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Mali

21. Januar 2013

Vor einigen Jahren pflegte man über die Brieftauben, die die Schweizer Armee noch immer zur Nachrichtenübermittlung benutzte, zu lachen. In Zukunft wird man vielleicht auf diese Vögel zurückkommen, denn sie lassen einem Mitteilungen zukommen, die weder vom Radar, noch von Drohnen, noch von Computerprogrammen entdeckt und entziffert werden können.

Im tiefsten Innern der Sahelzone, in den unendlichen Weiten der Sahara, haben sich die verschiedensten radikalen Gruppen und allerlei Gotteskrieger Stützpunkte verschafft, welche dem Zugriff der grossen Mächte weitgehend entzogen sind. Es sind ja nur ein paar Dutzend, meinen wir beruhigt, so drei bis vier Mirages werden genügen, sie aufzuspüren und zu vernichten.

Inzwischen haben diese Grüppchen das Land Azawad im Norden Malis proklamiert. Inzwischen zieht die französische Armee, aufs Modernste gerüstet, gegen sie zu Felde (weil die malische Armee anscheinend minimal an Zahl und sehr schlecht ausgerüstet, und, noch schlimmer, kaum kampfeswillig ist). Man ist versucht, die Lage mit Afghanistan, Somalia oder Tschetschenien zu vergleichen, wo “man” (sprich: die “ordentlichen” Truppen aus ordentlichen Staaten) ebenfalls mit sehr beschränkten Kriegszielen kurzfristig “hineinzugehen” meinte, bald aber in jahrelange und verlustreichen Kampagnen gegen einen nicht recht zu fassenden Gegner verwickelt wurde. Seit Alexander dem Grossen geschieht so etwas immer wieder.

Einige Fragen dazu:

Der Westen kämpft an vielen Fronten gegen islamische Fundamentalisten. Warum unterstützt er sie dann in Syrien, in Aegypten, Libyen und Tunesien?
In Libyen hat die Nato Gaddhafi weggebombt und damit den Islamisten in den Sattel geholfen, sie bewaffnet (sowohl aus eigenen Lagern, als auch mit den unzähligen Waffen des alten Regimes – darunter schultergestützten Fliegerabwehrraketen) . Diese gelangen nun (die Nato interessiert sich für diesen Vorgang nicht weiter) auch zu den Aufständischen nach Mali. Ausserdem ist durch all dies die Migration zwischen den Mahgreb-Ländern nicht unbeträchtlich verstärkt worden.
Wenn denn der böse Muslim nun der Hauptfeind des Westens geworden ist – in den Filmen, Erzählungen und Texten der Volkskultur, will meinen in dem zu indoktrinierenden Bewusstsein der Massen, hat er ja sogar den Russen, den Iwan, ersetzt – warum kämpfen die westlichen Länder dann nicht gegen Saudi-Arabien, die Golfstaaten (wo immer auf der Welt gekämpft wird, fliessen Gelder z.B. aus Katar, oft auch aus Saudi-Arabien hin) und den Iran? Das müsste doch eigentlich logischen Vorrang vor irgendwelchen Stellvertreterkriegen in den Wüsten und Gebirgen Afrikas und Asiens haben?
Warum sind dann die Saudis noch immer die Lieblingsalliierten der USA und werden von den Waffenfabriken des Westens, vor allem ist da Deutschland und die Schweiz zu nennen, reich beliefert?

Aber zum Schluss die Hauptfrage: Wie entstehen religiöse Fundamentalisten aller Couleur, ganz gleich ob in islamischen, christlichen oder jüdischen (die Hindus nicht zu vergessen) Gegenden, und wie werden sie am besten bekämpft? Die Erfahrung zumindest der letzten beiden Jahrhunderte haben gezeigt, dass durch Interventionen, die sich, wie schon gesagt, meist in die Länge ziehen und sich zu unglaublich teuren, verlustreichen Kriegen auswachsen, das Problem nicht gelöst wird, im Gegenteil diese sehr asymetrischen Kämpfe den Insurgenten meist nur noch Zulauf verschaffen. Zudem sollten wir uns einmal vorstellen, was gerade etwa dieser Tage in dem einfachen französischen Soldaten, der sich mit seinem Schützenpanzer irgendwo nördlich von Bamako verschanzt und dennoch den Nadelstichen des unsichtbaren Gegners ausgesetzt bleibt, vorgeht. Vermutlich wird ja nur Hass und Brutalität und nicht gerade Nächstenliebe erzeugt.
Eine weitgehend verfehlte Entwicklungspolitik, die durch Export von staatlich subventionierten Chicken-Wings aus Europa unzählige afrikanische Bauern in den Ruin treibt (und so das vielfach beklagte Migrationsproblem in die alte Welt noch verstärkt) ist ebenfalls nicht geeignet, die radikalen Gruppen zahlenmässig auszuhungern.
Vielerorts wird gemeint, Fanatismus entstehe nur an den unteren Rändern der Gesellschaft. Das mag zum Teil richtig sein, doch wäre zu prüfen, ob religiöse Verblendung nur durch Armut und nicht auch durch mangelnde Teilhabe an den Werten der Aufklärung (und das sei mit Bildung gemeint: Stärkung des selbständigen Denkens) gefördert wird.

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11 Kommentare leave one →
  1. 21. Januar 2013 09:10

    Englischsprachiger Blog über Mali:
    http://bridgesfrombamako.com/

  2. 21. Januar 2013 19:05

    Warum verhalf „der Westen“ religiösen, bzw. religiöseren Kräften in Syrien, in Aegypten, Libyen und Tunesien an die Macht? Die Frage stellte ich mir schon damals und auch jetzt, genau wie Du, hibouh, und es war auch der Grund, warum ich diesem jetzigen Einsatz zur „Verhinderung von Fundamentalismus“ anfangs die Glaubwürdigkeit absprach bzw. stark anzweifelte. Was ich bislang gelesen habe, handelt es sich aber offenbar durchaus um Bewegungen, die es zu verhindern gilt, auch wenn man sich nebei noch Einfluss in Mali (welche Rohstoffe gibt es eigentlich dort?) sichert.

    Ich denke, eine „Stärkung des selbständigen Denkens“ würde keinesfalls schaden.

    Danke für den Beitrag!

    lg LL

  3. Der Bassist permalink
    22. Januar 2013 21:09

    „Eine weitgehend verfehlte Entwicklungspolitik, die durch Export von staatlich subventionierten Chicken-Wings aus Europa unzählige afrikanische Bauern in den Ruin treibt (und so das vielfach beklagte Migrationsproblem in die alte Welt noch verstärkt) ist ebenfalls nicht geeignet, die radikalen Gruppen zahlenmässig auszuhungern.“

    Alte Marxbeschriebene Probleme & also auch Lösungen denkbar …

  4. 24. Januar 2013 09:04

    Hier ein Artikel aus dem Guardian, der Einzelheiten über die verschiedenen Azawad-Gruppen, insbesondere Namen von deren Anführern, gibt:

    http://www.guardian.co.uk/world/2013/jan/22/mali-war-five-facts

    (Bitte auch die Kommentare lesen!)

  5. 27. Januar 2013 08:59

    Griechische Agenturen meldeten am 26.1., dass türkische Schiffe mit Waffen für Libyen und Mali (den Azawadianern?) unterwegs seien.

  6. 29. Januar 2013 11:27

    Ich denke, das größte Problem mit der Klientel der radikalen Islamisten – ob nun gebunden in einer Administration oder als „Bande“ – ist, dass „der Westen“ in seiner Naivität immer noch davon ausgeht, dass Fraternisierung eine Art Verbindlichkeit und Einlenken zur Folge hat. Das war und ist falsch. Die Vergangenheit zeigt bis in die Gegenwart, dass diese Art des Umgangs nur dazu führt, dass sie als Schwäche ausgelegt wird, was sie ja auch ist. Man meint hier – naiv – dass ein bekennender Islamist sich selbst verleugnet und seinen Machtapparat selbst abschwächt, wenn man ihn hofiert. Das wird er nie tun, wohl aber die Vorteile, die sich für ihn daraus ergeben, nutzen. Und er wird sie natürlich gegen „den Westen“ und die, die sich mehr Freiheit wünschen, einsetzen, wenn es für seinen Machterhalt notwendig ist. Dieser Versuch des Westens ging nie auf und wird nie aufgehen, er wird immer scheitern. Der Kritik im Artikel schließe ich mich nicht an. Im Gegenteil – ich befürworte den Einsatz Frankreichs, da er längst überfällig ist und ich gehöre nicht zu denen, die eine verfehlte Entwicklungspolitik und die Brutalität eines Krieges intellektuell beheulen, während Menschen dort Gliedmaßen abgesägt werden, weil sie sich nicht den Regeln der Islamisten beugen wollten, die übrigens die Gruppe sind, die Mali als souveränen Staat angegriffen haben. Man sollte schon aufpassen, dass man diese Angriffe nicht auch noch legitimiert.

  7. 30. Januar 2013 16:14

    Es hat den Anschein, dass die Islamisten in Mali erst nach dem Sturz Gaddafis so richtig stark wurden. Zu dem Kriegseinsatz gegen die Islamisten in Mali gibt es keine Alternative. Niemand kann der Bevölkerung von Mali zumuten sich mit den Jihadisten zu arrangieren. Nachdem Frankreich an vorderster Front gegen Gaddafi stand, steht Frankreich nun an vorderster Front gegen die Jihadisten von Mali. Das hat sicherlich mit Kapitalinteressen zu tun, was nichts daran ändert den Militäreinsatz der Franzosen zu begrüßen. Die militärische Bekämpfung von Islamisten und ihrer Scharia (Hände und Füße abhacken wegen vermeintlichem Diebstahl, Steinigungen wegen Zusammenlebens ohne Trauschein) ist das Richtige im Falschen.

  8. 6. Februar 2013 11:44

    Das Richtige im Falschen ist gut gesagt. Ich bin in jedem Fall erfreut, dass die Intervention offenbar erfolgreich ist.

  9. 6. Februar 2013 17:49

    metropolenmond: liegst richtig, greifst aber zu kurz. appeasement ist sicherlich falsch. aber warum gelangen dann leopard-panzer zu den saudis, warum werden fussball-wms nach katar vergeben? ah…… n paar banknötchen ham nachgeholfen?

  10. 7. Februar 2013 18:22

    Frankreich interveniert als »Weltpolizist« gegen rechtsextreme Terroristen, und ebenso wenig wie es eine Schande oder eine Bejahung der bürgerlichen Ordnung ist, angesichts der Bedrohung durch neonazistische Schläger die Polizei zu rufen, wenn die Antifa nicht stark genug ist, bedeutet eine Befürwortung oder Akzeptanz der »Opération Serval« den Friedensschluss mit dem Kapitalismus. Denn auch wenn alles gut geht: In extremer Armut ohne Aussicht auf eine baldige Verbesserung der Verhältnisse auf die nächste der in immer kürzeren Abständen wiederkehrenden Dürreperioden zu warten, ist auch ohne Auspeitschungen kein Vergnügen.

    Den Jihadismus als Folge der Armut zu deuten, verkennt dessen ideologische Ziele. Der Anschluss an eine Bewegung, die nicht einmal vorgibt, sich für Entwicklungspolitik zu interessieren, kann schwerlich als Parteinahme für die Armen gelten. Vergleichbar der Situation am Ende des 19. Jahrhunderts rüsten sich die »zu spät gekommenen Nationen« für den globalen Machtkampf und der Islamismus ist die erste transnationale Ideologie aufstrebender Mächte und Bewegungen.

    Wer eine internationalistische Politik in der nun hervortretenden »multipolaren Weltordnung« entwickeln will, in der die revolutionäre Linke keine nennenswerte Rolle spielt, muss von einer Position der Defensive ausgehen. Dass die bürgerliche Demokratie einem rechtsextremen Regime vorzuziehen ist, sagen einem nicht nur die Vernunft und der Überlebensinstinkt, sondern auch die Überlieferungen der linken Tradition. Um auch nur eine theoretische Alterna­tive zum Freihandelsregime zu entwicklen, muss der Kapitalismus als globales waren- und ideo­logieproduzierendes System verstanden werden, dessen Dynamik weiterhin große Teile der Welt marginalisiert, aber auch neue Großmächte aufsteigen lässt. Im 21. Jahrhundert kann der Klassenfeind auch eine Kufiya tragen.

    Was Jörn Schulz in der Jungle World schreibt, teile ich.

    http://jungle-world.com/artikel/2013/06/47082.html

    • 7. Februar 2013 21:57

      Und ich ein wenig. – Denn teilen macht den Teilenden arm – jedenfalls im globalen ideellen Kapitalismus. – Und: Ist auch Schulzens Argument verständig, die Sprache mit der es vorgebracht, nimmt zwei Drittel Argument/Vernunft, humane kriegstauglich zurück.

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