist knapp, konnte auch Urin verwandt werden. Ganz recht: der morsende Beamte im nӓchtlichen Funzellicht war auch hier zugange, oft wurde zum Chiffrieren und Dechiffrieren noch ein zweiter benötigt (Wir hoffen, dass sie immer genug zu trinken hatten).Sich vorzustellen, dass das zum Teil noch nicht einmal drahtlos geschah! Mein Bruder diente bei den Fernmeldetruppen, ihr Motto war nicht mehr das der Kreuzzüge: “Tötet sie alle! Gott wird die seinen schon erkennen”, sondern “Verbindung um jeden Preis!” (Vielleicht diente er ja deshalb bei den Telegrafçıs?). Die Kabelrolle wurde aus dem fahrenden Auto gehalten und wickelte sich dort rasch ab. Anschliessend ans Manöver musste na klar alles wieder aufgerollt werden. Heute genügt vermutlich ein Handy, um ein Armageddon auszulösen?

Die Minox-Kamera
Der junge Sean Connery und die jungen Michael Caine, Burton, Quaid und Oskar Werner fotografierten in den Spionagethrillern damit unter Lebensgefahr die Akten und Skizzen ihrer Feinde ab und brachten die winzigen Filme in hohlen Spazierstöcken, Zӓhnen, toten Briefkӓsten, Bierdosen oder Arschfalten in Sicherheit. Noch die DDR-Grenzbeamten fotographierten für die Stasi ganze westdeutsche Reisepӓsse ab. Heute sehen wir in den Nachrichten, dass Eastman-Kodak grade Insolvenz angemeldet hat. Von Rolleiflex, Agfa-Box oder Polaroid hören wir schon lange nichts mehr…..

Die Parkuhr
Nie hatte man Kleingeld dabei, um die Parkuhr zu bedienen, stets war die Bullette zur Stelle, um ein Bussgeld zu verhӓngen. Diebe gruben die ganze Chose aus, um an die Groschen (zunӓchst, spӓter waren es Fuffies und Markstücke, bzw. Euros) zu gelangen. Demnӓchst werden auch die Fahrkartenautomaten an den U- und S-Bahnen nicht mehr vorzufinden sein, da alles auf Chipkarte umgestellt werden wird. Wir in der türkischen Provinz werden das nicht merken: hier gibts gar keine Eisenbahnen, und Parkplӓtze wie sauer Bier…..

Die Bibliothek
Wie angenehm muffig roch es in Bibliotheken! Wie schweigsam waren wir da! Kaum wagte man es, dem Gegenüber wortlos in den Ausschnitt zu starren…Wie schön ist es nach wie vor, in allen möglichen amerikanischen Anwaltsserien ganze Regale voller Paragraphenwerke, deren grüne und rote Buchrücken matt im Hintergrund schimmern, zu sehen! Heute passen tausende von Buchinhalten auf ein I-Book2, auf ein Kindle oder auf eine einzige externe Festplatte. Was beim Umzug von Nutzen ist: die vielen Bücherkisten müssen nicht mehr gepackt werden! Und zudem kann jeder Lesemuffel die Besucher auf seinen passwortgeschützten Laptop verweisen….. Was aber wird mit den Musterwohnungen der grossen Möbelhӓuser? Dort standen doch immer zwei oder drei Atrappen von Krieg und Frieden oder Schuld und Sühne in den Regalen? Naja, wird das Buch halt vollends zum Accessoir. Antiquariate? müssen auf Ohrringe umstellen.

Die Ampel
Ob sie noch überdauern wird? Vielleicht der Fussgӓnger wegen. Das schöne Ampelmӓnnchen in grün und rot. Das einzige, was wir aus der DDR übernahmen. Hoffentlich leuchtets noch lang! Oder aber wir bekommen nen Chip ins Hirn operiert, der uns sagt: walk! don’t walk!. Für Autos gilt jetzt schon: Der Autopilot ist im Kommen. Um nicht total frustriert zu sein, wird der Fahrer aber nur langsam und schonend daraufhin getrimmt. Aber Vorsicht auch hier: Leuchtet am Armaturenbrett (hehe) ne Lampe auf, bist Du nie sicher, ob das Öl alle oder ob nur die Elektronik nicht funktioniert!

Die Landkarte
Ein Beispiel:Bei ihren Feldzügen um Van, Bitlis und Muş um 1915 (!) verfügten weder die russischen Angreifer noch die türkischen Verteidiger über Landkarten. Man musste sich an den realen geographischen Gegebenheiten (Berge, Schneefelder, Hügel, Eichenwӓlder, klare, kalte und rasch fliessende Gewӓsser usw.) orientieren. Also für kaum ein Jahrhundert war die Landkarte (nicht nur im Orient) eine Jedermannsache. Meine umfangreiche Wanderkartensammlung ist nicht mehr das Papier, auf dem sie gedruckt wurde, wert. Heute haben wir GPS, Google Earth, Smartphone und Radar. Aber wofür? Wir machen ja doch keinen Schritt ohne unsere Alltours…..Die Flughӓfen aber auch die All-Inclusive-Resorts und die Malls sehen überall gleich aus. Egal, wo ich bin.

Oh, jetzt ist mir noch was Verschwundenes eingefallen: Die Gasometer! Irgendwo in unserer Nachbarschaft ragten sie auf, riesig, stumm und bewegungslos, hinter Friedhöfen, Gleisdreiecken, grünen Bӓumen oder verfallenen Siedlungen. Nie bekam man mit, wie die urgrossen umgekehrten Töpfe in der Erde verschwanden, der Fait Accompli war dann aber, dass nur ein Umriss aus Stahlgestellen stehenblieb, wo sonst eine dichte Metallwand treppenbestückt und himmelhoch aufragte. Wo sind sie geblieben? Wir brauchen doch noch immer Gas? Oder waren sie nur, ӓhnlich dem Eifelturm, ihrer pittoresken Wirkung halber lӓnger stehengeblieben, als es ursprünglich geplant war? Ach, bestimmt sagen jetzt welche von Euch, es gӓbe noch Gasometer an jeder Ecke, oder sie würden grade Günter Jauch im Gasometer sehen…..

Und weiter: Die Wolkenstores! Sie hatten ihren Namen wohl von ihrem wolkigen Aussehen? Zarte, durchsichtige Zweitvorhӓnge (aus Tüll?), die im Gegensatz zu den undurchsichtigen, die man abends zuzog, um das Licht des Vollmondes abzuhalten und somit eventueller Schlaflosigkeit zu begegnen, immer geschlossen waren, oder aber, mittels feiner Metallröhrchen, die mit kleinen Schraubhaken am Fensterrahmen befestigt waren, direkt vors Glas aufgespannt, dabei in der Mitte taillenförmig eingeschnürt, überall dabei wundersam gewellt, von Farbe blassrosa, blassblau oder blassgelb (wenn der Hausherr Raucher war (was damals noch nicht verboten war). Sie dienten dem Sichtschutz – denn es kam ja vor, dass die Hausfrau im Unterrock dastand . Milchglas hinwiederum hӓtte zu sehr nach Laboratorium, Waschküche oder Privatdetektivbüro ausgesehen, gell? Wolkenstores gab es auch in der “guten Stube”, die nur benutzt wurde, wenn Gӓste kamen und in der nie jemand in Unterwӓsche dastand. Dann wurde auch geheizt und die Schonbezüge wurden von den Möbeln genommen. Waren die Gӓste gegangen, was manchmal dauerte, da es als unhöflich galt, wenn der Gastgeber auf die spӓte Stunde aufmerksam machte, wurde alles wieder in den vorherigen Zustand versetzt.

Der Fladenfreitag:
Früher gab es noch keine vollautomatischen Waschmaschinen. Die schmutzige Wӓsche wurde (na, von wem?) jeden Freitag in einem grossen Zuber gekocht. Da dann keine Zeit zum Essenkochen blieb, wurde Fladen (flacher Apfelkuchen, manchmal auch Zwiebelkuchen, ӓhnlich der Quiche Lorraine) vom Bӓcker bestellt: daher der Name des Wochentages: Fladenfreitag.

Die Telefonzelle:
Sie ist rot, hat ein angerundetes Dach und kommt in britischen Filmen vor. In anderen Ländern hatte sie andere Farbe, aber immerzu dieselbe Form eines vertikalen Glasquaders. Zur Not konnte man in ihr – wenn auch unbequem – übernachten. Die Telefonbücher fehlten in der Spätzeit oft schon, dafür waren die Scheiben ringsum mit Tags versehen. Die darin angebrachten Gesprächsautomaten schluckten nur Münzen der Landeswährung. Redete man Unsinn, gaben sie nichts zurück. Am Handy jedoch kann man jeden Scheiss erzählen.

Die Videothek:
Dahin zu gehen, war leicht anrüchig. An der Kasse beim schmalen Eingang entweder ein hagerer, arbeitsloser Lehrer oder ein dumpfer Bodyguard. Man lieh sich vorne ”Terra X” oder ”Notting Hill”, hinten im extra abgetrennten Bereich ”Josephine Mutzenbacher” und ”We Spitroasted your Mother”. Zwangsläufig sind alle diese Läden verschwunden, denn wer hat und braucht heute noch Videokassetten oder kann solche überhaupt abspielen? Seit dem Livestream verschwindet ja sogar die CD, Realsymbol für alles, was eine Scheibe ist (”und sie dreht sich doch!”)

Das sind nur wenige Beispiele. Mehr und mehr Sachen werden verschwinden. Und das so lange, bis einer am Meeresgrund den Stöpsel findet und die ganze Welt auslaufen lӓsst.

Advertisements
One Comment leave one →
  1. 28. September 2013 07:04

    Der Rechenschieber!

    Stolz zeigte man als Gymnasiast seinen Rechenschieber, den alle zuvor im Klassensatz bezogen hatten. Grundrechenarten, Allgebra, Logarithmen etc. waren darauf grafisch einleuchtend zu sehen, selbst die Interpolation war einem kein Raetsel mehr! Doch kurz war das Leben dieses Wunderstabes. Es kamen die Computer. Alles im Chip. Und keiner versteht es mehr.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: