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Petitessen und Peanuts

11. September 2011

Die Freiheit hat gesiegt, so tönt es unisono aus dem deutschen Miedienwald, wenn es um das Fazit der Politik nach dem 11. September 2001 geht. Freiheit und Demokratie hätten dem Terror standgehalten und heute leben wir in einer freien Welt. Ja sogar die Araber hätten nun einen demokratischen Frühling.

Meine Herren.

Irgendwie leben die Schreiberlinge mitsamt den von ihnen so gefeierten besonnenen Politikern in einer anderen Welt.

Wahrscheinlich werden sie nie auf den internationalen Flughäfen nackt gescannt und ihre Sekretärinnen dürfen mitsamt sämtlichen Fanta-und Cola-Botteln unkontrolliert an Bord.

Wahrscheinlich ist der Irak, in dem sich pro Tag immer noch mehrere Terroranschläge ereignen, eine Insel der Glückseligkeit. Sie müssen da ja auch nicht leben.

Und Guantanamo, das ist ebenso nur ein kleiner Folter- Eiterpickel der Demokatie ebenso wie die Folterflüge des CIA nach Polen, Lybien und anderswo.

In Dänemark gibt es einen Karrikaturisten, der seit Jahren nur unter Lebensgefahr noch am Leben ist.

In Norwegen massakrierte ein moderner Kreuzritter ein ganzes Jugendlager im Namen von Abendland, Christentum und Freiheit.

Und in Afghanistan werden nicht nur Soldaten, sondern auch ganz einfache Menschen ermordet. Durch Taliban oder durch „friendly fires“.  Und nun  ist man dort unter der Hand im Gespräch und es ist zu befürchten, daß es nach Abzug der westlichen Truppen zu einer massiven Unterdrückung Andersdenkender und Andersgläubiger, sicherlich vor allem des weiblichen Teils der Bevölkerung kommen wird.

In Großbritannien gibt es Städte und Stadtteile, in dem nicht mehr das britische Recht, sondern die Scharia angewandt wird.

Dagegen haben in Frankreich und Belgien  Rechtspopulisten das Verbot der Ganzkörperverschleierung durchgesetzt und hysterisieren die Bevölkerung in Anti-Islamismus.

Im Vatikan hockt eine lebende Leiche, die immer noch für sich  in Anspruch nimmt, uns vorzubeten, was Moral ist, obwohl hunderttausende Jungen und Mädchen von seinen Statthaltern weltweit mißbraucht wurden.

In Somalia verhindert die islamische al-Shaabab Miliz, daß hunderttausenden Hungernden Hilfe zuteil wird und richtet ein Land vollends zugrunde.

In den USA wird die Einführung einer Pflicht-Krankenversicherung als Beginn des Sozialismus bekämpft und ein großer Teil der Bevölkerung kann sich es nicht einmal leisten, zum Arzt zu gehen. Dort kann man schon sterben, wenn man zu arm ist, um sich einen Weisheitszahn ziehen zu lassen.

Griechenland wurde vom internationalen Großkapital zugrunde gerichtet und ist das beste Beispiel, wie nicht nur einzelne Menschen, sondern ein ganzes Volk und sein Staat seine Freiheit verliert,  vermerkelt und verschäublet wird und Rating-Agenturen sich die Freiheit nehmen, zu entscheiden, wer oben bleibt und wer nach unten muß.

In Deutschland warten Polizei und Politik auf die erstbeste Gelegenheit, mittels einer möglichst umfangreichen Datenvorratsspeicherung den gläsernen Staatsbürger zu perfektionieren.

In Ägypten ist der Frühling in Rekordschnelle in einen braunen antisemitischen Herbst mutiert, dort jagt man wieder Juden und zündet Botschaften sowie koptische Kirchen an.

In Lybien gefallen sich die Freiheitskämpfer darin, Schwarzafrikaner nicht nur aus dem Land zu jagen, sondern sie auch gleich umzubringen, wenn nicht gerade eine westliche Gazette davon berichten kann.

In Syrien panzert ein ungehemmter Augenarzt und Diktator sein Volk nieder. Aus strategischen Gründen wird hier nicht die Demokratie gefordert, sondern der Westen schaut zu und hebt mahnend einen Stinkefinger, was diesem Kerl dort herzlich egal ist.

In China darf eh niemand aufmucken. Dort wird im Namen des Kommunismus der Staatskapitalismus ohne jede Rücksicht auf die Bevölkerung zelebriert.

Und die Türkei ringt mit dem Iran um die Vorherrschaft als regionale Großmacht im nahen Osten, will Narrenschiffe mit Kriegsschiffen nach Palästina begleiten und zündelt mit dem Kriegsfeuer gegen Israel. Der Iran dürfte demnächst über Atombomben verfügen und eine ganz eigene Lösung für die Vernichtung Israels damit im Auge haben.

Die Festung Europa beginnt auf Lampedusa, dort stranden jedes Jahr unzählige Flüchtlinge aus Afrika oder saufen vorher ab. Griechenland setzt diese Festung durch einen (Wasser)graben fort, der es vor der Türkei schützen soll.

Meine Herren!

Die Freiheit ist in einem wunderbaren Zustand. Abzüglich der oben genannten Petitessen und Peanuts.

Die Freiheit ist ein wundersames Tier
und manche Menschen haben Angst vor ihr.
Doch hinter Gitterstäben geht sie ein,
denn nur in Freiheit kann die Freiheit Freiheit sein.

(Georg Danzer)

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7 Kommentare leave one →
  1. 11. September 2011 14:21

    Vieles ist aeusserst praegnant konstatiert, scheint auf den ersten Blick polemisch zu sein, ist aber nur Feststellung von Tatsachen, siehe Papst in Rom. Wir gehen schweigend über Ungeheuerlichkeiten weg, ja, wir verteidigen sie zur Not noch, blinder als jede Justitia…..

    Einige wenige Randbemerkungen:

    Im Zuge der Flut von Programmen heute (man kann tatsaechlich in den TV-Programmen hinzappen, wo immer auch hin, und sieht sogleich brennende und einstürzende Twin Towers) zeigt Arte eine ganztaegige Dokumentation über NY („New York for ever“), die mich sehr berührt hat. Dort wurde die Freiheit gesucht!
    Unter vielem anderen wurde eben der Arbeitskampf der Frauen („Stop Slavery“) zu Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. gezeigt. Unter anderem starben beim Feuer in der Triangle (Konfektions)- Company sehr viele Maedchen, die meisten von ihnen italienischer, russischer oder jüdischer Herkunft, die an den Naehmaschinen gesessen hatten, in einem Feuer, das in Windeseile das ganze 10-stöckige Gebaeude verwüstete, weil die Arbeitgeber die Ausgaenge abgeschlossen hatten! (Es haette naemlich sein können, dass Gewerkschaftsvertreter die Saele betreten….). Schreckliche Szenen spielten sich ab, brennende Frauen sprangen aus den Fenstern in den Tod…. Was war noch zu sehen: fast ausschliesslich junge, weibliche „Arbeiter“, ausschliesslich maennliche, aeltere Arbeit“geber“ und Parlamentarier, in Frack und Zylinder, wie es der Mode entsprach mit ausladendem Kinn- und Backenbart. Man fühlte „irgendwie“, dass die Emanzipation der Frau eine folgerichtige und aeusserst notwendige Entwicklung war und ist (wenn „mann“ das nicht eh schon fühlte). Und sie ist noch keineswegs abgeschlossen. Es gibt führende Politiker, die hier und jetzt der Meinung sind, Frauen seien den Maennern nicht gleichzustellen… (Naja, Ratzinger ja auch)

    In Syrien ist die Gemengelage (wie übrigens – das wird sich noch klarer herausstellen, wenn wir uns von der Gehirnwaesche der Medien erholt haben) auch in Libyen, komplizierter, als sie auf den ersten Blick scheint: Hier Tyrann, der mitleidlos gegen die unterdrückte Bevölkerung vorgeht – dort die Freiheitskaempfer, die in der Not eine Waffe zur Hand nehmen, aber selbstverstaendlich völlig in der anzustrebenden Freiheit der erstrebten Demokratie aufgehen und nur widerwillig ihr angestammtes Handwerkszeug (Schere, Bleistift, Maurerkelle usw.) für eine Weile weglegen.

    Es gibt unter den syrischen Oppositionellen eine Vielzahl von recht den Gottesstaat herbeisehenenden Leuten, „Allahu Akbar!“-Rufern, Werkzeugen des Iran. Es gibt im Lande Aleviten, Sunniten, Christen, Araber, Drusen, Kurden und was weiss ich noch. (Habe jetzt Konfessionen und Ethnien vermischt). Die geopolitische Lage Syriens ist sehr viel wichtiger als etwa die von San Marino oder Friesland.

    Zum Thema Griechenland fordert die mir herzlich unsympathische Merkel und ihre Regierung etwas, was mir auch wichtig scheint: europaeische Solidaritaet (und wird sogar möglicherweise daran scheitern) – waehrend Oppositionspolitiker und eher „linke“ Kulturschaffende an niedere Instinkte appellieren (die Griechen sind faul, die Italiener Feiersaeue) und damit bei einer bereits weitgehend verdummten und strukturell analphabetischen Schicht unserer lieben Landsleute auf breite Zustimmung stossen.

    Wer redet bei uns vom Londoner, vom Pariser, vom südamerikanischen, vom Pekinger, vom Chicagoer Frühling??

    Danke aber für die kristallklare Momentaufnahme! Ja, menno, die Welt reisst von der Leine…..Danke auch für die Anrede „Meine Herren!“

  2. 11. September 2011 14:22

    „einige wenige Randbemerkungen“….uhhhh wie columbianisch…….

    • 11. September 2011 20:05

      Marginalie zu einer Randbemerkung:
      Boah, echt lang ey; aber gut!

  3. 11. September 2011 20:13

    Diese Bilder, immer noch unglaublich, faszinierend, unfaßbar.
    Der Kleine gegen den Großen. Das Schnipp – statt Schnippchen
    geschlagen.
    Worum ging´s nochmal? Ach ja, Freiheit. Wenn ich mich recht
    erinnere, auf Seiten des Terror und des Antiterrors: Freiheit.
    Freiheit wozu? Zum Terror?
    Die Freiheit herbeibomben, daß endlich Freiheit herrscht.
    Dann herrscht sie, die Freiheit, über noch nicht (E. Bloch)
    freie Menschen. Sieben Milliarden inzwischen.
    Gleiche Menschen.

  4. 13. September 2011 19:01

    Es herrscht Endzeitstimmung und keine Lösung in Sicht.

    • 13. September 2011 19:55

      Da hast Du recht.
      Bei den Machtverhältnissen weltweit wirds keine Lösungen geben.- Es gibt derzeit einfach keine wirkliche Alternative zum grassierenden (religiösen) Kapitalismus.

      • 14. September 2011 21:14

        Ja, die 68er haben auch in dieser Hinsicht – wegen ihrer in der Masse bloß nachholenden Vor-Schrittlichkeit – die real zu denkende Alternative massiv und endlagernd verschrottet.
        68 bereitete insofern die schöne Sackgasse des globalen Kapitalismus, allerdings nur für zwei, drei Generationen. Dann wird diese Sackgasse sehr unschön werden.

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