Skip to content

Ferne Weltgegenden II: Brazil

15. August 2011

Was fällte einem zu Brasilien als erstes ein? Fussball, Karnaval, Busen, Copacabana… Denke ich ein bisschen mehr nach, fällt mir zu Brasilien noch Regenwald, Favela, Bossa Nova, Polizei, Grün-Gelb, Weihnachtsstern (obwohl der aus Mexico stammt), Kreuz des Südens und Lula (obwohl der eigentlich net so heisst), ein…..

Ganz bestimmt aber nicht Befehl, Ordnung, Auftrag, Beschluss, Vorschrift, Grössenordnung, Aufstieg, Entwicklung, Fortgang, Fortschritt….Und doch ist “Ordem e Progresso” die Aufschrift der brasilianischen Flagge…..

Also los: wie heisst die jetzige Präsidentin?

Sind dir die Namen Luiz Inacio da Silva, Dilma Rousseff, Fernando Henrique Cardoso, José Dirceu, Delubio Soares, José Genoino, Duda Mendonça, Luiz Gushiken, Mario Sergio Conti, Paolo Lin, Antonio Palocci  etc. ein Begriff?

Was heisst “Piaui”?

Wasn “Bolsa Familia”?

Übersetze “Naõ tem nada mais barato do que cuidar dos pobres” Du kannst Portugiesisch? Richtig, es heisst: “Es ist billig und einfach, sich um die Armen zu kümmern” und ist ein vielzitierter Ausspruch Lulas…….

Ich staune, als ich mich in das Land…. einlese (Hinfahren tut mein Jüngster). Wir alle haben nun auch von den “BRIC”-Staaten gehört (Brasilien, Russland, Indien, China). Das sind die aufstrebenden neuen Riesen, und spätestens, seitdem China die USA für ihre Schuldenpolitik rügte, haben wir mitbekommen, dass eine neue Zeit der Weltmächte anbricht. Die Weltmächte der Armen? In Brasilien sind es Millionen und Abermillionen, die von etwa einem Dollar (so sagt man noch) pro Tag leben müssen. Fast die Hälfte der Gesamtbevölkerung von 190 Millionen gehören dem Proletariat und dem Subproletariat an. Brasilien ist zudem als einziges der vier “Schwellenländer” (in welcher Richtung Russland dabei die Schwelle überquert, steht noch nicht ganz fest) keine grosse Militärmacht, hat aber durch die Abkehr von den USA und der “Atlantischen Solidarität” am meisten Eigenständigkeit bewiesen. Lula – Luiz Inacio da Silva – der inzwischen nach zwei Amtszeiten abgetretene Präsident aus der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, ist mit seinen Programmen gegen die Armut (“ist sehr billig und bewirkt viel”) und seinem “Lulismo” für uns fast zur Heiligenfigur geworden, war andererseits genau wie die meisten reichen Brasilianer in Korruption und schmutzige Machtspielchen verwickelt. “Ist uns egal”, sagen die Armen, genau wie in Anatolien oder Süditalien (von Indien weiss ich noch nicht genug), “wir lieben ihn, wie er ist!”

Diese Gleichzeitigkeit von Licht und Schatten wird mir zum Leitmotiv für Brasilien, vielleicht für den ganzen Kontinent. Seit über hundert Jahren brachen in ganz Südamerika fortwährend Revolutionen aus (Mexico, Nicaragua, Guatemala, El Salvador, Grenada, Chile, Kuba, Peru, Venezuela, Uruguay….habe bestimmt Länder vergessen…. Brasilien reiht sich seit den bewaffneten Erhebungen in den zwanziger Jahren nahtlos in diese Reihe ein. Die Präsidenten Castro, Allende und Ortega sind uns seit längerem, die Chavez, Morales, Kirchners, Garcias etc seit kürzerem bekannt, noch nicht lange her wählten die Leute in Ecuador und Paraguay die jeweils radikalsten Präsidenten ihrer Geschichte). In fast keinem Land riss nicht die eine oder andere rechte Militärjunta die Macht an sich.

Der normale und vorgezeichnete Entwicklungsweg eines jeden Landes führt von der Agrikultur über das Handwerk zum Anwachsen des industriellen Sektors. In Brasilien aber ist die Industrialisierung rückläufig. Das Land setzt viel mehr auf landwirtschaftliche Erzeugnisse (Holz, Biosprit, Fleisch) und Bodenschätze. Sehr zur Freude der Staatenlenker und Unternehmer wurden vor der brasilianische Küste jüngst grosse Vorkommen von Öl und Gas entdeckt.

Brasilien setzt sehr auf straffe Leitung durch Staat, Gewerkschaften und soziale Verbände. In keiner Weltgegend ist der banditäre Individualismus andererseits so verbreitet (Ja, gegen Sao Paolo ist Mogadischu noch streng gelenkt *gg*

Brasilien ist ein riesiges Experimentierfeld für neue soziale Lebensformen – aber nirgendwo anders ist der Egoismus von Geschäftsleuten und Bandenchefs so ausgeprägt.

In Brasilien spricht man Portugiesisch – oder spricht man in Portugal Brasilianisch?

Die Spannweite zwischen modernster Technik und ursprünglichster Lebensart (der Eingeborenen)(manche Stämme sind noch nicht einmal entdeckt. Die Forscher verzweifeln: wenn sie aussterben, bevor wir sie katalogisiert haben?) ist nirgends auf der Welt grösser als in Brasilien.

Viele, wenn nicht alle Kulturen der Welt haben in den “unendlichen Weiten” von Dschungel und Pampa Enklaven gebildet. Aber nirgendwo ist die Vermischung der Rassen weiter gediehen, als in Brasilien.

Nun zur neuen – und ersten – Präsidentin des Riesenlandes: Lula konnte nach zwei – erfolgreichen – Amtszeiten nicht noch einmal antreten, Daher baute er seine Kabinettschefin und ehemalige Energieministerin Dilma Rousseff als Nachfolgerin auf, und ob sie nicht letztlich mit dem Rückenwind seines Charismas gewählt wurde, ist sehr fraglich. Also weiter in unseren Polaritäten geschwelgt:

Dilmas Vater war Bulgare. Als Kommunist musste er von dort fliehen, im Immobilienhandel machte er in der neuen Welt sein Glück und erlangte so viel Reichtum, dass die Tochter bürgerlich “behütet” und mit Musik- und Französischunterricht aufwuchs. Das hielt sie aber nicht davon ab, in der Zeit der Militärdiktatur in den Untergrund zu gehen (ein Buch des Franzosen Regis Debray, des Freundes von Castro und Che Guevara, hatte sie unter anderem  in ihrer Jugend begeistert), wo sie lange Jahre in einer Gruppe mitwirkte, die Bankraub betrieb, Geiseln nahm und Polizisten tötete….(da wären wir wieder bei der ungelösten Gewaltfrage. Ob einer der Jugendlichen aus London, Manchester oder Birmingham, die gerade Autos verbrennen und Geschäfte plündern, in Zukunft britischer Premierminister wird?). Sie wurde schliesslich verhaftet, gefoltert und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Als ihr Ehemann seinerseits im Gefängnis sass, zog sie in die entsprechende Stadt und unterrichtete ehrenamtlich im dortigen Gefängnis, nur um ihn zu sehen.

Heute kann sie sich an alles dieses kaum mehr erinnern – sie ist ja Präsidentin……

Im Gegensatz zum Arbeiterkind Lula ist Rousseff eine in der Wolle gefärbte Intellektuelle: Nichts und niemand konnte sie von der Universität fernhalten, sooft sie auch exmatrikuliert wurde, so oft schrieb sie sich an einem anderen Ort wieder ein. Nun ist sie an der Macht und kann ihren sozialistischen, neoliberalen, brasilianischen Plänen nachgehen. Mit Spannung und Neugier warten wir auf die kommenden Jahre ihrer Präsidentschaft.

Was – denke ich auch jetzt am Ende dieses Schreibens – wissen wir in unserem nordhemisphaerischen Saft schon über das Lebensgefühl der Südamerikaner? Nicht viel. Wieviel brasilianische Bundesstaaten gibt es und wie heissen deren Hauptstädte (um mal beim guten alten Schullernstoff zu bleiben)? Hat Teresina wohl ne Métro? Was denken und fühlen – und essen und tragen – die Leute da und was sehen sie von ihren Fenstern aus?

 

Advertisements
One Comment leave one →
  1. 11. November 2011 09:55

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: