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Syrische Knoten

7. August 2012

(füge ein Datum hinzu, denn wer weiss, wie es in einem oder in 10 Jahren aussieht: 5. August 2012)

In Syrien herrscht Bürgerkrieg. Die geopolitische Ausgangslage: Syrien gilt als Verbündeter des Iran und somit als Feind Israels. Die Russen haben einen Marinestützpunkt da (den letzten in der Gegend) und möchten ausserdem einen Alliierten in Mittelost behalten. Das Ganze könnte somit ein Konflikt, der an die Frontstellungen des Kalten Krieges erinnert, sein. Es ist aber wohl ein Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien (den “Sunniten”) und dem Iran (den “Schiiten”), die alle beide Israels Vernichtung fordern. Offiziell gilt das Ganze als Bürgeraufstand gegen einen Diktator, aber von Anfang an und wohl auch so gewollt war es ein innerislamischer Konflikt. Die möglichen neuen Machthaber da werden ebenfalls keine Freunde Israels sein, ja, es ist durchaus wahrscheinlich, dass Israel einen bekannten mit einem unbekannten Teufel austauscht.
Im UN-Sicherheitsrat widersetzen sich Russland und China jeder Resolution, die ihnen zu weit geht. In Libyen haben wir einer Flugverbotszone zugestimmt, sagen sie, und was ist daraus von den westlichen Staaten gemacht worden?
Kofi Annan als offizieller Vermittler wird von allen verarscht. Assad lässt ihn lächelnd abblitzen, die Opposition erhält währenddem die Friedensvermittlungen laufen, Waffen von allen möglichen Ländern, wohl vor allem aus Saudi-Arabien und Qatar. Der CIA pushen mehr oder weniger heimlich die Kämpfer gegen das Regime, inzwischen tun sie es auch offiziell. Wen soll ich hier unterstützen? Plötzlich finde ich mich, wie etwa die Hisbollah oder die sogenannten Palästinenser, als Alliierten der USA und Israels wieder. Mit einem Mal bin ich als traditioneller Gegner Saudi-Arabiens ein Verbündeter iranischer Revolutionswächter…
Aber es wird erst recht kompliziert, wenn wir die ethnischen Gruppen und die “Religionen” Syriens mit in Betracht ziehen: Das Land wird traditionell im Norden von Kurden besiedelt. Die herrschende Klasse unter Assad sind sogenannte Aleviten, die “Aufständischen” bezeichnen sich als Sunniten. Was geschieht nun mit den Drusen, Christen, Batiniten, Assyrern, Aramäern, Feueranbetern und Atheisten im Lande? Die Christen scharen sich noch immer um die Macht in Damaskus, weil sie Angst haben, in Zukunft von den Sunniten unterdrückt und verfolgt zu werden. Die Aleviten scharen sich ebenfalls um Assad, sehen sie doch ihre führende Stellung im Staat bedroht. Die Schiiten haben aber ebenfalls “heilige Stätten” im Lande. Jüngst wurden in Damaskus iranische Pilger verhaftet. Sie stellten sich bald als Milizen heraus.
Die Türkei droht offen, gegen die Kurden – die nun endgültig einen überregionalen Staat auf den Gebieten des Irak, der Türkei, Irans und Syriens anstreben – vorzugehen. Sie würde damit, nachdem sie sich scharf gegen Assad positionierte, wieder zu seinem Alliierten und könnte damit sozusagen sich selbst widersprechen.
Zum Anderen: In ihrer dezidierten Gegnerschaft zum Regime in Damaskus sind die Türken quasi Alliierte Israels? Und das, obwohl sie vorgeben, die Juden seien ihr Todfeind?
Alles nicht so einfach. Was wäre wünschenswert? Dass die Araber und auch die Iraner ihre These, die Juden seien ins Meer zu werfen, aufgeben. Dass die obskuren Lüstlinge in Saudi-Arabien, Qatar und den USA in ihren machtpolitischen Zielen zuerst erkannt und dann konterkariert werden. Dass endlich und letztlich der sogenannte “arabische Frühling” zu einer sozialistischen Revolution würde. Davon sind wir noch weit entfernt: siehe Sinai, Aleppo, Ankara, Er Riad, usw.
Aber: Hoffnung besteht.

P.S.: Warum Erdoğan so sauer auf die Syrer sei: Es wird erzaehlt, Emine Erdoğan, die verschleierte Gattin Tayyips; habe Assads Frau (anlaesslich eines Besuches des Ehepaares Assad in Bodrum) um ihre e-mail gebeten; was diese aber abgelehnt habe. Ausserdem soll Assads Frau dem Ehepaar Erdoğan jederzeitiges Asyl in Damaskus angeboten haben (falls die Dinge in der Türkei mal schlecht liefen).
Recep Tayyip ist seitdem sauer. Wahrlich weltpolitische Gesichtspunkte…

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4 Kommentare leave one →
  1. 7. August 2012 10:45

    Im Deutschlandfunk kam neulich ein Sprecher der syrischen Kurden zu Wort. Der berichtete sehr konkret, daß es beispielsweise nicht die „freie syrische Armee“ sei, die in Aleppo Stadtteile besetzt hält, sondern Slafisten und Al Quaida. Diese würden sich jeder gemeinsamen Strategie der Opposition entziehen und ihr ganz eigenes Süppchen kochen, was auch die Verfolgung der Aleviten und anderer religiösen und ethischen Minderheiten mit einschlösse…
    Auch würden Bürger aus Aleppo von derlei Fundamentalisten als menschliche Schutzschilde mißbraucht.

    Ich warne sehr davor, sich auf die Seite einer Opposition zu schlagen, die keineswegs einstimmig handelt, aber Teile davon zumindest im Verdacht stehen, mit Massenmord und Folter zu tun zu haben.

  2. 7. August 2012 11:25

    Danke hibouh, kopfnickend habe ich gelesen. Die verschiedenen Allianzen sind kompliziert und bei einem Machtwechsel wird Syrien für Israel von einem bekannten zu einem unbekannten Teufel.

    In der Oppositionsbewegung haben vermutlich mittlerweile die Islamisten das sagen, die säkularen Kräfte wurden ins zweite Glied gedrängt. Trotz allem tendiere ich dazu, dass ein Machtwechsel in Syrien die Chance für mehr Demokratie (was wir beide darunter verstehen) zumindest gegeben wäre. Was daraus wird ist eine andere Sache. Jedenfalls geben die politischen Verantwortlichen im Westen kein gutes Bild ab. Die säkularen Demokratiebewegungen mit den Kurden in Syrien müssten unterstützt werden, aber dazu fehlt Merkel und Co. entweder der Wille oder das Geld.

  3. 7. August 2012 12:17

    Das kommt noch dazu, Hermanitou. Die USA bekaempfen doch angeblich Al Kaida? Und senden gleichzeitig CIA-Beamte zur syrischen Opposition? Um die Leute da im Griff zu behalten. Eine knifflige Aufgabe.
    Die saekularen Kraefte. Hm. Na klar. Sag das ma Merkel und Co.
    Ich sehe bereits Gespenster. Heute bei Olympia die Amis im Ganzkörperanzug. Fehlt nur noch das Kopftuch. Um gegen das kalte Wetter anzugehen.

  4. 31. August 2012 06:40

    Die Provinz Hatay (euterartiger Zipfel im Südosten der Türkei) sieht ganz konkret die Folgen der (verfehlten – „ein Desaster“ so türkische Kolumnisten) türkischen Syrienpolitik. Gegen Assad sein ist ja gut und schön, aber man hat sich in seinem Mittelost-Vorherrsch-Wahn wohl übernommen. So ist die Provinz (die übrigens schon einmal selbstaendig war und durch Volksabstimmung zur Türkei kam) zum Tummelplatz unzaehliger syrischer Flüchtlinge, von kurdischen wie auch jihadistischen Kaempfern, auslaendischen Armeen und deren Militaerstützpunkten und von Geheimdienstlern aller Nationen geworden. Zudem ist man in Ankara besorgt, Hatay könne wegbrechen und zusammen mit den syrischen Mittelmeergebieten Teil einer nach-assadischen Alevitenrepublik werden.
    Die uralte Stadt Antakya (Antiochia), Zentrum der Provinz, zeigt nur noch in ihren Altertümern die Toleranz früherer Epochen, stehen doch dort im Zentrum Moschee, Kirche und Synagoge Wand an Wand. Im so aufgeklaerten 21. Jahrhundert drohen nun auch Syrien und die Türkei in „religiöse“ Gebilde zu zerfallen, und dass sogar innerhalb der „grossen“ Glaubensbekenntnisse: wie jetzt schon im Iraq (dessen Mittelteil unter Al-Maliki fest in schiitischer Hand ist und zum Durchgangskorridor vom Iran nach Syrien wird): Sunniten versus Schiiten versus Aleviten…..

    Es wird erzaehlt, dass syrische Flüchtlinge in Hatay gross einkaufen und essen gehen und anschlissend sagen: schickt die Rechnung an Herrn Erdoğan!

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