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Über Blut

13. November 2012

Die unsichtbaren Bande – Vom Blut

Oh, God said to Abraham, „Kill me a son“
Abe says, „Man, you must be puttin‘ me on“
God say, „No.“ Abe say, „What?“
God say, „You can do what you want Abe, but
The next time you see me comin‘ you better run“
(Bob Dylan, Highway 61)

“A faint cold fear thrills through my veins”
(Shakespeare’s Macbeth)

“I want to live, I want to fuck, and not only with one man. Would you marry me?” (Das Mädchen zum Jungen in Fatih Akins “Gegen die Wand”)

Blut ist ein ganz besonderer Saft (sagt Mephisto zu seinem Partner Faust, und: “unterschreib mit Blut!”). Es ist mythisch. Wenn wir zu viel davon verlieren, rinnt auch unser Leben mit ihm davon. Wer hätte es noch nicht im “Tatort” gesehen…. Rot ist seine Farbe, näher betrachtet sehen wir rote und weisse Blutkörperchen. Ich schaue unsere Fahnen an: die schweizer und die türkische. In der Schweiz wird ihre Bedeutung folgendermassen charakterisiert: die Freiheit hebt sich aus blutigem Hintergrund. Wir (!) denken dabei an die blutigen Schlachten von Sempach und Morgarten, Murten, Grandson, Nancy und Dornach, wo eine Handvoll Bauern der Ritterherrlichkeit von Habsburg und Burgund ein Ende bereitete, und hierzulande ersteht bei ihrem Anblick der Befreiungskampf gegen die imperialistischen Armeen von England, Frankreich, Russland, Griechenland und Italien neu. In Europa scheint heute die Zeit der Fahnen vorbei, nicht aber in den USA, nicht aber in der Türkei, nicht aber im Irak und in Afghanistan, wo noch immer Ströme von Blut vergossen werden.
Das Blut trägt unsere Gefühle (ein sehr treffender Ausdruck haben sie hierzulande für alle jungen Männer: delikanlı = “Verrücktblüter”). Blut folgt unseren Gefühlen, es schiesst an die Haut, wir erröten vor Zorn oder Scham, es zieht sich ganz nach innen zurück, wir erbleichen. Das glaubst Du nicht? Mann, bist Du kaltblütig!
Ganz allgemein repräsentiert “Blut” aber die Vergangenheit, unsere Herkunft, unsere Wurzeln, ebenso wie jede einzelne Zelle unseres Körpers…. Unsere Familie? Na klar, die Blutsverwandten. Auf verquere Weise wird auch die Nation mit dem Blut identifiziert. “Er hat das türkische Blut beleidigt!”, sagte der vermutete Mörder von Hrant Dink.
Andererseits ist Blut unser aller gemeinsamer “Saft”: Überall ist es rot – und salzig -, ganz egal ob wir Schotten, Samen, Inuit, Apachen, Yoruba, Anatolier, Armenier, Aborigines oder Chinesen sind. Innerhalb einiger weniger Blutgruppen können wir es sogar mit jederfrau und jedermann teilen. Es erneuert sich jede Minute (Knochenarbeit!) und Stunde. Durch es bleiben wir auch in der Zukunft am Leben. Es soll kein Blut mehr vergossen werden, sagte Gott, als Abraham schon das Messer hob, um seinen Sohn zu opfern. Ich fürchte, wir haben da was falsch verstanden…..

Wir reden oft über “die eine Welt”, über Multikulti, Toleranz, den Reiz des Fremden usw. Wir reisen zu den entferntesten Orten der Welt, ihre Wunder zu ergründen (freilich bevorzugen wir ein “World of Wonders”-Hotel in Antalya, alles inclusive und mit etwas weniger Kontakt zu den Einheimischen).
Wenns aber ans Verheiraten unserer Kinder geht, solls unser eigen Blut, möglichst jemand ausm Dorf, sein. Von derselben Konfession, derselben Art, derselben Hautfarbe (der ist aber sehr schwarz! sagten meine Eltern zum Bräutigam meiner Schwester – immerhin blieb er am Leben).
“Dieser Blutfetischismus ist eine der übelsten Krankheiten unserer Zeit. Und wir haben ihn noch nicht überwunden.” (Elif Şafak). Emigranten, wie zum Beispiel die Türken in Europa, versuchen ihre Sprache und ihre Traditionen, ihren Glauben und ihr Aussehen in der Fremde zu bewahren und bilden so in ihrem gelobten Land (denn weshalb sind sie ausgewandert?) eine unsichtbare Mauer um sich. Doch seit langem ist diese “Reinheit des Blutes” eine grosse und gefährliche Illusion. Zeig mir einen einzigen Bürger der USA, und sei er noch so weiss, der nicht mindestens 1/16 afrikanisches Blut in seinen Adern fliessen hat! Seit Jahrhunderten, seit Jahrtausenden verlieben sich die Menschen in Fremde und mischen sich mit ihnen. Guck mal bitte das Klingelschild eines beliebigen mitteleuropäischen Wohnhauses an. Du findest dort etwa die Namen Sarrazin, Tekin, Karakan, Yala, Citton, Podolski, Müller, Brimelow und Birkin. Soweit ich weiss, habe ich jüdisches, englisches, deutsches und “Zigeuner”-blut in mir. Und sie haben mir nicht alles gesagt.
Was tun? Wir sollten über diese Welt nachdenken – das durchblutet unser Hirn , und: so viele wie möglich von uns sollten diesen Blutfetischismus wirklich hinter sich lassen. Nicht auf Ehre und Blut bestehen! Lasst uns unsere individuellen Teile/Seiten in den Vordergrund schieben.

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2 Kommentare leave one →
  1. 13. November 2012 15:34

    weiss net, ob ich das schon mal hier gepostet hab? Naja/ Hab es ebenfalls wieder gelesen

  2. 13. November 2012 19:55

    Mein erster Lateinlehrer ’stand‘ auf Wiederholen und Auswendiglernen. – So sehr ich das damals ablehnte, so sehr weiß ich beides heute zu schätzen. Nicht als sinnfreie Absoluta, aber doch als wesentlich zur Sache.

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