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„Der Freitag“ entledigt sich seiner Vergangenheit

6. Januar 2012

Die „irgendwie linke“ Wochenzeitung „der Freitag“ trennt sich von seinen Mitherausgebern György Dalos, Frithjof Schmidt, Friedrich Schorlemmer und Daniela Dahn.  Mit diesem Schritt erklärt Verleger Jakob Augstein die „Übergangsphase“ für beendet und deklariert den „Freitag“ zu einer „normalen“ Zeitung.

Die Interviews mit Daniela Dahn in der TAZ sowie in der „Jungen Welt“ machen dabei deutlich, daß die „irgendwie linke“ Wochenzeitung schon länger vor allem eines geworden ist: Beliebig.

Daniela Dahn hierzu:

„Ich wollte den Anspruch, Gegeninformationen zu liefern, nicht aufgeben und die analytische und intellektuelle Substanz bewahren. Auch wollte ich den neuen Alltagsteil nicht auf Zerstreuung, Lifestyle, Prominente der Kulturindustrie oder gar Boulevard-Stories beschränkt sehen. Die sollten zum Beispiel durch mehr Geschichten aus der akademischen und produzierenden Arbeitswelt ergänzt werden, Geschichten vom Überleben, die erzählen, wie die Wirtschaft in den Alltag ganz normaler Leute funkt. Ich hielt es für verfrüht, dass der Freitag den Brückenbau zwischen West und Ost(-Europa) aufgegeben hat. Kurzum, im Laufe der Zeit haben sich unsere Vorstellungen von der Identität der Zeitung zu meinem Bedauern entfernt.“

Jakob Augstein nimmt in der „Freitag Community“ zur Aussage Daniela Dahns, die Redaktion sei zerstritten, folgendermaßen Stellung:

„Es war eines der wichtigsten Ziele, diese Redaktion zu einer „normalen“ Redaktion zu machen, diese Zeitung zu einer „normalen“ Zeitung zu machen – die also nicht zerrissen ist, in Erstarrung verharrt, in Sprachlosigkeit, in Lagern. Streit? Unbedingt und immer und auch hart. Aber Reden ist eben wichtig. Das tun wir“

Mittlerweile teilt Freitag-Redakteur Tom Strohschneider allerdings auf Facebook mit:

„Tom Strohschneider liest gerade, was seine Ex-Herausgeberin Daniela Dahn über Jakob Augstein und das Ende des „Freitag“ als „Projekt“ sagt http://bit.ly/Ar9zKN – und will dann, weil ja Transparenz jetzt das große Ding ist, auch gleich mitteilen, dass er demnächst dort arbeiten wird, wo Dahns Interview zu lesen ist“

womit deutlich wird, daß Augstein entweder die Risse in seiner Redaktion nicht wahrgenommen hat oder diese derzeit bewußt in Kauf nimmt.

Das Problem beim „Freitag“ ist das immer noch propagierte Ziel, um es mit Augstein erneut zu sagen:

[Die Redaktion soll sein…] „Alt und jung, linksliberal und sozialistisch, Ost und West, Politik und Feuilleton … Aber eben nicht entlang der Linie alter Freitag / neuer Freitag…. Wir haben eine Haltung, im Zweifel links, aber Ideologie und Journalismus vertragen sich nicht. Wir müssen für möglich halten, dass auch Linke irren können und uns immerzu prüfen und offene Augen und ein offenes Herz haben. Nicht mehr, nicht weniger. „

Selbstverständlich vertragen sich Ideologie (egal welcher Couleur) und Journalismus, wenn man ihn unabhängig betreibt, nicht. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, eine Wochenzeitung zu betreiben, die im Geist ihrer antifaschistischen und urdemokratischen Wurzeln (die tat, DVZ, der Sonntag) aus einer solchen Geisteshaltung bewußt recherchiert und schreibt. Die das neue vereinigte Deutschland kritisch begleitet und Forum für Leser(innen) ist, die an einer echten demokratischen Zukunft in diesem Land interessiert sind.

  • Der Freitag aber ist nun endgültig auf dem Weg in die Beliebigkeit, in eine hippe und lifestylemässige Zukunft. Da haben die bisherigen Herausgeber ebenso gestört wie so einige Redaktionsmitglieder, die in den letzten beiden Jahren den Bettel hingeschmissen haben.

Dem nun alleinigen Herausgeber des „Freitag“ gebührt hiermit auch das letzte Wort:

„Ich möchte irgendwie nicht kommentieren, was Daniela Dahn gesagt hat. Und ich möchte es irgendwie nicht unkommentiert lassen. Wie Sie schon sagen, alles wird irgendwie …“

P.S. Das allerletzte Wort hat Daniela Dahn:

„Kritisieren heißt, sich verantwortlich fühlen. Gerade wenn wir bereit sind, die permanente Unzulänglichkeit als den Zustand anzunehmen, sollen wir nicht so tun, als wäre das nichts. Denn was uns überantwortet wurde, markiert unsere Zuständigkeit. Kein geringes Gut. Keine geringe Last. Nur kann man sie nicht ausschlagen wie eine ungeliebte Erbschaft. Wer nie versucht hat, sich einzumischen, soll nicht behaupten, es gehe nicht.“

Auch lesenswert hierzu: Schneeschmelze

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2 Kommentare leave one →
  1. 6. Januar 2012 13:48

    In diesem Punkt muß ich Jakob Augstein absolut recht geben, und es liegt mir sehr daran, das zu tun: Es gibt im Freitag keine Kluft zwischen alter und neuer Belegschaft. Nicht die allermindeste“, schreibt Michael Jäger heute in seinem Nachtdienst, und das glaube ich auch, jedenfalls im Hinblick auf kollegiale Verhältnisse am Hegelplatz.
    Nicht von der Hand zu weisen sind jedoch die personellen und institutionell-programmatischen Wechsel und Verschiebungen seit der Übernahme des VolkszeitungsFreitag durch Augstein vor etwa drei Jahren; dieser Weg von einer Endstation der ganz ganz neuen Linken zur nächsten kann im von Hermanitou zum Schluß seines Beitrags verlinkten Schneeschmelzeblog sehr gut zurückverfolgt werden.

    Also ich denke, mit diesem Schritt ist die Presselandschaft endgütig geteilt (vgl. Chlodwig Poht), nämlich in die eine – und eben in die andere ununterschiedliche.
    Und irgendwie hatte ich das auch so erwartet. 🙂

    • 6. Januar 2012 14:13

      Daß es in keiner Weise um Politik und Programm und Tendenz und Interesse geht, weiß sogar die FR: http://www.fr-online.de/medien/der-freitag-vier-herausgeber-muessen-gehen,1473342,11395800.html

      „Der Auslöser dafür, dass die gegenseitige Ignoranz zwischen Augstein und den Herausgebern zur Trennung geführt hat, war jedoch offensichtlich ein vom Freitag im vergangenen Sommer nicht gedruckter Artikel der mit der Partei Die Linke sympathisierenden Dahn. Er erschien später in den Blättern für deutsche und internationale Politik. Der Artikel lässt gewisse Sympathien zum Libyen des damals noch lebenden Diktators Gaddafi erkennen. Augstein sagt: ‚Wäre Frau Dahn eine einfache Autorin gewesen, hätte der Freitag den Artikel gern veröffentlicht.‘ So aber hätte das den Anschein vermittelt, als sei die Meinung, die die Herausgeberin vertritt, Blattlinie.

      Die aber will er selbst vertreten.“

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