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Das Fass (Efes) läuft über

25. Juli 2011

Gestern, zum Feiertag der Pressefreiheit (sie wurde noch unter dem Osmanischen Imperium eingeführt), liess die Zeitung “Cumhuriyet” inhaftierte Journalisten zu Wort kommen und forderte ein Ende der Pressezensur. Sogar den ARD-“Tagesthemen” war das eine Reportage wert. Originalton: “In keinem Land der Welt sind so viele Journalisten in Haft”.

Ich bringe die Namen in Erinnerung: Bedri Adanır, Nedim Şener, Müyesser Yıldız, Vedat Kurşun, Ahmet Şık, Deniz Yıldırım, Barış Pehlivan, Tuncay Özkan, Soner Yalçın, Füsun Erdoğan, Barış Terkoğlu, Suzan Zengin, Sedat Şenoğlu, Musa Kurt, Barış Açıkel, Ali Buluş, Miktat Algül, Mustafa Gök, Seyithan Akyüz, Faysal Tunç, Rohat Emekçi, Kaan Ünsal, Fazıl Duygun, Bayram Namaz, Mehmet Yeşiltepe, Hatice Duman, Halit Güdenoğlu, Ozan Kılınç, Cihan Gün, Murat İlhan, Baha Okar, Sait Çakır, Mehmet Karabaş, Sinan Aygül, Kadri Kaya, Erol Zavar, Hamdiye Çiftçi, Ahmet Birsin, Mustafa Balbay und Kenan Karavil.

Sie sind zum Teil nun seit über drei Jahren ohne Anklage in Haft. (Wie kann man sich verteidigen, wenn keine Anklage vorliegt?). Dazu kommen zahllose Offiziere, Professoren, Staatsangestellte etc.  Gouverneur Cihaner vor etwa einem Jahr: “Wer etwas gegen diese Regierung äussert, wird festgenommen“ (er sitzt inzwischen im Gefängnis). Die jüngste Beförderungszeremonie für Offiziere in Heer, Marine, Luftwaffe musste aus Mangel an noch in Freiheit befindlichen ohne Generäle auskommen.

Nun aber haben die Anhänger dieser Verhaftungswellen (die zumeist mit dem Etikett “Ergenekon” versehen wurden) den Bogen wohl überspannt: sie verhafteten den Präsidenten des mächtigen Fussballclubs und aktuellen türkischen Champions Fenerbahce İstanbul sowie zahlreiche weitere Fussballfunktionäre auch anderer Clubs unter dem Vorwurf der Manipulation von Spielergebnissen. Nicht, dass das nicht sein könnte wie in aller Welt einschliesslich Deutschlands, aber nun sind die Fans aufgebracht, und das sind Millionen (Leider haben schreibende Menschen im Lande net so viele feurige Anhänger).

Auf der jüngsten Versammlung des Clubs beschuldigten Funktionäre die Regierung eines Komplotts zur Einsetzung eines mehr islamischen Präsidenten und betonten, sie seien ein laizistischer Club, der den Idealen und Zielen Atatürks verpflichtet sei (http://www.hurriyetdailynews.com/n.php?n=fenerbahce8217s-top-brass-claims-the-club-is-secular-8216won8217t-let-religous-sects-in8217-2011-07-24,  leider in Englisch….). Fans stürmten bei einem Freundschaftsspiel gegen Schachtor Donezk (Beckenbauer hätte “Domoprolsk” gesagt) und erzwangen den Abbruch. Der Supercup wurde auf unbestimmte Zeit verschoben, der Beginn der neuen Saison am 4. August ist in Gefahr.

Bei der Einweihung des neuen Stadions von Galatasaray (des noch am ehesten “regierungstreuen” Clubs) wurde unser MP im letzten Jahr gnadenlos ausgebuht. Er sagte daraufhin, er würde die Buhrufer schon durch die Überwachungskameras identifizieren lassen, und: er habe schliesslich das Stadion bezahlt……

Ganz ehrlich: ich würde mich nicht mit den Fussballfans anlegen!

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4 Kommentare leave one →
  1. 27. Juli 2011 19:42

    Ich habe die Nachricht, daß in der Türkei die meisten Journalisten inhaftiert sind, auch gehört. Das ist einerseits unglaublich (wegen der europäischen Nähe des Urlaubs-Landes), aber andererseits wußte ich die „Problematik“ aber auch. Man sitzt vorm Fernseh und schüttelt den Kopf. – Wie nah der Fußball, in unfreien Ländern zumal, an der Politik hängt, wird auch deutlich. Wobei die Abhängigkeit, die Du beschreibst, viel einschlägiger ist als etwa bei einer FIFA-Vergabe der WM nach Katar. – Fast kann man sagen, daß der politische Wickel, eben die zitiere Drohung mit Identifizierung, schlimmer ist als die allgemeine Qual unterm ökonomischen Rad. – Die Inhaftierten wissen alle darum; deshalb sind sie inhaftiert. Sie haben gekämpft und kämpfen um Aufklärung. Wir hier draußen haben den Auftrag, ihre Stimmen nicht verhallen zu lassen.

  2. 28. Juli 2011 08:41

    ganz recht. wir wern uns für sie einsetzen! ps: inzwischen ist der beginn der fussballsaison um einen monat verschoben worden…..

  3. 23. September 2012 08:42

    Nie, NIE, haette ich gedacht, dass ich einmal um das Schicksal von Generaelen und Admiraelen besorgt sein könnte, wie ich es jetzt bin!

    Vor zwei Tagen wurden fast 400 Offiziere zu hohen Gefaengnisstrafen verurteilt (die höheren Grade zu 20 oder 18 Jahren – die meisten von ihnen sind pensioniert, werden also, so das Urteil in der Revision Bestand hat, in Haft sterben). Sie sollen unter dem Decknamen „Balyoz“ (Vorschlaghammer) einen Putsch gegen Erdoğan und die AKP geplant haben. Es besteht der begründete Verdacht, dass etliche der „Beweise“ gefaelscht wurden, auch weigerte sich das Gericht, Entlastungszeugen anzuhören; viele Verteidiger der Angeklagten – die allesamt auf „unschuldig“ plaedierten – blieben der Urteilsverkündung fern, tatsaechlich waren nur 9 Verteidiger erschienen.
    (Meinung: Das Militaer hier hat bisher zahlreiche Putschs durchgeführt. Wieso sollen sie also einen weiteren nicht einfach ausführen, sondern „planen“?)

    Heute war zu lesen, dass die Türkei schwere Waffen an der Grenze zu Syrien aufgefahren hat. Ein Witz: denn wie sollen Soldaten ohne Vorgesetzte kaempfen? (Vielleicht leiht man sich Offiziere von der Nato aus? Oh Schreck: das sind ja unglaeubige Hunde…..). Das Urteil im Ergenekon-Prozess steht noch aus, auch dort sind die meisten Angeklagten Offiziere. Dıe türkischen Streitkraefte wurden also gründlich enthauptet. Frage: von wem?

    Erdoğan ist wieder mal weit gegangen. Ich hoffe, zu weit.

    Bitte lest hier:
    http://www.washingtonpost.com/opinions/turkeys-miscarriage-of-justice/2012/09/21/e2125276-033d-11e2-8102-ebee9c66e190_story.html?socialreader_check=0&denied=1

    • 28. September 2012 12:23

      „Erdoğan ist wieder mal weit gegangen. Ich hoffe, zu weit.“

      Das hoffe ich auch. Wahnsinn das alles und wie wenig darüber hierzulande berichtet wird.
      Danke hibouh.

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