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Auschwitz und die deutsche Schuldabwehr

28. Dezember 2011

David Olère 1946Mit den „Nürnberger Gesetzen“ von 1935 bestimmte das Deutsche Reich wer Jude sei. Deutschland verfolgte und ermordete systematisch und mit industriellen Methoden über sechs Millionen Juden während der bisher größten Katastrophe der Menschheitsgeschichte. In den großen deutschen Vernichtungslagern wurden weit über drei Millionen Juden durch Vergasung in Gaskammern fabrikmäßig ermordet oder massenhaft erschossen.  Deutsche profitierten von dieser Vertreibung und Ermordung der Juden in dem sie jüdische Häuser, Wohnungen, Besitz und die Arbeitsplätze der deportierten Juden übernahmen. Deutsche, vom fanatischen Antisemiten bis zum unpolitischen Bürokraten, waren die willigen Vollstrecker dieser Mordmaschenerie, wobei nicht alle Deutschen am Holocaust direkt oder indirekt beteiligt waren, aber es waren genug, um von „den Deutschen“ als den Tätern zu sprechen. An der Rampe von Auschwitz-Birkenau wurden die deportierten Juden selektiert, Familien für immer getrennt. Arbeitsfähige Juden kamen in das Konzentrationslager, alte oder kranke Menschen, Kinder sowie Frauen mit Kleinkindern wurden in der Regel als „arbeitsunfähig“ eingestuft und direkt nach ihrer Ankunft in Auschwitz in den Gaskammern ermordet. Es war die Politik der SS  jüdische Häftlinge dazu zu zwingen, beim Massenmord an ihren jüdischen Mitgefangenen mitzuarbeiten. In Auschwitz-Birkenau löste die Bezeichnung „Sonderkommando“ bei erfahrenen Häftlingen Angst und Schrecken aus, da bekannt war, dass dieses Kommando bei „Sonderbehandlungen“, der Tarnbezeichnung für den Massenmord und die restlose Beseitigung der Opfer, eingesetzt wurde. Der Gymnasiast Filip Müller aus der Tschechoslowakei und der zwanzigjährige Shlomo Veneziaaus Griechenland wurden dem Häftlings-Sonderkommando in den Krematorien und Gaskammern zugeteilt. Als jüdische Zeugen der Massenvernichtung wurden die Mitglieder des Sonderkommandos in der Regel nach wenigen Monaten erschossen. 1944 gab es eine Revolte des Sonderkommandos, die blutig niedergeschlagen wurde, wobei von den  661 eingesetzten Sonderkommando-Häftlingen 451 Mann während des Aufstands ermordet wurden. Von den 2.200 jüdischen Häftlingen der Sonderkommandos überlebten 110 das Kriegsende, in dem sie sich 1945 im Chaos der Lagerauflösung aus ihrer Isolierbaracke ins Männerlager schmuggeln konnten.

David Olère 1946Die jüdischen Häftlinge der Sonderkommandos wurden gezwungen ihren jüdischen Mitgefangenen beim Entkleiden in den Umkleideräumen vor der Gaskammer zu helfen, sie zu beruhigen und Gebrechliche in die Gaskammern zu tragen. Im Entkleidungsraum waren an den Wänden nummerierte Kleiderhaken, darunter standen Bänke, auf die sich die Leute beim Ausziehen setzen konnten. Um sie noch mehr zu täuschen, sagten ihnen die Deutschen, sie sollten sich die Nummer gut merken, damit sie ihre Sachen „nach dem Duschen“ besser wiederfinden können. Verlor ein Mitglied des Sonderkommandos während des Entkleidens ein Wort über den bevorstehenden Tod, wurde er bei lebendigem Leibe in die Verbrennungsöfen gesteckt. Einige Mitglieder des Sonderkommandos begingen Selbstmord indem sie sich selbst in die Verbrennungsöfen warfen.  Nachdem die Türe zur Gaskammer geschlossen war warf ein SS Mann das Zyklon B in einen Schacht. Der Todeskampf, die Todesschreie, das Weinen, der qualvolle Tod der Menschen dauerte zwischen zehn und zwölf Minuten. Nach weiteren zwanzig Minuten mussten die Sonderkommandos die Toten aus der Gaskammer holen. Die Menschen waren ineinander gekeilt, bei manchen Opfern waren die Augen aus den Höhlen getreten. „Das Gas stieg von unten nach oben und alle wollten Luft haben, selbst wenn sie dafür übereinandersteigen mussten. Das taten sie so lange bis der letze tot war“, schreibt Shlomo Venezia. Shlomo Venezia und die Männer der Sonderkommandos mussten anschließend die Leichen der Opfer in allen Körperöffnungen auf Wertsachen untersuchen, den Opfern die Goldzähne ziehen, den ermordeten Frauen die Haare schneiden und die Leichen anschließend zu den Verbrennungsöfen zu bringen. Nachdem die Gaskammern leer waren mussten sie von Blut und Exkrementen gereinigt werden um ihn für die nächste Gruppe von selektierten Juden vorzubereiten. In den Entkleidungsräumen mussten sie die verbliebene Habe der Opfer einsammeln und zum Weitertransport vorbereiten. Bei Erschießungsaktionen auf dem Krematoriumsgelände oder im Hinrichtungsraum mussten sie die Opfer ablenken und festhalten. Die jüdischen Sonderkommandos arbeiteten in zwei Schichten, damit die Vernichtung der Juden Tag und Nacht aufrecht erhalten werden konnte.

David Olère 1946Bei den Ermordungen in den Gaskammern von Lagerinsassen verzichteten die Deutschen auf ihre Lüge von der Desinfektion. Filip Müller berichtet von der Ermordung von 600 tschechischen  Juden des „Familienlagers“ Auschwitz: “…Aber bevor sie weiterdenken konnten, fuhr Voß schon fort: „Alles wird viel leichter sein, wenn ihr euch schnell auszieht und dann in den Raum nebenan geht. Oder wollt ihr es euren Kindern die letzten Augenblicke unnötig schwermachen?“ Die Menschen hatten jetzt aus dem Mund ihres sich besorgt gebenden Henkers unmissverständlich und unverblümt gehört, was ihnen bevorstand. Viele wandten sich ab, vor Furcht zitternd. Die Stimmen wurden leise und verkrampft, kaum eine Bewegung der Menschen war noch natürlich. Ihre Augen blickten starr mit durchdringender Schärfe, wie hypnotisiert. Eltern nahmen ihre Kinder in die Arme, tödlicher Ernst erfüllte den Raum. Die meisten fingen jetzt an, sich auszuziehen, während einige wenige noch zögerten. Als die Henker das bemerkten, trieben und stießen sie die Leute mit Schlägen und Stößen aus dem Auskleideraum in die Gaskammer, ohne Rücksicht darauf, ob sie ihre Kleider schon abgelegt hatten oder nicht. Wer sich widersetzte, auf den wurde erbarmungslos und brutal eingeschlagen. Die wehrlosen Männer hatten sich um die Frauen und Kinder geschart, um sie vor den Schlägen und vor den Bissen der Hunde zu schützen. Auf der engen Fläche des Auskleideraumes, auf dem die Menschen zusammengedrängt worden waren, kam es jetzt zu einem Chaos. Die Opfer stießen und schoben sich gegenseitig, traten sich auf die Füße, Blut spritzte, SS-Männer schrien und schlugen wild mit Knüppeln, Hunde bellten wütend und bissen um sich. Plötzlich hob eine Stimme zu einem Gesang an, der immer stärker wurde und bald zu einem mächtigen Chor anschwoll. Die Menschen hatten begonnen, die tschechoslowakische Nationalhymne »Kde domov muj« zu singen. Anschließend ertönte das jüdische Lied »Hatikvah«. Auch während dieses Gesangs hörten die SS-Männer nicht roh und brutal auf die Menschen einzuschlagen. Sicher betrachteten sie den Gesang als eine Art letzten Protestes gegen das Schicksal, das sie ihnen zugedacht hatten und vor dem es kein Entrinnen gab.“  Und die »Hatikvah«, so Filip Müller, die heutige Nationalhymne des Staates Israel, bedeutete für sie einen Blick in die Zukunft, eine Zukunft freilich, die sie nicht mehr erleben durften.

Ein Teil der Juden wurden nicht in den Gaskammern ermordet sondern in Erschießungsräumen hingerichtet. Filip Müller schildert in seinem Buch „Sonderbehandlung“ die Ermordung einer jungen Mutter und ihrer kleinen Tochter: “Als sie schließlich von einem der SS-Leute in den Erschießungsraum geführt wurde, nahm sie ihr Töchterchen auf den Arm und drückte es zärtlich an die Brust. Dabei vergaß sie sogar, sich von ihrem Mann, der in der Nähe stand, zu verabschieden. Offenbar war sie nur noch von dem Gedanken beherrscht, die Schrecken des unmittelbar bevorstehenden Endes von ihrem Kind fernzuhalten. Sie stand jetzt vor der Hinrichtungswand und presste ihr Kind fest an sich. Die Frau wartete mit geschlossenen Augen ungeduldig auf das Ende, wartete und wartete, dass endlich der tödliche Schuss fiel und sie von diesem qualvollen Leben aus einer ihr feindlichen in eine bessere Welt beförderte. Sie dachte wohl nicht daran, dass sie ihr Kind mit zu Boden reißen und es vielleicht unter sich begraben könnte. Das wollte sie sicher nicht. Aber noch weniger wollte sie offenbar den Mord an ihrem Töchterchen miterleben.“

Viele Auschwitzüberlebende, so auch Shlomo Venezia, wurden nach ihrer Befreiung  Bürger des neuen jüdischen Staates Israel. Noch in der Gründungsnacht erklärten Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Libanon, Irak und Syrien dem neuen Staat Israel den Krieg. Nach der Gründung der israelischen Armee im Mai 1948 machten Holocaustüberlebende etwa die Hälfte der israelischen Streitkräfte und ein Viertel derer, die im Kampf fielen aus. Etwa 1.170 Holocaustüberlebende fielen im Kampf gegen die arabischen Angreifer. Viele deutsche NS-Schergen der Konzentrationslager konnten mit Hilfe der Katholischen Kirche in befreundete Länder nach Südamerika oder vor allem in den Nahen Osten fliehen, von wo aus sie die Juden nun mit Hilfe ihrer arabischen Freunde weiter bekämpfen konnten.

Die Deutschen wollten wenige Jahre nach dem Krieg nichts von ihren Verbrechen hören. Viele „Leistungsträger“ des NS-Systems,von Hans Globke, über Reinhard Gehlen, Hanns-Martin Schleyer  bis Hans Filbinger, wurden geräuschlos in die Bundesrepublik integriert.  Die Deutschen fühlten sich schnell selbst als Opfer. Von den alliierten Bombardierungen Dresdens, dem amerikanischen „Völkermord“ an den Indianern und dem „Völkermord“ der Israelis an den „Palästinensern“ war nun an deutschen Stammtischen die Rede. Der CDU Politiker Martin Hohmann nannte die Juden im Jahre 2003 ein „Tätervolk“. Martin Walser sprach 1998 in der Paulskirche von der „Moralkeule Auschwitz“. In scheinbar „linken“ Communitys wurde und wird vom „Apartheidstaat Israel“, von der „skurrilen Daseinsberechtigung Israels“ und vom „Paria-Staat Israel“ gesprochen. Es gäbe, so die sonderbare, berechnende Meinung gewisser Deutscher, eine jüdische Religionsgemeinschaft aber kein jüdisches Volk. Wenige Jahrzehnte nach den „Nürnberger Gesetzen“ sind es wieder Deutsche die sich berufen fühlen zu wissen wer Jude ist und ob sie sich ein Volk nennen dürfen. Für diese Deutschen war der Holocaust eine Variante von Fremdenfeindlichkeit, sie wollen nicht verstehen, dass jahrhundertelange antijüdische Verfolgungen mit antijüdischen Pogromen und vor allem die Shoah für die Juden in Israel oder in der Diaspora emotionale Bindungen einbrannten wie sie keinem anderen Kollektiv anhaften. Seine Auschwitznummer 172 364, schrieb einst der Atheist Jean Améry, lese sich kürzer als der Pentateuch oder der Talmud und gebe zudem gründlicher als diese Auskunft über eine jüdische Existenz.

Vermutlich hat die „Täter-Opfer-Umkehr“ dieser Deutschen mit einer tief innewohnenden Schuldabwehr zu tun, was sicherlich in jedem Einzelfall nachzuprüfen wäre. Nach zwei angezettelten Weltkriegen und dem industriellen Massenmord an den Juden meinen viele Deutsche sie haben es sich verdient die Vormundschaft und das Sorgerecht für das Opfer zu übernehmen. Die „Erziehung nach Auschwitz“ erscheint gescheitert, die grauenvollen Erlebnisse von Filip Müller und Shlomo Venezia tangieren viele Deutsche kaum. Über sechzig Prozent der Deutschen sahen laut Umfragen im Jahre 2010 im jüdischen Zwergstaat die Hauptgefahr für den Weltfrieden.

Quellen: Filip Müller – Sonderbehandlung, Shlomo Venezia – Sonderkommando, Jean Améry – Jenseits von Schuld und Sühne

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6 Kommentare leave one →
  1. 29. Dezember 2011 08:41

    Danke, dass Du es uns ma wieder in Erinnerung rufst!

    Türkische Diplomaten retteten damals im Übrigen etwa 2000 jüdische Leute, indem sie ihnen türkische Paesse gaben:

    http://en.cumhuriyet.com/?hn=303562

  2. 29. Dezember 2011 21:57

    Ich finde den Artikel – gegen den ich kein Wort einzuwenden habe – hier deplaziert. Im Roten Salon. Weil er eine Kopie ist. Hier. Vielleicht sogar eine Zweitkopie.

    • 30. Dezember 2011 00:26

      Ja, es ist eine zweite Kopie. Das hat das Thema nicht verdient.
      Das ist Internetkacke. – Ich liebe das /und auch nicht/ Gutenberguniversum.
      Verschlagwortung bei: Allgemeines/Besonderes.

    • 30. Dezember 2011 12:29

      Diese Zweitkopie hat einen besonderen Grund, eine besondere Vorgeschichte. Es soll nicht wieder vorkommen, es soll eine Ausnahme bleiben …

      • andreasfecke permalink
        4. Januar 2012 00:53

        Diese aktuelle Vorgeschichte, so rate ich, hängt mit der kürzlichen Holocaust-Debatte hier https://exilblog.wordpress.com/2011/12/25/gesetz-der-franzosischen-nationalversammlung-zur-frage-des-genozids-an-armeniern/ zusammen, in der und in der alleine ich über mehrere Tage hinweg lernen durfte, dass Relativierung von Völkermorden in zwei Richtungen denkbar ist, aber tatsächlich heute nur in einer Richtung stattfindet, relevant stattfindet

        Nazis und Antisemiten und verrückte Verschwörungstheoretiker und islamistische Gottesstaatler verleugnen den Holocaust.
        Allgemein aber ist er mehr oder weniger ehrlich anerkannt und/oder bereut.

        Damals herrschte auch eine Kultur des Wegsehens und des Schweigens, es waren ja nur die Juden, es war ja nazideutscher Krieg, es war ja Anti-Hitler-Krieg.
        Ätzend!
        Dieselbe Kultur des Wegsehens und des Schweigens gilt heute, einige tausend Personen einschließlich mir ausgenommen, dem heute noch stattfindenden Genozid im Herzen Afrikas, der wohl schon mehr als 6 Millionen bestialisch abgeschlachtete Opfer forderte.

        Seht nicht weg!

        Abgesehen davon applaudiere ich Deinem Artikel hier und empfehle ihn. ssofort weiter.

  3. 30. Dezember 2011 12:28

    @hibouh
    Corry Guttstadt hat in ihrem Buch „Die Türkei die Juden und der Holocaust“ die ambivalente Politik Ankaras gegenüber Flüchtlingen und Exilsuchenden sowie das Schicksal der in Europa lebenden türkischen Juden während der Shoah untersucht. 105 türkische Juden konnten aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen im Rahmen eines türkisch-deutschen Zivilgefangenenaustausches gerettet werden. Während des Holocaust war die Türkei wegen ihrer geographischen Lage für zahllose Juden eine lebenswichtige Brücke auf dem Weg nach Palästina.

    Corry Guttstadt schreibt in Kapitel 4 – Die Türkei in den Jahren 1933 bis 1945:

    Während des Holocaust
    Nacheinander hatten die mit NS-Deutschland verbündeten Länder oder Satellitenstaaten eine judenfeindliche Gesetzgebung eingeführt. Der Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 markierte den Beginn des systematischen Völkermords an den europäischen Juden. Wie in Bessarabien trieben Einsatzgruppen oder reguläre Wehrmachtseinheiten überall in den eroberten Gebieten der Sowjetunion von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer Juden zusammen und erschossen sie.
    Auch Serbien war bereits Ende 1941 einer der ersten Schauplätze des systematischen Judenmords. Im Januar 1942 fand in Berlin die Wannseekonferenz statt, auf der die weitere Durchführung des bereits begonnenen Völkermords geplant und beschlossen wurde. Zu diesem Zeitpunkt befand sich ganz Ost und Südosteuropa einschließlich der Nordküste des Schwarzen Meeres unter deutscher Besatzung oder im Griff NS-alliierter Regimes. Mehr als 4,5 Milli¬onen Juden lebten in diesem Gebiet.
    Inn November 1942 erklärte die Exekutive der Jewish Agency auf einer Pres¬sekonferenz in Jerusalem, dass sie von der systematischen Ermordung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten erfahren habe. Doch es dauerte noch Monate, bis die Alliierten diese Informationen erhielten und ihnen Glauben schenkten. Da einige Juden, die aus Konzentrationslagern oder den in Osteuropa errichteten Ghettos hatten entkommen können, bis nach Istanbul gelangten, war die Stadt »einer der bestinformiertesten Plätze der Welt« Man kann davon ausgehen, dass folglich auch die türkische Regierung recht früh über das Ausmaß des deutschen Judenmords im Bilde war.

    Der spätere Bürgermeister von Jerusalem, Teddy Kollek, erinnert sich in seinen Memoiren: »In Istanbul hörten wir zum ersten Mal von den Massenvernichtungen der Juden. (…) Im Laufe der Zeit wurde das Bild immer schlimmer. Tag für Tag liefen bei uns neue Nachrichten über die Ausrot¬tungskampagne der Nazis ein. Es fiel uns schwer, sie zu glauben und das ganze Ausmaß dessen zu begreifen, was sie bedeuteten. Oft waren wir die ersten und auch eine Zeitlang die einzigen Menschen außerhalb der von den Nazis besetzten Welt, die Bescheid wussten. (…) Dann sickerten gleichsam tropfenweise Juden in Istanbul ein – manchmal nur zwei oder drei, denen es irgendwie gelungen war, dem KZ zu entkommen, und die wir aus Rumänien, Bulgarien oder Griechenland herausschafften. Nie werde ich vergessen, wie sie aussahen und welche grauenhaften Dinge sie berichteten. (…) Die Nachrichten über die Vernichtungsaktionen versetzten uns in einen Zustand, der an Wahnsinn grenzte. Wir schreiben Briefe an Gott und die Welt – Tausende von Briefen, die in aller Herren Länder hinausgingen -, in der Hoffnung, Menschen aus den Gefahrenzonen und den Todeslagern herauszuholen und der Welt die Augen darüber zu öffnen, was in Deutschland geschah (..) Wir waren die ersten, die authentische Tatsachen erfuhren.«

    Rettungsbemühungen und Hilfskomitees
    Aufgrund der dramatischen Entwicklungen 1941/42 hatte die Bedeutung der Türkei als potenzieller Fluchtweg für Millionen Juden aus Ost- und Südeuropa sprunghaft an Bedeutung gewonnen. Zur Rettung der Juden entsandten nun zahlreiche jüdische Organisationen ihre Vertreter in die Türkei. Ende 1942 wurde das Rettungskomitee Va‘ad ha-Hatzalah ins Leben gerufen, in dem Vertreter verschiedener jüdischer Gruppen arbeiteten. Auch Revisionisten und die religiöse Agudat Israel, die nicht in der Jewish Agency vertreten waren, nahmen daran teil. Die Zahl der beteiligten Aktivist schließlich über zwanzig Personen, darunter Teddy Kollek, Ehud Avriel, Yitzhak Gruenbaum, Venya Pomeranz, Menahem Bader, Dr. Jacob Griffel und viele weitere. Einige von ihnen hielten sich ständig in der Türkei andere reisten ein und aus. Außer Haim Barlas und später Joseph Goldin, die sich offiziell und mit Genehmigung der türkischen Stellen im Land auf aufhielten, arbeiteten die anderen getarnt als Journalisten, Geschäftsleute oder Touristen. (….)

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