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Grenzen und Schwellen

23. Januar 2013

Ein grenzenloser, unstrukturierter Raum ist schwer denkbar, aber umso qualvoll fühlbarer. In ihm kann sich der Mensch nicht mehr orientieren (Schneetreiben, Nebel, Eis- und Sandwüsten), verliert leicht Bewusstsein und Leben. Vielleicht ist ein grenzenloser Raum gar kein Raum im Sinne des Wortes? Aller Raum – der natürliche, kulturelle, ikonografische und alltägliche – wird durch zwei Prinzipien gegliedert und differenziert: die Grenze und die Schwelle. Diese verhalten sich polar. Die Grenze trennt ab, ist unüberwindlich, grenzt das Andere aus – Hochgebirge, Flüsse, Mauern, Vorurteile, KZ-Zäune. Der Prototyp des Grenzenliebhabers ist der Sesshafte.

Die Schwelle öffnet, durchbricht Grenzen, sie ist eine durchlässige Markierung, eine Art Niemandsland, ein Übergang, der aber nicht ohne Gefahren durchschritten wird: Gebirgspässe, hohle Gassen, Stadttore, Disco-Eingänge, überhaupt Türen, Fenster, Übergänge von einer (Einweihungs-) Stufe zur anderen, Brücken, Erkenntnisse. Auch Geburt und Tod können als Schwelle begriffen werden. Der Schwellenverehrer ist der Nomade.

Keiner, nicht der Sesshafte, nicht der Wanderer, keine Gesellschaft, kein Wesen und Ding dieser Erde kommt aber ohne Ausbalancierung und Gliederung zwischen Innen und Außen und vor allem ohne eine Durchlässigkeit zwischen den beiden aus. Der menschliche Organismus – und als ein Phänotyp die Haut – ist ein hochentwickeltes System von Abgrenzung und Durchlässigkeit, ebenso das menschliche Haus, eine, wie van Gennep schreibt, Urform der Gesellschaft. Canetti: „Scheiben und Türen gehören zu Häusern, sie sind der empfindliche Teil ihrer Abgrenzung gegen außen. Wenn Türen und Scheiben eingeschlagen sind, hat das Haus seine Individualität verloren. Jeder kann dann nach Herzenslust hinein, nichts und niemand darin ist geschützt…“

Überwiegt das eine, wächst unser Drang nach dem anderen (die geschlossenen Grenzen der früheren DDR verursachten einen Auswanderungszwang, die der jetzigen EU ein Einwanderbegehren; „laissez-faire“ in der antiautoritären Erziehung oder eine grenzenlose und unindividuelle Umgebung ein starkes Sicherheitsbedürfnis). Äusserst wichtig waren von den tribalen (patriarchalischen) Gesellschaften bis hin zum bürgerlichen Zeitalter die Grenzen zwischen Innen und Außen, privater und öffentlicher Sphäre, Familie und dem großen Rest der Leute, quasi Freund und Feind. Eine moderne Gesellschaft braucht aber Durchlässigkeit in der Abgrenzung und nicht Abschottung in Rückzugsgebiete und (kriegerisches) Freund- und Feinddenken.

Der interessante Punkt ist bei allen diesen Phänomenen die Schwelle. An ihrem (ortlosen) Ort ist stets das Ritual angesiedelt (siehe „Rites de Passage“ von Arnold van Lennep), sei es der Grundstein des Hauses unter der Türschwelle, das Pentagramm auf Fausts Studioschwelle, die Riten an den Übergängen der Lebensalter (Geburt, Namensgebung (! sie findet auch auf anderen Stufen statt, so der neue Namen des Mönchs oder der Nonne, der Eingeweihtenname, der Kriegsname des Indianers), Beschneidung, sexuelle Initiation, Konfirmation, Kommunion oder Jugendweihe, Hochzeit, Tod), die verschiedenen Zeremonien an der Haustür, wenn Besuch kommt oder geht (Händeschütteln, Küsschen, Geschenke), der Einstand, wenn eine neue Arbeitsstelle angetreten wird, etc.. Die Schwelle wird also nie achtlos oder leicht überschritten, Freude, Herausforderung, Wagnis, Schmerz und Scheitern sind ihr genius loci. Nur zu oft steht auch ein Zöllner, ein Fährmann oder gar ein Cerberus da und fordert seinen Tribut. Die Schwellen sind also codiert (Schloss und Schlüssel, Hierophant, Arbeitsamt und andere Behörden) und können nur mit dem entsprechenden Wissen oder Bewusstsein ohne schwerwiegende Auswirkungen übertreten werden. Sie müssen es aber! weil wir ja nicht im Haus sitzen oder auf der Strasse stehenbleiben wollen.

DDR/ Zusätzliches über Grenzen und Schwellen

Ich fahre mit Sütlaç unsere Küstenstrasse entlang ins Städtchen, sehr kurvig und holperig, die Sonne steht tief und blendet bald genau von vorn oder wirft einen langen Wagenschatten auf die Strasse vor uns. Sie geht jetzt bereits hinter Pserimos unter, im Sommer stand sie doch noch nördlich von Kalymnos überm freien Ozean? Ja, auf dieser Strecke lässt sich ein ganzes Stück der Dodekanes-Perlenkette sehen, im Süden das „riesige“ Kos, wo Asklepios und Hippokrates wohnen, dann Pserimos, die Schwammfischer-Insel, dann die weisse, plastische Gebirgskette von Kalymnos (es soll dort aber auch ein weites, fruchtbares Tal geben), dann an schönen Tagen weit weg im Nordwesten Leros. Ich las im Reiseführer, dass dort die grösste psychiatrische Klinik ganz Griechenlands war und ist – das klingt doch sehr nach Internierungslager, und wirklich, während der Zeit der Papadopoulos- und Pattakos-Diktatur wurden Mikis Theodorakis und viele andere Kommunisten dort gefangengehalten….

Davor noch ein ganzer Archipel von kleinen und kleinsten türkischen Inseln, die wie schwimmende Vulkane aus den Wassern ragen. Und irgendwo dazwischen eine Grenze, unsichtbar. Die griechischen Frachter meiden sie, so wie die türkischen, um sie nicht zu verletzen, dicht unter Land fahren. Komisch, dass wir „die Grenze verletzen“ sagen. Sie verletzt ja eher uns. Wir können nicht nach Kos hinüber, oder nur mit langwierigen und teuren Ritualen. Dabei sieht es auf ihren beiden Seiten völlig gleich aus: Die Landschaftsgestalt, Pflanzen und Tiere, die Siedlungen, die Menschen: völlig gleich. Nur allein die Sprache ist anders. Aber die Grenze ist nicht wegen der unterschiedlichen Sprache gezogen worden, sondern die Leute wurden sortiert, nachdem die Grenze errichtet war!

Die Grenze zur DDR war früher ebenso unheimlich wie faszinierend für mich. Die Bahn von Hamburg nach Basel fuhr damals noch über Fulda – Kinzigtal und zwischen Bebra und Bad Hersfeld kam sie dem Grenzstreifen sehr nahe. Nie hielt es mich im Abteil, immer ging ich in den Flur, um links hinauszuschauen. Da hinter dem breiten umgepflügten Streifen und dem hohen Zaun mit den Wachttürmen gab es Häuser, Wälder, Burgen… Ein Dorf lag direkt am Grenzstreifen, dort wurde der Zaun zur Mauer, und wo die Häuser am Flussufer standen, waren die Fenster zugemauert und die Brücken zerstört. Ich wußte, dass man da drüben eine Sondergenehmigung haben musste, um so nahe an der Grenze zu wohnen.

Geh doch nach drüben! Diesen Ruf hörten wir auf vielen der studentischen Demonstrationen. Und das taten wir auch nach Kräften. Da war ein politischer Kongress in Rostock, und eine Delegation des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes nahm daran teil (Für die Geheimdienste: Unterlagen geben nix her, ich war nie Mitglied des SDS). Da war der Onkel in Crivitz, ihm war es ganz besonders peinlich, wenn wir über Politik anfingen. Er war Lehrer und wir standen sehr viel weiter links als er. War das Revisionismus? Aber die Kneipen im Dorf waren deutscher als deutsch und die Mecklenburgische Seenlandschaft von derselben Schwermut wie die Gegend um Lübeck. Schwanheide hiess der Grenzübergang. Allein dieser Name machte mich melancholisch. Hinzu kam dann Zorn, weil die Polizei uns am Hamburger Hauptbahnhof kassierte und auf verbotenes Schrifttum untersuchte. Ja, da waren Dossiers, die Lübke wegen seiner Rolle in der Nazizeit belasteten. Man durfte also hüben wie drüben nicht mit der Wahrheit heraus…….

(Bitte demnächst weiterlesen! Die These wird lauten: Grenzen trennen Gleiches, Schwellen verbinden Verschiedenes….)

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3 Kommentare leave one →
  1. 23. Januar 2013 10:50

    Wir sprechen ja auch von „Schwellenlaendern“…

    • 23. Januar 2013 17:14

      Auf der Schwelle stehen – eintreten – Neues sehen/betreten.
      Schwelle wäre demnach eine moderne Metapher für Ausfahrt und Abenteuer.
      Eine poitive.

  2. 23. Januar 2013 10:53

    „Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land,
    ich grenz, wie wenig auch, an alles immer mehr,“

    (aus: Böhmen liegt am Meer von Ingeborg Bachmann) (der Titel allein spricht schon von Grenzen, und wie man sie überwindet)

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