Skip to content

Marie Curie ohne Radium und Roentgenstrahlen

17. Oktober 2011

Marie Curie, die als erste Frau an der Pariser Sorbonne lehrte, bewarb sich 1911 um einen Sitz in der Académie des Sciences. In letzter Minute wurde ein (männlicher) Gegenkandidat aufgestellt, der zwei Stimmen mehr als sie erhielt. Wenn das so weitergeht – so war man sich unter Konservativen einig – endet es noch damit, dass Frauen zu menschlichen Wesen werden!

Schon als Heranwachsende hatte sich die Polin entschieden, nach Paris auszuwandern. In Polen, dem Land ihrer Geburt, waren Frauen nicht zum Studium an der Universität zugelassen. Nachdem sie einige Zeit in der “Fliegenden Universität” studiert hatte, arbeitete sie jahrelang als Hauslehrerin, um für sich und ihre Schwester Bronia das Studium in Paris zu finanzieren. Die “Fliegende Universität” war eine subversive, Polen war  zu der Zeit Teil des Russischen Zarenreiches – in der Zeit der polnischen Militärdiktatur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde diese Institution wiederbelebt.

Was ist – bis in unsere Zeiten – die “normale” Rolle der Frau? Sie bleibt Hausfrau, während ihr Ehemann arbeitet, sie stellt ihm ihren Körper zur Verfügung, sie zieht die Kinder auf, sie sorgt für Essen und saubere Kleidung. Insofern ist Frauenarbeit die erste Stufe der Frauenemanzipation. Warum? Wenn wir “Frauenarbeit” hören, denken wir an Ähnliches wie Sklaverei, wir sehen Weberinnen an Maschinen, Näherinnen, die für einen Hungerlohn in grossen Sälen im Akkord Kleider zusammennähen, Fabrikmädel, die die industrielle Revolution erst ermöglichen…..

Aber Arbeit hat auch diese andere Seite: sie ermöglicht den Frauen erst, aus dem Hause, den Ketten der Familie, zu entfliehen, unabhängig zu werden, über eigenes Geld zu verfügen, selbst über ihr Leben zu entscheiden.

Marie Curie wuchs in dieser Situation auf. Akademische Laufbahnen waren eigentlich allein den Männern vorbehalten. In einer solchen Welt – it’s a mans world – wurde sie mit doppeltem Nobelpreis ausgezeichnet, lehrte sie an der Sorbonne, stand sie jahrelang dem eigenen Institut in Paris vor, reiste sie als anerkannte Koryphäe um die Welt. Gleichzeitig strebte sie schon früh die Ehe an, wollte heiraten, heiratete dann endlich ihren Pierre auch, gebar zwei Töchter, hatte als Witwe eine Affäre mit einem verheirateten Mann – die rechte Presse beschimpfte sie als “Ausländerin, Jüdin, Emanze, die eine französische Familie zerstöre”, und nur die Linke, die damals noch nicht so antisemitisch wie heute war, verteidigte sie.

Maries Mutter war streng katholisch, der Vater Atheist. Als zwei ihrer Geschwister an Typhus starben, wandte sich Marie ebenfalles dem Atheismus zu. Aber beide Eltern waren Lehrer, Teil der „Intelligenzia“, die gewiss ihrer Kinder Berufsziele mit Verständnis betrachteten. Und das scheint das Entscheidende zu sein.

Dieser Tage erklärte eine Anführerin der hiesigen Frauenbewegung, dass alle Gesetze gegen Ehrenmorde und Vergewaltigung solange nichts nützen würden, wie das Bewusstsein der Leute sich nicht ändere. Und hat es sich vom Beginn der Aufklärung bis heute geändert? In dieser Hinsicht nur minimal. Seien wir ehrlich: noch heute dürfen viele Frauen den heimischen Herd nicht verlassen, ohne erheblichen Druck von ihren Gatten zu bekommen. Ehescheidung ist möglich, das Wahlrecht für Frauen ist gewährt, über Quoten für die Vorstände grosser Unternehmen wird gestritten.

In unserem Dorf aber lebt eine Frau, die in Paris geboren wurde und den dortigen Lebensstil gewohnt war. Nun sitzt sie im Haus, darf nicht ins Café und nicht mit Männern sprechen, trägt Kopftuch und Pluderhosen und hat kein eigenes Bankkonto.

Wir schreiben das letzte Viertel des Jahres “des Herrn” 2011….

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: