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Milde Scharia

9. Oktober 2011

Die Ennahda, Tunesiens grösste islamistische Partei, die bei den kommenden Wahlen gewiss eine grosse Rolle spielen wird (wenn sie denn nicht gewinnen sollte, was eher wahrscheinlich ist), wird, so der Parteiführer Ghannouchi, eine “milde Form der Scharia” im Lande implementieren. Sie seien nicht für die Form des “Neo-Laizismus”, wie er derzeit von der Türkei vertreten werde.

http://www.hurriyetdailynews.com/n.php?n=tunisian-islamist-in-favor-of-mild-shariah-2011-10-07

Was dieser sogenannte Neo-Laizismus für viele bedeutet, mag hier nachgelesen werden:

http://www.hurriyetdailynews.com/n.php?n=one-transsexual-one-woman-killed-by-family-in-turkey-2011-10-07

Ein Transexueller sowie eine Frau wurden jüngst ehrenhalber umgebracht. Der junge Mann, der sich wegen seiner Vorlieben schon seit längerem auf deren Wunsch von seiner Familie getrennt hielt, wurde von seinem Bruder erschossen (“Habe meine Ehre wieder gereinigt.”)

In Manisa (was nicht im fernen Osten des Landes, sondern nahe Izmir liegt), wurde derweil eine Frau von ihrem Gatten erstochen. Sie hatte “behauptet”, ihr Mann schlage sie, und hatte in einem Frauenhaus Zuflucht gefunden. Ihr Gemahl war aber auf freiem Fuss geblieben. Das ist wohl der Neo-Laizismus des Jahres 2011? Da können wir ja gespannt sein, was uns in Nordafrika erwartet. Gewiss aber werden manche sogenannte Linke aus Deutschland demnächst in Tunesien um Asyl bitten?

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14 Kommentare leave one →
  1. 9. Oktober 2011 18:10

    Ich teile deine Befürchtungen Hibou. Im „Nahen Osten“ wird durch die aktuellen Umwälzungen noch einiges auf „uns“ zu kommen. Tunesien dürfte von den vielen Staaten die sich im „Umbruch“ befinden noch der laizistischste sein – da kann man sich vorstellen wie es in Libyen und Ägypten weitergeht.

  2. 10. Oktober 2011 09:50

    Danke für die Info. Die grundsätzliche Fragestellung ist doch dabei die, ob eine Rechtsprechung auf den Grundrechten, die für alle Menschen gleich gelten, egal, welcher Rasse, welcher Religion, welchen Geschlechts etc. beruht, oder ob sich eine Rechtsprechung aus einer religiösen Sicht herleitet.

    Eine religiöse Rechtsprechung wird immer intolerant und repressiv gegenüber Menschen, die in irgendeiner Forn anders sind, sein. Ob milde oder nicht milde Form, das ist dabei absolut nebensächlich und verdeckt nur die Tatsache, daß es eine von vornherein parteiische Rechtsprechung ist, die den Namen nicht verdient, weil sie die Veletzung von Menschenrechten impliziert.

  3. 10. Oktober 2011 13:05

    Und nun die Unruhen zwischen Muslimen und Kopten in Aegypten……

    Was Tunesien betrifft, faellt einem ja die (Urlaubs)Insel Djerba ein. Dort leben über 1000 Juden. Vor Jahren schon gab es den Anschlag auf die dortige Synagoge….. Ob sich die Leute da noch wohl fühlen?

    Ob das Ganze da noch „Frühling“ genannt werden kann, ist bei allen auch zu erwartenden Schwierigkeiten eines jeden nachrevolutionaeren Aufbaus fraglich

  4. 10. Oktober 2011 13:08

    Eine jede Religion predigt ja Frieden und Gewaltlosigkeit (oder sehe ich das falsch?)
    Und immer wieder bekaempfen sich deren Angehörige.

    • 10. Oktober 2011 15:08

      Na ja.
      „Auge um Auge, Zahn um Zahn?“

      Ich bin davon überzeugt, daß Religion ein wesentlicher Grund für Krieg seit Beginn der Menschheit ist.
      (Was mich nicht davon entbindet, mit Marx immer historisch-materialistisch zu denken und zu wissen, daß es vor allem der Kampf um Ressourcen ist, der gewaltsam ausgetragen wird. )

  5. 10. Oktober 2011 17:02

    Um so schlimmer, religiöse Gründe dafür vorzuschieben. „Gott will es!“ und so

  6. 12. Oktober 2011 07:32

    Die türkische Ministerin für „Familie und Sozialpolitik“ (sie steht dem neuen Ministerium, das anstelle des Frauenministeriums gerückt ist, vor), bat die Armee und das „religiöse Direktorat“ um Hilfe gegen den steigenden Trend der Gewalt gegen Frauen im Lande….
    http://www.hurriyetdailynews.com/n.php?n=turkish-army-to-join-war-on-domestic-violence-2011-10-11

  7. selcarim permalink
    13. Oktober 2011 14:32

    @hibouh

    Zitat: „(…) Die Ennahda, Tunesiens grösste islamistische Partei (…) wird, so der Parteiführer Ghannouchi, eine “milde Form der Scharia” im Lande implementieren (…)“

    Hättest Du für mich evtl. einige Details dieser „milden Form der Scharia“ parat, damit ich eine Vorstellung davon bekomme, welche Vorschriften der *traditionellen der Scharia dort abgemildert würden?

    Zur traditionellen Scharia habe ich das hier gefunden:
    Die Scharia beruht auf den Grundsätzen, die man im Koran und anderen islamischen religiösen / politischen Texten findet. Es gibt keine gemeinsamen Grundsätze z.B. im deutschen Recht und in der Scharia.

    GEMÄß DEM RECHT DER SCHARIA GILT:

    • Es gibt keine Religionsfreiheit
    • Es gibt keine freie Meinungsäußerung
    • Es gibt keine Freiheit des Denkens
    • Es gibt keine Freiheit des künstlerischen Ausdrucks
    • Es gibt keine Pressefreiheit
    • Es gibt keine Gleichheit der Völker; Nicht-Muslims sind niemals Muslims gleichwertig.
    • Es gibt keine Gleichberechtigung der Frau
    • Frauen dürfen geschlagen werden.
    • Ein Nicht-Muslim darf keine Waffen tragen.
    • Nicht-Muslime sind ‚Dhimmis‘, Bürger dritter Klasse.
    • Es gibt kein kritisches Denken

    Die Scharia steht im Gegensatz zu unserem Grundgesetz, denn …
    • Unsere Verfassung sei „ein von Menschen verfasstes Dokument der Ignoranz, das daher der Scharia unterworfen werden müsse“
    • Es gibt nach der Scharia für verschiedene Klassen von Menschen keinen gleichwertigen Schutz. Die Justiz ist dualistisch, mit einer Reihe von Gesetzen für die muslimischen Männer und anderen Gesetze für Frauen und Nicht-Muslime.
    • Es darf keine Demokratie geben, denn die würde u.a. bedeuten, dass ein Nicht-Muslim einem Moslem gleichgestellt wäre, was der Scharia aber widerspricht.
    • Alle Regierungen haben die Scharia anzuwenden
    • Anders als beim weltlichen Recht dürfe die Scharia weder ausgelegt noch verändert werden.

  8. 14. Oktober 2011 09:51

    „Mild brand sharia! That’s like a mild brand of pure arsenic.“

  9. 14. Oktober 2011 09:54

    Sie wollen die Scharia fast nur auf den Gebieten der Ehescheidungen und der Eheschliessungen anwenden. Was heisst das? Dass Ehen nicht mehr geschieden werden können? Dass Maedchen jünger als mit 16 verheiratet werden können (wie beim türkischen Praesidenten Abdullah Gül geschehen?)? und was heisst „fast“?

  10. 28. Oktober 2011 09:36

    „Im Wahlkampf verkaufte sich die Ennahdha-Bewegung als moderne Partei nach dem Vorbild der türkischen AKP.“ (NZZ)

  11. 28. Oktober 2011 16:33

    Gestern war ein Artikel zu Tunensien in der Jungle World: „Einmal glücklich sein“.

    Viele junge Tunesierinnen und Tunesier engagierten sich im Wahlkampf gegen den identitären Diskurs der religiösen Parteien. Es waren vor allem die Kinder der Bourgeoisie, die für Meinungsfreiheit und soziale Gerechtigkeit auf die Straße gingen. In den ärmeren Schichten träumen viele junge Menschen weiterhin davon, in Europa zu leben.

    weiterlesen auf : http://jungle-world.com/artikel/2011/43/44212.html

  12. 28. Oktober 2011 19:16

    Milde Scharia! Was für ein toller Titel!
    Mal drüber nachdenken …

  13. 25. Dezember 2011 11:11

    Gannouchi jüngst: was sollen wir mit Laizismus?

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