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Zoom (Die Geheimnisse von Mikro- und Makrokosmos)

7. Mai 2011
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Ich sitze draussen vorm Dost Kapısı, unterm Tisch Sütlaç, der auch von den Köfte abbekommen hat. Turgutreis brummt vor Geschäftigkeit. Es ist so warm, dass ich den Pullover ausziehen muss. Wie schön, nicht in Gegenden mit Weihnachtsgeschäft zu sein! Der Eukalyptusstamm mir gegenüber, schlanker und weiblicher als der in Bodrum, macht Landkartenmuster mit seiner Rinde, in braun, fahl und grün. Ich zoome mich heran, um auch die kleineren Formen zu sehen. Das ist eine Halbinsel und eine Meeresbucht! Näher. Ein Ufer, kleine Punkte und Pünktchen wie eine Siedlung. Aber die Hütten und Höhlen werden nicht von Menschen, sondern von winzigen Läusen bewohnt. Sie stapeln Honigvorräte für den Winter. Unablässig fühlen sie mit den Fühlern. Einige von ihnen werden eben von Ameisen gemolken. Uhhh das kitzelt!! Die Haut, oder besser der Chitinpanzer der Läuse ist schorfig und schrundig. In den Ritzen haben sich winzige Parasiten angesiedelt. Sie wurden bisher weder von Linné noch von Humboldt entdeckt und schon gar nicht von Merian gezeichnet. Anstatt der Gliedmassen haben sie Hyrtze, und ihre Sinnesorgane sehen Földen ähnlich. Über ihren Stoffwechsel ist nichts bekannt, ich sehe aber nach weiterem Heranzoomen, dass er außen auf der Blirst stattfindet. Da ich diese Wesen entdeckt habe, kommt es mir auch zu, sie zu benennen: Xusen. Im struppigen Irft der Xusen sind wiederum Details auszumachen……..

Doch ich werde ganz blicklos vor lauter Entdeckungen. Ist das eine Epiphanie am Nachmittag? Dann schnell mal ins Makrokosmische weggezoomt! Rasend schnell entfernt sich der Blickpunkt von der Restaurantterasse, es zeigt sich das ganze Viertel bei der zweiminarettigen Moschee („Allah renkren, renkren!“), dann die gesamte Siedlung, langgestreckt am blauen blauen Meer, dann die Bodrumhalbinsel mit den umliegenden Archipeln, die Türkei – längst ist Turgutreis im weissblauen Dunst unkenntlich geworden – Eurasien, der ganze Globus als gleichmütig dahinschwebende Kugel. Weiter! Andere Planeten, dann andere Sonnen mit ihren Planetensystemen kommen in Sicht, es sieht doch sehr einem Atommodell mit den Kernen und den drumrum tanzenden Elektronen ähnlich („Das sieht Dir ähnlich!“ sagte Eva, als sie Adam erblickte, zum Schöpfer) Aus den Systemen werden Galaxien und Sternennebel und mit zunehmender Entfernung nimmt alles eine Gestalt an. Oh!!! Es ist ein riesiger Elvis mit Gitarre vor dem Leib, der da wie verrückt seine Songs singt und spielt. Zuerst „Don’t step on my blue suede shoes!“, dann „Are you lonesome tonight?“ Die Erde, also wir, muss da irgendwo in seiner Beckenregion sein. Elvis the Pelvis! Und wir merken hier in Turgutreis nichts von seinen Verrenkungen – wir spüren ja auch nichts davon, wie die Erdkugel mit irrsinniger Geschwindigkeit durchs All rast. Nur manchmal, ganz selten, vermögen wir in der Schwärze der Nacht sein zweites Lied zu hören…..

Ich zahle, binde Sütlaç los und fahre nach Hause.

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8 Kommentare leave one →
  1. 7. Mai 2011 14:14

    Zoom – da denken wir unwillkürlich an Google-Earth, gell? Diese Software (dieses Weltbetrachtungsmaschinchen) wird in meinem naechsten Teil eine Rolle spielen. Deshalb dieser schon einige Monate alte Schrieb als Vorübung…….

  2. andreasfecke permalink
    7. Mai 2011 18:03

    Es ist kein Kommentar,
    eher eine Frage: ich mag alle Deine posts, irgendwie .

    „Richtig“ verstehen, sofern dem halbwegs besser gebildeten Otto-Normalbürger überhaupt möglich, kann ich sie nicht. Mich erinnert das alles an Dadaismus.

    Ist das falsch gesehen, halb falsch,
    ist das womöglich eine „moderne“ Form, ein Revival, des Dadaismus,
    der ja wohl auch mit nur ein, zwei, drei Personen begann,
    oder etwas ganz Anderes, das sich meiner Verständnisebenen enthebt?

    Ähnlich, wie ich Deine Artikel und Kommentare nicht verstehe, aber geniesse, habe ich im Internet (und in meiner Jugend vor 35 Jahren, wie und wo möglich war) dadaistische Werke genossen.

    Also: bitte aufklären.

    Dank im Voraus

    • 8. Mai 2011 12:21

      Danke erstmal fürs „geniessen“ 🙂
      Aber was soll ich erklaeren? Ich höre das „nicht verstehen“ öfters… Vielleicht ticke ich anders? Ich selbst verstehe meine Sachen aufs Wort hihi……… Na. Lies erst ma das naechste *gg*

      • andreasfecke permalink
        8. Mai 2011 12:56

        Alles klar!
        „Hihihi“, das passt sogar in meine ausgewrungenen Gehirnwindungen, da kapiere ich auf einmal alles,
        und fühle mich sogar ermutigt für meinen jetzt kommenden Muttertagsbeitrag!
        Merci, cherie, für die Stunden mit Dir,
        Märsiiiii, scheeri, mörsi.

        • 8. Mai 2011 13:19

          ich möchte dinge in frage stellen, die wir gemeinhin NIE in frage stellen, spielerisch, sozusagen :-)) hoffe, dass das hierhin auch passt?……..

          • andreasfecke permalink
            8. Mai 2011 14:01

            Mir ja.
            Kleine Quadratschädel brauchen Schubladen, große Quadratschädel wie ich brauchen Rahmen.
            Den hast Du mir jetzt gegeben.
            Als selber manchmal unverständliche (hier schon öfter) Ulknudel (hier noch nicht) appelliere ich aber kurz an uns beide, uns auch mal kürzer zu halten, um den guten Rahmen dieses Blogs nicht zu sprengen.

            Motiv, Mittel, Gelegenheit: Der Rote Salon ist der Mörder!
            Soll er auch sein, aber hauptsächlich politisch an der „Politik“.

    • 10. Mai 2011 10:50

      Hibouh, mir geht es ähnlich. Auch ich verstehe meist nur einen Teil deiner Texte, wie beispielsweise bei diesem. Aber deine Sprache und deine Art zu schreiben gefällt mir auch.

      Grüße fidelche

  3. 10. Mai 2011 07:30

    Hi Andreas! Na klar Politik! Aber solln wir beide das alleine schaffen?

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