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Bayern München und die Philosophie des Fußballs

27. April 2010

George Best: „Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.“ (zu G. Best‘s Beerdigung 2005 in Belfast kamen knapp 100.000 Menschen)

Fußball bietet mehr Facetten als nur übertriebenes Fandenken und Hooligans. Wer allerdings nie Fußball gespielt hat, kann unter Umständen die Faszination, die dieser Sport versprüht, nicht verstehen. Wer meint, in einem Fußballspiel laufen 22 Spieler einem Ball hinterher, begreift zum einen dieses Spiel und zum anderen, unter Umständen, die „Welt“ nicht. Eine Fußballmannschaft, ein Fußballverein funktioniert ähnlich wie eine Gesellschaft. Die diversen Abläufe, die Konflikte, die Intrigen sind jeweils vergleichbar. „Was ich über Moral und Verpflichtungen auf lange Sicht am sichersten weiß, verdanke ich dem Fußball“, schrieb 1957 Albert Camus in France Football. Eine gute „Elf“ braucht Arbeiter, Techniker, einen guten Torwart und Strategen. Die Spieler sollten sich entweder mögen oder sie sollten sich hassen. Das Beziehungsmodell einer Mannschaft ist kompliziert, ähnlich dem einer Gesellschaft. Gruppendynamik, Gruppenspezifische Regeln und Beziehungsmodelle sind für eine Fußballmannschaft ausschlaggebend für Erfolg oder Misserfolg. Der Trainer eines Teams sollte die verschiedenen „Stellmöglichkeiten“ seiner Mannschaft kennen. Der große Trainer Rinus Michels brachte erst bei Ajax Amsterdam, später in der niederländischen Nationalmannschaft mit seinen Superstars Johan Cruyff, später Ruud Gullit bewusst Konflikte in sein Team und hatte mit diesem Konfliktmodell Erfolg. Wie überhaupt das Niederländische System Fußball zu spielen in den 1970er – 1980er Jahren revolutionär war. Als beispielsweise das deutsche System noch immer um einen Libero organisiert wurde, bewegten sich niederländische Mannschaften längst im Raum. Ballorientierte Raumdeckung, variabler Raum, Teambuilding waren die neuen Begrifflichkeiten. Jede Fußballmannschaft ist das Spiegelbild seiner Gesellschaft. Deutschland mit seinen „Tugenden“, bieder, diszipliniert, athletisch und körperbetont. Brasilien, Italien usw. eben südländisch, mit Lebensfreude und Kreativität. Antonio Gramsci schrieb in Avanti! im August 1918, „Fußball ist ein Abbild der individuellen Gesellschaft. Er verlangt Initiative, Konkurrenz und Kampf. Aber das Spiel wird auch durch das ungeschriebene Gesetz des Fairplay geregelt.“ Eine kurze Zeit, von 1972 bis Anfang 1974, gab es eine Ausnahme. Willy Brand war Bundeskanzler, wollte „mehr Demokratie wagen“ und das deutsche Fußballsystem änderte sich. Man spielte technisch guten Fußball, nicht genial, keineswegs technisch perfekt wie Brasilien, aber immerhin. Diese Zeit war schnell vorbei und leider gewann die deutsche Nationalmannschaft später mit seinem destruktiven Sicherheitsspiel noch einige Titel.

Am 27. Februar 1900 wurde im Restaurant „Gisela“ der FC Bayern München gegründet. 1913 wurde der Sohn jüdischer Kaufmannsleute, Kurt Landauer Präsident des FC Bayern. Unter seiner Führung wurde der Bayern München ein weltoffener, liberaler Verein. In den 1920er Jahren, als andere Vereine Turnvater Jahn und dem Deutschtum huldigten, organisierte Landauer Spiele gegen internationale Mannschaften und verpflichtete ausländische Trainer. Der österreichisch-ungarische Coach Richard Dombi, ebenfalls jüdischer Herkunft, führte den Verein 1932 zur Deutschen Meisterschaft. Im Endspiel bezwangen die Bayern Eintracht Frankfurt mit 2:0 Toren. Spätestens ab diesem Zeitpunkt kamen die antisemitische Schmähungen und Bayern München galt als „Judenklub“. 1932 verlor Kurt Landauer wegen seiner jüdischen Herkunft seine Arbeitsstelle bei den Münchener Neuesten Nachrichten. Im März 1933 musste er als Bayern-Präsident zurücktreten. Einen Tag nach der Reichspogromnacht 1938 sperrten ihn die Nazis in die Baracke Nummer acht des Konzentrationslagers Dachau. Später kam Landauer frei und im März 1939 flüchtete er nach Genf. Als Bayern München 1940 erneut in Genf gastierte, stürmte die Mannschaft nach dem Schlusspfiff auf die Tribüne, um ihren alten Präsidenten zu begrüßen. Später in Deutschland hatten die Spieler deshalb massive Repressalien zu ertragen. Im Übrigen lief die Nazifizierung des FC Bayern, anders als beim Lokalrivalen TSV 1860 München, sehr langsam ab. Erst 1943 kam mit dem Bankier Sauter der Wunschkandidat der NSDAP an die Spitze des Vereins. 1860 München wurde wie andere sogenannten „Arbeitervereine“ von der NSDAP gefördert. Im Juni 1933 wird Schalke 04 von Vereinsführer Unkel, und seinem Stellvertreter Heinrich Tschenscher, NSDAP-Mitglied seit dem 1. Mai 1933 geführt. Die Schalke Spieler Ernst Kuzorra und Fritz Szepan ließen sich für direkte Unterstützungsaktionen der NSDAP einspannen. Durch die Übernahme eines jüdischen Textilhauses am Schalker Markt im Zuge der „Arisierung“ wird Szepan zudem zum Profiteur des NS-Regimes. Die enteigneten Eigentümer Sally Meyer und Julie Lichtmann werden deportiert und in Riga ermordet. Es ist kein Zufall, dass Schalke 04 in der Zeit von 1933 bis 1945 sechs Mal Deutscher Meister wurde. Kurt Landauer überlebte den Zweiten Weltkrieg im Schweizer Exil, vier seiner Geschwister fielen jedoch den Nazis zum Opfer: Eine Schwester und drei Brüder starben in Konzentrationslagern in Majdanek, Litauen und Westerbork. 1947 kehrte Landauer nach München zurück und „baute“ den FC Bayern wieder auf. Die späteren Erfolge sind bekannt. Das Image des reichen, unsympathischen Klubs blieb bestehen. Beschimpfungen gegen den „Judenclub“ FC Bayern kamen und kommen nicht nur vom Lokalrivalen 1860. Der fehlende offensive Umgang der heutigen Verantwortlichen mit der Vereinsgeschichte, sowie die unsinnigen, teilweise dümmlichen Verbal-Attacken von Uli Hoeneß tun ihr Übriges dazu. Punkbands wie die Toten Hosen singen Schmählieder über Bayern München. Hätte Campino die Vergangenheit der Bayern gekannt, wäre die eine oder andere Textzeile eventuell anders ausgefallen. Sollte Bayern München heute die „Hürde“ in Lyon überstehen, wäre der Verein im Endspiel der besten europäischen Fußballmannschaften. Im Jahre 1974 gelang dies den Bayern zum ersten Mal. Der entscheidende Spieler in diesem ersten Endspiel war Hans-Georg Schwarzenbeck

Seit der Saison 1966/67 gehörte Hans-Georg Schwarzenbeck zum Profikader des FC Bayern. Mit den Münchnern wurde Schwarzenbeck sechsmal Deutscher Meister, dreimal Deutscher Pokalsieger, einmal holte er den Pokal der Pokalsieger und dreimal in Folge (1974, 1975,1976) den Landesmeistercup. Mit der Nationalelf wurde er 1972 Europameister und 1974 Weltmeister. Als „Eisenfuß“ und „Putzer vom Kaiser“ war er für den FC Bayern und die Nationalmannschaft auf den Fußballplätzen der Welt unterwegs. Im Gegensatz zu unsympathischen Spielern wie Berti Vogts war „Katsche“ Schwarzenbeck, zwar zu seinen Gegenspieler durchaus humorlos, blieb allerdings immer fairer Sportsmann und versuchte nie seinen Stürmer absichtlich zu verletzen. Sein Stil war einfach und schnörkellos, er war keineswegs ein eleganter Techniker. Der eher hüftsteife „Katsche“ bewegte sich nicht wie Beckenbauer oder Overath. Ganz zu schweigen von den Brasilianern oder anderen südländischen Fußballern. Er hat sich alles hart erarbeiten müssen. Der bescheidenste Nationalspieler aller Zeiten, Katsche Schwarzenbeck, war ein ehrlicher Arbeiter. Nach seiner aktiven Laufbahn arbeitete „Katsche“ bis 2008, knapp 30 Jahre, in seinem Zeitschriftenladen in München-Au. Seinen fußballerischen Höhepunkt setzte Katsche Schwarzenbeck in Brüssel, als Bayern München zum ersten Mal den Europacup der Landesmeister gewann: „Dieses Ding gegen Atletico Madrid.“ Es war am 15. Mai 1974 in Brüssel, im Europapokalfinale der Landesmeister, in der Verlängerung kurz vor Schluss, 0:1 Rückstand, nichts ging mehr. Bis Schwarzenbeck über die Mittellinie preschte und aus etwa 30 Metern einfach draufhielt – das 1:1 in der 120. Minute! Die Wiederholung gewann Bayern mit 4:0. Mit seiner Bescheidenheit und Zufriedenheit war „Katsche“ Schwarzenbeck in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von George Best. Beide waren große Fußballer.  „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“

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14 Kommentare leave one →
  1. 22. Februar 2011 10:53

    Der Artikel beeindruckt selbst mich als St.Pauli-Fan :-). Mag die Bayern ansonsten net (ist da was übrig von früher, oder ist alles nur noch Hoeness?)

  2. 22. Februar 2011 14:59

    Hibouh, ich wollte damals unter anderem ein eventuell verzerrtes Bild von Bayern München zurechtrücken. Über die Entstehungsgeschichte des FCB und über die Zeit des NS ist in der Öffentlichkeit nicht viel bekannt, was vor allem an den heutigen Verantwortlichen liegt. Ich bin kein fanatischer Fan der Bayern. Vor allem in der letzten Saison begeisterte mich ihre Art zu spielen. Ich war als Kind öfters im Olympiastadion, weil mein Vater mich mitnahm. Mein Vater kannte Sepp Maier persönlich. Einige Bayern-Funktionäre waren und sind mir nicht sehr sympathisch. Mit Uli Hoeneß zurechtzukommen ist schwierig, weil er zu 80 % Blödsinn von sich gibt. Hin und wieder liegt er aber auch richtig. Es ging im Übrigen nicht nur um die Bayern, sondern auch um den Fußball im Allgemeinen. St. Pauli ist auch einer meiner Lieblingsvereine in der aktuellen 1. Bundesliga. Mein Sohn ist Fan von Pauli. Er war schon einige Male im Stadion. Damals in Burghausen und dieses Jahr in München.

    Neben diesen beiden Clubs drücke ich seit einigen Monaten auch dem VFL Osnabrück in der 2. Liga die Daumen. Ein Kastrati schießt dort die Tore. Ein lustiger Name, wie ich finde.
    Meine Saisonziele: Bayern Platz 2 und in der CL unter die letzten 8 | St. Pauli und VfL Osnabrück jeweils Klassenerhalt !
    Grüße fidelche

    • 22. Februar 2011 15:32

      Ja, dieses verzerrte Bild herrschte echt vor. Was Du über die früheren Zeiten schreibst, war mir alles unbekannt.
      Naja inzwischen bin ich ja auch Beşiktaş-Fan :-)))

      • 22. Februar 2011 23:35

        Bernd Schuster ist Coach von Beşiktaş. Schuster find ich gut.

        • 23. Februar 2011 09:31

          Beşiktaş hat auch gute Spieler: Guti, Simao, Ernst
          den Dingens aus Stuttgart, Nobre, Almeida… aber leider verlieren sie grad immer :-((

        • 23. Februar 2011 15:10

          Schuster? Bin ich dabei.
          Aber hier: Letztes Jahr sah ich in Hamburg das schöne Plakat mit der Zeile „Kult vs. Kommerz“. Was war gemeint? Natürlich das Spiel Altona 93 gegen St. Pauli II. Oberliga. Und wer wen, ist ja klar …

        • 23. Februar 2011 16:45

          Die „Sozialromantiker“ von St. Pauli regen sich über ein Werbebanner der PSD Bank im Stadion auf. Wer die vierte Liga sehen will soll nach Altona fahren, meine ich.

          • 24. Februar 2011 06:54

            oha, oha, bei uns in Altona…..

        • 11. März 2011 22:02

          Kastrati ist übrigens ein Norweger, der aus Holland kommt. 😉 Ausgeliehen vom FC Twente, der erste Club, gegen den der VfL vor ca. 110 Jahren ein Auswärtsspiel hatte. Internationalismus!

  3. 23. Februar 2011 22:38

    Ich habe heute mit Mailand-Bayern (0:1) ein schönes, schnelles CL-Fußballspiel gesehen. Der schwächste Spieler auf dem Platz staubte in der letzten Minute zum 0:1 ab. So ist das Leben.

  4. 11. März 2011 00:20

    Moin,

    sehr schöner Text, Kompliment! Ergänzend möchte ich noch auf diesen Beitrag zum Thema hinweisen:

    http://www.antifa-freiburg.de/spip.php?page=antifa&id_article=492

    Schöne Grüße,

    Cagney

    • 11. März 2011 14:58

      Das ist natürlich ein schöner Vortrag, Danke fürs Bekanntmachen, eine plausible Kritik der Romantizismen in der deutschen Fankultur, die sich gerne am FC Bayern ausleben. Diese depperte Entgegenstellung vom proletarischen Arbeiten und Leiden als wahres Glück vs. die Professionalisierung von Spiel- und Vereinskultur mit internationalem Weitblick. – Über manche auch linke Gründungsmythen des Fußballs hat kürzlich Martin Krauß in der Jungle World berichtet anläßlich des Films „Der ganz große Traum“, wo es darum geht, wie dieser Sport aus England ins Volk des Turnens kam.

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