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Das große Sowohl-als-auch

17. April 2012

Es ist schon ein Jammer, was Sigmar Gabriel im Spiegel-Interview zum Thema Grass so von sich gibt. Das ist so glatt gewienert, dass man nicht erkennen kann, ob der Mann jemals so was wie eine eigene Meinung hatte oder nur die Summe der Worthülsen einer uralten opportunistischen Partei in sich gesammelt hat und nun dort entsorgt.

Grass sei ein „streitbarer Literat“, der „weiterhin“ der  SPD im Wahlkampf helfen solle.

„Im Kern ist das Gedicht doch ein Hilferuf“, meint Gabriel.

Die „Verkürzungen“ und „Gleichsetzungen“ dürfe „man einem Sprachgewaltigen wie Günter Grass durchaus vorhalten“.

Es sei „absehbar, dass sich die selbsternannten Hüter der Political Correctness die Chance nicht entgehen lassen würden, endlich mal die große Keule gegen Grass auszupacken. Sie wollten es diesem von ihnen so genannten Gutmenschen endlich einmal richtig geben. Hinzu kam, dass Grass lange Zeit seine Mitgliedschaft als junger Mann in der Waffen-SS nicht öffentlich gemacht hat.“

Und Gabriels „politische Biografie ist durch Schriftsteller wie Günter Grass und auch Heinrich Böll geprägt.“

Nun, lieber Sigmar Gabriel, wenn es überhaupt einen gibt, der kein Gutmensch ist, dann ist es einer, der im Vollbesitz seiner Sinne sich nicht etwa zur Landesverteidigung meldet, sondern sich freiwillig der Waffen-SS anschließt. Und das nun als Jugendsünde zu verharmlosen und Kritiker von Grass in die engstirnige Ecke zu stellen, ist der „Sowohl“- Teil des berühmten Sowohl-als-auch-Prinzips der deutschen Spezialdemokratie.

Der „als auch“-Teil sind dann die Verkürzungen und Gleichsetzungen des Günter Grass. Nur: Es gibt in diesem sogenannten Gedicht keine solchen, sondern ein klar formuliertes antisemitisches Feindbild. Und das ist mit letzter Tinte „wortgewaltig“geschrieben, so wie er mit seiner ersten Tinte den Beitritt in die Waffen-SS schrieb.

Ein Hilferuf sei das Gedicht. Ein Hilferuf, den aufziehenden Krieg im Nahen Osten zu verhindern. Falsch. Es ist ein Hilferuf nach Aufmerksamkeit und gegen das Vergessen des Literaturnobelpreisträgers selbst, der Angst hat, in der (ihm auch literarisch zustehenden) Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Sigmar Gabriel ist natürlich stromlinienförmig im sozialdemokratischen Mainstream und hat selbstverständlich eine Biographie, die sowohl von Grass als auch von Böll geprägt ist. Wie die Biographien sämtlicher SPD-Vorsitzenden vor ihm hat er eine solche Schmalspurkultur in sich. Die Zeiten, daß ein Sozialdemokrat sagt, seine politische Biographie sei sowohl von Marx und Engels als auch von Rosa und Karl geprägt sind lang vorbei. Seit hundert Jahren bietet die SPD ein Bild des Jammers. Sowohl  literarisch als auch politisch.

Danke Sigmar, daß Du das mal wieder sowohl klargestellt als auch bestätigt hast.

„So geht das nicht, sagt der alte Sozialdemokrat und spricht

… nur ändern, das will er nichts! „(Degenhardt)

 

 

 

 

 

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6 Kommentare leave one →
  1. 17. April 2012 18:08

    Im „Heldenplatz“, nein nicht „Hegelplatz“, lässt Thomas Bernhard seinen Professor Robert folgendes über den österreichischen Sozialismus (was naturgemäß für die deutschen ebenso stimmt) sagen:

    „…und dieser größenwahnsinnige Sozialismus

    der mit Sozialismus schon seit einem halben Jahrhundert nichts mehr zu tun hat

    was die Sozialisten hier in Österreich aufführen ist ja nichts als verbrecherisch

    aber die Sozialisten sind ja keine Sozialisten mehr

    die Sozialisten heute sind im Grunde nichts anderes als katholische Nationalsozialisten

    den Sozialismus haben die österreichischen Sozialisten schon in den frühen fünfziger Jahren umgebracht

    seither gibt es in Österreich keinen Sozialismus mehr

    nur noch diesen ekelerregenden Pseudosozialismus

    vor welchem einem jeden Tag schon in der Frühe der Appetit vergeht

    diese sogenannten Sozialisten haben ja diesen neuen Nationalsozialismus möglich gemacht

    sie haben ihn nicht nur wieder möglich gemacht sie haben ihn heraufbeschworen

    diese sogenannten Sozialisten die schon ein halbes Jahrhundert keine Sozialisten mehr sind

    sind ja die eigentlichen Totengräber dieses Österreich

    das ist ja das Erschreckende und tagtäglich Ekelhafte

    die Sozialisten sind heute die Ausbeuter

    die Sozialisten haben Österreich auf dem Gewissen

    die Sozialisten sind die Totengräber dieses Staates

    die Sozialisten sind heute die Kapitalisten

    die Sozialisten die keine Sozialisten sind

    sind die eigentlichen Verbrecher an diesem Staat

    dagegen ist ja dieses katholische Gesindel geradezu unerheblich

    wenn es heute in Österreich wieder fast nur Nationalsozialisten gibt so sind daran nur die Sozialisten schuld

    wenn Österreich heute ein so heruntergekommenes Volk und ein so unansehnliches durch und durch verderbtes Land ist

    so verdanken wir das diesen feisten und fetten Pseudosozialisten

    pseudosozialistische Perfidie als Demokratie das ist es

    das Wort Sozialismus ist in meinem Ohren schon längst ein widerwärtiges Schimpfwort…“

    lg LL

  2. 17. April 2012 19:19

    „… die professionellen Politflaschen, die Staatsidioten, die ganzen fetten dummdreisten Kohls; den sollen die Peinsackschriftsteller vertreten, die in der Peinsackparade, angeführt von den präsenilen Chefpeinsäcken Böll und Grass, Böll und Grass, von Friedenskongreß zu Friedenskongreß, durch die Zeitungsfeuilletons und über unsere Bildschirme in der unaufhörlichen Peinsackpolonaise ziehen und dabei den geistigen Schlamm und Schleim absondern, den das Weltverantwortungsdenken, das Wackertum unaufhörlich produziert, dieses ganze Geschwerl, dieses Nullenpack …“ (Rainald Goetz, Subito)

    • 18. April 2012 11:51

      Und gut geschrieben, Hermanitou: Nagel – Kopf – Treffer!

      • 18. April 2012 12:01

        Danke für das Kompliment: 🙂

  3. 18. April 2012 10:18

    Für Sozialdemokraten gab es in den letzten hundert Jahren viele Anlässe aus der SPD auszutreten oder diese Partei nicht mehr zu wählen. Sigmar Gabriels Apartheidvergleich und seine Verteidigung von Günter GraSS wären wieder so ein Anlass.

  4. 18. April 2012 12:22

    Und hier noch Väterchen Franz zum Thema Spezialemokraten:

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