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Ein Brief, der ohne Antwort blieb. Claudia Roth! auch nach drei Jahren ist noch Zeit….

31. Mai 2011

Hatte vor drei Jahren mal nen Offenen Brief an Ms. Roth verfasst. Nun stehen wir kurz vor den naechsten Wahlen und vieles ist noch immer aktuell:

25. Juli 2008

„Liebe Claudia Roth,

In den ‚Turkish Daily News‘ paraphrasiert Barcın Yinanç ein Interview mit Ihnen am 24.7.2008, das mich erstaunt und einigermassen erschüttert hat. Kann ja sein, dass er sie entweder falsch verstanden hat oder aber falsch wiedergibt. In beiden Fällen möchte ich dazu einige Bemerkungen loswerden. In Ihrer Vita hier auf der Website bezeichnen sie die Türkei als Ihre ‚aussenpolitische Leidenschaft‘, und in der Tat sind sie hier als eine Lobbyistin der Kurden bekannt. Trotzdem schien mir in dem Interview (wie bei allen EuropäerInnen einschliesslich meiner selbst in früheren Jahren) viel Unkenntnis über die hiesigen Verhältnisse aufzuscheinen.

Nur einige kurze Fakten zu mir selbst. Ich bin gebürtiger Schweizer, habe aber viele Jahre in Deutschland gearbeitet. Seit fünf Jahren wohne ich nun hier in der Türkei, habe in der Zeit so einige Aha-Erlebnisse gehabt und mich meiner Unkenntnis und Naivität halber einigermassen geschämt..

Ich war den grünen Ideen von Anfang an verbunden, der Partei allerdings weniger – das mag an der rot-grünen Regierungszeit liegen. In Hamburg habe ich anlässlich des Projektes Hafenstrassen-Genossenschaft u.a. mit Krista Sager und Adrienne Goehler zusammengearbeitet. Hier in Bodrum lese ich via Internet aufmerksam die deutsche und internationale Presse, bin noch immer am Türkisch-Lernen aber kenne hier doch schon so einiges genauer (Übrigens: Ihr eingebautes Datenschutz- Maschinchen hat mich fälschlicherweise in Marmaris verortet).

Bitte seien Sie vorsichtiger mit Ihrer AKP-Verehrung! Ironischerweise pflege ich zu sagen, seit einem Jahr habe Erdoğan ausser seiner Fixierung aufs Kopftuch alles andere liegenlassen. Das mag stimmen in Bezug auf Reformen, aber auf anderen Gebieten war die Regierung sehr aktiv. Sie haben alles verfügbare Tafelsilber verscherbelt, einen Haufen neuer Steuern eingeführt, einen Haufen neuer Gesetze zugunsten mafioser Grosskophtas erlassen und alle ihre Mitglieder haben sich inzwischen schamlos und über alle Massen persönlich bereichert. Wollen Sie wirklich als Politikerin, als Grüne und als Frau in solcher Nachbarschaft gesehen werden? Erdoğan scheint mir ausserdem ein Mensch voller Hass und Agression zu sein (warum?), ein Berlusconi – was ja sein guter Freund (und Kupferstecher) ist – scheint dagegen ein Ausbund von Sonnenschein….

Nun zu dem Argument des Wahlerfolges der AKP mit 46,6% der Stimmen. Welchen Prozentanteil hat den Hitlers NSDAP 1934 erzielt? Hat diese Prozentzahl wirklich etwas mit Demokratie zu tun?

Und noch zur möglichen Schliessung der Partei (an die ich nicht zu glauben wage ):  Halten wir uns doch an unsere übrigen Masstäbe – z.B. gegenüber China. Eben sah ich ein sehr kritisches Magazin auf ‚Arte‘ über die Misshandlung chinesischer Bauern durch lokale Parteifunktionäre. Der Text dazu sinngemäss: so lange das Recht in den Händen der Partei (!) und nicht der Justiz ist, wird für China kein Fortschritt möglich sein. Na! Und in der Türkei?

Zu ‚Ergenekon‘. Die Verhaftungen von (oft linken) Leuten sind m.E. eine Racheaktion für die angedrohte Schliessung der AKP. Juristisch gesehen ist das meisste heisse Luft, die wirklichen Übelmänner, die der Anklage bleiben werden, sind wohl eher Leute des islamistisch-nationalistischen Establishments und etwa für den Mord an Hrant Dink und verschiedener christlicher Leute verantwortlich (wobei sich früher oder später eine Mitwisserschaft Erdoğans herausstellen wird, was die ganze Sache für die AKP ein wenig heikel macht). Was aber haben Leute wie z.B Kuddusi Okkır davon? (Vor kurzem schrieb ich dazu in einem taz-blog: ‚In der Neuen Zürcher Zeitung (die zwar stockkonservativ ist, aber üblicherweise über die meisten Informationern verfügt) wird allen Ernstes vermutet, die jüngste Schiesserei vor dem amerikanischen Generalkonsulat in Istanbul ‚könnte‘ von Leuten der geheimen Ergenekon- ‚Gang‘ angezettelt worden sein – und anstatt Ergenekon schreiben sie ‚Energekon‘ (ich hoffe, dass EON das nicht als Freud’schen Versprecher sieht?).
Ein Geschäftsmann wurde vor einem Jahr verhaftet. Die Zeitungen schrieben, vermutlich, weil er die Ergenekon finanziere. Während der Haft wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. Nun starb er. Sechs Tage vor seinem Tod wurde er aus dem Gefängnis ‚entlassen‘, was keinerlei Unterschied für ihn machte, lag er doch auf just demselben Totenbett. Bis heute ist keine Anklage erhoben worden, so dass in Zukunft weder seine Schuld noch seine Unschuld erwiesen werden kann. Sein Geschäft brach in den Monaten seiner Haft zusammen, so dass die Gemeinde seine Beerdigungskosten übernehmen musste und seine Familie nun mittellos dasteht. Es überlege sich das einmal ein jeder für sich selbst und seine eigene Familie. Und nun halte ich eine Wette: wetten wir, dass, wäre einem Islamisten oder AKP-Mitglied dasselbe widerfahren, Brüssel die Mitgliedschaftsverhandlungen mit der Türkei unterbrochen hätte? Hat jemand selbiges im vorliegenden Fall gehört oder gelesen??‘)

Mit zwei Beobachtungen haben Sie aber doch recht: Wo bleibt ‚die Strasse‘ angesichts des Entscheids am Montag? Den Leuten hier scheint es egal oder aber sie sind enttäuscht. Das Problem scheint eher zu sein, das keiner so richtig weiss, wofür er stimmt. Anlässlich des Referendums zur Direktwahl des Präsidenten haben wir die Wähler vor dem Wahllokal unseres Dorfes so lose befragt. Habt ihr mit ja oder nein? Ich weiss nicht, war die häufigste Antwort, welche Farbe hatte nochmal der Ja-Zettel? Rot? Dann wirds wohl Ja gewesen sein……

Und zur Frage der Opposition: Auch ich gehöre nicht zu den Verehrern von Deniz Baykal. Ecevit? Das war was andres…. Aber es ist hart, hier Opposition zu sein, oft schmerzvoll und lebensgefährlich. Auch gibt es – bitte lesen Sie es nach – hierzulande noch keine wirkliche Pressefreiheit. (Grad fällt mir dazu ein: kann es dann demokratische Wahlen geben???)

Zur Frage des Beitritts zur EU. Ich selbst wäre eher dagegen, innerhalb dieser fremdenfeindlichen Festung zu sein. Ich bitte aber zu bedenken, dass m.E. eher Europa die Türkei braucht als umgekehrt.

Entschuldigen Sie mich, sollte ich irgendwo unhöflich und unsachlich geworden sein.

Ich schreibe eher aus alter Sympathie  *g*

Mit freundlichen Grüssen

Thomas Kutzli

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7 Kommentare leave one →
  1. 31. Mai 2011 17:51

    Gut geschrieben hibouh,
    dass die die stets so betroffene Claudi nicht antwortet überrascht mich nicht, dass sie vieles nicht versteht vermute ich einfach mal.

  2. andreasfecke permalink
    31. Mai 2011 20:32

    „Cool“ bleiben, hibou!

    Claudia Roth ist keine Referenzperson, sie ist auf ihre Weise total deutsch – niemals wird ihre Partei sie zur Kanzlerkandidatin nominieren.

    Dazu ein Zitat von Dany Cohn-Bendit, aus dem Europawahljahr 2009:

    „Das große Problem der französischen Gesellschaft ist, dass sie die Hingabe liebt. Man gibt sich Sarkozy hin, man gibt sich der Linken hin oder einer revolutionären Idee. Man gibt sich sehr schnell hin, und man ist sehr schnell enttäuscht. Das macht aus der französischen Gesellschaft eine zerbrechliche Gesellschaft, eine sehr zerbrechliche. Auf unterschiedliche Weise ist das die deutsche Gesellschaft auch: sie liebt die Sicherheit. Die kleinste Unsicherheit destabilisiert die deutsche Gesellschaft völlig. Diese Zerbrechlichkeit unserer Gesellschaften ist gefährlich. In Krisenzeiten geht nicht immer die Demokratie als Siegerin daraus hervor. Darum müssen wir die positive Utopie wiederbeleben.“

    „Die kleinste Unsicherheit destabilisiert die deutsche Gesellschaft völlig.“

    Und damit, meine ich, sind wir am nicht springenden Punkt, leider.
    Nur so kann Angela Merkel erklärt werden, plus seinerzeit Guido.

    Interview komplette deutsche Übersetzung:
    http://andreassozpol.blog.de/2009/05/05/dany-cohn-bendit-neue-interviews-frankreich-deutsche-uebersetzung-traduction-allemande-6062689/

  3. 1. Juni 2011 04:59

    Claudia Claudia Claudia
    Rot heißt sie selbstdrehend nicht
    H ah ah ah a
    mit haar
    weder grün, noch bunt
    nur geschmacklos

  4. 1. Juni 2011 07:21

    Ich mag Danis Charakterisiserungen: Franzosen = Hingabe (gilt aber wohl eher für Afrikaner, Mestizen oder Frankokanadier?), Deutsche = Sicherheit…

    Hier noch was ausm Hotel Naipaula dazu:

    „Jenny übt ein neues Lied ein, nachdem sie von Oben zu Carla Bruni mitgenommen wurde (auch sie singt ja in mehreren Zungen, hat schon einmal für ed2murrow auf Italienisch brilliert – obwohl Mestizin singt auch sie mit gespaltener Zunge, würde des Beschreibers Indianer sagen):

    ‚Du bist mein Lied und ich der Takt
    Du Detektiv und ich der Fakt
    Du bist der Arsch, und ich die Hand
    Mein alter Stich und ich die Wand
    Du bist der Tee und ich die Tasse
    Du bist mein Geld und ich die Kasse
    Bist mein Gebet und ich der Kranz
    Hiessest Du Clara, wär ich Franz
    Bist mein Gedicht und ich der Reim
    Mein Schneckenhaus und Du der Schleim
    Du bist die Ruhe, ich der Hibbel
    Du bist die Brust und ich der Nippel
    Bist meine Liebe ganz allein
    Ich wünschte, ewig bliebst Du mein!’”

    • andreasfecke permalink
      1. Juni 2011 07:54

      Dreikönigsguido, Fälschung
      Dreikönigsguido

    • andreasfecke permalink
      6. Juni 2011 04:25

      Für Hibou:

      Immer nur die Mitte

      Liedtext: Halb und halb
      [von: Wenzel, Album: Reisebilder, 1989]

      aus

      Gnadenlose Kunst hier bei uns? „Letztes aus der DaDaeR“
      Bester Tipp, den ich Dir geben kann: Da hinein klicken und die DVD bestellen, solange es sie noch gibt.

      Das Geld halb rausgeschmissen
      Für einen halben Rausch,
      Zur Nacht ein halbes Kissen,
      Ein fiffti- fiffti- Tausch.

      Der Mensch halb Stier, halb Affe,
      Halb tierisch meine Lust.
      Und alles, was ich schaffe,
      Ist halb gewollt, gemußt.

      Immer nur die Mitte
      Immer nur das halbe Glück
      Halber Zorn, halbherzige Bitte,
      Vom Leben nur ein halbes Stück.
      Halb und halb,
      Halb heiß, halb kalt,
      Halb Leid, halb froh,
      Halb so halb so,
      Ein halb gemeintes Wort
      Halb bin ich lang schon fort,
      Halb lieb ich dich, Halb lieb ich mich
      Halb und halb…

      Halbfett die Zeitungszeilen,
      Halbgut der liebe Gott,
      Mein Weh wird halb nur heilen,
      Halbwütig beißt mein Spott.

      Die Halbzeit halb gewonnen,
      Die Welt zur Hälfte gut,
      Das Gift nur halb genommen,
      Besänftigt halb die Wut.

      Immer nur die Mitte

      Halb Mensch und halb Maschine
      Der Polizist, mein Freund.
      Die Stadt, wo ich verdiene,
      War halb nur eingezäunt.

      Auf Halbmast weht die Fahne.
      Das Glück zum halben Preis.
      Ein halbes Pfund Schlagsahne
      Auf halbgefrornem Eis.

      Immer nur die Mitte.

      Trailer, Großformat:
      http://mediaservices.myspace.com/services/media/embed.aspx/m=62671210,t=1,mt=video

  5. 6. Juni 2011 11:11

    Danke für den Tip! Schönes Lied

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