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Europa und Angela Merkel

17. November 2011

Wir alle haben Muttis gebetsmühlenhaft wiederholte Apelle im Ohr: “Scheitert der Euro, scheitert Europa”, „Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Europa”, undsoweiter. Natürlich sind wir erfreut, überrascht, vielleicht angesichts von Habitus und Körpersprache sogar leicht amüsiert, dass Deutschland sich wider Erwarten nicht auf einen spätnationalistischen Standpunkt der Eigenstaatlichkeit zurückzuziehen scheint. Aber wer sagt uns, dass Merkel nicht nur deshalb so kämpferisch für Europa eintritt, um das “Deutsche” zu retten? “In Vielfalt geeint”, so ein offizieller europäischer Leitsatz, und wir stellen uns mal eben das Europäische Parlament vor, und nebeneinander sitzend einen sächsischen Abgeorneten neben einem neapolitanischen, einer Dame aus Kreuzberg, einer aus Mauritius zugewanderten französischen Abgeordneten, einem rechtsextremen Ungarn, einem Roma aus den rumänischen Karpaten, einer Holländerin aus Zutphen, einem Osnabrücker Fussballfan und zwei irischen Opernsängerinnen. Soll das nu alles mecklenburgisiert werden? (Beiseite gesprochen: es geht net. Selbst der neolithischste Typ trinkt heutzutage Cola, nichtsdesdotrotz bleibt er neolithisch……)

Aber habt ihr mal die “Ausländer” zu ihren Ansichten über die Deutschen gefragt? In weiten Teilen Europas gelten sie inzwischen, und nicht zuletzt wegen Angela Merkels Aktivitäten, als machtgeil, als Raffkes, ja als “Tiere”. So erreicht Mutti möglicherweise genau das Gegenteil von dem, was sie als anzustreben vorgibt: denn keiner möchte ein Vereinigtes Europa unter deutscher Vorherrschaft.

“Die Idee Europas” wurde uns schon in der Schule nahegelegt. Ich erinnere mich dunkel an ein gleichnamiges Buch bei dtv und darin abgedruckte Stellen von Dante, Churchill und vielen anderen. Mein Interesse hielt sich in Grenzen (ich habe den Faden verloren! sagte die Näherin). Ich dachte an die leise vor sich hinwachsenden Busen von Gabi und Michi, den Zwillingen zwei Klassen unter uns. Europa? Das sei weit.

Inzwischen aber müssen wir auslöffeln, was Kohl und Mitterand uns eingebrockt haben. Globalisierung? Lokalisierung? Glokalisierung? Habermas, hilf! *gg*

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3 Kommentare leave one →
  1. andreasfecke permalink
    17. November 2011 12:51

    Nicht einverstanden.
    Dieser „huch, ich hab‘ den Faden verloren, sagt die Näherin“ – Faden ist mir historisch zu kurz gewebt und zu fadenscheinig.
    Die Europa-Ideen von : de Gaulle, Adenauer; Brandt, Giscard, Kohl, Mitterand und vielen Mächtigen und Ohnmächtigen weit ostwärts, nordwärts, westwärts, südwärts muss niemand auslöffeln.
    Ich plädiere dafür,
    dass wir uns allmählich auch mal an den Gedanken gewöhnen, dass wir alle diese Suppe mitgekocht haben, die auszulöffeln uns noch viel besser schmeckt als einigen Milliarden anderen.

  2. 21. November 2011 17:34

    Mir ist jedenfalls ein in Europa eingebundenes Deutschland sehr lieb und ich sehe keine Alternative dazu. Die deutsche Vorherrschaft ist seit langer Zeit Faktum. Eventuell gibt es in einigen Jahren einen Nordeuro und einen Südeuro, vor der großen Währungsreform.

  3. andreasfecke permalink
    21. November 2011 19:35

    1914 wurde in Europa der Tod der Nationalstaaterei unterzeichnet, sehr blutig. Nach 1918 gab es einen klitzekleinen Völkerbund und viele Revanchegedanken nationalistischer Art.

    1945 war dasselbe Europa eine abgebrannte Fläche, noch mehr Millionen Menschen hatten dafür bezahlt.

    Das Zeitfenster war kurz, aber es war da: Europa, damals eine „weisse Fläche auf der Weltkarte“, von oben sehen, europäisch, historisch korrekt gesehen, was hätte es werden können?

    „Was hätte“ ist kein wissenschaftliches Argument, aber ich scher mich drum und sage:
    Es hätte einen europäischen Wiederaufbau geben können. Mit sozialen Standards und ethischen Grundsätzen, wie etwa der Gleichbehandlung ehemaliger Kolonien. Der Kalte Krieg und später der Neoliberalismus der USA, das waren kein Muss.

    Das Gegenargument „dann kam sofort der Kalte Krieg“, Kommunismus gegen Freie Welt, ist für mich nichtig.
    Wir sprechen über einen Zeitraum von fast zehn Jahren. Dem „arabischen Frühling“ wird nicht ein Fünftel davon gewährt.

    Allüberall in Europa entstand 1945 eine europäische Idee, 1948 unterschrieb die neue UNO eine universelle Menschenrechtedeklaration.

    Was geschah?

    ALLE Führer der Sieger und der Schuldigen zogen sofort auf einer weissen Karte die alten, kaputten Linien neu.
    Und zerstörten, unwidersprochen, die europäische Idee:

    Zigtausende Demonstrationen mit Millionen von Menschen fanden in den paar Jahren des Noch-Nicht-Kalten-Krieges statt,
    fast niemand formulierte dabei die Idee des kulturell, sozial, ökonomisch und politisch geeinten Europas.

    Aus der wurde später die pur ökonomische Europaidee der Konservativen von Adenauer bis Kohl bis Merkel, über Schmidt und Schröder.

    Und jetzt soll Europa schlecht sein wegen ökonomistischer Folgen?,
    und wegen Argumenten von „national gesinnten“ Arschlöchern, die im Sinne jeder irdischen und ausserirdischen Gerechtigkeit gesehen, schon 1918 in Gräbern hätten verfaulen müssen?

    „Ja“ sagen zu Europa, jede deutsche Regierung wird es müssen.

    Europa europäisch aufbauen,
    das können nach fast 100 Jahren und fast 50 Millionen Toten

    wohl nur noch Dissidenten.

    Meine Frage, namentlich hier,

    wer von Euch ist Dissident?

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