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Der Überdruss der algerischen Jugend – Motiv des Malers Aghilès Issiakhem

26. Dezember 2011


Direkt im Zuge der Volksaufstände Anfang 2011 in Tunesien und Ägypten gegen ihre Diktatoren und die menschenverachtenden Lebensbedingungen dort gab es auch in Algerien eine Revolte, eine etwas andere: Tausende maskierter Jugendlicher plünderten und brandschatzten zwei Tage lang ohne politische Forderungen, wurden dann – wie üblich – von der Macht brutal und tödlich gestoppt.
Seitdem (und nicht erst seitdem) gibt es auch in Algerien eine kleine Demokratiebewegung, die mich wegen ihrer Isolierung vom Volk etwas an die russische (bis vor zwei Wochen) erinnert. Was Wunder auch, zweiter Russlandvergleich, wenn für eine Demonstration von 5000 Menschen in der Millionenstadt Algier 30.000 Polizisten und Soldaten aufgeboten werden, um „Sicherheit zu gewährleisten“ bzw. den Platz und die gesamte Stadt zu verriegeln.

An Russland, diesmal die End-Sowjetunion rund um 1980, erinnert mich auch das ganze algerische Regime: Es ist eine starre, bleischwere, ideologisch untermauerte und aus einer fernen Vergangenheit (Algerien: der Befreiungskrieg gegen die Kolonialmacht Frankreich Mitte des letzten Jahrhunderts) sich legitimierende Gerontokratie, eine Greisenherrschaft. Ein über Jahrzehnte gesamtgesellschaftlich greifend gewachsenes autoritäres System, das Volk und Individuen nicht nur unterdrückt und enteignet, sondern auch noch alles in ihnen lähmt.

Präsident Bouteflika plus „algero-sozialistisch-antikolonialistischer“ Nomenklatur wissen das offenbar, man reagiert mit „Reform“vorhaben, die die regimeunabhängigen isolierten zivilgesellschaftlichen Kräfte als Schritte zurück in die „bleierne Zeit“ der 1990er analysieren.
Er sucht offensichtlich – im Unterschied zum marokkanischen König, der so langsam wie möglich, aber wirklich, reformieren will – den Weg in eine langsame Implosion des Systems, lange nach ihm und seinen Helfern – Motto: Retten wir, was zu retten möglich sein kann! (Was, sei dem Betrachter zu urteilen überlassen…)
aghiles2
Photo: Galerie art 4 you, Alger
=> facebook „Art 4 You“ Galerie in Algier
=> => Fotoalbum Gemälde Aghilès Issiakhem, peintures: album photo facebook

Währenddessen leidet die Jugend (klar, nicht nur sie) dieses an Ölrenditen durchaus reichen Landes nicht nur unter Armut, Job- und Wohnungslosigkeit, sondern, im Unterschied beispielsweise zur tunesischen Jugend, auch unter Bildungsmangel. Siehe Revolte Januar.

Für mich etwas Älteren ist das traurigste Indiz über den Zustand des Landes dieser: nur eine klitzekleine Minderheit der seit Jahrzehnten in Frankreich (und anderswo) lebenden Algerier – derer darunter, die sich Reisen leisten können, wohlgemerkt – verbringt ihre Sommerferien daheim, die meisten fahren an die Küsten Tunesiens oder Marokkos.

Unfreiwilliges Symbol des Lebens- und zur Zeit unpolitischen Systemüberdrusses der algerischen Jugend ist der „hittiste“, der überall in den Straßen arrogant und verzweifelt an die Mauern gelehnt verharrende junge Mann.

Diesen bringt der erst 22-jährige ungebildete Künstler Aghilès Issiakhem auf die Leinwand, momentan in einer Ausstellung in der Galerie art-4-you in Algier.
Über ihn gibt es momentan nur einen einzigen Artikel auf deutsch, nämlich hier in meinem Afrikablog.
Ich bitte um Verbreitung, Künstler und Sache sind es wert.

Wer jetzt mehr über Algerien sehen möchte (und damit auch die Quellennachweise dieses ganzen Artikels): Ebenda, Rubrik Algerien, etwas Zeit haben, etwas weiterblättern.

L'artiste algérien Aghiles Issiakhem, pose lors de son exposition à Alger, le 29 novembre 2011
Foto (c) AFP: Der algerische Künstler Aghiles Issiakhem zeigt seine Bilder in einer Ausstellung, 29. November 2011 in Algier

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2 Kommentare leave one →
  1. andreasfecke permalink
    26. Dezember 2011 14:36

    Etwas kaltschnäutzig,

    aber im Sinne des Respekts der Artikelthemen Algerien und Aghilès Issiakhem und in Kenntnis der Internetkultur, derenthalber in anderem Zusammenhang ja auch dieses Blog entstand, melde ich mich als erster Kommentator,

    themenfremd,
    vorab:

    Heute früh noch habe ich hier in einem Kommentar zu einem frz Gesetz über die Verleugnung von Völkermorden folgenden Satz gelesen und ich zitiere ihn, weil ich ihn schon hunderte Male gelesen habe und er eine Art gängige Meinung zu sein scheint:
    „In Ägypten folgte auch nichts Besseres, ich denke, das kann man schon mal sagen.“
    Kann man sagen, zehn Monate nach einem Umsturz? Der uns bei den Arabern enorm überraschte, dem wir damals überraschten Nördler sofort (obwohl es ja Araber und Muslims sind) Qualitäts- und Tempokriterien anlegten, die weltweit fernab jeder geschichtlichen Erfahrung liegen? Oder weil sie Araber und Muslime sind?

    Ich möchte diese Art von Diskussionen hier argumentativ abwürgen und lade im Gegenzug jeden ein, mich hier zitierend einen eigenständigen Artikel zu veröffentlichen, oder zwei.

    „Islamisten“, derer Strömungen es zwischen Terrorismus und religiösem Fundamentalismus und sozial engagiertem Pragmatismus viele gibt, gewinnen die erstmals freien Wahlen in mehreren Ländern.
    Oh Schreck, vom Regen in die Traufe!

    Die Regime Ben Ali, Mubarak, Gadaffi, Mohammed VI und Bouteflika in Nordafrika und wahrscheinlich mehrere im Nahen Osten legimitisierten sich jahrzehntelang auch als „Bollwerke gegen den Islamismus“.
    Was Wunder, wenn Islamisten in ersten freien Wahlen zunächst mal als saubere politische Kraft angesehen werden und haushoch gewinnen?
    Kompetente Analysen dazu hier

    Wieviele Jahrzehnte hat Europa gebraucht, um sich aus dem Desaster 1914-1918 korrekt zu erheben?
    Und wir geben denen nur Monate?
    Ängste todesnaher Alter (natürlich vor allem kulturell gemeint)?
    Eine neue, linke, aufgeklärte Art von Kulturimperialismus?
    Pro-israelische Geopolitik?
    Oder wieder nur alte Xenophobie oder Besserwisserei?

    Wie dem auch sei, ich bitte sehr, die hundert an meinen Artikel und den Kommenatar angrenzenden Themen nicht hier durchzuplaudern, sondern separat.
    Ich werde dabei sein!

    Hier geht es um ein einziges Land, um einen Künstler und sein Wirken,
    und um den Fakt, dass in kurzer Zeit auch in Algerien nachgelesen wird, wie respektvoll und ernsthaft wir das alles behandeln.

  2. 27. Dezember 2011 21:42

    Den Artikel sowie den ersten Kommentar des Artikelschreibers empfinde ich als übergriffig. Deshalb wird der Beitrag wohl kaum Kommentare erhalten. –
    Auch ich stelle die Form über den Inhalt. Gerade im Künstlerischen.
    Im Menschheitlichen.
    Inhalt ist allzuoft unwesentlich.
    Marx: Erscheinung – wichtig.
    Wesen – verborgen.
    Unterm Schein.
    Dann Adorno fragen.
    Ich bin Dein Erzähler.

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