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Macht und Intelligentsia – Nachgesang auf ….

6. April 2011
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„Die intellektuellen Eliten, die eigentlich Stachel im Fleisch der Mächtigen sein sollten, die ohne Pause diese Mächtigen an ihre Verpflichtungen erinnern sollten, haben ihrerseits versagt, als sie die Wahl trafen, diese bei ihren Beutezügen zu begleiten. Was haben wir heute dem Rest der Welt zu bieten? Unsere schädliche Kraft……“

Zitat Günther Grass? Zitat Wolf Biermann? Zitat eines kleinen Lichtleins von hier unten? Nein, Zitat aus Afrika, Schwarzafrika, Elfenbeinküste/ Cote d’Ivoire. Fast genau zu dem Zeitpunkt meines Textes verschwindet dort ein kleiner Menschenrechtsverbrecher. Kein Großer, kein Ben Ali, kein Mubarak, kein Gaddafi. Nur einer von diesen Dutzenden.

Wer ist Schuld an der afrikanischen Misere? Antworten gibt es zuhauf, je nach Ideologie: der Kolonialismus, der Weisse, der Neger weil er eben so ist und sich immer nur Diktatoren hochwählt, die Globalisierung, Frankreich, die afrikanischen Gewaltherrscher. Die Schuldfrage klärt der ivorische Oppositionelle Venance Konan auch nicht, mir aber gibt er viel zu denken – auch über uns (…linke…. Intellektuelle… Europäer…. bitte passendes Wort einfügen….)

„Weil viele Internetnutzer auf meine letzte Kolumne reagiert haben, ob es besser ist auszuwandern oder in unseren Ländern zu bleiben, will ich noch einmal auf dieses Thema zurückkommen. Afrika hat seit kurzem, so wird uns gesagt, eine Milliarde Einwohner. Soll man sich darüber freuen oder besorgt sein? Ich weiß es nicht. Wir werden eine Milliarde wovon sein? Eine Milliarde in Würde lebender Menschen oder eine Milliarde von Bettlern? Diejenigen, die sich über diese Zahl zur Zeit Sorgen machen, sind die Europäer. Denn an ihren Küsten stranden jedes Jahr Tausende Afrikaner. Sie sind es, die nicht mehr wissen, mit welchen Maßnahmen sie sich vor all diesen Bettlern auf der Suche nach Nahrung und Freiheit schützen können, die ihre Länder erstürmen. Jeder Afrikaner, der in der Wüste oder im Mittelmeer stirbt, legt, besser als alle Reden es könnten, Zeugnis ab vom Versagen seines Landes. Und jedes Jahr sind es Hunderte von jungen Menschen, die in der Wüste oder im Meer sterben, weil sie lieber dieses Risiko auf sich nehmen als in ihren Ländern zu bleiben, wo ihnen keine Träume mehr geboten werden.

Vor zwei Jahren bin ich nach Kidal in der malischen Wüste gefahren, auf den Spuren jener jungen Leute, die von den Ländern Nordafrikas zurückgedrängt werden. Ein Junge aus Togo, den ich dort traf, sagte mir, dass er nur einen einzigen Traum habe, nämlich genug Geld zu finden, um das Abenteuer von vorn zu beginnen. Tatsächlich hatte er mir kurz vorher erzählt, welche Hölle es für ihn gewesen war, bis nach Algerien zu kommen und dann die Wüste nochmal in umgekehrter Richtung durchqueren zu müssen. Und er hatte diesen schrecklichen Satz gesagt: „Ich sterbe lieber hier als in mein Land zurückzugehen.“ Ich kenne Togo – konnte ich ihn dafür tadeln? Man soll sich nichts vormachen: unsere afrikanischen Länder haben insgesamt jämmerlich versagt. Und alle gesunden Arbeitskräfte versuchen, sich abzusetzen.

Banner meines Artikels 50 Jahre, Südafrika, das besser zurecht zu kommen schien als die anderen Länder, ist von den Armen aus anderen afrikanischen Länder überrannt worden und hat so die Fremdenfeindlichkeit im eigenen Land geweckt, wo einige Bewohner in noch größerem Elend leben. Die schwarzafrikanischen Einwanderer in den Ländern des afrikanischen Nordens, die auch wohl besser zurecht kommen, erleben den grausamsten Rassismus, den unsere Intellektuellen seltsamerweise nicht mit der gleichen Heftigkeit bemängeln wie den in Frankreich herrschenden. Wir alle erinnern uns an die Pogrome in Libyen genau zu dem Zeitpunkt, wo der Führer dieses Landes sich zum Barden der Afrikanischen Union aufschwingen wollte.

Nein, man kann diesen jungen Leuten keinen Vorwurf machen, dass sie, unter Einsatz ihres Lebens, eine weniger grausame Zukunft suchen wollen. Selbst wenn sich allzu oft, am Ziel angekommen, der Traum in einen Albtraum verwandelt. Was machen sie hier? Welche Gelegenheit haben sie hier, sich am Aufbau ihres Landes zu beteiligen? Welche Zukunft bieten wir den Tausenden junger Menschen, die jedes Jahr als Absolventen unsere Hochschulen verlassen?

Und doch, Afrika ist noch vollständig zu erbauen. Im Prinzip, mit einer Milliarde Menschen, sollte Afrika mehr Kräfte besitzen für dieses Werk. Also? Das Problem ist, dass die afrikanischen Eliten versagt haben. Die politischen Eliten, die intellektuellen Eliten. Die Politiker, die an die Macht kommen, haben nur zwei Sorgen: sich so sehr zu bereichern wie möglich und sich so lange wie möglich an die Macht zu klammern. Was erklärt denn, dass ein Land wie die Elfenbeinküste jedes Jahr Tausende von Polizisten ausbildet, aber keinen einzigen Arzt? Erstaunt es, dass ein junger Arzt, der müde wird, auf eine hypothetische Anstellung zu warten, sein Glück in Europa versucht? Israel hat es fertig gebracht, Tomaten mitten in der Wüste anzubauen. Aber was interessiert die afrikanischen Staaten an der Zusammenarbeit mit Israel? Abhörsysteme, Waffen, Drohnen, Präsidentensicherheit.

Die intellektuellen Eliten, die eigentlich Stachel im Fleisch der Mächtigen sein sollten, die ohne Pause diese Mächtigen an ihre Verpflichtungen erinnern sollten, haben ihrerseits versagt, als sie die Wahl trafen, diese bei ihren Beutezügen zu begleiten. Was haben wir heute dem Rest der Welt zu bieten? Unsere schädliche Kraft. Und wir haben beschlossen, dies als Mittel der Erpressung einzusetzen.

Ich habe einmal Jean Ping, den Leiter der überflüssigen Kommission der Afrikanischen Union, in einem Interview sagen hören, dass wenn der Westen Afrika nicht hilft, er mit einer Horde illegaler Immigranten rechnen muss. Sehr gut. Was haben wir im Laufe von fünfzig Jahren Unabhängigkeit mit all der Hilfe gemacht, die wir erhalten haben? Ein großer Teil ist nach Europa zurückgeflossen, auf Nummernkonten. Was tun unsere Führer für ihre Länder? Was hat Omar Bongo (Gabun) mit den Milliarden, die er mit Öl, Holz, Mangan, Uran eingenommen hat, für sein Land getan? Was macht Sassou (Kongo-Brazzaville) mit den Milliarden, die die Ressourcen seines Landes einbringen?

Der Skandal der Bank der zentralafrikanischen Staaten wurde gerade aufgedeckt. Milliarden, die von Führern, die, da bin ich sicher, redenlang den Egoismus des Westens anprangern, gestohlen wurden. Was macht Laurent Gbagbo mit den 60 Milliarden, die er sich jährlich vom Staatshaushalt genehmigt? Mit welchem Recht reden wir vom Egoismus der reichen Länder, wenn unsere Führer die Haupträuber ihrer eigenen Länder sind?

Afrika ist zu erbauen. Wir sind von nun an eine Milliarde um es zu tun. Afrika bietet uns alles. In Wirklichkeit ist unser Kontinent mit seiner Milliarde Menschen noch weit unterbevölkert. Ein Land wie Holland zählt ebenso viele Einwohner wie die Elfenbeinküste auf einem zehnmal kleineren Territorium. Und dennoch bringen sie es fertig, sich selbst zu ernähren und sogar Nahrungsmittel auszuführen. Wir können nicht unsere jungen Brüder tadeln, die gehen. Aber die Eliten, sie müssen bleiben und dafür kämpfen, dass die Dinge sich ändern. Damit unsere jungen Brüder nicht länger in der Wüste oder auf dem Meer ums Leben kommen. Und damit wir keine Milliarde von Bettlern werden.

Venance Konan

Mehr:
http://afri-russ-archiv.blog.de/tags/by-african-authors-de-fr/fullposts/

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3 Kommentare leave one →
  1. 7. April 2011 18:43

    Andreas, was Venance Konan sagt ist sicherlich richtig. Mich würde ganz konkret deine Position zu dem aktuellen Krieg in Libyen und die Veränderungen in Ägypten interessieren. Ist der jetzige Nato-Krieg gegen Gaddafi gerechtfertigt, was will und wer ist die Opposition in Libyen und in Ägypten?

    • andreasfecke permalink
      12. April 2011 00:03

      DR Kongo, Ost , Provinz Kivu: innerhalb von weniger als 10 Jahren 5 Millionen Tote, hunderttausende vergewaltigte Frauen, und HEUTE geht es weiter so. Ich muss akzeptieren, dass die UNO keine 100.000 Mann mit robustestem Mandat dort einsetzen kann, um all diese „Rebellen“ dingfest zu machen (bestenfalls direkt zu killen).

      Elfenbeinküste: In vier Monaten 1000 Tote, 150.000 Flüchtlinge in das bitterarme Liberia, über eine Million Binnenflüchtlinge. UNO?`Kann nicht handeln wie in Libyen, nur Beschlüsse fassen.

      Bei Deiner Frage, fidelche, fehlte das Wort „Tunesien“. Dort ging es immerhin los, die Aufstände sind nicht Aufstände einer „arabischen (oder islamischen) Welt“, auch wenn es danach Querverbindungen bzw. – auslöser gab.
      Afrika (Nord) stand auf, Afrika subsaharisch wird (ich verspreche es Euch) in den nächsten Jahren folgen. Alle Rebellen, auch die der ersten Stunde in Libyen, hätten niemals gesagt, sie kämpften gegen Probleme der arabischen oder der islamischen Welt. Sie standen auf als Afrikaner gegen das afrikanische Problem: Armut, Missachtung, Unterdrückung, Null Menschenwürde.

      Die Fragen „wer steht wo und wer will was“ sind irrelevant. „Die Opposition“ gibt es nirgendwo, in kleinen historischen Momenten haben sich dort Menschen zusammengetan. Afrikaner – es hat nichts mit Israel oder den Juden zu tun.

      Für mich persönlich ist die NATO der bewaffnete Arm eines agonisierenden Zivilisationsmodells, das der Welt keine Perspektive mehr bieten kann. Sarkozy ist für mich ein radikal- rechtskonservativer Ätztyp.
      Dennoch applaudiere ich jedem Sarkozy-Bomber für seinen Einsatz in Libyen.

      Schnell, so schnell ging alles in diesem Frühjahr. Die Diktatorenstürze.
      Erstaunlich schnell war die Reaktion der UNO auf möglichen Massenmord in Libyen. Des Westens. Öl. Interessen.
      Noch schneller war die Geschichtsverfälschung seitens seiner (hier heimischen) Gegner:

      Ich hatte einige Artikel ‚kontra‘ gelesen und als zentrales Argument festgestellt: „In Libyen, das sind doch keine Volksaufstände der Massen, da kämpfen bewaffnete Milizen.“ (Ergo = Geopolitik).

      Das ist schlicht und ergreifend unwahr. Auch in Libyen waren die ersten Aufständischen keine Wüstenkrieger, sondern einfache, mutige, junge Leute – für Freiheit. Innerhalb von 48 Stunden setzte Gaddafi seine Luftwaffe dagegen ein und parallel gab es pro-Propaganda und „Massendemonstrationen“ für ihn. In meiner Tätigkeit als Afrikaberichter hatte ich einen einzigen Artikel

      http://afri-russ-archiv.blog.de/2011/02/22/libyen-gewaltsame-aufloesung-von-sit-in-gegen-regime-libye-sit-in-anti-regime-disperse-par-la-force-defile-de-ses-partisans-10611387/

      innerhalb von 48 Stunden fünfmal updaten, die Zahl der Toten vervielfachen, und das kommende Massaker darstellen müssen.

      Mir sind Fotos von Massendemonstrationen in Tunis auch lieber als solche von „Wüstensöhnen mit Kalaschnikow“. Trotzdem ist Gaddafi ein Herrscher a la „verbrannte Erde“.
      Ich kann mir nicht aussuchen, wer aus welchem Motiv da hinein bombt.

      Ich kann aber „afrikanisch denken“ und mich über dieses UNO-Mandat freuen für alle Länder und Menschen, wo das passieren sollte aber nicht passiert.

      Wer ist die Opposition in Libyen und Ägypten?
      Opposition, vielgestaltig, aber etwas bewegend, und nicht im schlechtesten Sinne.
      Mir reicht das.
      Auch wenn „Islamisten“ dabei sind, deren Couleur zwischen den tunesischen, den ägyptischen (Moslembrüdern), den somalischen Shebab, den afghanischen Taliban, Al-Quaida oder Al-Quaida im Magrebh ganz unterschiedliche Färbungen annimmt.

      Womöglich sind Antisemiten dabei, vielleicht Gegner des Staates Israel?
      Dieser Staat kann auch Politik machen, solche oder solche….

    • andreasfecke permalink
      12. April 2011 01:50

      PS:
      Capture d'écran de Kadhafi apparaissant le 22 février 2011 à la télévision officielle libyenneMouammar Kadhafi lit un passage de son manifeste politique, le Livre vert, lors de son allocution à Le colonel Kadhafi lors de son intervention télévisée le 22 février 2011Une capture d'écran du colonel Kadhafi s'adressant à la télévision libyenne le 22 février 2011
      Foto (c) AFP: Une capture d’écran du colonel Kadhafi s’adressant à la télévision libyenne le 22 février 2011
      Muammar Gaddafi liest eine Passage aus seinem politischen Manifest, das Grünbuch, in seiner Rede im Fernsehen 22. Februar 2011

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