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Ist Griechenland überhaupt Griechenland?

18. Juni 2011

Ich schrieb das bereits für (horror!) den Freitag. Manchen waer es da bestimmt zu antifeministisch gewesen? Sie hatten fast die Haelfte Maenner in der Bevölkerung, anstatt people of all three (+) sexes……

“Das Land der Griechen mit der Seele suchen…”

 

Ist Griechenland überhaupt Griechenland?

Jetzt, wo Griechenland von allen gestieft wird und besonders vom deutschen (französischen/ italienischen/dänischen etc) Steuerzahler, soll doch auch Trost gespendet werden. Also: Griechenland gibt es gar nicht! Reine Erfindung!! (Koslowski! Nicht widersprechen!!)

Aber der Parthenon? Bassai? Die Akropolis von Korinth? Delphi?? Mykene?

Na gut. Aber wo ist die Nike von Samothrake? Wo ist die Venus von Milo? Und die von Knidos? der Pergamon-Altar? der Omphalos???

Und guck mal die Kirche “La Madeleine” an. Die jonischen Kapitäle am Weissen Haus. Das Brandenburger Tor. Das Denkmal für Vittorio Emanuele in Rom oder ein beliebiges klassizistischen Gebäude in der grossen weiten Welt….

Griechenland gibt es nicht. Das klassische Altertum wurde von Gustav Schwab und so manchen anderen deutschen Professoren erfunden. Die griechischen Götter (lest mal Karl Kerenyi) kommen ALLE aus Anatolien. Die genialsten Hellenen lebten aber zwischen Tübingen und Weimar. Bedecke Deinen Himmel, Zeus…..

Der moderne Staat Griechenland ist eine romantische und neoromantische Erfindung.

Aber ich liebe doch die Romantiker und Neuromantiker. Hier eines meiner liebsten Gedichte:

“Meine eingelegten Ruder triefen,

Tropfen fallen langsam in die Tiefen.

Nichts, daß mich verdroß! Nichts, daß mich freute!

Niederrinnt ein schmerzenloses Heute!

Unter mir - ach, aus dem Licht verschwunden -

Träumen schon die schönern meiner Stunden.

Aus der blauen Tiefe ruft das Gestern:

Sind im Licht noch manche meiner Schwestern?”

Oder dieses da, welches ich auch über alles liebe:

“Ich hab zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note,

Es steht im Dunkel der Kellertür,
Seitdem die Welt verrohte.

Es spielten Sternenhände vier
-Die Mondfrau sang im Boote-
Nun tanzen die Ratten im Geklirr.

Zerbrochen ist die Klaviatür…..
Ich beweine die blaue Tote.

Ach liebe Engel öffnet mir
-Ich aß vom bitteren Brote-
Mir lebend schon die Himmelstür-
Auch wider dem Verbote.”

Viele der Romantiker und auch Neuromantiker kränkelten und erbleichten früh (the tb-sheets), wie Keats, Novalis oder Franz Schubert, glitten in den Wahn wie Hölderlin oder C.F.Meyer, wurden exiliert wie Else Lasker-Schüler (Jaja, ich weiss, ihr sagt, sie sei Expressionistin), ertranken oder brachten sich um wie Shelley, Kleist oder Henriette Vogel… Über die Wirkungen auf unsere Kultur wäre des längeren zu reden. Vielleicht haben sie erst die Moderne ermöglicht? Vielleicht wurden sie aber von den kühlen Köpfen, die (schon immer) im Hintergrund die Fäden zogen, auch nur benutzt?

Lord Byron wurde in den “griechischen Freiheitskampf” geschickt, um dort elendiglich
umzukommen. Noch heute gilt er, besonders zwischen Epirus und dem Dodekanes,
als ein Heros der “Revolution”.
Sagte man damals schon “instrumentalisiert”? Die imperialistischen Mächte waren,
wie heute auch, weltweit engagiert (etwa gegen die dekadenten Herrscher von der
Pforte, ah... wie war das gleich noch im Irak, in Afghanistan?). Nach dem alsbaldigen
Erfolg des “Freiheitskampfes” wurde Al Maliki, ähm Karzai, nee, natürlich Otto von
Bayern als neuer Herrscher eingesetzt. Naja, zumindest einer aus den klassischen
griechischen Landen (ein Sohn Ludwigs I., ein echter Kini!).... Ihm folgte, als er
nach Bamberg ins Exil getrieben wurde, Georg von Sonderburg-Glücksburg, also ein Däne/
oder Deutscher/oder Brite (ja hatten denn diese Herrschaften überhaupt eine
Nationalität?), der Grossvater des Philipp von Mountbatten und Gemahl der jetzigen
englischen Königin und Urgrossvater der jetzigen Königin Sophia von Spanien
(ja Herrschaftszeiten!)

Otto I. brachte seinen Premier, seine Truppen samt dem Oberbefehlshaber, seine Beamten nebst vielen erfolgreichen deutschen Geschäftsleuten nach Griechenland mit – selbst das Reinheitsgebot für Bier galt eine Zeitlang für “Griechenland”-, war jedoch wie auch sein Nachfolger mehr oder weniger Puppe der Grossmächte. Das Land selbst war wirtschaftlich stark heruntergekommen und überschuldet. England und Frankreich legten grosse Staatsanleihen auf. (19.Jh., wohlgemerkt)

Griechenland ist aber auch ganz anderswo. Die schönsten Tempel stehen in Agrigent/ Sizilien oder Paestum/Kampanien (und wer weiss, wie prächtig der Tempel der Artemis in Ephesus war?). Massilia oder Sinope waren “griechisch” besiedelt. Aspasia, die Gefährtin des Perikles wurde im kleinasiatischen Milet geboren – wo auch die bedeutendste Philosophenschule der Antike stand: ich sage nur Thales, Anaximander, Anaximenes (Heraklit kam aus Ephesus). Pythagoras und Archimedes wirkten in Sizilien. Herodot wurde in Halikarnassos (Bodrum) geboren. Der Pergamon-Altar stammt ebenfalls aus dem westanatolischen Bergama. Die Griechen errangen ihren “Agamemnon”-Sieg (ebenfalls ein Pyrrhussieg?) in Troja nahe dem Hellespont. Zahlreiche Griechen der Oberklasse (die Phanarioten) hatten in İstanbul ihr Zentrum, fanden sich selbst am griechischsten und hatten mit dem kleinen neuen Staat da nichts im Sinn. Und schon gar nichts mit einer Grossgriechenland-Idee abseits von Konstantinopel. Alexander der Grosse, der griechische Kultur und Sprache über die gesamte damals bekannte Welt verbreitete, war ein Barbar aus Mazedonien.

Na eben, werdet Ihr sagen: da ist sie doch, die “Grosse Idee” der Griechen!? War das antike Griechenland nicht das einzige der Erde ohne Analphabeten, weil ein jedes Kind in der Schule Homer las (und verstand – nicht wie heutzutage in den Medressen der Koran bloss verständnislos gelesen wird)? Haben nicht die Griechen die Kultur in das Abendland herübergerettet?

Schon. Aber eben nicht das von England, Frankreich und Russland künstlich und gewaltsam aus dem osmanischen Reich herausgetrennte neue Reich der Griechen. Ihr wart ja im Urlaub da: das Essen ist türkisch, die Musik ist türkisch, die Sitten und Gebräuche auch – bloss kein “Grieche” wird das je zugeben.

Vor einiger Zeit sass ich in Turgutreis im Café. Am Nebentisch vier Männer. Drei von ihnen blond oder rötlich gelockt, in Anzug und Krawatte. Einer aber mit kohlschwarzem, leicht fettigem Haar, olivfarbener Haut und etwas hervorstehenden Mandelaugen Seine Lederjacke trug er mit Stolz. Es stellte sich bald heraus, dass die drei Bürgermeister von hiesigen Dörfern waren, der vierte aber aus dem griechischen Kos kam.

Wer sagt denn, dass die jetzigen Bewohner “Griechenlands” überhaupt etwas mit denen der Antike zu tun haben? Vielleicht sind sie ja viel später aus Albanien und Serbien eingewandert? Das sollen sie auch und wir lieben sie! Auch wenn sie mit Solon, Sokrates und Demosthenes nichts zu tun haben. Wir mögen das Land, und wenn es Bordurien hiesse…..

“Heraus in eure Schatten, edle Wipfel!”

Anmerkung  (heute, 18.Juni 2011): Und wenn ich immer höre: „Griechenland, die Wiege der Demokratie“….. Athens Oligarchie funzte nur dank Sklavereisystem

Anmerkung 2: Interessant waere einmal eine Auflistung der Laender nach ihren Schulden….. Ich bezweifle, dass Griechenland da Spitzenreiter waere. Hierzulande sind sie innerhalb der letzten zwölf Monate von 400 auf 700 Milliarden (Lira? Dollar??) gestiegen. Jaja, ich weiss, das nennt sich „die Wirtschaft brummt“.

Anmerkung 3: In der irischen Mythologie sind die „Milesier“ eines der Herkunftsvölker der heutigen Paddies. Das würde freilich erklaeren, warum auch in Dublin finanzielles Chaos herrscht 🙂

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3 Kommentare leave one →
  1. 22. Juni 2011 10:44

    Das beste griechische Lokal und die schönste griechische Wirtin gibt es im Übrigen in Ulm, das „Dionysos“ in der Frauenstraße.
    Man sieht, auch die griechische Gastronomie ist weit verstreut.

    Griechenland ist -kulturell und gastronomisch gesehen – ein Exportartikel. Wollte nicht mal jeder mit Diogenes im Faß sitzen, die Thermophylen gegen die Perser verteidigen oder die schönen Priesterinnen aus Athen beglücken?

    Irgendwie sind wir diesbezüglich weltweit auch Griechen – ähnlich wie wir auch gerne Indianer und Winnetou sind.

    Die griechischen Fremdarbeiter, die vor allem während der Militärjunta von Papadopoulos zu uns kamen, werden im Übrigen – völlig anders als Migranten aus Itzalien oder der Türkei – in ihrer Heimat gar nicht so geschätzt, selbst wenn sie „es zu etwas gebracht“ haben. Erzählte mir vor Jahren mal eine hübsche Griechin names Helena. Die hielt im Übrigen von Paris gar nichts, wurde nicht geraubt und verschelppt und lebte hier fröhlich schwäbelnd in der Ulmer Peripherie (= schon wieder ein griechisches Wort).

    Und dann wollte ich doch noch anmerken, daß Pablo Neruda seinerzeit maßgeblich an der Befreiuung von Mikis Theodorakis beteiligt war. Und daß dieser dafür den „Canto General“ des großen Chilenen vertonte. Eine eindrucksvolle Kulturleistung, die – wenn man so will – dem Griechenland neuerer Zeit zu verdanken ist.

    • 22. Juni 2011 11:03

      die rückkehrer aus almanya sind hier aber auch net besonders beliebt: wir nennen sie „almancı“ 🙂

  2. 22. Juni 2011 16:38

    Wenn wir hier aufs Meer hinausblicken, sehen wir Kos ganz nah, Pserimos und Chalymnos dann ein bisschen weiter weg. Gerade noch zu sehen Leros. Dort wurde Griechenlands grösste Irrenanstalt erbaut, von den Junta-Obersten dann zum Gefaengnis für allerlei Linke („die sind doch irre!“) umfunktioniert. Einweisung von Regimegegnern in psychiatrische Anstalten hat ja im Osten gute Tradition :-). Also, auf Leros sass auch Theodorakis für lange Jahre. Ganz nah bei uns, in Sichtweite…..
    Naja. Heute werden hier am andern Ufer die Leute eingebuchtet.

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