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Erinnerung: Die erste Bloggerin, 1995

14. November 2011

Übersetzung aus: Le Figaro, Juli 2007
Brigitte Gemme war 17 Jahre alt, als sie 1995 den ersten französischsprachigen Blog ins Leben rief.

Ein globales Dorf, unglaubliche Milliarden Besucher, Millionen von Dollar die durch die „sozialen Netze“ generiert werden, und 100 Millionen Blogger laut der jährlichen Prognosen des Forschungsinstitutes Gartner:
Heute, wo das Web 6 Nullen vor dem Komma schreibt, wer erinnert sich denn da noch an die „Homepage“, den persönlichen Freiraum, unzugänglich für den Normalsterblichen? Wer erinnert sich noch daran, als die online Spiele nicht dreidimensional, nicht einmal eindimensional waren, sondern in Wörtern und Sätzen geschrieben wurden?
Brigitte Gemme erinnert sich gewiss noch daran, mit einem Hauch von Nostalgie.

„Meinungen, Seelenzustände und besonders Banalitäten“

Diese Frankokanadierin ist in der Tat eine Pionierin des französischsprachigen Webs in einem Zeitalter, als Frankreich seine Zukunft noch in beigefarbenen Kisten namens „Minitel“ sah und das Wort bloggen noch ganz und gar unbekannt war.
Der Ausdruck „Weblog“ erschien erst 1997, kann also möglicherweise unpassend erscheinen: Brigitte veröffentlichte ihr persönliches Tagebuch schon 1995.
Mit 17 war sie Mitglied eines Informatikkurses an ihrer Schule und nahm die Anregung eines anderen Mitgliedes, ein Angestellter von einer der ersten „FAI“, an. Sie ruft ihre persönliche Seite mit dem Namen „Montreal, Sonne und Regen“ ins Leben.

Am 7. Juni 1995 um 5:30 morgens schreibt sie: „Rückkehr aus Halifax : es ist noch nicht mal 7 Uhr, doch ich sitze schon vor meinem Computer. Die Reise war lang, aber wenigstens konnte ich dieses mal schlafen“ .
Das ist der erste Blogeintrag von Brigitte Gemme. Einer der wenigen, die aus dieser Zeit im Web noch archiviert sind.

Brigitte Gemme- erste BloggerinSchnell bekannt unter dem Namen „MSP“, kann dieses Tagebuch ein Blog genannt werden?
Chronologisch geordnete, tägliche Blogeinträge mit persönlichem Inhalt und die Ich-Form neigen zu einem JA.
Andererseits „hatte die Leserschaft keine Möglichkeit um auf die Einträge zu reagieren“, betont die Autorin, die den fast schon archäologischen Charakter ihres Werkes zurückweist.
„Ich habe Meinungen kundgetan, Seelenzustände beschrieben und besonders über Banalitäten berichtet und das mit Hilfe von neuen Medien. Man kann nicht von einer großen Revolution sprechen.“ sagt sie.
Dennoch, welch bessere Definition des Blogs gibt es – zwei Jahre vor der Erfindung dieses Wortes und ein Jahrzehnt vor der Verbreitung des Begriffes in der Öffentlichkeit?

Doch das war für eine der ersten Bloggerinnen der französischen Sprache nicht zufrieden stellend. Brigitte Gemme hat gleichzeitig an verschieden neuartigen Initiativen teilgenommen, deren Prinzipien immer noch Gültigkeit haben. Darunter der „Kreis der geschriebenen und illustrierten Tage“, einer Gruppierung von Tagebüchern, die im Jahr 1998 bis zu hundert Mitglieder zählte und von dessen Seiten immer noch einige aktiv sind. http://www.fugitif.net/oeil_et_plume/cercle.php

Auf ihrer Verdienstliste steht ebenfalls einer der ersten Versuche des so genannten „cross-blogging“, einer Art des Bloggens, die zwei Blogger assoziiert.
In „Das Auge und die Feder“( http://www.fugitif.net/oeil_et_plume/index.php )
schickte Hugues Van Rymenam (Pionier der belgischen „Fotoblogs“, http://www.fugitif.net/ ) ihr täglich ein Bild seiner Stadt Namur. Und sie sollte nach ihrer momentanen Inspiration den Text dazu erfinden.

[Hinweis: den Index dieser Foto-Text Dialoge gibt es auch noch, mit den links zu den Beiträgen, die dann allerdings französisch sind. »»» bebildertes Inhaltsverzeichnis hier]

Das Internet demokratisiert sich

Bleibt nur die Frage, wie Brigitte Gemme auf diese neuartige Idee kommen konnte.
„Ich war eine junge Frau in einer hauptsächlich männlichen Welt, die etwas bis dahin Unbekanntes mit den gleichen Hilfsmitteln ausprobierte. Ich hatte keine technischen Ambitionen, ich wollte dem Internet einfach ein wenig Poesie einflößen“, erklärt sie.

„Drei Jahre, zwei Tage und mehr als 1000 tägliche Zugriffe später“, am Dienstag den 9.Juni 1998, unterzeichnet Brigitte Gemme das Nachwort von „Montreal, Sonne und Regen“: „Das Internet hat sich demokratisiert, (….) es stört mich zu wissen, dass sich halb-Fremde auf Grund der wenigen Worte meinerseits, mit mir vertrauter fühlen.“
Diesem wohnt ihre einzige Disharmonie mit dem typischen Blogger der 2000er inne:
Das Wettrennen um die Bekanntheit hat sie sich abwenden lassen, nicht angezogen.

Ende.

Ich nun möchte mit diesem kleinen Beitrag keinesfalls die Frage aufwerfen, ob Brigitte, und nicht wie vermutet werden darf, ein US-Boy das Bloggen erfunden hat. Man weiss es halt nicht.
Daher aber steht er hier: viele Blogger, gerade auch aus „meinem“ Themenbereich Politik, ziehen gerne über die Presse, die Medien her. Ich auch, und zwar oft. Dabei vermittelt man (auch sich selbst) fast den Eindruck, dass im Grunde genommen fast nur noch in Blogs lebensnah und irgendwie wahrheitlich geschrieben wird.
Mit dem Abdruck dieses sympathischen Zeitungsartikels über das Bloggen möchte ich also mal etwas Buße tun und eine kleine Planke über den von mir mitgeschaufelten Graben legen.

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