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Kennst du das Land?

7. Mai 2012

Allgemeine Empörung herrscht über die Inhaftierung und die Rückenschmerzen von Julia Timoschenko und das autokratische Regime in der Ukraine, wo die Menschenrechte mit Füssen getreten werden. Möglichst kein westlicher Politiker soll zur Euro 2012, die in wenigen Wochen beginnt, fahren, ja, leise wird sogar ein Sportboykott erwogen. Gleichzeitig wird sich natürlich auf die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi vorbereitet, und Deutschland macht dicke Geschӓfte mit China und Russland, keiner interessiert sich für die Menschenrechte in Dagestan, Azerbeidshan (demnӓchst Eurovision Song Contest in Baku), Tadschikistan, Bahrein (Formel1-Rennen), undsoweiter. Die Vergabepraxis von sportlichen Grossereignissen richtet sich in keiner Weise nach den demokratischen Bedingungen in den ausrichtenden Staaten.
Na klar: Sport ist allgemein in den Ruch der Unehrlichkeit geraten. Man dopt, man wettet, man besticht, man erpresst. Der für Jahrzehnte oberste Fussballboss der Welt, der Schweizer Josef Blatter, steht selber eher für Mafia, Korruption, Intransparenz etc, als für Human Rights….
Frau Timoschenko aber wird zu einer Art Ikone, einer Marianne der Menschenrechte, einer ukrainischen Aung Suu, einer Mutter Theresa der Rückenschmerzen (letztere, die inzwischen zumindest selige Theresa, schilderte in den Slums von Kalkutta den dortigen Leuten Krankheit und Siechtum als gottgegeben, flog aber selbst im Privatjet in eine kalifornische Spezialklinik, als das Zipperlein zu ihr selbst kam….) hochstilisiert. Dabei ist Julia Timoschenko rechtskrӓftig verurteilt (die Gerichte dort…Rachefeldzug… persönliche Revanche Januschenkos etc…Ja, aber wenn: warum fordern wir dann nicht viel eher unabhӓngige Gerichte in Kiew, in Charkiw, aber auch in Moskau und Berlin?) Julia Timoschenkos Familie zӓhlt zu denen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion schnell sehr reich wurden (wie stellten sie das an?), über ihre Karriere vor Gerichten siehe Hermanitous Artikel.
Zum Vergleich: Es gibt ein Land – gerne wird es als Brücke zwischen Europa und Asien bezeichnet – in dem Journalisten, Politiker, Oppositionelle, na, zahlreiche Menschen, nicht etwa rechtskrӓftig verurteilt, sondern ohne Gerichtsverfahren jahrelang im Gefӓngnis sitzen. Ein Land, in dem, wenn ein Verfahren über Korruption (Deniz Feneri, “Leuchtturm”) eröffnet wird, als erstes die beiden untersuchenden Staatsanwӓlte eingebuchtet werden. Ein Land, wo über unabhӓngige Richter und parteilose Gouverneure nur gespottet wird. Wo gerade alle staatlichen Theater geschlossen werden sollen (“Wir werden die Stücke, die uns gefallen, finanziell fördern”, sagt der oberste Boss. Man stelle sich mal vor, wir hӓtten in Theater und Oper nur ein Programm, das Ursula von der Leyen, Norbert Röttgen, Angela Merkel, Peter Altmaier oder Horst Seehofer gefӓllt…..). Wo die Schülerin und der Schüler einen Fragebogenzum Ankreuzen vorgelegt bekommen: Was willst Du im Religionsunterricht hören:
a) Koranlektüre
b) “Das Leben unseres Propheten”
Wo der Premierminister über diktatorische Vollmachten verfügt und alle, die nicht der Regierungspartei angehören oder zumindest beipflichten, von jeder weiteren Karriere Abstand nehmen können, wo mit grossem Eklat eine Feindschaft zum Staate Israel inszeniert wird, gleichzeitig aber der (Waffen)Handel zwischen beiden Lӓndern blüht?
Na? Wo liegt es? Wer würde da nicht gerne hinfahren, dorthin, wo die Zitronen blühn….(Aber Kiev? Pfui, Deibel). Und welches sind seine grössten Handelspartner??
Und noch eine Frage: welche Masstӓbe hat die Bundesregierung angelegt, als sie den Verkauf von hunderten von Leopard-Panzern an Saudi-Arabien erlaubte?
Bevor wir also gross von Boykott tönen, sollten wir aufpassen, nicht selbst zu Heuchlern zu werden. Und andere, die uns das Blaue vom Himmel herunterlügen, werden wir darauf aufmerksam machen.

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5 Kommentare leave one →
  1. 7. Mai 2012 13:14

    Alte Fußballweisheit:
    Nach dem Krieg ist vor dem Krieg.
    Die Halbzeit gehört der Diplomatie.
    Pausentimoschenko mit Trainer Theresa …

    • 7. Mai 2012 18:47

      …und mir ist es sowieso dort lieber, wo der Ball mit Füßen getreten wird und ich mit diesen auch noch abstimmen kann!

      lg LL

    • 10. Mai 2012 11:59

      Wohl wahr! – Ich sah diese Woche die arte-Doku über Sportwetten und Sportmafia. Ein weitverzweigtes Netz, und die unteren Ligen in der BRD ziemlich mittendrin, Türkei ja gerade auch. Man hört wenig, denn der Einsatz ist hoch. Bei einem CL-Finale etwa werden eine Millarde mindestens umgesetzt …
      Und der Alternative Fußball aus den 70er Jahren hat sich weitestgehend ausgespielt, Bunte und Wilde Ligen fleddern in BI und MS aus, selbst die 11Freunde als Alternative zum kicker sind etabliert und eingekauft vom Medienbetrieb. – Der Kapitalismus verleibt sich alles ein, auch den Sport und die Menschenrechte.

      • 10. Mai 2012 18:01

        Der Prozess der Wertverwertung ist ein schwarzes Loch, das alle „Masse“ in sich reinziehhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhhht…

        lg LL

  2. 16. Mai 2012 07:24

    Zwei jüngste Phaenomene in unserem Land: Ein Journalist (einer staatspateinahen Zeitung) schreibt eine Kolumne zur Gülen-Community und ihren angeblichen Wünschen, grosse Fussballclubs zu kaufen. Die Kolumne wird ihm sogleich entzogen…

    Ein Imam, der vorher im Freitagsgebet eine Partei (welche wohl?) gelobt und empfohlen hat, findet sich mit der Forderung eines Glaeubigen konfrontiert, er möge doch die Politik nicht in die Moschee bringen. Der Imam geht daraufhin mit der Gartenharke auf den Mann los und verletzt ihn….

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