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Atomkraft und neues politisches Denken/ Fühlen

2. Mai 2011


„Viel zu viele Menschen haften noch wie Kletten an einem Setting von Denkmustern, das wir heute als veraltet und dem zurück liegenden Jahrhundert zugehörig erkennen. Leider sind überproportional viele intelligente Menschen unter ihnen, ganz einfach deshalb, weil intelligente Menschen dazu neigen, über ihre Umwelt anhaltend und tief nachzudenken und sich deshalb überhaupt für die Anwendung von Denkmustern eignen. Sie, diese zumal oft Mächtigen, gilt es heute zu überzeugen und ja, auch zu zwingen, und weil das so schwer ist, besteht eine überragende Notwendigkeit: öffentliche Debatte in dem besten, uralten Sinne eines Forums – also angewandte Demokratie. Nur bewusste und von allen gewusste Öffentlichkeit schafft einen Raum, in den hinein sich eine Politik der Gutwilligen gegen die restaurative Macht der Rückständigen entfalten kann. […]
Auch noch aus einem anderen Grund gilt es, heute genau hinzusehen. Denn Umschwungphasen wie diese sind auch Zeiten, in denen die ansonsten ihr Geschäft wie im Schlaf verrichtenden Ungeheuer der Reaktion, der Restauration und des Profits aufwachen und einmal gezwungen sind, wirklich hart zu arbeiten. Nichts ist anstrengender als Konterrevolution, nichts muss sorgfältiger geplant und durchtriebener durchgeführt werden als Gegenreformation. Haben wir genau zugehört, als BWirtMin Rainer Brüderle das Kind beim Namen nannte? Noch arbeiten die Gegenreformatoren im Hintergrund. Fukushima steht im Vordergrund und es wird die Welt noch eine ganze Weile beschäftigen, monate-, vielleicht jahrelang. Aber Monate und wenige Jahre sind eine kurze Zeit, um die Weichen in eine andere Zukunft der Energieerzeugung zu stellen. Eine verwöhnte und ans Siegen gewöhnte Lobby wird sich nicht kampflos ergeben. Der Haifisch hat Zähne.
Es gilt nun, die Atomtechnologie endgültig zu entzaubern. Sie ist nicht sauber, so wie es in Hochglanzprospekten suggeriert werden soll. Ein Kühlwasserreaktor ist kein Spa Meridian, auch wenn er auf dem Foto ein wenig danach aussieht. Radioaktive Strahlung ist nicht unsichtbar, auch wenn man die Schäden im Moment der Verstrahlung nicht sehen kann – der Krebs bricht Jahre später aus, und dann kann man die Wirkung der Strahlung sehen. Atommüll ‘verschwindet’ nicht einfach unter der Erde. Argumente gegen die Atomkraft ‘verschwinden’ nicht zusammen mit dem Papier, auf das sie geschrieben sind, in den Akten-Giftschränken der Ministerien. Die wichtigsten Argumente gegen die Atomkraft aber werden äußerst geschickt vertuscht und verschleiert, denn sie betreffen gerade das Argument Nummer eins der Atomkraftbefürworter – Wirtschaftlichkeit.“[…]


Die vier Karikaturen sind entnommen aus den Galerien „Tschernobyl vergisst sich nicht“, „20 Jahre Tschernobyl“ und „Nukleare Drohung in Japan“ beim Courrier International.

Ich möchte heute jenen Blogger(in?) vorstellen – vielleicht kann er/sie für dieses Forum gewonnen werden? –, der es fertig bringt, mir Dinge zu Bewusstsein zu bringen, die ich „irgendwie immer schon gewusst“ habe ohne sie formulieren zu können, dessen Ansichten ausnahmslos meine sind. Nach einer langen Pause meldet sich „Der gespaltene Westen“ mit dem oben kurz anzitierten Beitrag „Die Rationalität des 21. Jahrhunderts“ zurück.

Wer ist er/ sie?

„„Der Westen“ – ein Phänomen, das man nie ganz zu fassen bekommt. Und dennoch weiß die Mehrzahl der Menschen mit diesem Begriff etwas anzufangen. Seit dem Untergang des Sowjetimperiums und dem Ende der Block-Konfrontation steht „der Westen“ vor allem für jene Staaten und Institutionen, für jene Wirtschaftsordnung und ganz allgemein auch für all jene Menschen, die scheinbar siegreich aus dem konfliktreichen 20. Jahrhundert hervor gegangen sind, also insbesondere in Nordamerika und der Europäischen Union. Dass dieser Sieg von kürzerer Dauer sein könnte, als man „im Westen“ hofft, lassen die Wachstumszahlen aufstrebender Nationen wie China und Indien ebenso erahnen wie die zahlreichen neuen Konflikte in aller Welt.
Dabei ist „der Westen“ keineswegs ein moralisch siegreiches Gebilde. Überall außerhalb seiner Grenzen wird sein Erfolg ebenso bestaunt wie gehasst. Eine altbekannte Form der Protektion prägt daher in neuem Gewand die Mentalität westlicher Länder und Konföderationen: man treibt Handel im Zeichen ausufernder weltweiter Mobilität durch die Globalisierung, und kontrolliert hinten herum alle Handelsbeziehungen. Man predigt die eigenen Politikmodelle noch im entlegensten Inselstaat, und schottet sich zugleich gegen den Einfluss nicht-westlicher Protagonisten so gut es eben geht ab. Man predigt das auf uns gekommene (westliche) Völkerrecht als Grundlage einer künftigen Weltordnung und führt gleichzeitig völkerrechtswidrige Kriege. Man handelt (Kosovo) und schweigt (Darfur), wo es einem gerade passt.
Doch nicht nur an seiner Abbruchkante zur Außenwelt zeigt „der Westen“ eine tiefe Spaltung. Auch in seinen „Eingeweiden“ sieht es bisweilen dramatisch aus. Konsumlust hat sich längst in Konsumterror verwandelt. Die Individualisierung des westlichen Menschen ist so weit über sich hinaus gewachsen, dass sie für viele nicht-westliche Kulturen kaum mehr zum Modell taugt. Westliche Zivilgesellschaften prallen auf religiös geprägte Parallelgesellschaften. Die Auswüchse des Wirtschaftsliberalismus bergen ungeheure Gefahren für die Stabilität von Nationen wie für die Freiheit vieler Menschen.
Der Titel dieses Blogs geht auf eine Sammlung von politischen Schriften des deutschen Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas zurück („Der gespaltene Westen“, C.H. Beck Verlag 2004). Mit großer Sorge blickt Habermas darin auf das Weltgeschehen nach dem Fixpunkt-Ereignis des elften Septembers 2001. Für ihn besteht kein Zweifel an der moralischen Überkommenheit des US-amerikanisch geprägten Westen: „Machen wir uns nichts vor: die normative Autorität Amerikas liegt in Trümmern“. Gleichzeitig malt er aber auch das positive Bild einer kommenden weltweiten Bürgergesellschaft im Sinne Kants („Welt-Innenpolitik“, nicht „Weltregierung“)…………“

Weiterlesen: Editorial/ about

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5 Kommentare leave one →
  1. 2. Mai 2011 20:01

    Habermas finde ich nicht gut. Er hat kritische Theorie zu einer Endlosdebatte führen wollen, ganz gegen die Motive seiner Lehrer Adorno und Horkheimer. „Mit großer Sorge blickt Habermas“ – steht ganz unten im Text; und das ist so päpstlich, wie er selbst sich gerierte in einem natürlich (deshalb) erfolgreichen Akademikerleben. DEN GRUND seines Studiums in Frankfurt hat er so verraten.
    Tschernobyl ward von der Mehrheitsdemokratie vergessen, als es aus den Schlagzeilen war. Dunkles Rußland. Wurde schon der Feldzug verloren. Weit weg, aber schade um die Pilze, die nicht mehr gesammelt werden sollten. Und: Kern/Atomenergie war Ideologiemoment. Im Westen gut und sicher, im bösen Osten – ha: Bestätigung – unsicher. Weshalb Tschernobyl.
    Aber: Der Westen hat nicht gerafft, daß die Sowjetunion technisch durchaus ganz vorne mitspielte, und Japan? Ja in Japan geht doch nichts kaputt. Sind doch die Japaner, eine Achse im Weltstreben! Und nun doch. – War aber bloß die blöde Natur, Erdbeben, Tsunami, die einen Streich gespielt hat.
    Kurz: Ich halte das atomare Proletariat, die Armen, die Verdummten, die nicht mehr sich regenden für blöd. Oder – im Gegensatz zu Habermas und falscher kritischer Theorie: für dumm gemacht und gehalten, deshalb für ängstlich und deshalb den Untergang der Welt mehr verschuldend als die blöden Atomkapitalisten.
    [Dies ist eine These. Für Diskussion.]

    • andreasfecke permalink
      2. Mai 2011 20:29

      Zu Habermas bzw. den abstrakten politischen Theorien meines Geistesfreundes „Der gespaltene Westen“ kann ich selber leider nicht viel sagen – ansonsten würde ich solche Artikel wohl auch selber schreiben…
      Aber ich möchte Deinen Kommentar (Danke!) in Punkto Japaner/ Russen/ wir um einen kleinen Kommentar erweitern, den ich (13.03.) kurz nach der Katastrophe irgendwo schrieb:
      „Ich denke, dieser Unfall in Japan könnte eine breitere und tiefere Skepsis auslösen als andere. Passiert es in Russland oder in der 3. Welt, dann denkt man allgemein (kurze Zeit später) an heruntergewirtschaftete alte Industrieanlagen und verantwortungsloses Personal – ergo: bei uns nicht, im sanften Ruhekissenstil.
      Ein ähnliches Bild exisitiert durch das Kino ja auch von den USA.
      Japan gilt aber als Hochtechnologiespitzenreiter und die Japaner gelten als äußerst diszipliniert und verantwortungsvoll am Arbeitsplatz – wie Deutschmann sich gerne selber sieht. Also dürfte das wohl einen ganz anderen Eindruck hinterlassen – hoffe ich wenigstens, denn dass Deutschmann überhaupt noch etwas an seine träge Birne heranlässt, bezweifle ich schon lange….“

      • 2. Mai 2011 21:16

        Ja, diesen Aspekt Deines Artikel sehe ich auch genau so!
        Der Westen ist selbstverliebt in seine Technologie und Tugenden, und daß ALLE weltweite und jahrhundertewährende Gefahren verwalten, sieht keiner.
        Hoffentlich ab jetzt!

    • 3. Mai 2011 16:34

      Mit Habermas hab ich noch nie viel anfangen können. Gegen Atomkraft war ich, seit ich denken kann. Es gab vor Fukushima nicht nur Tschernobyl, sondern auch Sellafield und Harrisburg. AKWs waren in der SU genusowenig sicher wie in Europa oder in den USA. Nach heutigem Wissen ist in Tschernobyl die Katastrophe durch menschliches Versagen ausgelöst worden. Atommüll fällt in jedem AKW an. Wer zahlt die Atommüll-Endlagerung, wer die Atommüll–Transporte, jetzt und in 5000 Jahren? Doch nicht etwa der Steuerzahler? Wenn man diese Kosten in den Strompreis rechnen würde, was korrekt wäre, dann würde sogar der dümmste Atomkraftbefürworter eher gestern als morgen aussteigen wollen. Man muss mit Robert Jungk nicht in allem übereinstimmen, sein Buch der Atomstaat zeigt aber schon die Defizite in unserer Demokratie, die mit den Propagandaaktionen der „Atomterroristen“ derzeit in unseren Medien gerade flankiert werden.

  2. 4. Mai 2011 21:25

    Ich denke, die dicken Geschaeftemacher werden flugs auf den neuen Trend aufspringen? Heute hörte ich grade, dass Siemens sehr gute Geschaefte mit „Neuen Energien“ macht……

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