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Christoph Blocher – Silvio Berlusconi – Recep Tayıp Erdoğan

1. August 2011

Vorbemerkung: Populisten (und das sind diese drei meiner Meinung nach) sind mehr als alle anderen auf Medien angewiesen. Und, wie der italienische Autor Andrea Camilleri richtig feststellt, auf das Bild eher als auf das Wort, da inzwischen der strukturelle Analphabetismus stark im Anwachsen ist und die Mehrheit der Leute nur noch Überschriften liest. Auch hat das Bild eine starke unterbewusste Wirkung, womit es bestens zur Manipulation geeignet ist…..

Christoph Blocher wandelte die SVP (Schweizerische Volkspartei) zur sehr erfolgreichen, am rechten Rand des Politikspektrums angesiedelten Partei, diese hat inzwischen die meisten Sitze im Parlament. Er setzt dabei sehr stark auf fortwaehrende Medienpraesenz. Blocher, der Unternehmer war (er verkaufte nach dem Tode des Inhabers der Ems-Chemie AG in einer Vertrauensposition der Erbengemeinschaft die Aktienmehrheit an sich selber), gehört zu den reichsten Schweizern. Er war Bundesrat (Mitglied der kollegialen schweizer Regierung) und sprengte erfolgreich sowohl Kollegialitätsprinzip des siebenköpfigen Bundesrates als auch die “Zauberformel” seiner proportionalen Zusammensetzung.

Blochers politische Position ist durch Fremdenfeindlichkeit (nicht nur gegen die üblichen “Fremden”, sondern auch etwa gegen Deutsche), Frauenfeindlichkeit (ein rechtsbürgerliches Komittee um ihn initiierte das Volksbegehren gegen die Gleichheit von Frau und Mann in der Ehe), Demagogie und Populismus gekennzeichnet. Er hat an den legendären Bilderberg-Konferenzen teilgenommen.

Silvio Berlusconi ist der reichste Medienunternehmer Italiens, “seine” TV-Sender kontrollieren nahezu das gesamte italienische Fernsehen, der durchschnittliche Italiener bezieht seine täglichen Nachrichten ausschliesslich von ihm. Er war (und ist) italienischer Ministerpräsident. Manche Kritiker (so etwa der Autor Andrea Camilleri  oder Michele Monni) bezeichnen ihn als postmodernen Faschisten) In der Tat strebt er (zwar weniger durch Figur und Erscheinung als durch die Inhalte seiner Politik) Benito Mussolini nach. In jüngster Zeit macht er eher durch politische und gesellschaftliche (“Bunga-Bunga”) Niederlagen auf sich aufmerksam (jüngst das Urteil, das ihn und die Mediaset zu Millionenrückzahlungen an den Staat zwingt), fühlt sich jedoch meist als die sprichwörtliche verfolgte Unschuld. Er ist bekennender Katholik (wiewohl mehrfach geschieden) und liess der Kirche Millionenbeträge zwecks Gründung von höheren Privatschulen (die inzwischen im Lande die staatlichen an Zahl übertreffen) zukommen. Berlusconi ist zudem Inhaber des Konzerns Fininvest. Laut Forbes ist er mit einem Vermögen von 7,8 Milliarden US-Dollar einer der reichsten Männer Italiens.

Recep Tayıp Erdoğan ist seit mehreren Legislaturperioden türkischer Ministerpräsident. Die von ihm gegründete “moderat islamische” Partei AKP wurde in kurzer Zeit zur weitaus stärksten der türkischen polititschen Landschaft. Ursprünglich aus einfachen Verhältnissen, verfügt er seit seiner Wahl zu İstanbuls Oberbürgermeister über zunehmenden, mittlerweile riesigen privaten Reichtum. Unter seiner Aegide wuchs die Zahl der religiösen (und “privaten”) Tarikat-Schulen in der Türkei so stark an, dass sie inzwischen in der Zahl die der staatlichen mittleren und höheren Schulen übersteigt. Nach und nach hat er die Medien aufgekauft oder unter seine Kontrolle gebracht. Recep war in seinen früheren Jahren wegen antidemokratischer Machenschaften verurteilt worden, es gelang ihm aber dennoch, zum Ministerpräsidenten zu avancieren. (Nebenbei: als er im Gefängnis war, hielt man ihn nicht, wie er jetzt Mustafa Balbay und viele andere, in Isolationshaft. Im Gegenteil hielt er regelrecht Hof und sah tausende von Besuchern)

(Warum habe ich diese drei Mächtigen herausgepickt? Hätten es nicht auch Gaddafi, Toni Blair, Mubarak getan? Ja klar…..)

Zum einen: ich will herausstellen, dass Korruption, Populismus, Machtstreben von einzelnen Diktatoren oder Möchtegern-D.s keine Erscheinung der orientalischen Welt sind (wie überhaupt – und das ist inzwischen eine meiner Grundthesen – es Unsinn ist, vom “kranken Mann am Bosporus” oder von den leider ja immer noch mittelalterlichen süd-westlichen Gegenden – in scharfem Kontrast zu den höherentwickelten nord-westlichen Ländern – zu sprechen. “Dorf” gibt es überall, Kapitalismus ist der Götze, um den man hier wie dort tanzt. So wie Frau und Mann gleichberechtigt aber doch verschieden sind, so sind es vielleicht auch Weltgegenden, hier die Mittelmeerländer und der angelsächsische Norden und Westen…. Ein Massstab mag nur der jeweilige Fortschritt der Aufklärung sein.

Zum anderen scheinen mir aber die drei über eine Reihe von stupenden Ähnlichkeiten zu verfügen. Alle drei sind sie männlich, alt und reich (ihre Zeit ist zum Glück bald abgelaufen). Alle drei sind sie “religiös” und na klar antikommunistisch. Sie fühlen sich alle drei von der Justiz verfolgt (Blocher: “wir leben ja in einem Richterstaat….”; Berlusconi und die Justiz – das ist eine nie endende Geschichte von Anklagen gegen den “Cavaliere”; RTE setzt überall in seinem Machtbereich mehr oder weniger ruppig Richter von seinen Gnaden ein). Alle drei vertreten sie den heute überall hoffähig werdenden Rechtspopulismus. Aus Europa hört man bereits Zustimmung zum Rücktritt aller türkischen Oberbefehlshaber (“gut für die Demokratie”,

http://en.cumhuriyet.com/?hn=265534,

http://en.cumhuriyet.com/?hn=265290).

Alle drei verkörpern sie den neuen Typ des antiintellektuellen Staatsmannes, sowohl was ihre Ziele als was ihre eigenen Fähigkeiten anbelangt. Alle drei verfügen inzwischen über eine bemerkenswerte Art der demagogischen Rede. Alle drei sind sie sehr emotionsgesteuert: RTE ruft: One Minit, Mr. President! und stürmt aus dem Konferenzsaal…. Blocher spricht mit Deutschen (oder mit Tessinern und Welschschweizern) absichtlich sein ekelhaftes Schweizerdeutsch, was diese wie erwartet nicht verstehen, Berlusconi sagt von Erdbebenopfern, die in Zelten wohnen, weil sie ihre Häuser verloren, naja, sie würden wenigstens keinen Campingurlaub mehr gebrauchen…

Aber alle drei beteuern, wie sehr sie die Demokratie lieben und stetig achten. Ich denke, dass sie alle drei über keinerlei künstlerische Ader verfügen. Das brauchen sie ja auch nicht, sagt ihr? Na klar doch. Lieber Künstlerinnen und Künstler an der Regierung als im Elfenbeinturm…..

Es gibt aber auch Verschiedenheiten. RTE war nicht Unternehmer wie die beiden anderen. Berlusconi ist kein religiöser Fundamentalist und ist eher zu (ziemlich abgschmackten) Scherzen geneigt, ist nicht so “ernst” wie die beiden anderen (Blocher und RTE stammen aus Pfarrers- bzw. Imamsfamilien). Blocher hat kein Charisma und keine Fernsehkanäle (seine Ideologie wird als Postwurfsendung verteilt)

Aber: alle drei erwähnten Figuren werden ja massenhaft gewählt? Es muss darin ein Geheimnis liegen. Man würde annehmen, dass selbst der treueste Fan irgendwann enttäuscht ist, wenn alles was ihm versprochen wurde, unerfüllt bleibt?  “Er kann tun, was er will, wir mögen ihn trotzdem” wird im jeweiligen Land aber von den drei erwähnten Führern gesagt. Vielleicht ist des Rätsels Lösung die, dass die Leute (wie ein/e jede/r, der die Massen regiern will, erkennen muss) nicht wirklich veraendert werden müssen, aber so bleiben können, wie sie sind? Und damit schliesst sich der Kreis: wir sind wieder bei den Fernsehprogrammen (nicht nur dieser drei Länder): Tag für Tag überbieten sie sich an Quizshows, Serien, Reality-Shows, Doku-Soaps, Talk-Shows, die alle, gelinde gesagt, nicht intelligenter machen. Kultur? Fehlanzeige. Aber ohne die wird sich nie etwas ändern. Das wissen auch die Besitzer der Anstalten.

Der Sinn dieser Übung (die mit viel Recherche verbunden war): Gemengelagen untersuchen. Auf Details achten. Das Ganze im Auge behalten. Kritik üben.

 

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5 Kommentare leave one →
  1. 1. August 2011 14:01

    Ja, das ist schon seltsam, daß die Wahlvölker immer wieder solche Typen, männlich, alt und reich und zudem antiintellektuell zu ihren Führern wählen, und Führer meine ich auch so, weil das ganze System der mediengesteuerten Information und Lenkung genau das produziert. – Und selbst, wenn nichts besser wird, die Emotionalität geht über alles, was Aufklärung heißt. – Das Ziel ist wohl von der Emanzipation zur Partizipation zerronnen. Man himmelt die Macht, nicht den Mann an.

  2. 1. August 2011 15:41

    Ja, und man laesst die Maechtigen stellvertretend geniessen……

  3. 5. August 2011 13:26

    Merkel kommt ja net vor hier…. obwohl im Hosenanzug. Nu fiel mir wieder ein, dass sie ja auch Pfarrerstochter ist

  4. 24. Oktober 2011 08:21

    In der Schweiz haben am 23.Oktober 2011 allgemeine Wahlen stattgefunden. Dabei verlor die SVP an Stimmen („mittleres Erdbeben“), und insbesondere Christoph Blocher wurde bei den Wahlen für beide Kammern geschlagen. Im Kanton Zürich kam er bei den Wahlen zum Staenderat (Oberhaus) gar nur als drittstaerkster ein. „Der alte Mann ist nicht mehr die Nummer eins“ wurde erklaert. Dasselbe wird nun endlich auch für die andern beiden gelten?
    Silvio Berlusconi muss mittlerweile ebenfalls um sein (politisches) Überleben fürchten. Vertrauensfragen gewinnt er zwar noch, aber immer knapper. Seine Koalition bröckelt. Das Land ist überdurchschnittlich verschuldet und wird wohl demnaechst von den Spekulanten attackiert.
    Ein Hoffnungsschimmer? Zumal offizielle Stellen der Türkei erklaeren, Sturz und Tod Gaddhafis seien als ein Menetekel für andere Autokraten in der Region zu sehen (hab den link versust). Sollten seit neuestem Regierungsstellen zu Selbstironie faehig sein?

  5. 13. November 2011 16:57

    Berlusconi went away
    one less from the Mafia
    many lies not said
    Haleluja!
    they sing
    (and their hearts are still on fire)
    open wide
    the prison-doors

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