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İstanbul und Fussball

31. Oktober 2011
by

“İstanbul’lu dinliyourum

gözlerim kapalı”

(“Ich höre İstanbul –zu-, mit geschlossenen Augen”, so beginnt ein berühmtes Gedicht Orhan Velis, das fast jede/r auswendig kann)

İstanbul ist – fragen Sie jede, die mal da war – einfach der Wahnsinn. Ein Korrespondent einer deutschen Zeitung sagte neulich: “Wenn ich dran denke, dass ich den Ort in absehbarer Zeit wieder verlassen muss, krieg ich augenblicklich Panikattacken!” Der Bosporus, die Landschaft, die riesige Ausdehnung, die Schiffe, das Nachtleben, die immer noch vorhandene Völkermischung, das Gewimmel, der Verkehr, die Bazare, die Moscheen, die Strassenverkäufer, die Taxifahrer wie Blätter im Wind, die Hängebrücken, das Goldene Horn, die Angler mitten in der City, die Inseln und vieles andere mehr. Ich war selbst schon einige Male da, und so ‘ne Sehnsucht beim Weggehn hab ich bisher nur in Jerusalem verspürt, und das ist klein, museumshaft und beschaulich dagegen…

Ausserdem ist es für den Sportbetrieb einmalig, dass man fürs Lokalderby den Kontinent wechseln muss…..

 

Die Mega-Metropole am Bosporus stellt meist den türkischen Meister, es gilt als selten und auch ein wenig ungehörig, wenn Clubs aus der Provinz – wie Trabzonspor oder Bursa – die Saison als erster beenden. In İstanbul selbst teilen sich die drei grossen Vereine Beşiktaş, Galatasaray und Fenerbahçe die Trophäe. In letzter Zeit ist – aber auch nur dank Alex de Sousa – meist Fenerbahçe dran. Diese Saison ist aber ungewöhnlich, weil viele der leitenden Angestellten (Coaches und Vereinspräsiden) im Gefängnis sitzen. Die Spieler sind davon wenig betroffen, dennoch steht alles etwas unter Vorbehalt noch kommender Massnahmen, man spielt nicht so sehr um die Meisterschaft, als um die “Ehre” (wer tut das nicht, aber hier muss es betont werden….)

Seltsamerweise sind auch in der fernen Provinz die Fussballfans meist Anhänger eines dieser drei Grossen, man leidet und freut sich mit, man hängt die entsprechende Fahne vors Haus (Schwarz-weiss mit Adler für Beşiktaş, Gelb-rot für Galatasaray, Gelb-blau für Fener), siegt der eigene Verein, schiesst man mit der Waffe aus dem Fenster in den Himmel und die Woche ist gebongt, verliert man, zertrümmert man irgendwas im Haus und schaut tagelang finster drein. In allen Geschäften hängt eine Art Dreifaltigkeit an der Wand: Atatürk, das Bismillah und eines der drei Vereinswappen. Unsere drei Nachbarn sind leider Fenerbahçe-Anhänger. Wir wohnen also mitten im Feindesland *gg*

Nun zu den einzelnen Grossclubs (die anderen haben oft nur wenige hundert Mitglieder). Ich erzähle einfach mal, was ich bis jetzt von ihnen weiss.

Beşiktaş:

Der älteste von ihnen. Noch von Atatürk gegründet. Beşiktaş ist auch ein  (europäischer) Stadtteil, steil zum Bosporus abfallend, oben der Yıldız Saray, unten der Dolmabahçe Palast, auf der einen Seite singt die Moschee “Gott ist gross!”, auf der anderen der Nightclub “Losing my Religion”. Das Stadion, welches demnächst von Grund auf erneuert wird, schmiegt sich in den Hang wie ne Muschelschale in den Kalkstein. Wahlspruch ist aber: “Kartallar yüksekten ucar!” (Die Adler fliegen immer noch hoch!). Die Fans singen über neunzig Minuten lang ohrenbetäubende Lieder. Neulich trat Pascal Nouma, ein Ex-Stürmer, in einem Tanzwettbewerb des Fernsehens auf, worauf die Fans sangen: Pascal, nimm uns mit zur Disco! Trainer ist gerade mal kein Deutscher (Fast alle haben sie in der Türkei gearbeitet: Löw, Daum, Lorant, Osieck, Rausch (ich glaube ganz früher auch Max Merkel?), Schuster, jetzt Skibbe…), aber dafür spielen Roberto Hilpert und Fabian Ernst. Aurelio, der frühere Brasilianer, hat nen türkischen Pass bekommen und nennt sich jetzt Mehmet Aurelio (sicher werden Fabian und Roberto demnächst Fevzi und  Ramiz heissen?). Mit Edu spielt ein weiterer Brasilianer im Team (von Schalke ausgeliehen). Mert Nobre haben sie verhökert. Von der Portugal-Connection (Quarresma, Simao, Almeida, Fernandez) schweigen wir. Von der Aussprache her sind sie aber die Lieblinge der Stadionsprecher: “Guarreschma! Simao Sabrosa!!”

Galatasaray:

Im Gegensatz zu den eben beschriebenen “Schwarzen Adlern” “Löwen” (Aslanlar) genannt. Schlachtruf “Cim Bom Bom” (in der Schweiz geprägt). Die Farben des Vereins sind wie gesagt rot-gelb. Ali Sami Yen erzählt, warum: Nachdem wir viele Orte besucht hatten, kamen wir zum Geschäft von Yanko dem Fetten in Bahcekapi und wir sahen zwei elegante Kleider aus Wollstoff. Eines war schön und dunkelrot nahe einer Art purpur braun und das andere war ein dickes gelbes, welches Spuren von Orange trug. Der Geschäftsinheber kombinierte die beiden Kleider mit einer unglaublichen Handbewegung. Es erschien eine Breite, ähnlich der Farbe, welche den Kopf und den Nacken eines Distelfinks bedeckt. Es war, als würden wir Farbenspiele im Feuer beobachten. Wir stellten uns eine Breite rot-gelben Feuers über unserem Team vor und dachten, dass es uns von Sieg zu Sieg tragen würde. Und das tat es auch.

Neulich, anlässlich der Einweihung des neuen Stadions, wurde der anwesende Ministerpräsident (der im nahen Kasımpaşa aufwuchs) von den Massen ausgebuht, dieser lief daraufhin rot an (wie wahrscheinlich zuvor in Davos) und rief singemäss: Undankbarer Pöbel! Wir haben das hier doch bezahlt!! Wartet nur, wir werden Euch via Überwachungskameras schon identifiziern!!! Trotzdem ist Galatasaray der am wenigsten laizistische der Grossclubs, Hakan Şükür, ehemaliger Torjäger, wäre sogar beinahe für die AKP Sportminister geworden. Arda Turan zog es vor, nach Spanien zu wechseln….

Mein Lieblingsspieler da ist Kâzım Kâzım. Einmal natürlich wegen seines Namens, zweitens wegen der Mischung (Vater aus Antigua, Mutter aus Nordzypern, er selbst in London geboren), drittens, weil er durch seine Eskapaden auffällt *gg*

Fenerbahçe:

“Fener” heisst Leuchtturm, “Bahçe” Garten. Woher vor dem Stadion ein kleiner Schaugarten (natürlich mit blauen und gelben Blumen) mit einem Leuchtturm zu bewundern ist. Fenerbahçe bezieht den Namen von Kadiköys nahem Fenerbahçe Kap. (Nebenbei: Kadiköy hat weit mehr Einwohner als Zürich, die grösste Stadt der Schweiz). Fenerbahçe liegt im Gegensatz zu den beiden anderen Grossclubs am asiatischen Ufer. Aber auch der hiesige Club wurde, wie Beşiktaş und Galatasaray, illegal gegründet. Im Osmanischen Reich waren Fussballclubs verboten, sie galten als Versammlungsorte für Revolutionäre und Aufrührer. Wie er das Emblem des Vereins entwarf, schildert uns Topuz Hikmet: „Nach Änderung der Vereinsfarben von Gelb und Weiß zu Gelb und Marine war es eine Herausforderung, ein neues Emblem mit den neuen Farben zu kreieren. Erstens brachte ich die Farben unserer nationalen Fahne, Rot und Weiß, zusammen. Dann zeichnete ich eine Herzform über den roten Bereich. Ich füllte die Herzform mit Marine und Gelb, bevor ich darüber ein Eichenblatt plazierte. Der äußerste weiße Ring diente als Feld für Vereinsname und -feld. Die anderen Verantwortlichen waren mit dem Design zufrieden, und das neue Emblem wurde von Tevfik Haccar, der zu dieser Zeit in Deutschland war, vollendet. Das Emblem hat sich graphisch – auch nach dem Atatürk das neue Alphabet eingeführt hatte – nicht verändert, nur der Schriftzug erscheint seither in lateinischen Buchstaben.“ Das Emblem besteht aus fünf Farben: der weiße Teil in Ringform, in dem der Schriftzug ‚Fenerbahçe Spor Kulubu 1907‘ steht, stellt Reinheit und Offenherzigkeit dar, der rote steht für Liebe und die Zugegehörigkeit zur Türkei, der Gelbe symbolisiert Bewunderung und Neid, während Marine für den Adel steht, das stehende Eichenblatt symbolisiert die Kraft und Macht von Fenerbahçe, und das Grün sagt aus, dass der Erfolg von Fenerbahçe ewig sein wird.

Die andern Klubs? Naja, da wäre Ordu, das sich als Neuling ganz gut hält. Ordu ist eine Stadt am Schwarzen Meer. Dort sind die Leute besonders musik- und tanzfreudig. Ein wunderschön melancholisches Lied dort lautet unter anderem: “Ordus Bäche fliessen rückwärts (…machen Geschehenes ungeschehen? Sollten die da vom Missbrauchsskandal in der Liga gewusst haben?)…. Ach Mehmet, süsser Mehmet, ich bin nicht böse auf Dich, Du warst mir wie auf den Leib geschneidert, mein Sürmeli, aman……” “Sürmeli” ist ein weiterer schwer übersetzbarer Begriff, er bezeichnet einen Menschen mit schwarz umrandeten Augen (Al Pacino?). Dilek rief mich mal in einen Telefonshop: Schau! Da sitzt ein Sürmeli!!

Die Clubs aus Ankara, mehr schlecht als recht sich schlagend. Kayseri? Sivas? Ich weiss net. Is doch Asche…..

Fussballclubs sind ein weiteres gutes Beispiel für die Überlegenheit des Zeichens über die Materie. Was ist Beşiktaş? Eine Idee! Wenn es nach der Herkunft der Spieler ginge, müssten wir Lissabon-Toulouse-Wien- Bratislava-Mailand-Rio-Gelsenkirchen-Stuttgart-Bolton etc. dazu sagen, bei den anderen Vereinen ist es genauso. Aber wir brüllen: Kartallar! Aslanlar! Sarı-Lacivertler!

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10 Kommentare leave one →
  1. 31. Oktober 2011 15:41

    Danke hibouh,für die sehr schöne Beschreibung des türkischen Fußballs. Die Reaktionen auf den türkischen Ministerpräsidenten machen mir die Fans von Galatasaray sympathisch. Für ein Lokalderby den Kontinent zu wechseln ist wirklich einmalig. Ich war noch nie Istanbul, das muss ich noch eines Tages nachholen.

    Die Frage ist nun noch, was heißt: „Kartallar! Aslanlar! Sarı-Lacivertler!“

  2. 31. Oktober 2011 16:46

    Adler! Löwen! Gelb-Blaue!

  3. 31. Oktober 2011 16:48

    die von Fenerbahçe werden auch „Kanaris“ genannt 🙂

  4. 31. Oktober 2011 23:03

    >Istanbul ist – fragen Sie jede, die mal da war – einfach der Wahnsinn.
    >Die Mega-Metropole am Bosporus stellt meist den türkischen Meister, es gilt als selten und auch ein wenig ungehörig, wenn Clubs aus der Provinz – wie Trabzonspor oder Bursa – die Saison als erster beenden.
    >Seltsamerweise sind auch in der fernen Provinz die Fussballfans meist Anhänger eines dieser drei Grossen: Schwarz-weiss mit Adler für Beşiktaş, Gelb-rot für Galatasaray, Gelb-blau für Fener
    >Beşiktaş: auf der einen Seite singt die Moschee “Gott ist gross!”, auf der anderen der Nightclub “Losing my Religion”
    ___
    Ich wußte es, Fußball ist die schönste Geographie der Welt.
    Aber Ordu, wo die Bäche rückwärts fließen, die sind doch lila-weiß, oder?

  5. 31. Oktober 2011 23:25

    sicher 🙂

  6. 1. November 2011 09:02

    Service für die Leser im Roten Salon: die Website von Orduspor:

    http://www.orduspor.org.tr/eng/index1.php

    Die Vereinsfarben!! und wie aufn Leib geschneidert………

    • 1. November 2011 22:47

      Unglaublich!

      • 2. November 2011 21:27

        Was für Farben!!! Welcher Spieler wechselte von Lila-Weiß zu lila-weiß? –
        Ich weiß-lila es.

  7. 1. November 2011 09:05

    Ordu

    gottseidank ne etwas aeltere Meldung…….

  8. 2. November 2011 21:30

    Hibouh. auf meinem Fußballblog hab ich gestern – dank Deiner Zeitung – den Beitrag „Mein erster Torwart“ eingestellt. (Man beachte die Orduspor-Farben.)

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