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Momentaufnahme Wandel in Nordafrika: Religion und Politik

26. April 2011
tags:

– Unruhen in Marokko, postelektorale Gewalt in Nigeria, Demokratisierung in Tunesien – (pardon, liebe Leserinnen und Leser, dies sind google- Schlagworte…..) –

Das Blogforum „Roter Salon“ richtet besonderes Augenmerk auf den Zusammenhang der Revolutionen/ Veränderungen im arabischen Raum bzw. in Afrika mit möglichen anti-israelischen bzw. pro-islamistischen Folgen.
Die mainstream-Medien, auch „kritische“ Medien wie etwa taz oder telepolis, ziehen durch die, ich nenne es mal so:, „Ereignisgebiete“ durch wie ein Wanderzirkus. Tunesien, Ägypten, Libyen, Syrien, kaum mal Elfenbeinküste, jetzt wieder Nigeria, niemals Guinea oder Niger oder Südsudan, …. und so weiter und so fort.
Mein Bestreben, vor allem im Bewusstsein, dass der gesamte afrikanische Kontinent in den kommenden Jahren vor tiefgreifenden, unterschiedlichen „Changes“ steht, und zwar für die gesamte Menschheit, ist, das Gemenge von Religion, Ethnien und Politik und Wirtschaft, das sowohl in den Realitäten wie auch (aber anders) in unserer Wahrnehmung existiert, etwas zu erhellen.

Niemand spricht mehr über Tunesien. Hauptbestandteil dieses Artikel ist ein Interview mit einer tunesischen Feministin über das Erreichen einer Frauenquote von 50% für die Wahl der verfassungsgebenden Versammlung im Sommer – inklusive ihrer Skepsis gegenüber „geläuterten Islamisten“.

Marokko, von allen Medien unbeachtet, hat deshalb meinem Afrikainfoblog seit Ende Januar fast 20%, abertausende, seiner Besucher beschert: dort findet ein stiller Wandel statt, inklusive friedlicher Demonstrationen seitens einer „Jugendbewegung 20. Februar“. Die vor Kurzem noch restriktive Monarchie hat sich geöffnet, einer Debatte eröffnet und eine Verfassungsreform eingeleitet, sogar politische Gefangene entlassen.
Eine zentrale Frage der Verfassungsänderung ist die Rolle des Königs Mohammed VI.: Weg mit ihm oder weg mit ihm nur aus der Politik unter Beibehaltung seiner Rolle als „Herrscher der Gläubigen“?
Die demokratische Bewegung reagiert nicht nur mit weiteren Demonstrationen: zwei Webspezialisten haben ein meines Erachtens unvergleichliches (und stark besuchtes) Forum in vier Sprachen aufgemacht – Artikel dazu. Auch diese beiden wurden, nach politischen Parteien und NGOs, jetzt von dem Ausschuss eingeladen, der bis 15. Juni Vorschläge für ein neues Marokko erarbeiten soll.

Des Marocains manifestent contre les injustices et l'oppression à Rabat le 20 mars 2011-
Foto (c) AFP: Marokkaner demonstrieren gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung in Rabat 20. März 2011
Des Marocains manifestent contre les injustices et l’oppression à Rabat le 20 mars 2011

– In Punkto Afrikaverständnis empfehle ich immer noch meinen Artikel „Wir Afrikaner müssen den Preis für Demokratie selber bezahlen“ – 50 Jahre afrikanische Unabhängigkeit, Texte aus Afrika“ mit deutschen Übersetzungen mehrerer afrikanischer Autoren, insbesondere dem Beitrag darin von Achille Mbembe.

– Momentanes Negativbeispiel: Nigeria. Dieses riesige, an Öl reiche, aus vielen Bundesstaaten bestehende Land mit einer bitterarmen Bevölkerung wird seit langem von Gewaltakten heimgesucht. Unsere Medien folgen der simplen Formel „Moslems schlachten Christen ab“. Eine andere Sicht bietet mein damaliger Artikel „Die Rolle der Christen bei der religiösen Gewalt in Nigeria wird heruntergespielt“
Heute bietet AFP mit „Nigeria: Armut ist die Ursache von Gewalt, nicht die Religion“ auch ein anderes Bild der letztlichen post-elektoralen Gewalt.

    Jetzt endlich der Artikel: Meine deutsche Übersetzung ist (zeiteinsatzbedingt) etwas schluderhaft, es ist nur eine Korrektion der automatischen google-Übersetzung:

Tunesien hat die Gender-Politik
Interview von TV5-Monde
Politische Parteien in Tunesien sind gezwungen so viele Frauen wie Männer in ihren Wahllisten aufzustellen. Die Parität wurde am 11. April 2011 verabschiedet durch das oberste Organ zuständig für die Vorbereitung der Wahlen.
Die Feministin Faiza Skandrani hatte mobilisiert, um diese erweiterten Rechte der Frauen zu erhalten. Hier erzählt sie.
„Frauen die gleichen Chancen wie Männern geben“
2011.04.24; Interview von Camille Sarret, Herausgeberin und Wissenschaftlerin. Die Tunesierien Faiza Skandrani koordinierte die Support Group für Parität und ist nun Präsidentin des neuen Vereins Gleichheit und Parität.

Was hat Sie veranlasst, den Grundsatz der politischen Gleichheit zu verteidigen?

Es begann alles, als der muslimisch-fundamentalistische Anführer Rached Ghannouchi (Islamistische Ennahda, Parteichef, der nach London nach Repression des Regimes von Ben Ali, verbannt wurde) Ende Januar nach Tunesien zurückkehrte. Ich war sehr überrascht von der Rezeption seitens der tunesischen Medien. Er kommt fünf Mal im Fernsehen und Radio in nicht einmal zwei Tagen. Er zeigte dort ein Katzenpfötchen, indem er sich als Verteidiger der demokratischen Werte darstellte. Aber jetzt reden wir in Tunesien immer weniger über Demokratie und Gleichheit und zunehmend über Schal, Niqab, Polygamie … Dinge, die längst obsolet sind!

Im Gegenzug spricht niemand über die feministischen Vereinigungen, wie die Frauen Demokraten und Tunesische Frauen für Forschung und Entwicklung, zu der ich gehöre, obwohl sie vor kurzem Opfer einer Verleumdungskampagne bei Facebook wurden.

Also hat dieser Zusammenhang mich dazu veranlasst, zu reagieren. Ich habe zunächst Feministinnen, die ich kenne, aufgefordert, eine Kommunikationsstrategie zu entwickeln in Richtung von Parteien und NGOs. Aber über ihre Autonomie besorgt, waren sie nur ungern dabei. Mit der Unterstützung von einer spanischen NGO gelang dennoch der Aufruf zur Aufnahme des Prinzips der Parität in der zukünftigen tunesischen Verfassung und es entstand eine größere Gruppe, offen für Männer und Frauen, unter Einbeziehung von Persönlichkeiten des des öffentlichen Lebens.

Parität auf den Wahllisten war nicht Ihre erster Schlachtruf gewesen!

Um ehrlich zu sein, nein. Unser Ziel war zunächst die Frauen besser sichtbar zu machen und sie in Entscheidungsgremien zu bringen, wo sie praktisch nicht existent sind. Aber ich fühlte, dass das in sehr technischen Diskussionen über die künftige Verfassung verloren und an der Sache vorbei gehen würde.
In der Tat, bei einer Konferenz über die Wahlgesetze setzte uns eine marokkanische Feministin einen Floh ins Ohr. Sie erzählte uns, Einzelwahl (Mehrheitswahlrecht) ist gefährlich für die Frauen – Listenwahl ist die beste, weil es der einzige Weg ist, der den Frauen eine definitive Präsenz in der Politik geben kann. Zu dieser Zeit haben wir beschlossen, das Manifest zu schreiben und zu fordern Parität auf den Wahllisten. Dann ging alles sehr schnell.

Wie haben Sie die Mitglieder des obersten Organs überzeugt, die Parität zu übernehmen?

Die meisten Frauen, die auf dem höchsten Gericht sitzen, waren bereits für unsere Sache gewährt. Es war besonders die Männer zu überzeugen. 29. März, als sie zusammengekommen waren, hielten wir ihre Autos an, um ihnen unser Manifest zu übergeben und eine Diskussion einzuleiten. Es hat keine unmittelbare Reaktion gegeben. Aber wir fühlten, dass die Dinge in Bewegung gerieten.

Des femmes réunies lors d'une conférence nationale des femmes pour l'égalité et la citoyenneté, le
Foto (c) AFP: Frauen versammelten sich in einer „nationalen Konferenz der Frauen für Gleichberechtigung und Unionsbürgerschaft, 13. März 2011 in Tunis
Des femmes réunies lors d’une „conférence nationale des femmes pour l’égalité et la citoyenneté“, le 13 mars 2011 à Tunis

Waren Sie überrascht, als die Parität am 11. April bestätigt wurde?

Überhaupt nicht, denn wir hatten auch innerhalb der progressiven Parteien, die ein paar Tage eher zu Gunsten der Parität gewesen waren, Lobbying gemacht. Wir sagten, wir hatten genug von Männern, die Frauenstimmen manipulierten, um gewählt zu werden. Wir erhielten sogar die Unterstützung von islamistischen EnNahda- Leuten, die im Obersten Verfassungsorgan sitzen!

Wie haben Sie die Unterstützung der Islamisten gewonnen?

Mit nichts. Die Islamisten wissen, dass Frauen aktiv sind und sich ihnen anschließen könnten. Gleichstellung kann auch ihren Interessen dienen. Das macht mir auch Sorgen, aber das Risiko ist zu laufen. Wir müssen Frauen überzeugen, sich mit unserer Vision von der Gesellschaft, fortschrittlich und egalitär, zu identifizieren. Es ist daher wichtig, dass die Medien künftigen Kandidaten eine Stimme geben, damit alle kenntnisreich stimmen. Ich werde nicht für eine Frau stimmen, die gegen meine Ideen ist.

Parity erhöht die Zahl der gewählten Frauen, aber garantiert nicht die Hälfte der Sitze. Ist es das richtige System für echte politische Gleichheit zwischen den Geschlechtern?

Parität auf den Wahllisten führt nicht zu perfekter Gleichheit, wie die französische Erfahrung gezeigt hat. Aber das Wichtigste für mich ist es, Chancengleichheit für Frauen wie für Männer zu geben. Dies ist ein erster Schritt. Wenn wir 30% der weiblichen Abgeordneten zu Beginn erreichen, hoffentlich, irgendwann erreichen wir 50%. Der Schlüssel ist nun, tunesischen Frauen zu ermöglichen, ihre Aufnahme in die Politik zu machen.
Es gibt jetzt eine Debatte über Gender in Tunesien. Viele sagen, dass sie für die Bewerber nicht auf dem Geschlecht stimmen, sondern auf Grundlage der Kompetenzen. Doch wie viele unfähige Männer sind jemals gewählt worden? Und wie viele Frauen finden sich ausgeschlossen, hochqualifizierte Frauen, Uni-Präsidentinnen, Vorstände von Unternehmen?

Nach dem Gewinn der Parität für die Wahl der verfassungsgebenden Versammlung, was ist nun Ihr nächstes Ziel?

Es gibt eine 1000-Kandidatinnen Datei, die wir an die Parteien geben, die sagen, es ist unmöglich, genügend Frauen für die Wahl vom 24. Juli zu finden.
Wir besuchen die meisten, vor allem ländliche Wahlkreise, um mit Frauen zu sprechen und sie zu ermutigen, sich in Parteien einzuschreiben.
Wir werden auch Kurse initiieren, die Frauen Kommunikation lehren, in der Öffentlichkeit zu sprechen und zu verteidigen ihre Ideen. Wir werden versuchen, Frauen voranzutreiben, damit sie Vertrauen gewinnen. Wir haben gewonnen Parität, aber die ganze Arbeit ist noch zu tun …

Sind Sie besorgt über die demokratische Zukunft Tunesiens?

Auch wenn es gut zu sein scheint, ja, ich bleibe besorgt. Damit Parität und Listenwahl endlich verabschiedet werden, ist es notwendig, dass der Ministerpräsident die Vorschläge des Obersten Organs der Wahlreform genehmigt. Doch in diesem Moment gibt es viele Menschen, die versuchen zu manövrieren – sie sagen, dass Parität dient nicht der Sache der Frauen und dass wir Personenwahlen brauchen.
Ich bin auch durch den großen Platz der Islamisten besorgt. Ich fürchte, es gibt Fehlentwicklungen oder geheime Bündnisse mit den Mitgliedern der Polizei oder der ehemaligen Macht. Es ist zwingend notwendig, dass wir Partner mit den gleichen Chancen und unter gleichen Regeln sind, sonst ist es von vorneherein verloren. Die Redezeit in den Medien sollte eingeschränkt und die Mittel begrenzt werden für jede Partei. Aber wir werden den Druck nicht mindern.
ENDE.
Originaltext

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5 Kommentare leave one →
  1. 26. April 2011 17:13

    Ja, ich verfolge den sogenannten “arabischen Frühling” mit höchster Spannung, ich gebe es zu, und wie wir vermutlich alle bin ich sehr vorsichtig mit meinen Prognosen. Vermutlich sind wir noch in folgenden Denkmustern gefangen: Die Obersten, Generale und Diktatoren wie Mubarak, Gaddafi, Assad, Saleh, sind (uns) das kleinere Übel: zwar regieren sie mit dem andauernden Ausnahmezustand (welcher folglich “Regelzustand” heissen müsste), aber sie garantieren den säkularen Staat und die säkulare Verfassung gegen die Moslembrüder, die Dschihadisten, die Ayatollahs. Wir denken dabei konstant an die persische Revolution gegen den Schah (und was dabei herauskam). Wir vergessen aber dabei, dass diese Revolution mittlerweile eine Generation zurückliegt und sich die Zeiten inzwischen geändert haben. Eine Jugend, die den Gebrauch von Internet und Handy gewohnt ist, eine Jugend, die eher durch Coca-Cola, Burger-King und weisse Plastikstühle sozialisiert ist als durch fliegende Teppiche und Bismillahs. Den Fussball net zu vergessen…(Nebenbei: Gab es bei “uns” (im Westen) nicht den Orientalismus (der natürlich instrumentalisiert und verkitscht wurde). Wo bleibt der Okkzidentalismus? Sind es die angeblichen “Massen”, die nach Europa streben? Wir alle haben doch Kara Ben Nemsis Todesmarsch übers Schott-el Dscherid verfolgt und mit ihm mitgezittert, und obwohl Hadschi Halef Omar dann am Ende ja glücklicherweise Christ wurde, fanden wir doch die Han’s, die Bauchtänze, den Scherbet, die edlen Araberpferde “geil”…….). Wer weiss, ob der Staat Israel in Mozambique oder Kalifornien so viele Menschen angezogen hätte? Eine vergleichbare Sehnsucht nach dem Westen suchst du umsonst. Soviel zum angeblichen Antiislamismus).
    Was war also anders als früher? Die arabische Welt war so was von peripher, anscheinend selbst für die Leute da, gefangen in ewiger Rückständigkeit und Blockade jeglicher evolutionärer Tendenzen. Und gerade da haben die Ereignisse ihren Anfang genommen. Tunesien…. Es war ja nicht einmal Tunis, sondern der Provinzort Sidi Bouzid, also die Peripherie der Peripherie, wo sich ein Mensch aus Hoffnungslosigkeit selbst verbrannt und damit das alles in Gang gesetzt hat, was jetzt von Land zu Land als Funke überspringt.
    Doch halt: Tunesien ist das Land mit dem höchsten Schulbesuch aller arabischen Nationen. Bildung hat also anscheinend nicht geschadet?
    Der ganze Magreb (das arabische Nordafrika) ist sehr zweisprachlich, und das, obwohl die FIS und die GIA in Algerien dagegen jahre- und jahrzehntelang zu Felde gezogen sind und zehntausenden von Leuten die (mehrsprachige) Kehle aufgeschlitzt haben. Die Kolonialherrschaft hat neben hundert ätzenden und schmerzenden Dingen das Französische da zurückgelassen (weshalb ich mich da überall gleich wie zu Hause fühle). Mehrsprachlichkeit ist also wohl nie von übel (man bedenke, wieviel Dutzende Sprachen neben dem Hebräischen in Israel heimisch geworden sind).
    Meine Frau hasst die Franzosen, und sie hat recht. Ich liebe sie, und habe auch recht.
    Die Tunesier lesen seit Menschengedenken zum ersten Mal eine freie Presse, und sie sind überwiegend der Ansicht, dass das eine der wichtigsten Bedingungen für das Entstehen einer freien Gesellschaft ist (das hat unser PM auch richtig erkannt, er vergisst nur, dass man alles erreichen kann, nur nicht die Vergangenheit). In ganz “Arabistan” wird die Bedeutung eines säkularen Staates, in dem aber jedwede Religion frei ausgeübt werden kann, inzwischen richtig eingeordnet. Klar ist: Frauenrechte ganz ganz wichtig! Frage ist, was Saudi-Arabien, Qatar, der Gaza-Streifen, der halbe Libanon, der Iran und andere Fundamentalisten und Formel 1-Fans dazu sagen werden? Jedenfalls scheint es so, dass die Moslembrüder in Aegypten, Tunesien, dem Jemen, Bahrain und Syrien nur noch eine Partei unter vielen sind. Warten wir also allfällige Wahlen ab und seien wir vorsichtig optimistisch *gg*

    • andreasfecke permalink
      26. April 2011 18:31

      Danke, so einen Kommentar wünscht sich jeder „Autor“ (ich selber habe ja fast nichts geschrieben). Du bringst uns auf einen wesentlichen Punkt zurück: sind diese Umwälzungen „afrikanisch“ oder „arabisch“ (islamistisch oder anti-islamistisch)?

      Ich schlage vor:
      – überlassen wir die Beantwortung dieser Frage den kommenden Historikern, wir können sie ja nur voreingenommen angehen. Wie auch ich.
      – lassen wir uns stattdessen doch einfach davon inspirieren, sofern uns das in unserer abgehobenen Intellektualität noch möglich ist! Auch meiner.

      Dennoch
      sehe ich den Ursprung der nordafrikanisch/arabischen Changes als „afrikanisch“ an und meine Rolle darin, Einblicke in Ursachen und Folgen zu bieten,
      und insbesondere in die anstehenden demokratisch/friedlichen (Guinea, Liberia, Elfenbeinküste, Niger) Veränderungen oder die kommenden Revolten in etwa momentan einem Dutzend Ländern des subsaharischen Afrikas.
      Über kommende Revolutionen kann ich vorzeitig berichten, leider nicht seriös vorvorzeitig. Warten wir ab.

      Mein Credo: die Revolution, die Weltveränderung zum Besseren, geht von Afrika aus, oder die Welt geht unter.
      Ich habe die Afrikabücher von Peter Scholl-Latour und viele andere gelesen. Ich kenne Afrikaner. Immer wieder, entgegen der durchaus realen Bilder der brutalen Gewalt, wird bestätigt (das abtrünnige Verhalten der Pro-Gbagbo-Militärs in der Elfenbeinküste unterstreicht dies wieder), dass „der Afrikaner als solcher“ der schlechteste Soldat ist, den man sich vorstellen kann. Wenn es um sein Leben geht, haut er ab, auch wenn er, aus Armutsgründen als Söldner verdingt, mal wehrlose Menschen massakriert.
      Warum? In der über Jahrhunderte verschütterten afrikanischen Kultur gibt es neben Tribalismus, Patriarchismus und Cheftum noch eine Komponente, die uns verloren gegangen ist: Liebe zum Leben und nicht zum materiellen Reichtum, der dort nur im Zusammenhang der Brautfindung eine Rolle spielt.

      Die asiatischen Entwicklungsmodelle kopieren unsere Wachstums- und Konsumideologie.
      Die Afrikaner werden das nicht tun – wo auch immer man hinblickt, nirgendwo geht es darum „reicher“ oder Mittelständler zu werden, immer geht es darum, nicht zu hungern und Menschenwürde zu erlangen.

      Wir sind europäisch und alt. Hoffen wir, die Weltrevolution noch mitzuerleben, allerdings anders, als wir uns das in unseren linken Jugendzeiten erhofft hatten.

      Nochmals Danke für den Kommentar,
      Andreas

    • 28. April 2011 19:49

      Hibouh,
      mir geht es ähnlich, auch ich verfolge den so genannten “arabischen Frühling” mit höchster Spannung. Ich stelle mir die vergleichbaren Fragen. Dazu kommt: Wieso sind die Aufstände im Iran und bisher in Syrien gescheitert? Warum unterstützte der „Westen“ diese Aufstände nicht? Wie sieht es in Saudi-Arabien und dem Gaza-Streifen aus?

  2. 27. April 2011 07:37

    Was Du über Afrika und die Afrikaner berichtest, ist spannend und sehr gut zu wissen, Lebensfreude anstatt der Karriere ist ja wirklich ein diametraler Unterschied zu unserer – westlichen- Philosophie.
    Waere ich ein neuer Roland Barthes, würe ich wohl eine Phaenomenologie des Pickups anstelle neuerer Kriegsgeschichte schreiben……

    Weitere Fragen:

    Ist also der Kontinent nicht nur von den sattsam bekannten Kolonialmaechten, sondern auch vom arabischen Islam erobert worden? Die „Glaubenskaempfe“ südlich des Sahel weisen darauf hin, auch waren die Araber ebenfalls geübte Sklavenhaendler….

    Was wird nun aus den nichtafrikanischen Unruheherden (Syrien, Kurdistan!! (nationenübergreifend), Yemen, Bahrain (ich hoffe ja im Stillen bald auch Kuwait und Saudi-Arabien :-)). Sind sie nicht so entscheidend? Die Frage geht freilich an alle, Du bist ja „nur“ unser Afrikaspezialist…..

    Wie ist es eigentlich in Europa um die – gerade von dessen „Führern“ nun lebhaft von den Unterdrückern geforderten Freiheiten bestellt? Steht es hierzulande besser um Presse- und Informationsfreiheit, Gewaltenteilung, unabhaengige Justiz, freie Wahlen, nicht zuletzt Meinungsfreiheit? Leistet sich die EU neben Ungarn bald auch andere im Kern faschistische Staaten?

    Aber na klar anderswo feste bomben. Die Waffenhersteller wollen ja auch Umsatz….

    • andreasfecke permalink
      27. April 2011 11:42

      Deine Einleitung ist mir (not enough Bildung in my Birne) leider zu hoch, aber zu den drei weiteren Fragen kann ich vielleicht etwas sagen, wohl leicht humorlos, aber immerhin:

      – Die ersten Sklavenhändler in Schwarzafrika waren die „Chefs“ (man nennt sie so) selber. Sie waren weder Christen noch Muslime, eher Animisten oder wohl auch Atheisten, und dieses Business lief überall auf der Welt, seit Menschengedenken, auch ohne Religion bzw. Absegnung durch Religion.
      Man könnte mal hinterfragen, welche Religionen (klassische Vielgötterei, Christentum, Islam, Judaismus, afrikanische Naturreligionen) den Ausbeutern, Herrschern und im heutigen Sinne Menschenrechtsverbrechern eine Art religiöser Ethik für ihr Handeln abverlangten.

      Der Kontinent wurde immer erobert, zumindest teilweise; das pharaonische Ägypten ausgenommen, hatte aber niemals ein Afrikaner imperialistische Ideen. Behaupte ich.

      Die „Glaubenskämpfe“ im subsaharischen Afrika werden von zwei Sorten von Menschen so empfunden: von den Fußtruppen der Religionen und deren Anheizern, und von Beobachtern aus der Ferne, denen das so schön in ihr Bild passt.
      Je nach Stellung das Bild, das sie daheim verbreiten möchten, oder aber, weiter unten, das Bild, welches ihnen ihre Seelenruhe erleichtert.
      Fragen wir uns doch, wo wir stehen.
      Ein oben von mir verlinkter Artikel (Nigeria) bringt dazu aktuelle Stellungnahmen, aus dem Land selbst.

      – Was aus den nichtafrikanischen „Unruheherden“ wird, kann ich in der Tat nicht besser wissen als Du. Die Anführungsstriche hast Du leider falsch platziert: ich bin nicht „nur“ unser Afrikaspezialist, sondern nur unser Afrika“spezialist“. So hatte ich mich vorgestellt.

      – Europa? Idee gut, aber mit wem? Brrreutschland? Ffffffffr-ankreich? Kann ich auch nichts zu sagen. Mich persönlich kotzt unser ökonomistisches westliches Zivilisationsmodell mit quantitativen Wachstums- und Konsumspiralen kontinuierlich seit 35 Jahren (ich bin 53) an. Im Superwahljahr 2009 mit Höhepunkt Kopenhagengipfel habe ich „unseren“ Problemen den Rücken gekehrt, und besser dahin zu blicken gelernt, wo Menschen für ihr Menschsein kämpfen.

      Manche amüsiert das. Andere werfen mit dem „Gutmenschen“ oder dem „Sozialromantiker“. Sechs von sieben Tagen kann ich diese Würfe fangen.

      Habe ich jetzt zu Deinem Amusement beigetragen?
      Antworte bitte nicht mir, bitte nicht hier, antworte Dir.

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