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Lémanitude (ein Gastbeitrag aus dem Hotel Naipaula)

27. Februar 2011

Zimmer 1388 gehört, wie einige andere hier auch, zu den besondern. Zwar ist es eingerichtet wie alle andern, doch zum Fenster hinaus sieht man nicht das wirkliche Grand Turk, die echte Karibik, sondern eine jede und ein jeder sieht etwas anderes!. Manchmal kommt der Beschreiber hierher. Von ihm werden wir noch hören, heute nur soviel: er ist blind! Und hier beschreibt er, was er “sieht”:

Lémanitude

Wer kann Sommerwiesen mit Mohn und Skabiosen so filmen wie Jean-Luc Godard? Und wer Kornfelder und Eichbaumalleen? Dazu die abfallende Kurve einer Landstrasse am Genfer See, auf der ein gelbes Sportcoupé entlangfährt, als wolle es die Mille Miglia gewinnen? Eigentlich, wurde mir klar, als ich neulich “Hélas pour moi” wieder erinnerte, will er das Licht, den Wind und den Regen damit zeigen  –  meine Tochter sagte als ganz kleines Kind: ohne Bäume gibt es ja keinen Wind, gell? – und sucht ausdauernd die Sprache einer menschenleeren Landschaft. Mich lenkt die “Lémanitude” seiner Filme von solcher Analyse ab. Mich berührt viel mehr das weisse Dampfschiff “Italie”, das auf der Leinwand schwerfällig elegant auf mich zusteuert. Ich bin als Junge damit gefahren und auch mit den Schwestern “Simplon”, “Suisse” und “General Dufour”, und damals fuhren diese Schaufelradschiffe mit dem schöngeschwungenen Rumpf sogar noch wirklich mit Dampf. Im Innern konnte man die Kolbenmotoren sehen, die Wellen schwangen ganz dicht an einem vorbei und glänzten, und wie Krönlein trugen sie Ölgläser an ihren Spitzen, die sich immer aufrecht im Kreise drehten und in denen das Öl wie in einer Wasserwaage tanzte. “Spirit level” heisst das auf Englisch; hätte ich’s damals gewusst, wär mir gewiss der Geist in der Flasche eingefallen. Bald aber rannten wir an die Reling, denn die nächste Anlegestelle kam in Sicht, das Schiff tutete die Schwimmer und die Boote aus dem Weg, der Kapitän betrat seitlich seiner Komandobrücke einen kleinen Balkon, von wo aus er wie ein Papst im richtigen Moment den Maschinentelegraphen auf “Volle Kraft zurück” kippte, worauf das Wasser nahe den Schaufelrädern grün aufwallte und das Schiff die Poller berührte. Taue wurden geworfen, ein Passerelle auf Rollen ausgefahren, Leute strömten erst hinaus dann hinein und schon ging es weiter. Manchmal schlichen wir so weit wie möglich nach vorne und beugten uns über Bord um die Bugwelle anzustarren. Wir liebten diese Schiffe (Heute weiss ich, dass İstanbuls Fähren über den Bosporus ganz ähnlich aussehen). Wir hatten Proviant dabei, Chlöpfer, Brot und Käse und etwas zu trinken, wir fuhren nach Le Bouveret, um dann den Grammont zu besteigen, wir fuhren nach Evian hinüber. Der Algerienkrieg war voll entbrannt und bis zum dortigen Friedensschluss sollten noch ein- zwei Jahre vergehen. Oder wir machten die Rundfahrt, wenn wir faul waren. Auf dem Schiff konnte keiner der “Montolieu”-Schüler verlorengehen. Die Orte am Ufer kannten wir so genau wie die Schiffe, das Schloss Chillon mit dem aufgemalten Wappen der Berner Besatzungsmacht, “Bäremutz”, für uns schmachtete der von Byron besungene Gefangene noch immer in seinen Verliesen, die Insel mit der klassizistischen weissen Villa, Schauplatz einer Dürrenmatt-Verfilmung, die ebenso weisse Statue der Kaiserin Sissy, der auf einem dieser Schiffe eine Feile in die Rippe gerammt wurde, so dass sie lautlos und langsam verschied, die Châtelard-School, wo die Mädchen in den Uniformen wohnten, die Röcke waren braun und die Blusen grün und wir seufzten, da wir wussten, dass sie sie nachts auszogen, das Grand Hotel Palace, das Beau-Rivage und das Hotel Nuss, dessen Name uns nachdenklich machte, die Weinbergterrassen und jedes winzige Dorf bis Lausanne hinüber. Gegenüber die Savoyer Alpen, der Grammont, die Jumelles, die Cornets de Bise und die Dent d’Oche. Weiter gegen Genf zu erschien dann seine Hoheit der Mont Blanc. Auf der Schweizer Seite war die Gegend ein riesiges gen Süden offenes Theaterhaus, daran Höhenorte klebten: Glion und Caux, wo die “Moralische Aufrüstung” hauste, und unser Chamby fast ebensogross, ehemaliges Hotel, erbaut 1907, sieben Stockwerke hoch und mit unzähligen Balkonen behangen.

Etwas niedriger über Vevey der Mont Pélérin. Dahin kamen wir in einem Sommer, in dem wir uns ausdauernd mit Geheimschriften beschäftigten; ganze Tage hatten wir mit dem Chiffrieren einer Botschaft verbracht. Als erstes verschoben wir die Buchstaben innerhalb des Alphabets, so dass etwa aus “Liebe” “Ifbyb” wurde, usw. Dann schrieben wir den entstandenen Text mittels einer quadratischen Schablone in z.B. 8×8 Felder, die Schablone war raffiniert und schön zugleich so ausgeschnitten, dass nach viermaligem Drehen um 90 Grad jedes Feld einen Buchstaben zeigte. Doch an dem Tag war uns selbst das noch nicht sicher genug, so verbrannten wir das Ganze und vergruben die Asche, sorgfältig in eine leere Sardinendose gebettet, am Fusse einer Mauer dieses Berges. Denselben Abend lagen wir schlaflos und überdachten, ob wirklich nichts entziffert werden konnte….

Aber die Schiffe zuerst. So wie wir an Land zuerst die Wege und Strassen erinnern, den trockenen Geruch gemähter Dinkelfelder und den glattgetretenen Lehmstaub, die Wegwarten und die abgebrannten Böschungen, schwarz mit weissen Schleiern, und erst dann die Orte und erst dann die Menschen.

Mehr? Dann hier klicken:

http://www.blogigo.de/Hotel_Naipaula

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3 Kommentare leave one →
  1. 27. Februar 2011 15:52

    Die abfallende Kurve einer Landstraße am Genfer See – kenn´ ich, via Moto Guzzi vor etwa Jahrhunderten. Eine Tochter, die sagt: ohne Bäume gibt es ja keinen Wind, gell? wäre auch meine Tochter. Krieg? Kommt doch in der Kategorie ‚Kultur‘ nur als Kreativverhältnis der Kreativproduzenten vor. Kulisse für Film und Buch und Mahnskulptur. „Moralische Aufrüstung“, „und erst dann die Orte und erst dann die Menschen.“ – Danke für Lesenlassen.

    • 2. März 2011 15:56

      die „moralische aufrüstung“ haben wir als jugendliche weidlich ausgenutzt. es gab reis, spargel und hühnerklein. allen bekehrungsversuchen aber trotzten wir 🙂

      • 2. März 2011 15:58

        siehe könig pipi vom reiche popo: „wo ist die moral? wo sind die manschetten? (leonce und lena, büchner. nein, net zu guttenberg)

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