Skip to content

Taxi nach Tobruk

26. Februar 2011

Für mich war die libysche (damals schrieb ich lieber lybische) Wüste schon immer Mythologie. Erst Herodot, dann (Schande) Rommel, der Wüstenfuchs. Dazwischen Graf Almasy, den ich schon vor dem “Englischen Patienten” kannte. Er liess ein paar Blechdosen als Wegmarkierung zurück, und da niemand in der Wüste wohnt, blieben die Dosen jahrelang liegen. Noch heute sag ich gerne: “Das Land des Hungers und des Durstes” und spüre dann einen ganz besonderen Geschmack im Mund. Mussolini fiel in Libyen ein. Die Italiener! Wir, in der Schweiz, pflegten sie zu verspotten, etwa so: Hast Du gesehen, in Italien gibt es in jedem Dorf ein Denkmal für ne Niederlage! oder: Warum haben italienische Soldaten Schuhe mit Absätzen vorne und hinten? Damit man an den Spuren net sehen kann, wohin sie geflohen sind… oder: Der Italienische Soldat ist der einzige mit eingebauten Fliehkräften. Naja, der Deutschen Kolonialreich war ja noch lächerlicher…..Dafür leiden wir heute net wie die Engländer an Phantomschmerzen wegen fehlendem Imperium….

Wie die damals Grenzen gezogen haben! Mit dem Lineal aufm Schreibtisch. Wer danach hüben, wer drüben, war denen egal.

Nun höre ich in den Nachrichten (neben der Forderung nach einem Waffenembargo – ja, haben die denn dahin Waffen geliefert?) (Haben wir hier einen Wirtschaftsspezi? Wär mal interessant zu hören, was EADS so alles herstellt und wohin geliefert wird. Ich weiss nur, dass der schöne schweizer Dorfname Oerlikon heute für ein weltweit verbreitetes Luftabwehrgeschütz steht) immer wieder, der Osten Libyens sei weitgehend von Gaddafis Herrschaft befreit. Wenn da man nicht wieder mal ein Land geteilt wird…..Vor einer (langen) Zeit träumte man anstatt von Teilung von Vereinigung (Libyens und Ägyptens).

Gaddafi stand für mich lange Zeit, wie andere Arabische Führer auch, für säkularen und vielleicht sogar sozialistischen Staat. Der Verrückte! (aber wissen wir wirklich, wie er tickt?). Noch vor etwas mehr als einem Jahr waren auf der Frontseite einer hiesigen Zeitung die Fotografien aller nahöstlichen Herrscherpaare, einschliesslich der türkischen. Von denen allen (ausser den Saudis: da sind gar keine Frauen zu sehen) waren nur Emine Erdoğan und Hayrünisa Gül verhüllt…….

Advertisements
5 Kommentare leave one →
  1. 26. Februar 2011 17:57

    Gaddafi unterstütze verschiedene Terrorgruppen(Diskothek La Belle,Lockerbie-Attentat). Der libyschen Bevölkerung schien es wirtschaftlich und sozial besser zu gehen, als beispielsweise der ägyptischen. Muammar al-Gaddafi hat zweifellos autoritär regiert. Er lässt auf Demonstranten schießen. Offiziell ist Libyen eine Islamisch-Sozialistische Volksrepublik. Eine Islamisierung der Gesellschaft ist in den letzten Jahren in Libyen zu beobachten gewesen. Die großen Fragen sind: Wer sind die Demonstranten? Was sind ihre Ziele? Wer wird von wem unterstützt.

    Die Demonstranten in Ägypten hatten gute Gründe für ihre Demonstrationen, was nicht heißt, dass alle Demokraten waren. Unter Mubarak wurde Ägypten zu einer der antisemitischsten Gesellschaften der Welt. Aber was kommt nach Mubarak? Die Muslimbrüder sind nicht moderat. Sie gaben sich so weil sie unter Mubarak unterdrückt und gefoltert wurden. Sie wollten nicht zurück in die Gefängnisse. Was passiert wenn die tiefen sozialen und wirtschaftlichen Probleme ein Ägypten nicht gleich verschwinden? Das werden sie nämlich nicht, egal welche Regierung die Macht übernehmen wird.

    Wir leben in einer Zeit von schwerwiegenden, weitreichenden Entscheidungen: Säkularisierung und Aufklärung des „Nahen Ostens“ oder viele neue islamistische Gottesstaaten und Krieg.

  2. 26. Februar 2011 18:33

    Mir gefällt des Persönliche der Einrede. „Damals schrieb ich lieber lybische“, ja, ich auch, dreißig Jahre weg. Mythologie wie „Wüstenfuchs“ und der Witz um die „Phantomschmerzen wegen fehlendem Imperium“, ja, ich stimme zu, alles Elemente meiner politischen Sozialisation. Und die mit dem ‚Lineal gezogenen Grenzen‘, über die ich mit meinem Vater, ewiger linker Gewerkschafter und Sozialdemokrat, gestaunt und diskutiert habe am Küchentisch, wenn der Bertelsmannatlas aufgeschlagen war. Verrückte Welt!
    Und jetzt Hibouh noch mit „Oerlikon“, natürlich. Die Schweiz eine Waffenschmiede, gestern noch gesehen im neuen (geliebten) BW-Laden in Münster, überwiegend schweizer Waffen, Heckler&Kochsche nur wenige. Und als Traditionslinker habe ich Gaddafi natürlich auch – wie Hibouh – noch immer mit diesem einen roten Stern im Gedächtnis, wodurch seine letzten politischen Auftritte umso peinlicher (mir) sind.
    Der tickt nicht mehr richtig!, ist mindestens zu sagen. Und ich befürchte auch, daß seine Gegner ebenso schon nicht mehr richtig ticken. Wenn ihre Motive der ‚Befreiung‘ Religion sind, und nicht ein materiell gutes und geistig freies Leben, dann gute Nacht für alle Umwälzungen, die aktuell sind.
    Oder wie fidelche sagt: „Säkularisierung und Aufklärung des „Nahen Ostens“ oder viele neue islamistische Gottesstaaten und Krieg.“

    • 27. Februar 2011 15:37

      Rainer, auch ich habe Gaddafi unter den Diktatoren des Nahen Ostens noch relativ berechenbar, säkular und sozial empfunden. Soweit dies in einem islamischen Land überhaupt möglich ist. Seine Verbindungen zum Terrorismus waren natürlich schon immer ein Makel in seiner Vita. Sein Auftreten in den letzten Jahren und speziell in diesem Jahr legen den Schluss nahe, dass er absolut nicht mehr richtig tickt. Speziell in Libyen aber auch in Ägypten habe ich immer mehr den Eindruck, dass diese „Revolution“ vor allem der ungehemmten Auslegung des Korans dienen soll.

      Die Politik des Westens scheint bisher recht hilflos zu sein. Ein Auslöser für die Aufstände in den Ländern des Nahen Ostens dürfte die Weltwirtschaftkrise sein. Durch die Wirtschaftsliberalisierungen in diesen Ländern verschärften sich die sozialen Widersprüche in diesen Gesellschaften. Wegen der Weltwirtschaftskrise fehlen dem Westen nun auch noch die Mittel um die demokratischen Kräfte massiv finanziell zu unterstützen. Der politische Wille des Westens die säkularen und demokratischen Kräfte zu fördern war ohnehin nie gegeben. Die Mullahs im Iran und Ahmadinejad bejubeln bereits die islamischen Revolutionen in Ägypten und Libyen. Die Wahrscheinlichkeit, dass aus Libyen und Ägypten in den nächsten Jahren Gottesstaaten werden, wird immer größer.

    • 27. Februar 2011 16:47

      Wenn es denn islamische Revolutionen in Ägypten und Libyen sind, dann wird es kalt in Welt. Ob auch und gerade in der westlichen, ist die – nicht offene – Frage. Wirtschaftliche globale Abhängigkeiten werden jeden Revolutionsprozeß „da unten“ überformen, und „darüber“ hinauszudenken, über den ökonomisch gegebenen Zwang einer herrschaftlich verwalteten Welt, zu etwas ganz anderm hin, hat vorgegeben ein Mann aus Trier. Der war Jude, und Begründer der kritischen Theorie, und mir schwant bei Revolutionen heute nichts Gutes.

    • 6. März 2011 17:36

      Ich frage mich immer mehr, wer sind die Rebellen in Libyen? Was ist ihr Programm, was sind ihre Ziele? Woher haben sie die Waffen? Gibt es eine Logistik?
      Die soziale Lage in Libyen war vor den Unruhen nicht mit der sozialen Lage in Ägypten vergleichbar.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: