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…setzt aufs Klosterdach den roten Hahn!

4. Oktober 2011

Ach, das waren wilde Zeiten, wilde Zeiten waren das. Als Florian Geyers schwarzer Haufen nicht in die Kirche ging, wie das die einschlägig schleimende Politikerkaste von Merkel bis Wulf,und Kraft bis Steinmeier heutzutage tut, sondern den roten Hahn aufs Klosterdach setzte und die Pfaffen aus den Dörfern und Städten trieb. Oder um die heutige unheilige Allianz  mit Reinhard Mey zu beschreiben:

„Die Gesichter von auf jugendlich gemachten Greisen
Die dir das Mittelalter als den Fortschritt anpreisen
Und ich denk mir, jeder Schritt zu dem verheiß’nen Glück
Ist ein Schritt nach ewig gestern, ein Schritt zurück
Wie sie das Volk zu Besonnenheit und Opfern ermahnen
Sie nennen es das Volk aber sie meinen Untertanen
All das Leimen, all das Schleimen ist nicht länger zu ertragen
Wenn du erst lernst zu übersetzen, was sie wirklich sagen
Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm:
Halt du sie dumm, ich halt sie arm! „

  • Eigentlich müssten da gestern doch wenigstens ein oder zwei (oder mehrere) in ein Lachen ausgebrochen sein oder mit Tomaten und Bananen geworfen haben, als im ökumenischen Gottesdienst am Tag zur Feier des Ausverkaufs der DDR (die Herrschenden nennen ihn Tag der deutschen Einheit) Kardinal Meisßner folgendes von sich gab:

Die DDR und die Ausbürgerung Gottes

Meisner erinnerte daran, dass er die Spaltung Deutschlands als Weihbischof in Erfurt in den Jahren 1975 bis 1980 unmittelbar erlebt habe. Schlagbäume „spalteten unser Vaterland, trennten Mensch von Mensch, zerrissen familiäre und freundschaftliche Verbindungen“, erklärte er. Die DDR habe sogar versucht, „Gott selbst auszubürgern“. Dass die Menschen dennoch ihre „innere Freiheit“ behalten hätten, sei „nicht zuletzt dem befreienden Zeichen des Kreuzesbaumes zu danken“.

O mein Gott. Nein, keiner fand sich, der lachte oder wütend wurde. Das erinnert doch, um mal biblisch zu bleiben, an die Geschichte von Sodom und Gomorrha.  Auch dort fand sich kein einziger, der noch bei Verstand war und so gingen die Städte ja bekanntlich unter.

Aber immerhin: Nun wissen die gottergebenen Schäflein, die an den Kardinal  glauben, daß Gott wirklich in der DDR lebt.  Denn er ließ sich von Honecker und Egon Krenz einfach nicht ausbürgern.

Und wir wissen nun auch, daß der ultrarechts stehende Liedermacher Wolf Biermann mit Sicherheit nicht Gott ist, denn der wurde definitiv ausgebürgert. Und sang dann für die Granden der CSU in Wildbad Kreuth.

Wer also heute noch sagt, daß mit dem Ausverkauf der DDR das bessere Deutschland starb und mit dem Untergang der Sowjetunion der Turbokapitalismus  erst ermöglicht wurde (schließlich waren die westlichen Geldsäcke und ihre politischen Hofschranzen  dann nicht mehr gezwungen, so zu tun, als hätten sie das bessere und menschlichere System im Angebot),  der sollte sich warm anziehen, denn in einer Welt, in der der geistige Horizont der meisten Mitmenschen nur noch vom Handy bis zu Facebook reicht, steht man mit der ungeschminkten Wahrheit ziemlich alleine da.  Alleine da stand auch Tamara Danz, Leadsängerin der Gruppe Silly, als sie die sogenannte Traumhochzeit, die Vernichtung des besseren Deutschlands, ganz ungeschminkt so besang:

Das Traumpaar des Jahrhunderts,
die Schlampe und der Held
tanzen mit großer Geste
auf dem Parkett der Welt.

Die feuerroten Haare
hat man ihr schwarz gemacht.
Ich hab den blassen Schimmer,
die wachsen wieder nach.

Sie schwebt verwirrt in Düften,
in Lichtern, bunt und grell,
und er versäuft in aller Ruh
die Mitgift und das Geld.

Und wenn es ihr zu eng wird,
im sündhaft teuren Kleid,
sagt er: Sei still und schäm dich
für deine Vergangenheit.

Die Suppe ist dünn,
und das Bett nicht sehr breit,
der Hunger kommt beim Essen,
und die Liebe mit der Zeit.

Die unheilige Allianz, die den Deutschen das Jubeln am 3. Oktober verordnet hat und auf allen Fernseh- und Radiokanälen vorjubeln läßt, kann den Sieg über ihre einzigen ernstzunehmenden Gegner, die sie seit der Oktoberrevolution in Russland hatte, heute nahezu ohne Gegenrede, ohne Widerspruch, ohne Gegenwehr feiern lassen.

Zieht das Volk nicht mit und gibt’s miese Einschaltquoten bei den Jubelausverkaufsfeiern, steht flucks einer der bezahlten Claqueure auf und gibt den Lehrern die Schuld, die nicht stromlinienförmig genug die Kinder verbilden.

Neulich fragte mich ein junges Mädchen, warum ich nicht verstehen würde, daß sich die Linke (die Partei) an den Jubelarien beteilige, die Linke müsse doch deutlich machen, daß sie auch regierungsfähig und ein Teil Deutschlands sei.

Eben, sagte ich, das ist das Problem.

Links sein bedeutet immer, eine internationale Sicht auf die Welt zu haben. Eine Sicht darauf, wem weltweit was gehört und wer weltweit betrogen und ausgebeutet wird. Der Abschied vom Linkssein beginnt mit der Bekenntnis, national zu denken und danach zu handeln, Er beginnt mit jedem noch so kleinen Stück Opportunismus, der aus nationalistischer Sicht heraus praktiziert wird.  Siehe SPD und Kriegskredite 1914, siehe die Grünen mit dem Ja zum Krieg in Jugoslawien und zur Verteidigung der Freiheit des Kapitals am Hindukusch.

Immer begleitet von Pfaffen aller Art.  Käßmann möchte gerne mit den Taliban beten, seine Scheinheiligkeit der Papst läßt Kindesmißhandlern weltweit freien Lauf und der deutsche Kardinal entsendet Militärpfarrer zum letzten Gebet mit dem menschlichen Kanonenfutter und faselt was von Gott, der Bürger der DDR gewesen sei.

In wilden Zeiten, als das Volk noch nicht an der Leine seiner Handys hing und noch zu denken imstande war, sangen sie Lieder, die wirklich Volksmusik war, ohne Hinterseer und Marianne und Michael und wie die Grinsgesichter alle noch so heißen:

„Weg mit Meister und mit Pfaffen

Kaiser, König, soll sich raffen,

weg, wer kommandieren will…“

und:

„Als Adam grub und Eva spann, hei- ja- oho

wo war denn da der Edelmann?

Spieß voran, drauf und dran,

setzt aufs Klosterdach den roten Hahn!“

Ach, die wilden Zeiten. Wild soll’n sie wieder werden. Noch zu meinen Lebzeiten, wenn’s genehm ist.

Amen. 

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3 Kommentare leave one →
  1. 4. Oktober 2011 18:43

    Gut, aufs Klosterdach haben wir den roten Hahn schon mal gesetzt. Warm anziehen müssen sich auch die Verteidiger von Turbokapitalismus und Reaktion, denn die nächsten Wirtschaftskrisen treffen sie genauso. Es hat gut getan diesen Text von dir zu lesen, vielleicht werden die Zeiten schneller wild als uns lieb ist.

    Beste Grüße fidelche

  2. 4. Oktober 2011 18:46

    Danke. Ich gestehe, ich habe angesichts dieser Feierei am 3. Oktober mit einer ziemlichen Wut im Bauch geschrieben. Ich bemühe mich aber auch so im Alltag nach Kräften, meine Gegenmeinung unter die Leute zu bringen.

    Gruß zurück
    Hermanitou

  3. 5. Oktober 2011 07:57

    Ich danke auch für den Blog! Hibou, Freund des roten Hahns

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