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Im Auge des Sturmes

13. März 2011

Die Bundesregierung wird nicht müde, sich aus allem herauszuhalten und mediale Beruhigungspillen zu verabreichen. Egal ob Westerwelle oder Merkel, die einzige Position, die diese konsequent vertreten, ist die des jeweils betroffenen Kapitals, sei es nun das in Lybien oder das der hiesigen Atomlobby.


Dabei bin ich mir als alter Tschernobyler sicher, daß dem deutschen Spießbürger keine Gefahr aus japanischen Kernschmelzen droht. Dafür gibt es einen wichtigen Fakt, der anders als 1986 ist, als Tschernobyl vor sich hin schmolz: Damals erhielten wir nur einen stark gestutzten Wetterbericht, bei dem die Winde schlicht und einfach nicht mehr erwähnt wurden.

Heute ist die Obrigkeit auch ohne Kachelmann freigebig im Wetterbericht, aber das ist ja auch nicht das wirkliche Problem. Das Problem sind die alten Schrottkübel, die im internationalen Vergleich technologisch hinterherhinken. In Gundremmingen, Neckarwestheim oder anderswo.

Unisono wird wieder beteuert, daß Atomkraft ja sicher sei und keiner dieser Atomlobby-Abhängigen entblödet sich, mit demselben Statement die Nebelkerzen übers Atom zu zünden:  Man sei für den Ausbau von Wind-und Sonnenenergie und eigentlich ja voll der Gegner von Atomkraft, aber zur „Überbrückung“ brauche man sie halt.  Den Wind brauchen sie nur, um entsprechend ihr Fähnlein in denselben zu hängen und einen Sonnenstich haben sie eh, Charakter dagegen ist Fehlanzeige.

Denn jeder intelligente Mensch weiß, daß er heute keine Garantie für die Sicherheit einer Technologie geben kann, die Halbwertszeiten von mehreren zig-oder huntertausenden Jahren hat. Die einzig vernünftige Antwort ist das sofortige Abschalten und nicht die Flucht in die Notwendigkeit „einer europäischen Gesamtlösung“, was ja nichts anderes bedeutet, als nichts tun zu müssen, weil immer irgendwer gegen Europa ist.

Apropos europäische Gesamtlösung, UN-Mandat und Nato – mit kalten Augen sieht der Rechtsaußenminister zu, wie in Lybien die dortige Bürgerbewegung abgeknallt wird wie die Hasen im Walde. Mit den Waffen, die der dortige Diktator und Kleptomane honorig in Europa erworben hat und bisher ja – Lockerby ist lang schon vergessen – auch salonfähig war.  Die Söhne studieren in München, Zürich und Wien und helfen dort beim Verprassen der Ölmilliarden. Irgendwann steht dann der Guido kopfschüttelnd da, weil niemand den verzweifelt um Hilfe rufenden Menschen dort geholfen hat und das Leben mit Gaddafi weitergehen wird.  Man wird ihn zwar nicht mehr in Berlin oder Paris empfangen, aber jede Wette einer seiner sauberen Söhne wird uns hier – als sein Nachfolger – als wahrer Menschenfreund verkauft werden.

Will ich nun Bombardements auf Wüstenzelte? Keineswegs, aber mit etwas gutem Willen hätten sicher irgendwelche Blauhelmmissionen beschlossen werden können, die den Kerl in Schach gehalten hätten. Ja, ich weiß, „hätten, können…“ ist Mist. Der Ölindustrie wird egal sein, wer die Pumpen dort bedient. Hauptsache, sie sitzen weiter am Zapfhahn.

Und ja, ich habe keine Ahnung, was die neuen Bewegungen in Arabien betrifft. Deshalb fällt es ja auch so schwer, als Normalmensch freudig zu spenden.  Antisemitische Kräfte sind dort sehr stark vertreten und Kirchen in Ägypten brennen auch schon wieder… aber ist nicht fast alles besser als die Kleptokratien, in denen die kleinen Leute dort leben und leben mußten?

Unsere Bundesregierung macht sich weder hier noch da die Hände schmutzig – das haben schwarze, gelbe, rote und grüne Regierungen vor ihnen schon lange besorgt. Angela und Guido geben gemeinsam den Pilatus und schauen zu, wie rings um Mitteleuropa die Stürme wehen, die Menschen sterben und beten zum Gott der Diebe, daß der Profit weiterhin nicht versiegen möge. Es lebe das Kapital.

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13 Kommentare leave one →
  1. 13. März 2011 20:36

    Ja, es lebe der Sport; und zwar der Hochleistungssport, der nur mit Doping und viel Vertuschung und Leistungsideologie durchzuhalten ist, als Vegnügungskapitalismus. Oder eben: es lebe das Kapital, mit inhumanen Technologien, auch dort, wo die Natur nur berechnet werden kann, nicht aber zivilisiert. Also: Es lebe das Risiko, das Notwendigkeit verkauft wird denen, die den Zwang nicht brechen (können). – Das Gesamtbild von Erdbeben, Tsunami und Kernschmelze: Können „unsere“ Medien das ‚konsequent‘ – mit Konsequenzen – für Betreiber des kapitalen Zusammenhangs – vermitteln? Na klar! Demokratie!

  2. 14. März 2011 12:55

    Hermanitou,
    sehr richtig was du über den deutschen Spießbürger schreibst. Die einzig vernünftige Antwort wäre das sofortige Abschalten der AKWs. Das weiß ich, als ebenfalls alter „Tschernobyler“, seit 30 Jahren. Es ist sehr amüsant wie die AKW-Befürworter um Merkel und Westerwelle derzeit herum stottern. Sie haben große Angst um ihre Wahlergebnisse in den kommenden Landtagswahlen. Ich möchte nach Fukushima nicht in der Haut von Westerwelle, Merkel und allen bisherigen CDU/FDP-Wählern stecken.

    Zu Libyen stimme ich dir grundsätzlich zu. Libyen braucht Reformen. Gaddafi muss weg. Allerdings vermute ich hinter den Aufständischen starke monarchistische und islamistische Kräfte. Wie stark die sind weiß ich nicht. Eine Blauhelmmission wäre ein denkbarer Lösungsansatz gewesen. So wie es aussieht hat Gaddafi die Gunst der Stunde genutzt um die Rebellen zurückzudrängen.

    Deutsche Außenpolitik dient seit mindestens 100 Jahren, von der Bagdadeisenbahn bis zu den iranischen Hermeskrediten, den Interessen des (deutschen) Kapitals.

    • 14. März 2011 16:54

      In der Wissenschaftssendung „Leonardo“ gab Martin Gent gerade einen sinnreichen Kommentar zum Stottern der Bundeskanzlerin für die Laufzeiten der hiesigen AKW. Die Rede ginge blank nach dem Kapital, denn jeder wüßte auch sonst, daß ein Oldtimer zwar fährt, mit nachgerüsteten Gurten und besseren Reifen als im Originalzustand zwar auch sicherer fährt, aber gegenüber heutigen Techniken doch ein Witz sei. – Und der Vergleich bewegt sich ja noch innerhalb eines insgesamt nicht zu verantwortenden Systems. Ist aber doch jedem Menschen, der nicht dem Irrationalen das Wort redet, eingängig.

      • 14. März 2011 20:54

        Moratorium: Angela legt eine Pause ein, damit die nächsten Landtagswahlen nicht verloren gehen. Anschließend wird weitergekernkraftet, auf Teufel komm raus.

        Allerdings scheint sich der Widerstand von unten wieder zu beleben. In über 400 Städten/Orten gab es heute Mahnwachen und Kundgebungen. Ich hoffe sehr, daß der Druck so groß wird, daß sich die Energiewende tatsächlich einstellt.

  3. 16. März 2011 14:07

    Auf mission impossible postete, ein mir äußerst unangenehmer Schreiber, ein Zitat von Günther Anders ohne eigenen Kommentar zur aktuellen Kernkraftdebatte: „…Wir sind also in einem Zustand, der, juristisch gesehen, ein »Notstand« ist. Von allen Gesetzbüchern, selbst vom kanonischen Recht, ist Gewalt im Zustand des Notstands nicht nur erlaubt, sondern empfohlen. Zum Beispiel Strafgesetzbuch Paragraph 53, 1 bis 3….“ weiterlesen

    Jean Améry bezeichnete Günther Anders als den wahrscheinlich schärfsten Kritiker der technischen Welt. Seine Kritik teilte ich und teile ich nach Fukushima mehr denn je. Ich habe mir 1987 als aktiver AKW-Gegner das Tiamat Buch „Günther Anders antwortet“ besorgt, gelesen und die anschließenden Diskussionen verfolgt. Was Günther Anders über die atomare Bedrohung in den Interviews sagte war sehr richtig, allerdings meinte beispielsweise in „Hoffnung ist ein anderes Wort für Feigheit“ und „Notstand und Notwehr“ der damals 85-jährige Anders, dass gewaltloser Widerstand gegen die Atomkraft nicht reiche. Es war die Zeit nach Tschernobyl, von Wackersdorf und Anschlägen von AKW-Gegnern deutschlandweit auf Strommasten, einer Zeit in der Gewalt gegen Sachen zu „Terrorismus“ erklärt wurde. Die Polizeieinsätze, die CS-Gaseinsätze der CSU gegen die WAA-Gegner forderten auf der Gegenseite Gegengewalt heraus. Zu der Zeit entfachte Günther Anders die Diskussion ob das „Töten von toten Dingen“ reiche. Es war die Zeit in der sich die Niederlage des „bewaffneten Kampfes“ der RAF längst abgezeichnet hat.

    Für problematisch hielt ich schon damals, dass ein 85jähriger Mann, der vermutlich keine Angst vor einem Gefängnisaufenthalt haben musste, jüngere Leute verschwurbelt dazu aufrief „Atom-Politiker“ oder „Atom-Aufsichtsratsvorsitzende“ zu töten. Sein Plädoyer den gewaltlosen Widerstand zu verlassen halte ich heute, mehr denn je für falsch. Der bewaffnete Kampf der RAF hat keineswegs die gesellschaftlichen oder politischen Verhältnisse positiv verändert, im Gegenteil er hat der Stärkung des (Atom)-Staates genutzt. Ermordete „Atom-Charaktermasken“ würden ausgewechselt werden. Meiner Meinung würden die „Empfehlungen“ von Günther Anders ins Leere laufen, sie würden den atomaren Notstand nicht beseitigen sondern verfestigen und verlängern. Seine Gleichsetzung von Hitler und Reagan hielt ich im Übrigen bereits damals für falsch und überzogen.

    Wenn nun antiemanzipatorische, rechte Antidemokraten, das Reaktorunglück von Fukushima mit obigen Thesen von Günther Anders in Verbindung bringen, schrillen bei mir die Alarmglocken. Da ist mir „der ökologische Jesus“ Franz Alt nicht unsympathischer.

    • 16. März 2011 15:19

      Ich stimme Dir zu. Einzelne Energiemanager umzubringen ist doch kompletter Blödsinn und bringt gar nichts, hat auch null mit meinem Grundverständnis von linker Politik zu tun. . Linke Politik ist es, von unten grundsätzlich was zu verändern unter möglichst intensiver Einbindung möglichst vieler Menschen.

      Man soll allerdings den jetzigen Widerstand gegen Atomkraft nicht mit linker Politik gleichsetzen:
      Am Montag war ich hier bei einer Mahnwache (ca. 1000 Teilnehmer) in Ulm und habe diesselbe da verlassen, als eine Kirchenmaus verschwurbelte Gedichte in Anlehnung an Bibelgleichnisse vortrug und ein Pfarrer im Ruhestand die Schrift an der Wand (Nebukadnezar) beschwor. Da wende ich mich dann mit Grausen und denke mir, daß derart Frömmelei mit mir und meinen Genoss(inn)en nichts zu tun hat. Aber die Pfaffen führen schon wieder das große Wort.

    • 16. März 2011 16:26

      Sehr schön Hermanitou!
      Auch in Punkto Anti-AKW, sowie den“ Pfaffen-Anti-AKW-Aktionen“ sind wir einer Meinung.

      Richtig, der jetzige Widerstand gegen Atomkraft war früher und auch heute nicht mit linker Politik gleichzusetzen. Einschränkend möchte ich bemerken, dass es damals in Wackersdorf einen autonomen Block gab. Diese Vermummten, die gegen die Polizei Randale machten und vor allem aus dem Bauzaun Teile schnitten, wurden von den bürgerlichen Demonstranten „geschützt“. Wenn die Polizei zu Angriffen ansetzte, versteckten sich die Autonomen unter den „bürgerlichen“ Demonstranten. Damals gab es eine unheimliche Solidarität von „linken“ Vermummten und bürgerlichen Anwohnern und angereisten Demonstranten. Die bayerischen Bauern verabschiedeten sich regelmäßig und bedankten sich bei den meist langhaarigen Autonomen und fragten besorgt: „Ihr kommt aber schon wieder zur nächsten Demo?“ Zu beobachten war damals außerdem, dass bürgerliche siebzigjährige Opas, stolz Teile des Bauzauns, quasi als Trophäe unter der Jackentasche nach Hause schmuggelten.

      • 19. März 2011 22:37

        Zur Verdichtung herrschaftlicher Sicherheit kommt es ja nur dann, wenn die revolutionäre Gewalt nicht gewinnt. Obwohl ich es prinzipiell mit dem Mescalero halte – Unser Weg darf nicht mit Leichen gepflastert sein! -, so ist doch auch klar, daß jede bestehende Ordnung auf ihrem Gewalturgrund beruht und wohl nicht durch weiches Wasser gehen wird. Jede historische Erfahrung sagt, daß es keine sanfte Revolution gibt. – Und das hat Auswirkungen auf soziale Praxis. Ohne außerparlamentarische Maßnahmen bleibt eine Linke – wie gehabt – gewerkschaftlich wie parteilich staatskonform.

      • 21. März 2011 12:05

        Ja Rainer, da stimme ich dir zu. Mescalero, sowieso. Wenn Westerwelle oder Brüderle zu den Aufräumarbeiten in Fukushima „verpflichtet“ würden, könnte ich meine „klammheimliche Freude“ schlecht verbergen. Die außerparlamentarischen Maßnahmen sollten aber der historischen Situation angepasst sein. Wir haben eben im Jahre 2011 eine andere historische Situation als 1987.Entscheidend ist für mich, wenn ein nationalbolschewistischer, antisemitischer „Linker“ wie der „Freitagsblogger Phineas Freek“, Günter Anders so zitiert wie er ihn zitiert hat, lege ich Widerspruch ein, was nicht heißt, dass ich eine Diskussion um Günter Anders Thesen ablehne.

  4. 16. März 2011 14:52

    gerade lese ich im Newsticker, dass die Japaner die beschaedigten Reaktoren ihrer AKWs mit WASSERWERFERN kühlen, oder zu kühlen versuchen. Diese Instrumente werden somit endlich sinnvoll eingesetzt……

  5. 19. März 2011 11:16

    Hermanitou, nach der UN Flugverbotszone und der Androhung von einem „UNO-Militäreinsatzes“ scheint die Lage in Libyen zu eskalieren. Sarkozys Position scheint sich durchgesetzt zu haben. Abgesehen davon ist die Frage ob der Militäreinsatz wie ihn nun der Sicherheitsrat genehmigt hat legitim ist, nicht eindeutig zu beantworten. Grundsätzlich hat jede Regierung das Recht gewaltsame Aufstände niederzuschlagen. Andererseits ist Gaddafi wohl nicht mehr im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte.

    Was wird nach Gaddafi kommen, wenn er nun gestürzt werden sollte? Eine Verbesserung?
    Sehr unübersichtlich die Situation in Libyen, wie in der gesamten arabischen Welt.

    • 19. März 2011 12:26

      Fidelche, ich kann Dir dabei nur den wirklich guten Blog meines Blogger-Freundes Andreas Fecke empfehlen, der äußerst fleißig und kompetent über Afrika schreibt. Ein interessanter Beitrag hinter die Kulissen des lybischen Widerstandes ist dabei folgender:

      http://afri-russ-archiv.blog.de/2011/03/13/libyen-fluechtlingsdramen-und-rassistische-jagd-auf-schwarzafrikaner-des-africains-pourchasses-en-libye-comme-des-mercenaires-de-kadhafi-10758826/#c15294105

      Ansonsten hier meine Anregung, Andreas mit ins Boot zu nehmen und den einen oder anderen kompetenten Beitrag von ihm zu bekommen.

      Beste Grüße
      Hermanitou

      • 19. März 2011 13:29

        Hallo Hermanitou, ich fände es schön wenn er hier etwas beitragen würde. Ich bin mir sicher die anderen Autoren sehen das genauso. Alles weitere hab ich dir über Facebook geschrieben.

        Grüße fidelche

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