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Ferne Weltgegenden III: Gümüşlük

19. August 2011

Kopfraum

„mens sana in corpore sano“ (aus Juvenal, Satiren)

Der Autor sitzt in Gümüşlük und fühlt sich sehr gesund, und viele  Gedanken gehen in seinem Kopf rundrum.

Brutus, wie wir aus der Schule wissen, erstach den großen Cajus Julius Caesar. Die Sage überliefert, dass er danach nach Gümüşlük, dem antiken Myndos floh und dort eine Zeit fern von den Kapitalen der Mächtigen lebte.

Brutus heißt „dumm“. „ernst“, „unwitzig“, und unser Adjektiv „brutal“ kommt wohl daher. Es wurde erzählt dass Brutus, Marcus Junius, schwor, die Republik – diese modernste Errungenschaft des Zusammenlebens – zu retten. Caesar war auf bestem Weg, sie zu verraten, indem er das Oberhaupt, der Alleinherrscher, der Diktator des Reiches werden wollte, und so erstach Brutus seinen Freund, dessen Name „Caesar“ trotzdem zum Inbegriff des Alleinherrschers werden sollte.

Fünf Jahrhunderte zuvor hatte ein anderer Brutus – aber aus derselben Familie der Junier – den letzten König der Römer, Tarquinius Suberbus, erstochen und so recht eigentlich diese Republik begründet. Am Eingang wie am Ausgang der Römischen Republik stand so ein Brutus. Beide galten als intelligent und zielvoll planend, alles andere als dumm versteckten sie sich für lange Zeit hinter ihres Namens Bedeutung (man vergleiche mit den Narren Shakespeares….)

Allen Brutussen zum Trotz ging die Republik unter und wurde durch die Herrschaft des einen, des Hauptes, des Caesars (Kaisers), der Königinnen und Könige, der Sultane, Generale und Ministerpräsidenten ersetzt. Die Republik als Form des menschlichen Zusammenlebens gehört so bereits seit Jahrtausenden zu den bedrohten Arten. Und wir lernen in unseren so demokratischen Schulen nach wie vor, dass Caesar der „Gute“ und Brutus der „Böse“ war…..

Schon seit den alten Römern ist es Sitte geworden, an öffentlichen Orten Büsten aufzustellen. Der menschliche Kopf markiert die Entdeckung der Individualität (und welche Ironie der Geschichte: einer der besten frühen Büsten ist die des Brutus). Bis heute ist die Büste, das menschliche Haupt ohne jeden Körper, eine Ikone, zu sehen in Akademien, Museen, Kirchen, Altären, Gärten, Theatern und unzähligen anderen öffentlichen Stellen. Sogar in den bildlosen Ländern des Ostens nimmt die Büste – etwa des Herrschers – einen prominenten Platz in der Öffentlichkeit ein.

Alles dieses im Kopf begann ich an das Folgende zu denken: der Islam zerstört Gesichter – etwa der Heiligenbilder ; die französischen Revolutionäre begannen, mit der Guillotine massenweise Köpfe zu ernten.

An dieser Stelle ein wenig Etymologie:

HEAD: in Altenglisch meinte heafod = die Spitze des Körpers, den Chef, den Herrscher; auf Sächsisch war es hobid (die Hobbits); auf Germanisch Haupt, gotisch Haubib (vom Proto-Indogermanisch: kauput; lat: caput). Macht Haupt, was Euch Haupt macht…..

Abgeleitet von diesem finden wir ein Bündel Worte, über das wir selten nachdenken: headline, to head for, Haubitze, Hauptunterricht, Hauptstadt, Hauptsache, kaputt machen, (Stuttgarter aufgemerkt: Kopfbahnhof!), Kopfsalat, cabbage (die Franzosen sagen sogar „mon chou“ zu ihren Liebsten), Kap, Chief, Kapitän, Caporal/Korporal (Der Kopf als Anführer des Leibes), der Kapo, the capital, das Kapital (gg), der Kapitalismus, the cattle (hier in der Türkei heisst es küçük baş hayvan und büyük baş hayvan), capsize: wenn ein Schiff über Kopf sinkt, cape, Chaperon, handkerchief – ker chief = cover head, Kennedy (von Altirisch: cinneide = hässlicher Kopf), Pascha (von türk. Baş = Kopf), Penn (gael. Kopf) = Pennsylvania…. und vieles mehr

http://www.etymonline.com/index.php)

Und nun einen Blick auf etwas, das die älteste Skulptur überhaupt sein könnte, die monumentale Venus von Willendorf (gefunden in Willendorf bei Wien, Alter etwa 30000 Jahre, sie ist nur gut 10 cm gross…): ihr Leib: ein Weizenhaufen (würde Salomo sagen), aber ihr Kopf… in Tücher gehüllt. Der Kopf war damals wenig wichtig (andere steinzeitliche Figuretten haben gar keinen), das Gesicht nebensächlich und unwichtig zu erinnern.

Diese Venus stellt offensichtlich ein Abbild der grossen Muttergöttin Kybele dar. Kybele = Kubus, auch „Kaaba“ heisst Würfel (Ursprünglich, so sagt die Überlieferung, wurde Kybele nicht als Figur, nicht als Mensch, nicht als Tier, sondern einfach als Stein dargestellt. Mekka war lange vor Mohammed ein Ort der Anbetung).

Alle die heiligen Steine, wie etwa die Kaaba, wurden Bayt Allah/ Beth El genannt: Haus Gottes. Oft waren sie sogar Meteoriten. So wurde zum Beispiel von den schwarzen Madonnen in Frankreich oder Polen gesagt, sie seien nicht von Menschen geschaffen, sondern von den Sternen gekommen.

Jedes Jahr vom 15. – 27 März wurden in Rom die Hilaria, die Ludi megalenses zu Ehren der Grossen Mutter gefeiert. Ein Pinienstamm wurde aufgerichtet, und junge Frauen und Männer, mit dem Blut von geopferten Ochsen bespritzt, tanzten darum. Diese Festivitäten, entweder öffentlich zu Ehren der Kybele oder privat zu jedem Zeitpunkt aus Anlass einer Hochzeit oder Geburt begangen, finden ihre Nachklänge bis heute: wer kennt nicht den Maibaum, auch er mit den Fruchtbarkeitssymbolen behängt?

Und wann wurde denn der Caesar von dem Brutus ermordet? Just an einem 15.März. Der Verteidiger des Körpers (des Volkes, der Republik) gegen das Haupt, das Gesicht (man schaue sich nur die Münzen an).

Wissen wir irgendwas über den Körper des Königs? Aber überall sehen wir die Köpfe, die Gesichter der Mächtigen. Der Autor schmunzelt jetzt. Er denkt an das überdimensionale Foto Kemal Atatürks, in Badehose am Strand sitzend.

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11 Kommentare leave one →
  1. 19. August 2011 11:29

  2. 19. August 2011 11:33

  3. 19. August 2011 11:35

  4. 19. August 2011 11:58

    Und bis heute sagen wir doch: Er ist eben ein Kopfmensch! oder: Sie denkt eben mit dem Bauch!

  5. 19. August 2011 23:45

    Informativ! Und wann schreibst Du das zweite Kapitel (caput)? Besonders interessant fand ich „…Mekka war lange vor Mohammed ein Ort der Anbetung…“. Wir sind eben alle Epigonen und die derzeitigen Religionen kupferten auch nur ab! So gab es die Trinität und eine unsterbliche Seele schon bei den Ägyptern, Jungfrauengeburt und Auferstehung u.a. schon bei Dionysos und die Geburt des Mithras wurde zufällig am 25. Dezember gefeiert…u.s.w….

    lg LL

    • 20. August 2011 06:15

      Merci! Zweites Kapitel folgt: heisst aber corps :-))

  6. 21. August 2011 07:25

  7. 21. August 2011 07:30

    Nobody

    Müde der vielen Köpfe sitzt der Autor am Strand. Eben liest er auf einem T-Shirt: Think less, live more! Die Saison hat angefangen (sezon başladı). Viele Körper liegen am Strand.

    Wir alle kennen die gigantischen Kofpskulpturen der amerikanischen Gründerväter vom Mount Rushmore, zumindest von Fotos. Hm, ja, sind sie nicht buchstäblich Nobodies? Vergessen wir sie für ne Weile. Es ist Sommer, Körper und Seele sehnen sich nach Sonne (der Kopf hat indessen einen Hut auf). Tourismus heisst zu guten Teilen: Haut an die Sonne! All die Bürohengste (und –stuten natürlich), Kellerasseln, PC-Freaks, Bücherwürmer und Nachteulen fühlen eine drängende Lust nach Sonne. Moderner Sommer-Tourismus ereignet sich weitgehend am Strand (des Mittelmeerklimas). Der Strand ist Randzone – wie auch unsere Haut, gell?, und Ränder, Grenzgebiete, sind immer faszinierende Zonen der Lebendigkeit. Nur einige Beispiele: Blumen blühen vermehrt am Waldrand, mehr als auf der lichten Wiese oder im Dunkel des Waldes; am Morgen und am Abend herrscht mehr Verkehr als mittags und mitten in der Nacht; die Farben in der Landschaft entstehen vorwiegend in den Dämmerungen…. Tatsächlich ist unsere Biosphäre eine ebenso schmale Zone zwischen dem eisigen Vakuum des Weltraums und dem feurigen Erdinnern. Naja und erst der Strand! Welche Farben, Rührigkeit, welches Leben – da ist der Bär los, würde ich als Bärologe sagen… während die Dörfer im Landesinnern schlafende Schönheiten im heissen Glast des Sommers sind.

    Also los! Meditieren wir über Körper!!

    Wie beim Kopf auch hier ein wenig Etymologie:
    Germanisch = Leib, life, like (like a virgin), „Körper“ kommt von „corpse“ = Leiche = toter Körper. Leiche wiederum ist leibig… Spannende Verbindungen: Korsage, Korsett (zum Formen des Körpers), Armeekorps, Klangkörper, korpulent, -„leben“ als Namensattribut: Levileben, „Leprechaun“ (kleiner Körper) = irische Zwerge, das Dreigestirn Nobody, Somebody und Anybody, Member of Parliament, limb (von protoindogerm.: „lei“) = jeder sichbare Teil des Körpers, „labour“ = Tätigkeiten des Körpers (im Englischen sind da das Pflügen oder die Wehen gemeint, einige Länder haben ja sogar ne Labo(u)r-Party), Laboratorium, meniscus = mondsichelförmiger Körper, Hokuspokus = vom lat.: „hoc est corpus meus“
    http://www.etymonline.com/index.php

    Es scheint also, als ob der Körper der Träger des Lebens und die Haut der Platz der Bewusstwerdung desselben sei? In meiner Stammkneipe hier legt Şadi Bey grade „I got you – under my skin..“. auf. Der Kopf, das Hirn, die Individualität (Behauptung) wiederum, der Schelm, lässt sich von dieser Lafette durch die Welt kutschiern…

  8. 21. August 2011 09:57

    Gümüşlük III.: die Glieder

    In den neueren Zeiten haben sich die Gliedmassen zunehmend vom Gesamtmenschen emanzipiert (und das nicht nur wegen meiner Analyse). Es sei ein kurzer Ausflug in die Kriminalistik erlaubt: Schon in alten Zeiten musste der/die Einzelne in der Menge der Leute identifiziert werden. Zuerst geschah das durch die Namen. Aber nach einer Untat (etwa dem Anzünden einer Kutsche oder ähnlichem) war es sehr einfach, einen neuen Namen anzunehmen und so der Strafe zu entkommen. Zumal es bis in unsere Zeit hinein in einigen Ländern – nimm zum Beispiel das Osmanische Imperium -gar keine Familiennamen gab. Noch heute sagt man bei uns im Dorf: der lange Ali, die schreiende Bingöl, der gefaltete Ahmet, Mehmet der Tischler oder Sindbad der Seefahrer…..
    Um das Jahr 1880 hatte Alphonse Bertillon, ein Anthropologe, die naheliegende Idee, Leute durch Porträtphotographie zu identifizieren (Hehe, das Gesicht, noch gab es Nicholas Cage net – „Face off“)(Und es wird selten das Phantombild eines Ellenbogens gefertigt)
    Aber dann: der Fingerabdruck! Mit einem Mal stülpte sich die Hierarchie der menschlichen Körperteile um. Francis Galton, ein Cousin von Charles Darwin, setzte die Tatsache, dass kein Mensch auf der weiten Welt dieselben Fingerabdrücke hat, in die Sammelleidenschaft, die bis in die heutigen Fernsehserien CSI, Bones, Criminal Minds, etc. andauert, um.
    http://www.onin.com/fp/fphistory.html

    Aber ganz allgemein traten wir in ein Finger-Zeitalter ein. Es begann mit dem Finger am Abzug (Happyness is a warm gun), dann kam der Auslöser der Kamera, dann die Tasten der Schreibmaschine. Heutzutage brauchen wir weitgehend nur noch einen Finger für kabellose Maus, TV-Fernbedienung, Bankomat, Kasse und Touchscreen. Wir sitzen erstarrt vor dem Monitor und bewegen nur die Fingerspitze – oder wir liegen wie Sardinen in der Pfanne reglos am Strand. Die Technik hat sich von uns losgelöst, emanzipiert.
    Oder, anders gesagt: die Welt der Maschinen ist nur eine Erweiterung unseres Körpers:

    Give me a hand…..

    Hier wiederum Etymologie:
    „Hand“ kommt vom Altenglischen „hond“, vom Protogermanischen „khanduz“; das französische „main“ vom lateinischen „manus“. Ich wechsle (wegen der Worte) für einen Absatz ins Englische:
    „Hand, strength, power over, armed force“, from these two main (!) roots a lot of words we use but rarely think about are diverted. We just handle them. Sometimes I am handicapped in finding words, I must buy them from second hand. Hope the sellers are handsome (to me). Alas! „Hands up!“ they say and put me in handcuffs. What shall they do? They’re off to maintain public order – without any manipulation, I hope. The judge reads a manuscript to me, I am sentenced to work in a manufacture (first I study the manual, then I work in busy manner as a hand, then as manager)
    I hope for a maneuver to emancipate me of all this. Otherwise I’ll write a manifesto…

    Ich erinnere mich an ein südfranzösisches Märchen, „Der Mann in allen Farben“ (und ihr vielleicht an die Schöne und das Biest): Er/sie kam zu einem grossen Schloss, aber es war ganz menschenleer. Nur Hände gab es überall. Sie hielten die Fackeln, sie bedienten ihn, sie zogen ihn aus und an, sie wiesen ihm den Weg. Er hatte ein schönes, sorgloses Leben, aber bald begann er sich über all diese stummen Diener zu langweilen….

    Mit der Zeit haben wir wirklich ein Werkzeug für alle Tätigkeiten der Hand geschaffen. Die Axt ist besser als die nackte Handkante (selbst wenn du Karate kannst – „Karate“ heisst übrigens „blosse Hand), der Löffel ist zum Essen günstiger als die hohle Hand, die Schaufel gräbt besser als der Fingernagel, der Pflug…. der Bagger, der Kran, der Presslufthammer, das Skalpell usw…. Wir gebrauchen unsere Hand nur noch für die weise Frau/Hexe, die uns die Zukunft daraus liest.

  9. 21. August 2011 11:15

    Was fehlt jetzt noch, damit dieses Geschreibe Hand und Fuss bekommt? Ah ja, na klar….!

    “As near as my feet”

    (Exkurs: Was ist mit dem Rad? Nicht durch die Aktivität des Fusses zu erklären… Eines der tausend Geheimnisse der Technik. Kommt es vom Schneeball, der den Berg hinunterrollt? Vom Rolling Stone? Von der Sonne vielleicht? Der Autor verlässt den Strand)

    Also, was ist mit unseren Füssen? Was wissen wir von ihnen? Sie sind sooooo weit von unserem Intellekt entfernt. Manchmal zu weit, um nur die Schnürsenkel zu schnüren.
    Aber: sie wissen immer, wohin sie gehen. Mit ihnen schreiben wir unsere Biographie auf den Untergrund.Apropos schreiben: Schreiben und Gehen sind sehr eng verbunden: franz. „le talon“ (die Ferse – des Fusses, nicht des Dichters) kommt von „to tell“, „tale“, welches meint: zählen, erzählen (frz. „raconter“, „compter“, engl. „to count“). Ein bestimmter Versrhythmus heisst „Jambus“ (siehe frz. „la jambe“ = das Bein), ein anderer „Dactylus“ („mit Fingern“). Und sogar Prosa bedeutet: „stracks vorangehen“. Wer schreibt, der bleibt….eben nicht, sagte der Graph.
    Gedanken, die im Gehen gefasst, unterscheiden sich sehr von denen, die im Sitzen oder Liegen gedacht werden. Ein Poet muss gehen (und wenn es im Zimmer hin- und her ist), vielleicht ein Musiker auch? Wohl dem, der Musik und nicht Curriculum, Konkurrenz oder Exkurs in seinem Lebenslauf hat! Und ganze Bevölkerungen schreiben durch ihre Wanderungen, Migrationen, Geschichte, von Dschingis Khan bis hinauf in unsere Dorfbevölkerungen….
    Zuletzt werden wir – als Leiche – mit den Füssen zuerst aus dem Hause getragen. Weil die Füsse wissen, wohin….

    Von grossen Persönlichkeiten pflegen wir zu sagen: Mann! Sind die uns weit voraus!! Wir aber versuchen, in ihren Fussstapfen zu gehen, auch wenn uns ihre Schuhe zu gross sind. Gell, Brutus?

     Hibou, Phaenomenologe, Geograph und Wanderer.

  10. 22. August 2011 11:13

    Und beim Fussball: Ball mit der Brust gestoppt, mit dem rechten Fuss Flanke geschossen, Flugkopfball, Tor!

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