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Vaterlandsverräter!

17. Juni 2012

Eine Fortsetzung zu meinen Beiträgen „Gröhlen, pfeifen, müllen“ sowie „Hitler lebt“ liefert dankenswerterweise ein Beitrag der „Welt-online“, den ich gerne hier leicht gekürzt zum Besten gebe, (Hervorhebungen durch meine Wenigkeit):

…Seit dem Durchbruch einer vergleichsweise neurosefreien Form des Patriotismus im Verlauf des Sommermärchens 2006 kämpfen die Antideutschen gegen jede Form schwarz-rot-goldener Folklore. Sie rupfen Banner von Autos, klauen Fahnen von Häusern, ziehen angetrunkenen Fans gern auch mal Schal oder Mütze ab.

 Die Jugend der Besserverdiener-Partei „Die Grünen“ versteht sich als Teil des antideutschen Aufstandes. Der Online-Shop der GJ bietet „Aufkleber gegen Patriotismus im Stil der ‚Atomkraft– Nein Danke!’ – Serie“. Der Text heißt demnach: „Patriotismus? Nein Danke!“

Darin wird der EM-Jubel in direkten Zusammenhang mit dem Turnvater Jahn, dem Ersten Weltkrieg, der Shoa und auch der zeitgenössischen Homophobie gebracht. Formuliert ist das erregte Ganze im Jargon des Politologie-Strebers, der die ethische Exzellenz der Grünen ins Reich der historischen Gewissheiten ausdehnen will.

Im Unterton klingt die Selbstgewissheit des Bürgerskindes durch, das den einfachen Leuten von der Straße, den Menschen in ihren Opels, Kias und Peugeots deutlich machen will, dass sie in ihrer patriotischen guten Laune eigentlich Wegbereiter des Nationalismus oder gar eines aufziehenden Vierten Reiches seien.

Abseits jedweder politischen Einschätzung sind die antideutschen Manifeste, Aufkleber und Flugblätter bis in die Lieblosigkeit der Vermittlung ein Zeichen linker Borniertheit und Arroganz.

Grüne wie Antifa bemühen sich, jenen ein schlechtes Gewissen einzureden, die sich nach Jahrzehnten deutschen Selbsthasses zum ersten Mal ein wenig entspannt fühlen, wenn sie auf ihr Land blicken.

Sie sehen aus, als wären sie 1984 in der DDR gedruckt worden. Das Layout mutet albanisch, die Sprache urdeutsch an.

Fern jeder Dialektik wird im heiteren Treiben der Deutschen und zunehmend sich irgendwie deutsch fühlender Migranten ein politischer Essentialismus identifiziert, der so archaisch nirgendwo mehr existiert. Die Deutschen haben mit der Enttabuisierung der Nationalfarben und der Hymne weniger ein nationales Bedürfnis entwickelt, sondern ein internationales.

Damit sind wir, die Deutschen, endlich Teil einer Völkergemeinschaft geworden, deren gemeinsamer Nenner ein irgendwie geartetes, im besten Falle unverdrehtes Verhältnis zu sich selbst ist….

Es war ein multikulturelles, weltoffenes Deutschland, dass sich da 2006 entdeckte, und dieses bunte Land hatte wenig Neigung, längst verschollenen Chauvinismus neu für sich zu entdecken, sondern war vor allem stolz darauf, dass sich die Welt in Berlin und den anderen deutschen Städten sicher und wohl fühlen konnte. Der globalisierte Patriotismus mit seinem Party-Hedonismus benutzt nationale Identitäten als Zeichen, nicht als Wesen….

Wer sich Tag für Tag den Rummel an auch schmerzhaften Orten der Erinnerung wie dem Checkpoint Charlie oder dem Brandenburger Tor ansieht, wird darin eher ein uneigentliches, spielerisches Interesse an der eigenen Geschichte festmachen, als den Versuch, hier zum Kern der Nation vorzudringen…

Holocaust-Mahnmal wie Jüdisches Museum gehören zu diesen nationalen Identitätsetüden dazu. Nur in der Konfrontation mit der Schuld bekommt die Suche nach einer zeitgemäßen nationalen Identität einen wirklich gravitätischen Unterton….

Die Integration in die Mehrheitsgesellschaft ist mit ein paar Farbstrichen auf den Wangen und einem Aufkleber auf dem 3er-BMW-Cabrio de facto vollzogen. Wer auf dem Ku’damm dieser Tage beobachtet, wer und wie fröhlich da über deutsche Siege jubelt, wird darin kaum Altdeutsches, gar „Arisches“ finden können. Im Jubel bildet sich ab, wie sehr sich Deutschland verändert hat, wie radikal – und wie absurd – jene Verweise auf Turnvater Jahn oder die Schlacht von Verdun ist.

…Als Blumfeld, Deutschlands kluge Popband, ihre antideutsche Melancholie 2006 ins Mikrofon jammerten, waren sie sicher: Es geht wieder los. Sie, die Deutschen, sängen ihr Lied „unschuldig wie einst ihre Ahnen“. Die anti-deutsche Paranoia hatte eine Mobilmachung prophezeit, von der auch sechs Jahre später nichts zu spüren ist.

„Und draußen, da wehen die Fähnchen im Wind / Doch andere werden sie hissen / Ich sitze im Zug mit Mutter und Kind / Alleine mit meinem Gewissen“. Spätestens hier hat man Mitleid mit diesen Ultraprotestanten. Beruhigt Euch, möchte man ihnen zurufen, es gibt nichts deutscheres als euch – und ihr würdet doch nie irgendwelche Ausländer anzünden? Oder? Bestenfalls deren Autos, wenn sie für Goldman & Sachs arbeiten.

Via: Welt-online

  • Da möchte ich doch noch ergänzen:

Das erste Sommermärchen fand 1936 in Berlin statt, der Olympiasieger hieß Adolf Hitler und unverkrampft und fröhlich zog die faschistische Jugend ins Olympiastadion. Kurzfristig waren jüdische Geschäfte wieder geöffnet und ‚Schland gab sich multikulturell und weltoffen. Und der damalige In-die-Suppe-Spucker war Jesse Owens.

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7 Kommentare leave one →
  1. 17. Juni 2012 13:29

    Solche Texte der ‚Welt‘ werden so lange gestrickt, wie sie gestrickt werden müssen: ein Knäuel Halbwahrheit, ein anderes Selbstermächtigung, und die dritte Farbe Zuweisung. – Das Ressentiment und die Verkehrung der Welt ist halt ihr Geschäft, seit Springer es so bestimmt hat.

  2. 17. Juni 2012 18:40

    Allein Deiner Ergänzung entnehme ich, Hermanitou, dass auch Dir etwas mulmig wird, wie unbedarft „unschuldig“ dieser Ulf Poschardt dem Aufkeimen eines neuen Nationalismus verharmlosend das Wort redet. Natürlich ist`s heute meist kein Altdeutsches oder gar Arisches, was wir auf den Fanmeilen erblicken, aber ein neues, vorgeblich unpolitisches, m.E. unreflektiertes Verhalten, das mindestens Anlauf nimmt seit Einführung der Wehrpflicht (1956), schwungholt über die Wiedervereinigung (1990) und immer mehr Fahrt aufnimmt bis es sich, speziell in Krisensituationen, mit einem Knall Schuldige suchen wird, die ggf. „andere Farben“ auf der Backe tragen. Die Freude über ein Tor wäre harmlos, aber die Dichotomie in „Wir-Gruppen“ und „Ihr-Gruppen“ ist gefährlich. Dann aber ist`s zu spät. Vorher sollte man sich Gedanken darüber machen, dass dieses „vereinende Jubeln“ (Inklusion) eine Exklusion zur Folge hat. Ich möchte das hier jetzt nicht weiter ausführen, nur noch je einen Gedanken von Einstein und Schopenhauer anfügen:

    „Wenn einer mit Vergnügen zu einer Musik in Reih und Glied marschieren kann, dann hat er sein großes Gehirn nur aus Irrtum bekommen, da für ihn das Rückenmark schon völlig genügen würde.“ – Albert Einstein

    „Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, auf das er stolz sein könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, um stolz zu sein.“ – Arthur Schopenhauer

    lg LL

    • 17. Juni 2012 22:59

      Danke vor allem für das Schopenhauer-Zitat, das kannte ich noch nicht:-)
      LG Hermanitou

    • 18. Juni 2012 11:11

      Zwei sehr schöne zeitlose Zitate, Louis, die bekannten „erbärmlichen Tropfen“ kaum gefallen werden.

  3. The Violet White Football Sofa permalink
    17. Juni 2012 20:48

    Wer weiß denn nicht, daß das lila-weiße Fußball-Sofa den Roten Salon supportet! Die heutige Fahrradrunde durch die Stadt vorm Spiel gab mir soviel Nationalfarbe an sichtbar kenntnislosen Ständern, daß ich vor Beginn des Spiels (gegen Dänemark) wo ich zurück sein wollte kotzen mußte. Nix froh in D-Land, Dreck.

    Hoffentlich beginnt bald die Dritte Liga …

  4. 18. Juni 2012 11:08

    Die ironische Ergänzung, „Das erste Sommermärchen fand 1936 in Berlin statt, der Olympiasieger hieß Adolf Hitler und unverkrampft und fröhlich zog die faschistische Jugend ins Olympiastadion. Kurzfristig waren jüdische Geschäfte wieder geöffnet und ‘Schland gab sich multikulturell und weltoffen. Und der damalige In-die-Suppe-Spucker war Jesse Owens“, gefällt mir am besten.

  5. Der Bassist permalink
    6. Juli 2012 17:53

    Beim dritten Lesen entdeckt: die Jugend der Besserverdienenden. Wann wird die Nationalfarbe grün?

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