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Jean-Paul Sartre und der atheistische Existentialismus

11. März 2011

Jean-Paul Sartre (1905 – 1980)  ging davon aus, dass sich der einzelne Mensch erst durch seine Handlungen definiert. Der atheistische Existentialismus erklärt, dass, wenn Gott nicht existiert, es mindestens ein Wesen gibt, bei dem die Existenz der Essenz vorausgeht, ein Wesen, das existiert, bevor es durch irgendeinen Begriff definiert werden kann, und dass dieses Wesen der Mensch oder die menschliche Wirklichkeit ist. Das bedeutet, dass der Mensch zuerst existiert, sich begegnet, in der Welt auftaucht und sich danach definiert. Anfangs ist das menschliche Individuum weder gut noch böse, sondern neutral wie die unbelebte Realität. Erst durch sein Handeln entscheidet das Individuum und entwickelt einen bestimmten Charakter. Es  kommt darauf an, sich dieser Verantwortung zu stellen, sich nicht hinter Traditionen, Religionen und Ideologien zu verstecken,  auch wenn dies Angst hervorruft.  Wenn die Existenz der Essenz vorausgeht, ist der Mensch verantwortlich für das, was er ist. Somit ist der erste Schritt des Existentialismus, jeden Menschen in Besitz dessen, was er ist, zu bringen und auf ihm die gänzliche Verantwortung für seine Existenz ruhen zu lassen. „Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, und dennoch frei, weil er, einmal in die Welt geworfen, für all das verantwortlich ist, was er tut.“

Sartre gilt als der Vordenker und Hauptvertreter des französischen, atheistischen Existentialismus. 1951 veröffentlichte Jean Paul-Sartre das Theaterstück, „Der Teufel und der liebe Gott“. In drei Akten und elf Bildern wird die Problematik „Moral und Revolution“ sowie der Grundriss von Sartres Existenzphilosophie anschaulich dargestellt. Der Ort der Handlung ist das Deutschland der Reformationszeit. Götz, ein adliger Feldherr, der stets „Böses tut um des Bösen willen“, als äußerste Herausforderung Gottes, der „Anarchist des Bösen“, zieht brandschatzend und mordend mit seinen Truppen durch die Lande. Im Jahre 1524, ein Jahr vor dem großen Bauernkrieg steht er mit seiner Armee vor Worms. Während der Belagerung der Stadt gerät der Bäcker und Revolutionär Nasty in seine Gewalt, der ihn davon überzeugt, dass er mit seinem Verhalten nur die gegenwärtige Ordnung stützt und somit ein Werkzeug der Herrschenden ist. Darauf würfelt Götz mit der gefangenen und misshandelten Katharina um das Leben der 20 000 Einwohner der Stadt. Gewinnt er, wird Götz mit seinen Truppen Worms niederbrennen und die Einwohner der Stadt massakrieren. Verliert er, so will er die Belagerung aufheben und ein guter Mensch werden. Götz spielt absichtlich falsch und verliert.  Er fordert nun Gott heraus, denn Gott hat gewollt, dass das Gute auf Erden unmöglich sei. Nach seiner Wandlung  versucht Götz nur noch Gutes zu tun um Gott gefällig zu sein. Er verschenkt seine Ländereien an seine Untertanen und errichtet auf seinem Land einen „Sonnenstaat“ der Nächstenliebe. Aber wieder richtet er nur Unheil an, sein „Sonnenstaat“ scheitert. Seine Bauern werden erschlagen, weil sie nicht am Aufstand gegen die übrigen Lehnsherren teilnehmen wollen und der anschließende Aufstand droht zu scheitern, weil Götz sich weigert ihn anzuführen. Nach einer vernichtenden Niederlage der Aufständischen mit 25.000 Toten erkennt er, dass seine Ablehnung die Truppen anzuführen viele Tote verursacht hat. Götz erkennt seine Mitverantwortung für den Tod der Aufständischen. Er begreift, wenn die Reichen gegeneinander Krieg führen, sterben die Armen. Götz begreift ein weiteres Mal zu scheitern und so betrügt er zum  zweiten Mal. Er will die Sünden der sterbenden Katharina auf sich nehmen und ersucht Gott um ein Wunder. Gib mir deine Wunden, gibt mir deine Wundmale, bittet er Gott. Das Wunder bleibt aus, worauf sich Götz mit seinem Dolch in die Handflächen und in die Rippen sticht um wundersame Stigmata vorzutäuschen. Katharina stirbt, ohne an den Betrug zu glauben, aber die Bauern, glauben an das „Wunder“. Götz erkennt: Gott vernichtet den Menschen ebenso sicher wie der Teufel. Und so entscheidet Götz, dass weder Gott noch der Teufel existieren. Götz im elften Bild:“ Ich habe Gott getötet, weil er mich von den Menschen trennte, und nun macht mich sein Tod noch einsamer. Ich werde nicht dulden, dass dieser große Leichnam meine Menschenliebe vergiftet: Wenn nötig lasse ich die Bombe platzen.“ Zwischen Gott und Teufel erwählt er den Menschen, wodurch  Götz zum Menschen bekehrt wird. Er bricht mit der absoluten Moral und entdeckt oder erfindet eine menschliche, konkrete, historische Moral. In seiner konkreten historischen Situation ist es unabwendbar, Leiden zu verursachen um größeres Leiden abzuwenden. Götz, der sich aus Güte und Milde weigerte, den Bauernaufstand zu organisieren, schließt sich den Aufständischen endlich an. Als erste Konsequenz aus dieser neu erlangten Moral übernimmt Götz die ihm von Nasty angetragene Führung der Aufständischen und ersticht den ungehorsamen Offizier, der ihm nicht folgen will. Er übernimmt den Oberbefehl wider Willen. Nach einem kurzen Schwächeanfall meint Götz: “Das Reich des Menschen hat begonnen. Die Menschen von heute werden als Verbrecher geboren. Ich muss meinen Anteil an ihren Verbrechen einfordern, wenn ich meinen Anteil an ihrer Liebe und ihren Tugenden haben will.“  Jean Paul Sartre schrieb über sein Stück: “Der Weg den Götz einschlug, war ein Weg in die Freiheit: er führt vom Glauben an Gott zum Atheismus, von einer ort- und zeitlosen abstrakten Moral zu einem konkreten Engagement. Nasty, eine andere Figur neben ihm wäre der Revolutionär. Aber da er im 16. Jahrhundert lebt, hat er eine religiöse Dimension. Daher gibt er sich als Prophet aus. In einer anderen Zeit hätte er eine politische Partei gegründet.“

Die existenzialistische Moral der grenzenlosen Freiheit um der Freiheit willen stößt an Grenzen. Die Freiheit des Einzelnen schließt nicht die Vernichtungslizenz für Freiheit und Leben des Anderen ein. In seinen „Betrachtungen zur Judenfrage“ schreibt Sartre bereits 1944:“ Der Antisemit ist grundsätzlich verständnislos gegenüber gewissen modernen Eigentumsformen, wie Geld, Aktien und so weiter. (..) Trotz alledem haben die Juden einen Freund – den Demokraten. Aber er ist ein  armseliger Verteidiger. Wohl verkündet er, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben, ja er hat die Liga der Menschenrechte geschaffen, jedoch seine eigenen Erklärungen verraten die Schwäche seiner Position. (…)  Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod des Juden.“ 1944 erahnte Sartre noch nicht die Dimension von Auschwitz, gleichwohl bleibt seine Schrift „Überlegungen zur Judenfrage“ bis heute eine Konstante seines Engagements. Seine Sorge um den Staat Israel, weil diesem die notwendigen Waffen verweigert wurden, um sich gegen die arabischen Nachbarn zu verteidigen, seine Solidarität mit Israel während des Jom-Kippur-Krieges 1973,  seine Polemiken gegen den „linken Antisemitismus“, seine Reisen nach Israel, seine Begeisterung für die Kibbuzim, seine Proteste 1975 gegen die Gleichsetzung von Zionismus und Rassismus durch die UN-Generalversammlung, zu einer Zeit als es die Hamas und die Qassam-Brigaden noch nicht gab, sind mit Blick auf seine algerischen Freunde umso bemerkenswerter. Sartre engagierte sich für ein unabhängiges Algerien und gegen den Krieg in Vietnam. Während des französischen Algerienkrieges war er das “Gewissen“ Frankreichs. Die späteren unsäglichen „Antirassismus-Konferenzen“  der UN, also Durban I und II, diese antizionistischen, grotesken, Menschenrechte verachtenden  Tribunale gegen Israel, erlebte weder Jean-Paul Sarte noch Jean Améry.

Jean-Paul Sartre hat 1965 den Literatur Nobelpreis für sein autobiografisches Werk, „Die Wörter“, abgelehnt. Sartres Begründung damals: „Einzuwilligen, dass man einen Orden erhält, heißt dem Staat oder dem Fürsten das Recht zuerkennen, einen zu beurteilen, einem Ansehen zu verleihen. … Ein Schriftsteller, der politisch, gesellschaftlich und literarisch Stellung bezieht, sollte nur mit seinen eigenen Mitteln handeln, das heißt mit dem geschriebenen Wort“  Der Hebräischen Universität Jerusalem hat der Atheist Jean-Paul Sartre dagegen das Recht zuerkannt in auszuzeichnen, nachdem er 1977 von dieser die Ehrendoktorwürde erhielt. Israels Sonderstellung in Sartres Denken wird durch diese Annahme  überdeutlich.

Jean-Paul Sartres Bücher kamen, um die unmündigen Gläubigen „zu schützen“ 1962 auf den „Index Librorum Prohibitorum“ der katholischen Kirche. Das Lesen von Sartres Büchern konnte zur Exkommunikation aus der katholischen Glaubensgemeinschaft führen.  Alle Gläubigen dieser Welt, sollten heute, um einer besseren Welt willen, Sartre lesen!

Quellen: J.P. Sartre – Der Teufel und der liebe Gott (1951)
J.P Sartre – Betrachtungen zur Judenfrage (1944)

Bereits veröffentlicht in Mission Impossible am 7.3.2011
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14 Kommentare leave one →
  1. 11. März 2011 17:09

    Hallo fidelche, schöner Artikel!

    Eine (zweigeteilte) Frage stellte sich mir. Du schreibst: „Die existenzialistische Moral der grenzenlosen Freiheit um der Freiheit willen stößt an Grenzen. Die Freiheit des Einzelnen schließt nicht die Vernichtungslizenz für Freiheit und Leben des Anderen ein. In seinen „Betrachtungen zur Judenfrage“ schreibt Sartre bereits 1944: …“

    Möchtest Du mit dem Auszug aus den „Betrachtungen zur Judenfrage“ eine eingeschränkte Freiheit aufzeigen? Der Zusammenhang erschließt sich mir nicht ganz.

    Außerdem sehe ich MEINE Freiheit nicht nur durch die „Freiheit der Anderen“ begrenzt . Meine Freiheit hängt noch von weiteren Bedingungen ab, die aus meinem gesamten „Vorleben“ resultieren. Wären meine Entscheidungen nicht von diesen Vorbedingungen abhängig, und damit meine Freiheit BEDINGT, wäre es nicht MEINE Entscheidung.

    lg LL

    • 11. März 2011 17:53

      Louis Levy, ich muss vorausschicken dass ich Sartre vor über zwanzig Jahren gelesen habe. Damals zwar intensiv, fast sein halbes Werk. Innerhalb der „kritischen Theorie“ wurde Sartres absoluter Freiheitsbegriff (zu recht) sehr kritisch gesehen. Nebenbei gesagt, das „Sein und das Nichts“ habe ich zwar gelesen, aber sehr viel anfangen konnte ich damit nicht.

      In der kapitalistischen Wirtschaftsordnung sah Sartre die Wurzeln des Antisemitismus. In „Überlegungen zur Judenfrage“ schreibt Sartre am Ende:“ Kein Franzose wird frei sein, solange die Juden nicht im Besitz ihrer vollen Rechte sind. Kein Franzose wird in Sicherheit sein, solange noch ein Jude in Frankreich und in der ganzen Welt um sein Leben fürchten muss“ Mit diesem Text schwächte er meiner Meinung seinen absoluten Freiheitsbegriff ab, insoweit schränkt er seinen Freiheitsbegriff ein.

      Sartre wollte den Text im Übrigen nicht veröffentlichen, da er befürchtete, dass er von den französischen Juden falsch verstanden werden könnte, was nicht der Fall war. Mit dem Text wollte Sartre die Kritiker des Kapitalismus überzeugen die Juden zu verteidigen, weil ihr eigenes Schicksal mit dem jüdischen verbunden ist. Dieses Argument kann heute mit Fug und Recht auf den Staat Israel bezögen werden. Deshalb ist der Text von 1944 „Überlegungen zur Judenfrage“ ein zeitloser, sehr wichtiger aktueller Text.

      Deinem letzten Absatz stimme ich zu. Deine Freiheit hängt von weiteren Bedingungen ab, die aus deinem gesamten „Vorleben“ resultieren.

      Grüße fidelche

      • 12. März 2011 11:25

        Lieber fidelche,

        dass es sich bei den „Überlegungen zur Judenfrage“ um einen wichtigen und auch heute noch gültigen Text handelt, bestreite ich nicht.

        Aus meiner Sicht ist aber die Einschränkung des Freiheitsbegriffes nur wenig bis nicht, bevorzugt aus diesem Text abzuleiten. Einerseits kann philosophisch die Ableitung der eingeschränkten oder bedingten Freiheit am Beispiel der genannten Franzosen als induktiv unvollständig bezeichnet werden, weil das Einzelbeilspiel noch keinen Schluss auf das Allgemeine, d.h. alle Menschen, zulässt, schwerwiegender sehe ich aber den Versuch, den eingeschränkten Freiheitsbegriff mit einem Beispiel belegen zu wollen, bei dem Franzosen, wegen vom Tode bedrohter Juden, eine eingeschränkte Freiheit haben. Dies kommt mir vor, wie das Leiden von Menschen, am Beispiel eines KZ-Wärters, der sich die Hand in der Gaskammertür eingeklemmt hat, zeigen zu wollen. Ist nicht die Freiheitseinschränkung der Juden primär zu sehen, die Freiheitseinschränkung der Franzosen dagegen vernachlässigbar? Sartre´s Freiheitsbegriff könnte an anderen Beispielen, aus meiner Sicht, besser gezeigt werden.

        lg LL

      • 12. März 2011 16:02

        Servus Louis,
        ich gestehe, die Überleitung vom philosophischen Theaterstück zum politischen Text ist nicht sehr gut gelungen. Sartre hat Zeit seines Lebens seinen „grenzenlosen“ Freiheitbegriff abgemildert. Ich bleibe bei der Auffassung, bereits mit den „Betrachtungen zur Judenfrage“ brach Sartre mit seiner philosophischen Hauptschrift. In dem Essay geht es weniger um die Abwägung von Freiheiten von Juden und Antisemiten, sondern mehr um die Freiheit, die Wahl, den Hass und die Psychologie des Antisemiten.“Es ist kein Zufall, dass sich hinter den großen antisemitischen Ausbrüchen ein gewisser Optimismus verbirgt. Der Antisemit hat das Böse erwählt, um das Gute nicht in Frage stellen zu müssen“

        Im Nachwort zu Sartres „Betrachtungen zur Judenfrage“, „Ist der Existenzialismus ein Humanismus“ und „Materialismus und Revolution“, meint Walter Schmiele:“ Die Freiheit des Einzelnen, zu tun, was immer ihm bei der Erfindung der eigenen Person als geboten erscheint, bedurfte einer einschränkenden Bestimmung, um nicht als subjektiver Immoralismus abgetan zu werden. Sartre gibt sie mit dem Satz:“Ich kann mir nicht die Freiheit zum Ziel setzen, wenn ich mir nicht gleichzeitig die der Anderen zum Ziele setze.“ Am Beispiel des antisemitischen Verhaltens ließ sich das deutlich machen. Der Essay „Betrachtungen zur Judenfrage“ entstand 1945 und erschien zuerst unter dem Titel Portrait eines Antisemiten im Dezember 1945 in Les Temps modernes. Im Gesamtwerk spielt er die Rolle einer Nutzanwendung und Probe aufs Exempel. Sartre gibt eine Analyse des Antisemitismus vom Boden seiner Philosophie der Freiheit aus und umreißt das Wesensbild eines Menschen unserer Zeit, der sich im Zuge des freien Selbstentwurfs als Antisemiten wählt. Der Antisemit ist der Musterfall zu Sartres Konzeption des Hasses, wie sie im einschlägigen Kapitel von „Das Sein und das Nichts“ dargestellt wird.“

        Reden, Schweigen, sich einmischen, passiv bleiben oder sich engagieren, alles stellt den Menschen vor eine Entscheidung. Ich habe mich beispielsweise eingemischt, in der sogenannten „Freitags-Community“, bei Themen die für Israel existenziell sind, allerdings nur mit einem Nick, nicht besonders mutig, aber immerhin. In diesem Sinne hat mich Sartre zumindest theoretisch und auch einige Male praktisch, geprägt. Wenn die „Freitags-Redaktion“ Widerspruch gegen Antisemitismus verhindert, wenn Wähler nach Tschernobyl und nun Fukushima, CDU/FDP wählen, sind sie den Menschen dafür verantwortlich. Beichten hilft da nichts, bei den Kosoks oder Theels dieser Welt.

        Übrigens der Text von Adorno, „Erziehung nach Auschwitz“ birgt eine gewisse Ähnlichkeit mit Sartres Text.

        Besten Gruß fidelche

        • 12. März 2011 19:25

          Servus fidelche,

          wenn ich Dich also richtig verstehe, so ist in Deinem Textteil „Die existenzialistische Moral der grenzenlosen Freiheit um der Freiheit willen stößt an Grenzen. Die Freiheit des Einzelnen schließt nicht die Vernichtungslizenz für Freiheit und Leben des Anderen ein. In seinen „Betrachtungen zur Judenfrage“ schreibt Sartre bereits 1944:…“ der letzte Satz („Überlegungen zur Judenfrage“) NICHT der Beginn einer Konkretisierung der ersten beiden Sätze?

          Der Text ist also so zu verstehen, dass die „Überlegungen zur Judenfrage“ NICHT die bedingte Freiheit begründen oder belegen sollen, sie eigentlich wenig bis nichts miteinander zu tun haben, ist das richtig?

          Interessant in diesem Zusammenhang ist auch noch folgender Sachverhalt:

          Wenn unser Wille oder unsere Freiheit bedingt ist, also Vorbedingungen unterliegt und wir aufgrund der Vorbedingungen in einer ununterbrochenen Kausalkette gezwungen sind bedingte Entscheidungen zu treffen, sind wir dann noch für unsere Entscheidungen verantwortlich? Vorsicht Fangfrage!

          lg LL

        • 12. März 2011 19:56

          Mit der Freiheit ist es ja so eine Sache. Ich glaube, sie wird überbewertet – und ist heute Ideologie des Weitermachens, des alten Zwangs.
          Ursprünglich würde ich sie als emanzipativen Gegensatz zur Herrschaft von Herrschern über Menschen sehen, wobei das auch schon eine aufklärerische Perspektivierung ist, seit 1789 aber als Verhinderung der Gleichheit aller Menschen als Voraussetzung von allem, was human wäre.
          Und ich weiß auch gar nicht, warum mir – und anderen – Freiheit was brächte – zu was denn: Ohne sachliche Bestimmung bringt sie gar nichts als das dämliche Wort von der Begrenzung der Freiheit durch die Freiheit anderer.
          Wären Menschen gleich, kämen sie gar nicht auf die Idee von Grenzen (immer auch der Freiheit). Sondern auf ganz andere Gedanken, die der Konkurrenz und Differenz und Besonderheit entkommen wären.
          Und überhaupt, auch die Medizin sieht wesentlich materielle Kräfte am Werk, die Daten, die ich auf unserem Zentralfriedhof lese gehen von der Geburt bis zum Tod, und es wäre romantisch (deutsch-philosophisch), dem Ansehen der Welt (Kirchen, Autobahnen, Atomkraftwerken, Beton und Parkskulpturen der ewigen oft adligen Betonherrscher) ihre Freiheit abzulesen.

        • 13. März 2011 14:54

          Servus Louis,
          mir ist der Charakter der Fangfrage bewusst. Ich muss nochmal ein Kapitel von das „Sein und das Nichts“ lesen, dann werde ich antworten. Vorab: Freiheit und Verantwortung bedingen sich. Umso mehr bedingte Freiheit umso weniger Verantwortung umso weniger freier Wille.

          Grüße fidelche

    • 11. März 2011 18:56

      Die BEDINGTE Freiheit eines jeden: damit kann ich etwas anfangen, nicht mit einer absoluten, idealen. Menschen leben in Bedingungen, in veränderbaren, human zu gestaltenden, und zum Ende in der Bedingung von Geburt bis Tod, von Generation zu Generation. Auch in der Konstellation von Mensch zu Menschheit. Die zu erringende Freiheit wäre, im einen schon das andere zu intendieren, der Versuch eines jedes Menschen, ein Mensch zu sein, für sich und andere. – Klar, das bleibt philosophisch, insofern (noch) irreal, wäre (Konjunktiv) aber schon (fast) das Glück für alle.

    • 12. März 2011 10:33

      „Niemals waren wir freier als unter der deutschen Besatzung.“ (Sartre)

      Der absolute Freiheitsbegriff von Sartre war nicht haltbar, keine Frage. Marxisten (das Sein bestimmt das Bewusstsein), die „Frankfurter Schule“, sowie beispielsweise Jean Améry machten darauf vehement aufmerksam. Sartre selbst revidierte seinen absoluten Freiheitsbegriff, der für seine Philosophie der Verantwortung sehr wichtig war. Laut Sartre kann jeder Mensch frei entscheiden, ist jeder Mensch frei, im Extremfall selbst im Gefängnis oder in der Hinrichtungszelle. Sicher, das bleibt alles philosophisch. Der Sartre-„Anhänger“ Jean Améry hat diese gewagte These für seine Leidenszeit in Auschwitz übernommen und verworfen.

      Sartre hat viele Intelektuelle seiner Zeit und weit darüber hinaus beeinflusst. Peter Bieri beispielsweise mit „Das Handwerk der Freiheit“ oder „Nachtzug nach Lissabon“ Man kann sagen, Sartre versuchte den Marxismus neu zu begründen (Kritik der dialektischen Vernunft). Sartre verstand sich als Revolutionär wie als Denker, agitierte gegen den Algerienkrieg, gegen Vietnam (Russel-Tribunal), gegen den Stalinismus in der SU wie in der KPF, besuchte Andreas Baader in Stammheim um die Haftbedingungen zu kritisieren, usw. usw.

      Als Sartre auf dem Höhepunkt des Algerienkrieges die französischen Soldaten zur Gehorsamsverweigerung aufrief wurde General de Gaulle nahegelegt, Sartre verhaften zu lassen. De Gaulle antwortete angeblich: “Das sei unmöglich, Sartre ist Frankreich – einen Voltaire verhaftet man nicht.“

      • 12. März 2011 20:04

        Absolut! Sartre war praktischer Intellektueller, er existierte in seiner Welt mit den Mitteln eines kritischen Intellektuellen. – Und: de Gaulle alle Zustimmung.

  2. 17. März 2011 18:12

    @ Louis Levy vom 12. März 2011 19:25

    Hallo Louis,

    Den politischen Text „Betrachtungen zur Judenfrage“ könnte man auch als „Praxistest“ von Sartres Existenzphilosophie verstehen. Der Text begründet nicht die bedingte Freiheit, wohl aber, dass die Freiheit des Einzelnen nicht die Vernichtungslizenz für Freiheit und Leben des Anderen einschließt. „Sartre gibt eine Analyse des Antisemitismus vom Boden seiner Philosophie der Freiheit aus und umreißt das Wesensbild eines Menschen unserer Zeit, der sich im Zuge des freien Selbstentwurfs als Antisemiten wählt. Der Antisemit ist der Musterfall zu Sartres Konzeption des Hasses, wie sie im einschlägigen Kapitel von „Das Sein und das Nichts“ dargestellt wird“, schreibt Walter Schmiele im Nachwort. In „Betrachtungen zur Judenfrage“ schreibt Sartre, Antisemitismus sei eine „freie und totale Wahl“. Antisemitismus ist nach Sartre nicht nur Meinung, die diskutierbar wäre, er ist auch kein Vorurteil, Antisemitismus ist eine zutiefst hasserfüllte Weltanschauung, die nichts mit dem Verhalten der Juden zu tun hat. „Existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden“. Der moderne Antisemitismus wählt den Juden als Objekt seines Hasses, weil er bereits durch den christlichen Judenhass geprägt ist. Die Juden als „Mörder“ Christi“ werden über die christliche Diskriminierungspraxis als Träger eines „ökonomischen Fluchs“ erschaffen. Für Sartre steht fest, dass die Christen den Juden erschaffen haben. Der „philosophische Begriff der Freiheit“ wird von Sartre mit Willensfreiheit fast gleichgesetzt. Freiheit ist also nicht Handlungsfreiheit. Sartres meint mit Freiheit Autonomie der Wahl.“Freiheit ist Freiheit, einen Zustand zu bejahen/verneinen, ohne wiederum darin von einem Zustand bestimmt zu sein.“ Der Antisemit ist von daher verantwortlich für seinen Antisemitismus.

    Sartres Grundthese ist: Wenn die Existenz der Essenz vorausgeht, ist der Mensch verantwortlich für das was er ist. Der Mensch wählt sich. Der Mensch hat immer mehr als eine Möglichkeit für seine Entscheidungen. Die ihn umgebenden gesellschaftlich geprägten Vorstellungen, also die Vorbedingungen, beeinflussen seine Entscheidungen, das ist richtig. Er hat aber die Freiheit sich von diesen Vorstellungen zu lösen er kann sein eigenes Denken reflektieren, die Wahrheit erkennen seine Ansichten revidieren, deshalb ist er verantwortlich für sein Denken und Handeln. Der späte Sartre sprach von der Freiheit als jene „kleine Bewegung, die aus einem völlig gesellschaftlich bedingten Wesen einen Menschen macht, der nicht in allem das darstellt, was von seinem Bedingtsein herrührt“.

    Besten Gruß fidelche

    • 18. März 2011 10:53

      Servus fidelche,

      „…dass die Freiheit des Einzelnen nicht die Vernichtungslizenz für Freiheit und Leben des Anderen einschließt.“ ist eine bescheidene Minimalanforderung. Doch auch wenn der Sartre`sche Freiheitsbegriff hier nicht die Schärfe von Bieri`s Freiheitsbegriff in seinem „Handwerk der Freiheit“ erreicht, so kann ich doch Deinen sonstigen Ausführungen zur Sartre´schen Freiheit nur ausdrücklich zustimmen. Sartre ist hier mehr Praktiker.

      Natürlich ist der Mensch, obgleich „bedingt frei“, für das verantwortlich was er macht. Der Irrglaube, dass Bedingtheit des Willens und Verantwortlichkeit ein Widerspruch wären, rührt vom Fehlschluss her, dass das, was für besondere Arten von Bedingtheit gilt (Zwanghaftigkeit etc.) auf Bedingtheit überhaupt übertragen wird. Die Vorstellung, dass Freiheit eine Abwesenheit von Bedingtheit erfordere, ist falsch. Unbedingt freier Wille hätte nichts mit UNS zu tun, er würde uns sozusagen passieren, er geschähe uns, ohne dass er uns eine Entscheidung ließe. Insofern wäre unbedingte Freiheit, keine Freiheit oder die vollkommene Ohnmacht.

      Auch wenn Sartre erst in späten Jahren seinen „absoluten Freiheitsbegriff“ aus „Das Sein und das Nichts“ korrigierte, so war er insbesondere was den Gleichklang von Theorie und Praxis anbelangt, ein selten vorbildlicher Mensch.

      lg LL

    • 18. März 2011 14:59

      Servus Louis,
      sehr schön. Sartre sollte für Gläubige zur Pflichtlektüre werden. Der Ungläubige kann Sartre überspringen und sich gleich mit der „kritischen Theorie“ beschäftigen, wenn er will. „Das Handwerk der Freiheit“ von Peter Bieri steht zwar in meinem Bücherregal, ich kam aber nicht über die ersten 40 Seiten. Es war mir zu „zäh“. Hast du es gelesen? Lohnt sich die Lektüre?

      Beste Grüße fidelche

  3. 7. Juni 2011 16:01

    Hi Ihr! Ihr wisst ja, dass ich anders gestrickt bin 🙂 (wer hat mich gestrickt): aber ich würd ebenfalls von einer immer bedingten Freiheit sprechen. Waer sie mal da, würd sie uns net besonders wichtig sein, stimmt.

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