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Zur Diskussion: Europa

21. November 2011

Ich selber verstehe von diesen ganzen EU-Währungsgeschichten fast nichts. Fast nichts von der „Rettung des Euro“, fast nichts vom ökonomischen Untergang mehrerer europäischer Länder.
Dennoch gebe ich hier einen Kommentar wieder, den ich bei Hibou geschrieben habe, zur Debatte:

1914 wurde in Europa der Tod der Nationalstaaterei unterzeichnet, sehr blutig. Nach 1918 gab es einen klitzekleinen Völkerbund und viele Revanchegedanken nationalistischer Art.

1945 war dasselbe Europa eine abgebrannte Fläche, noch mehr Millionen Menschen hatten dafür bezahlt.

Das Zeitfenster war kurz, aber es war da: Europa, damals eine „weisse Fläche auf der Weltkarte“, von oben sehen, europäisch, historisch korrekt gesehen, was hätte es werden können?

„Was hätte“ ist kein wissenschaftliches Argument, aber ich scher mich drum und sage:
Es hätte einen europäischen Wiederaufbau geben können. Mit sozialen Standards und ethischen Grundsätzen, wie etwa der Gleichbehandlung ehemaliger Kolonien. Der Kalte Krieg und später der Neoliberalismus der USA, das waren kein Muss.

Das Gegenargument „dann kam sofort der Kalte Krieg“, Kommunismus gegen Freie Welt, ist für mich nichtig.
Wir sprechen über einen Zeitraum von fast zehn Jahren. Dem „arabischen Frühling“ wird nicht ein Fünftel davon gewährt.

Allüberall in Europa entstand 1945 eine europäische Idee, 1948 unterschrieb die neue UNO eine universelle Menschenrechtedeklaration.

Was geschah?

ALLE Führer der Sieger und der Schuldigen zogen sofort auf einer weissen Karte die alten, kaputten Linien neu.
Und zerstörten, unwidersprochen, die europäische Idee:

Zigtausende Demonstrationen mit Millionen von Menschen fanden in den paar Jahren des Noch-Nicht-Kalten-Krieges statt,
fast niemand formulierte dabei die Idee des kulturell, sozial, ökonomisch und politisch geeinten Europas.

Aus der wurde später die pur ökonomische Europaidee der Konservativen von Adenauer bis Kohl bis Merkel, über Schmidt und Schröder.

Und jetzt soll Europa schlecht sein wegen ökonomistischer Folgen?,
und wegen Argumenten von „national gesinnten“ Arschlöchern, die im Sinne jeder irdischen und ausserirdischen Gerechtigkeit gesehen, schon 1918 in Gräbern hätten verfaulen müssen?

„Ja“ sagen zu Europa, jede deutsche Regierung wird es müssen.

Europa europäisch aufbauen,
das können nach fast 100 Jahren und fast 50 Millionen Toten

wohl nur noch Dissidenten.

Meine Frage, namentlich hier,

wer von Euch ist Dissident?

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2 Kommentare leave one →
  1. 22. November 2011 10:05

    Du hast völlig recht, Andreas, erstens mit „was hätte werden können“ und zweitens mit dem Vorrang der Ökonomie in der neueren Idee Europas.
    Ich sehe wie Fidelche und Du zwar auch keine Alternative zum vereinigten Europa, aber meine Bedenken waren auch eher gegen Merkel (und Sarkosy) gerichtet; ich wiederhole: dadurch, dass sie sich alle anderen zum Feind macht, schadet sie der Idee, der sie anscheinend (scheinbar) verpflichtet ist, nach dem Motto: Operation gelungen, Patient tot.
    Schaut euch die “Trojka” (nett, dass wir russisch sprechen) an: nu wird also Griechenland mal wieder von einem Deutschen geleitet. Fachkräfte aus (den christlichen Ländern, ich komme gleich noch auf Religionen zu sprechen) Griechenland und Spanien wandern wegen katastrophaler wirtschaftlicher Lage und hoher Arbeitslosigkeit massiv nach Deutschland aus. Das ist gut für Deutschland, aber schlecht für Europa (und verschlechtert die Lage in den “faulen” südlichen Ländern noch mehr).

    Das vereinigte Europa muss ein anderes sein, als das jetzt vorgestellte: ein soziales (zumindest, wenn nicht sozialistisches), eines, in dem alle Religionen, Ethnien, Lebensformen, Nasenarten privat gleich gepflegt werden können und öffentlich gleich unstrittig und unbedeutend sind (Was ist das erste Ziel Rajois in Spanien nach der Regierungsübernahme? Die Homosexuellen-Ehe wieder abzuschaffen), eines, wo die Schere zwischen arm und reich geschlossen ist und jede/r nach seinen Bedürfnissen leben kann, ja, und eines, dass in Frieden mit der Welt lebt und sich um die Zukunft des Planeten Gedanken macht.

    Kurz und gut: zwei mächtige Gegebenheiten stehen einem Europa nach meiner Ansicht im Weg: der Kapitalismus und die Gläubigkeit der (einfacheren) Leute. Vom Augurenlächeln der Reichen schweige ich hier mal.

    Die Religionen Islam und Christentum sind weltweit gesehen auf dem Vormarsch und tun alles, um demnächst blutig aneinanderzugeraten (so sie es denn nicht bereits tun). Man verfolge den sogenannten “Arabischen Frühling” im einzelnen (wobei ich noch nicht alle Hoffnung verloren habe, dass die weltlichen Teile der Gesellschaft sich auf Dauer dann doch gegen die Religion behaupten) (naja, die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man). Dann guckt nach den USA. Man hört, dort seien die religiösen Bewegungen, die Evangelikalen, die Tea-Party, massiv auf dem Vormarsch…
    Europa hält bisher auch noch an seiner christlichen Tradition fest. Wenn das sich nicht ändert, sehe ich schwarz.
    Was wir brauchen: säkularen Diskurs, säkulare Erziehung, Utopien für die Gesellschaft der Zukunft (die haben die Religionen auf ihre Art nämlich!). Dann kann Europa was werden. Bis dahin ist es noch ein Stück Weges. Auf, auf!

    • andreasfecke permalink
      22. November 2011 11:16

      „Was wir brauchen: säkularen Diskurs, säkulare Erziehung, Utopien für die Gesellschaft der Zukunft (die haben die Religionen auf ihre Art nämlich!). Dann kann Europa was werden. Bis dahin ist es noch ein Stück Weges. Auf, auf!“
      BRAVO.
      Ich bin dabei, Du auch, wer noch?

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