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Kardinalssuche mit Granit (für Albert S.)

6. März 2013

Viele, die meisten von uns, laufen zuhause in anderen Klamotten rum als auf der Strasse. Das wurde mir erst sehr spät klar. Ich hatte in meinem Leben immer morgens das angezogen, womit ich den ganzen Tag verbrachte. Andere, kaum haben sie die Wohnungstür im Hohenschönhausener Plattenbau hinter sich zugeschmissen, werfen als erstes die Schuhe von sich, dann alles Zeug bis auf Unterwäsche, um alsbald in Jogginghose und T-Shirt zu schlüpfen und sich die Hornhaut am Fußballen mit Bimsstein zu schmirgeln. Gibt es wohl noch die Kittelschürzen, die die Hausfrauen einst trugen, graublau mit weißen Punkten oder dezentem Blumenmuster?
Was trägt ein Kardinal „zuhause“? Geht er ganz zivil, etwa in leichter Leinenhose, geflochtenen Lederschuhen und einem beigen Hemd von Armani?
Und wie ist sein Zimmer eingerichtet? Ein Bett, ein Schrank, ein Schreibtisch, ein kleiner Marmoraltar mit Betstuhl. Die Auferstehung des Herrn oder die Madonna von Foligno sollte es darüber schon sein.
Wer bügelt seine Soutanen? Wo bewahrt er seinen Kardinalring mit dem großen Kristall, den er seinen kniefälligen Gästen zu einem Hauch von Kuss reicht? Wo ist sein Giftschränkchen? Lauter Klischees.
Schau mal einem dieser Herrn lange ins Gesicht, sei es Herrn Krenn oder einem auf Raffaels Bildern. Dort findest Du Kirchengeschichte. Ein Konvolut von Macht, Intrige, Spieltrieb, Alkohol und Knabenschändung. Curriculum vitae. Die sandige Rennbahn des Lebens. Ein jeder sieht sich insgeheim als Heiliger Vater. Habemus Papam! Weißer Rauch.
Es beginnt mit 14 im Priesterseminar im niederbayrischen Landshut, oder in Freising, wo die Isar ihr Bett bis zum Rand füllt. Dein Vater war Schneider oder Kurzwarenhändler. Deine Schwester heiratet jung nach Amiens, damit Du Deines Vaters Wunschkarriere einschlagen kannst. Das Land Deiner frühen Kindheit ist weit und duftend – selbst wenn sein Anblick für Dich fortan von den Schriften der Kircheväter gefiltert sein wird.
Oder Du besuchst das Seminario Carlo Borromeo in Domodossola. Dort war der Torrente Ossola fleißig mit Granitschleifen. Tatsächlich gibt’s noch im 20 Jahrhundert einen jüngsten Bergbauernsohn vom Simplon? Ich staune. Die Kirche übernimmt alle Kosten Deiner langen Ausbildung, auch wenn Du ein hochgezüchteter Jesuitenzögling aus Lagos, Wien oder Montevideo sein solltest, egal.
Irgendwo in einer Bucht des östlichen Mittelmeers sind bereits jetzt die Purpurschnecken für Deine Einkleidung am Werk.

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