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Griechenland – und welche Mythen über das Land kursieren

9. Januar 2012

Über Griechenland wird viel gesprochen, viel wird über es erzählt. Demgegenüber gilt es, Ungesagtes aufzudecken und Unausgesprochenes auszusprechen. Hinweis: Die Märchen werden hier in Kursiv gesetzt.

Griechenland und überhaupt alle diese mittelmeerischen Länder, eingeschlossen Irland (diese Iren: Südländer des Nordens, sitzen den ganzen Tag bei einem Bier in Kneipen rum und schwadronieren!) müssen jetzt eisern sparen (höchste Zeit!). Wie sollen sie ökonomisch sonst jemals wieder Fuss fassen?
Was hat Deutschland in der (ersten) Finanzkrise 2008 getan, um wieder auf den Damm zu kommen? Es hat Konjunkturprogramme aufgelegt (u.a. Abwrackprämie für Autos, Kurzarbeitergeld), also das Gegenteil von Sparen getan.

Griechenland hat sich den Zugang zur EU und speziell zur Eurozone erschlichen. Damals, vor Einführung des Euro in Hellas, wurden Bilanzen und Budgets zu dem Zwecke gefälscht. Die Kontrolleure drückten alle Augen zu und liessen es geschehen.
In den 70ern des vorigen Jahrhunderts war in Griechenland (wie auch in Spanien und Portugal) eine Zeit der faschisitischen Militärherrschaft zu Ende gegangen. Griechenland sollte unbedingt in den europäischen Raum (damals noch EWG) eingebunden werden, um Rückfälle oder aber ein Abgleiten in den kommunistischen Block zu vermeiden. (Interessant in diesem Rahmen die inoffiziellen Spekulationen, in Griechenland stünde ein Militärputsch als einziges Mittel, das Land zu retten, bevor). Bei der Einführung des Euro galt in den Ländern der EU der Vertrag von Maastricht, welcher eine Obergrenze von 3% pro Jahr für das Anwachsen des Staatsdefizits vorsah. In Frankreich (etwa) wuchsen aber die Neuschulden im Beitrittsjahr der Griechen zum Euro um 3,3 % an. Auch Deutschland verstiess in drei konsekutiven Jahren gegen die Maastrichter Verträge. Kein Land der Union hielt und hält diese Verträge ein. Es handelt sich also bei der Vereinigung von Südeuropa mit den nördlichen Ländern (genauso wie mit der nun bereits mehr als zur Hälfte vollzogenen mit denen des früheren Ostblocks) um einen gewollten politischen Prozess und nicht um ein Einschleichen Griechenlands.

Griechenland hat sich mit billigen Krediten (aus den industrialisierten Ländern der Union) vollgesogen. Es brach eine Zeit der Fettlebe aus.
Das ins Land geflossene Geld floss alsbald und zum grössten Teil zur Bezahlung der aus dem “Norden” gelieferten Waren wieder zum Ursprung zurück. Griechenland ist zu Beispiel der fünftgrösste Waffenimporteur der Welt, und der zweitgrösste aus Deutschland (knapp hinter der Türkei *gg*: diese beiden Länder wurden ja zum grossen Teil GEGENeinander aufgerüstet. Sie fliegen zum Beispiel dieselben F16 aus den USA. Deutschland liefert umfangreiche Kontingente an kriegerischer Ausrüstung bis hin zu U-Booten. Gerade in jüngster Zeit konnte man davon lesen).(Und noch eine Anmerkung: der griechische Verteidigungsetat ist, im Gegensatz zu den Gehältern und Renten der malochenden Leute, von allen Sparmassnahmen ausgenommen). “Die Franzosen üben Druck auf die griechische Regierung aus, damit sie Sparmassnahmen ergreift (das heisst, damit sie Gelder bei Bildung und Gesundheit kürzt) und mehr französische Militärflugzeuge bestellt.” (Liakos)

Griechenland ist die Wiege der Demokratie und gewissermassen unser aller Vergangenheit und grosse Idee….
Als Premier Papandreou sein Volk in einem Referendum zur Sache befragen wollte, ging ein Aufschrei der Angst und Entrüstung durch die Reihen der Brüsseler, Pariser und Berliner Beamten. Das könnte gut das Ende der Herrschaft der Bürokraten bedeuten und muss verhindert werden! Berlin, Paris, Brüssel und auch Washington sind zu guten Teilen mit klassizistischen Gebäuden geschmückt. Die griechische Mythologie ist uns zumindest via Sigmund Freud und dem Ödipus-Komplex noch bekannt. Man liebt die Idee der Antike. Die heutigen Hellenen liebt man weniger……

Griechenland ist immer von den grossen europäischen Nationen geliebt und gefördert worden – die Briten kreierten die neuere Version des Landes ja sogar gegen das Osmanische Imperium.
Deutsche und auch Italien haben das Land der vielen Inseln im Zweiten Weltkrieg besetzt, haben dort schrecklich gewütet, haben später nie Reparationen bezahlt. Nur 14% der in Griechenland ansässigen Juden haben den Holocaust überlebt. Dass der jetzige Chef der sogenannten Troika, die das Land auf Tauglichkeit für eine neue Kredittranche überprüft, ein deutscher Beamter ist, mag da wenig dienlich sein. Im Land wurde auch Frau Merkel des Öfteren in Naziuniform plakatiert, was einiges über die Seelenlage der dortigen Leute aussagen mag. (Ich schreibe nicht “was einiges über die Bundeskanzlerin und ihr Verhalten aussagen mag” *gg*)

Griechenland ist das schwächste Glied (in der Euro-Kette). Wir müssen uns vielleicht von ihm trennen (siehe heutige Kommentare in der tschechischen Presse)
Wie kommt es, dass das Land, wie der Professor Liakis, der den ganzen Fragenkomplex erforscht, es nennt, von Europa gewissermassen als “ungebetener Gast” behandelt wird? Gibt es vielleicht Länder die mehr, und solche, die weniger zu Europa gehören? Gibt es ein Zentraleuropa und dann Vasallen, die gnädig aufgenommen werden? Wer ist Europäer? Gehören da auch die “Fremdarbeiter” dazu? Die Türken in Deutschland? Oder nur die Alteingesessenen? Die geborenen Deutschen oder nur die gebürtigen? Gibt es in Europa welche die “Sünder” bestrafen dürfen?

Nur durch einen radikalen Schnitt wird das Land den Staatsbankrott vermeiden können, damit wir alle wieder in die richtigen Geleise (des Wachstums) kommen.
Dieser Schnitt (“Haircut”) wurde vollzogen, hat aber bisher nicht viel gebracht. Eine Krisenkonfernz jagt beinahe im Wochenrhythmus die andere. Eben heute bereiten in Berlin Merkel und Sarkosy die nächste vor. In Wirklichkeit handelt es sich nämlich nicht um eine griechische, sondern um eine europäische wenn nicht um eine globale Krise (des Kapitalismus). Niemand blickt mehr durch. Die Sachverständigen widersprechen sich. Alle vergessen, dass die Schulden des einen die Gewinne des anderen sind, dass die Krise also systembedingt scheint. Griechenlands Einwohner, die, wie man hört, auf Jobsuche bereits überallhin, auch nach İstanbul, auswandern, sind vorerst die Leidtragenden. Es folgen vielleicht (die einfachen Leute in) Spanien, Portugal, Italien, Frankreich, auch Deutschland. Von Ungarn, wo der Forint grade ins Bodenlose fällt (wo die Freiheit schon liegt und gerade von den Herrschenden mit Füssen getreten wird), reden wir heut net. Die Ereignisse der Gegenwart werden überhaupt ungeahnte Folgen zeitigen (von Migrantenströmen bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen).

Die europäische Idee ist geeignet, Nationalismus, Separatismus und Rassismus zu überwinden, eben deshalb ist es wichtig, die europäische Völkerfamilie zusammenzuschliessen!
Was das Verarmen breiter Bevölkerungsschichten für die politische Zukunft eines Landes bedeuten kann, ist an der Entwicklung der Weimarer Republik abzulesen.
Zunehmend werden im heutigen Europa demokratisch gewählte Regierungen durch solche der “Nationalen Einheit”, der “Experten” abgelöst. (Apropos: meines Wissens waren sowohl Draghi, der neue Chef der Europäischen Zentralbank, als auch Monti (italienischer Übergangspremier) und Papadimos (griechischer Übergangspremier) in den Diensten von Goldman & Sachs). War die frühere Regierung in Athen wenigstens dem Namen nach sozialistisch (wenngleich Papandreou wie ein Prinz herrschte und die PASOK als seinen Hofstaat ansah), so sitzen jetzt in der “Experten”regierung am Omonia sowohl die Nea Dimokratia ( die die Aufhebung des von der vorherigen Regierung verabschiedeten Staatsangehörigkeitsgesetzes zu einer der Bedingungen für die Teilnahme an einer Übergangsregierung gemacht hatte) wie die LAOS, die offen rassistisch daherkommt.

Siehe auch:

https://exilblog.wordpress.com/2011/11/17/europa-und-angela-merkel/
https://exilblog.wordpress.com/2011/06/18/ist-griechenland-uberhaupt-griechenland/
https://exilblog.wordpress.com/2011/05/18/griechische-schuldenkrise/

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3 Kommentare leave one →
  1. 10. Januar 2012 16:41

    Alle vergessen, dass die Schulden des einen die Gewinne des anderen sind, dass die Krise also systembedingt scheint. Es sieht nicht gut aus für den Euro und das System.

    • 23. Januar 2012 22:50

      Was du beschreibst, ist ein klassisches Nullsummenspiel. Die Krise entsteht aber gerade daraus, dass es das nicht ist – und zwar in dem Sinne, dass aus dem Gewinner-Verlierer-System ein Mehrwertsystem erwachsen ist, dessen Mehrwert nicht gedeckt ist. Will heißen – einer – oder besser gesagt, ein sich immer mehr verselbständigendes System – besitzt Forderungen, die den realen Wert mittlerweile um ein Vielfaches übersteigen. Dieses System „der 3“ lässt sich nicht mehr durch Nehmen/Geben iSv Ausgleich auflösen und DAS ist das eigentliche Problem. Wäre es so wie du es beschreibst, ginge es ja noch.

    • 24. Januar 2012 00:28

      Alle Krisen des Kapitalismus die wir kennen sind systemimmanent. Kapitalismus funktioniert nur bei ständigem Wachstum. Jedes Kind weiß dass etwas nicht ewig wachsen kann. Dieses Wachstum funktioniert nur, wenn möglichst hohe Profite gemacht werden. Wer zuwenig Profit macht geht im gnadenlosen Konkurrenzkampf unter. Alle Krisen der letzten Jahre haben ihre Grundlage in der Realwirtschaft. In den letzten 30 Jahren ist die Produktivität durch Automatisierung und Computerisierung massiv gestiegen. Man braucht also viel weniger Menschen um beispielsweise Autos zu produzieren. Trotzdem ist die Wochenarbeitszeit und die Lebensarbeitszeit nicht gesunken sondern im Gegenteil gestiegen. (einer der vielen Widersprüche im System) Viele Autos müssen abgesetzt werden. Griechenland und Italien kaufen deutsche Autos und machen Schulden. Diese Schulden können diese Länder nicht mehr an die Banken zurückbezahlen. Bevor die Banken Pleite gehen werden sie mit Billionen-Stützungspakete gerettet, auf Kosten der Steuerzahler. Dadurch werden sich alle Länder zwangsläufig immer mehr verschulden. Die Folge wird eine noch gigantischere Aufblähung der Finanz- und Schuldenblase sein. Das alles hat eine innere kapitalistische Logik. Eine künstliche Trennung von Finanzkapital und Produktionskapital würde die Ursachen der Krise verschleiern.

      Übrigens, die Griechen hatten eine längere Wochenarbeitszeit und weniger Jahresurlaub als die Deutschen, auch lange vor der Griechenland-Krise. Deutschland profitierte von den Schulden Griechenland, weil es seine Waren dorthin verhökern konnte und Deutschland profitiert an den aktuellen Krediten an Griechenland. Allerdings nur solange bis Griechenland tatsächlich pleite ist. Das wäre dann auch der GAU für Deutschland.

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