Hitler lebt…
Während die Rückenschmerzen einer ukrainischen Oligarchin ebenso ganz Deutschland bewegen wie das Märchen von einem Blinden, der durch halb China flieht und in Amerika landet, schert sich kaum einer über die Tatsache, daß 67 Jahre nachdem die deutschen Faschisten militärisch besiegt wurden, ein Erlass von Adolf Hitler immer noch deutsches Recht ist und dem deutschen Staat dazu dient, Massenmörder vor Strafe zu schützen.
So ist bereits am 11.05. 2011 unter der Titel: Hitler verhindert Auslieferung bei ntv zu lesen:
Der in den Niederlanden wegen Kriegsverbrechen verurteilte frühere Waffen-SS-Mann Klaas Carel Faber wird von der Bundesrepublik nicht an das Nachbarland ausgeliefert. Faber, der 1922 im niederländischen Haarlem geboren wurde und heute in Bayern lebt, lehnte bei einer Anhörung durch das Amtsgericht Ingolstadt eine Auslieferung ab….Faber soll nach niederländischen Angaben mindestens 22 Juden sowie Widerstandskämpfer ermordet haben. Die nach dem Krieg gegen ihn verhängte Todesstrafe wurde allerdings später in lebenslange Haft umgewandelt. 1952 konnte Faber aus einem Gefängnis und dann in die Bundesrepublik fliehen. Seither bemühen sich die Niederlande um eine Auslieferung oder eine Bestrafung Fabers in Deutschland. Zuletzt hatte das Land dazu einen europäischen Haftbefehl ausgestellt….Eine Auslieferung Fabers hatte die Bundesrepublik unter Hinweis auf einen Erlass aus der Nazi-Zeit abgelehnt: 1943 hatte Hitler entschieden, dass alle niederländischen Freiwilligen der Waffen-SS automatisch deutsche Staatsbürger sind….
Mittlerweile ist Faber in Ingolstadt friedlich entschlummert. Und das obwohl:
…Der 1922 im niederländischen Haarlem geborene Faber soll wie sein Bruder Aufseher im Durchgangslager Westerbork gewesen sein. Über das Lager deportierten die Nazis Zehntausende niederländische Juden in deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager. Bereits in Westerbork richteten SS-Angehörige viele Juden hin. Nach dem Urteil eines holländischen Sondergerichts von 1947 war Faber einer der Täter und für den Tod zahlreicher Menschen verantwortlich. Nach niederländischen Angaben soll er mindestens 22 Juden und Widerstandskämpfer ermordet haben. (via ntv, 26.05.12)
Unser Lehrer für Freiheit und Diktaturen, der ideelle Gesamtwiderstandskämpfer Gauck, fand bei seinem Besuch in den Niederlanden zu diesem Thema keinerlei Worte, er weilte lieber in lichten Höhen und predigte von der deutschen Freiheit, die wir meinen:
- Dazu gehört definitiv auch die Freiheit eines Massenmörders, der bis zu seinem Tod unter dem Schutz Hitlers und der deutschen Rechtssprechung stand.
Und der Erlass ist immer noch in Kraft.
Football as Best: Paul Gascoigne
Paul Gascoigne:
“Ich mache nie Voraussagen und werde das auch niemals tun.”
“Ich sagte einmal, dass Gazzas IQ niedriger als die Nummer auf seinem Trikot wäre, worauf er mich fragte: ‘Was ist ein IQ?’” (George Best über Paul Gascoigne)
Es war der kleine Junge in Paul Gascoigne, der ihn zu einem großen Spieler gemacht hat. Er hat beim Redheugh Boys Club im Dorf angefangen. Vor dem WM-Halbfinale 90 gegen Deutschland war er kaum Herr über seine Vorfreude. Während seine Mitspieler bei der Hymne konzentriert und sinnschwer vor sich hinstarrten, lachte Gascoigne von einem Ohr zum anderen, wie ein Kind vor dem reichgedeckten Geburtstagstisch. Und bester Midfield in diesem Turnier war er auch.
Newcastle United, die erste Profi-Station, die gleich eine Anekdote brachte: in einem Spiel gegen den FC Wimbledon, als sein Gegenspieler Vinnie Jones (Spitzname „Die Axt“) ihm in die Intimzone packte. Er nahm die Sache jedoch mit Humor und sendete Jones eine Rose als Dank – Jones seinerseits erwiderte den Gruß und schenkte Gascoigne eine Toilettenbürste. Very british.
Der langweilige Fehlervermeidungsfußball von heute war ihm fremd. Seine größten Tore waren das Produkt aus Mut, Entschlossenheit, Technik und einem gehörigen Schuss kindlicher Unbefangenheit.
Im FA-Cup-Finale nach der WM 90 verletzte er sich selbst durch sein Foulspiel an Forest-Spieler Gary Charles gleich zu anfang so sehr, daß er ein Jahr pausieren mußte. In seiner Regeneration verletzte er sich erneut in angetrunkenem Zustand in einem Nachtclub. Typisch Gazza. Doch im Sommer 1992 wechselte er schließlich für 5,5 Millionen Pfund in die italienische Hauptstadt zu Lazio Rom, feierte seine Erfolge aber erst wieder nach dem Wechsel zu den Glasgow Rangers und bei der EM 96.
Spätestens seit seiner Streichung von Hoddle aus der Nationalmannschaft beförderte Gascoignes Lebenswandel das inzwischen unausgeglichene Pendel zwischen fußballerischem Erfolg und privaten Escapaden in Gewalt, Alkohol und folgenschweren Krankheiten. Hilfe fand er auch bei seiner beginnenden Trainerkarriere nicht.
Schon 1990 wurde die Schlaflosigkeit Gascoignes aktenkundig. In seiner Biografie “Gazza – Mein verrücktes Leben” beschreibt er, wie er in der Nacht vor dem Deutschland-Spiel auf der Suche nach Zerstreuung durchs Hotel pilgerte und zur Entspannung gegen zwei Amerikaner im Tennis antrat, sehr zum Ärger seines Trainers Bobby Robson. Sein Leben, so schreibt er weiter, habe sich oft in Hotels und Krankenhäusern abgespielt. Dort gibt es immer Betrieb, feste Fahrpläne, einen Rhythmus und vor allem Menschen, deren Gesellschaft Paul Gascoigne von sich selbst befreit.
Paul Gascoigne: “Genial am Ball, hilflos im Leben”, titelte einmal der SPIEGEL. Gascoignes ungesundes Maß an Chaos, die Traumata seiner proletarischen Kindheit und eine fehlende Mitte in seinem Leben machten ihn zu einem prominenten Ziel vor allem für die Medien. Bezeichnend dafür war das Interview, das er 2005 nach seinem alkoholbedingten Rauswurf als Trainer von Kettering Town gab und das es nie hätte geben dürfen. Ein unter dem Einfluss von Alkohol, Tabletten oder beidem stehender Gascoigne faselte unfassbaren Unsinn in das Mikrofon eines gierig nachfragenden Journalisten. Ein Opfer der Medien ist Gazza mindestens auch.
George Best, dessen Name als Parallele immer als erster fällt, und Paul Gascoigne eint ihr Hintergrund in der Arbeiterklasse, ihr Genius am Ball, ihre individuelle Unfähigkeit im Umgang mit Ruhm und Verehrung, das fußballzentrierte Weltbild und die Leere danach. Und sie eint das gesellschaftliche Problem, dass ihre Sucht lange Zeit weder als anormal noch als Krankheit gesehen wurde. (Matthias Paskowsky)
Den schwerverdienenden Fußballgöttern wurde schlicht das Recht abgesprochen, an den Problemen des Andy Capp, des Durchschnittsmenschen von der Straße, zu leiden. Ihr Suff war natürlicher Bestandteil des Fußballuniversums. Wenn Gascoigne in der Halbzeitpause des schottischen Pokalendspiels in kompletter Montur an der Bar der VIP-Lounge einen doppelten Brandy kippt und in der zweiten Halbzeit zwei Tore schießt, ist er im Mikrokosmos der Machowelt Fußball, in der das nächste Tackle das letzte sein kann, nicht der bedauernswerte Alkoholiker, sondern der gefeierte Held. Best und Gascoigne – zwei, die um den zweifelhaften Vorsitz im Pantheon der selbstzerstörerischsten Kicker Britanniens zu streiten scheinen. -
“Gazzamania” hat der Rummel um den Sohn eines Hilfsarbeiters aus dem nordenglischen Dunston vor den Toren Newcastles geheißen. Geblieben ist nur die Frage, an welcher Stelle Paul Gascoignes Leben aus den Fugen geraten ist. – Die Erkenntnis, dass auf seinen Lebenslauf ein roter Aufkleber mit der Aufschrift “zerbrechlich” gehört hätte, ist nicht neu. Selbst Glenn Hoddle, der kurz sein Nationaltrainer war, hat einmal gedacht, ihm helfen zu müssen – ein Besuch bei einer Geistheilerin sollte es richten …
Paul Gascoigne ist mit mehr Diagnosen etikettiert worden als ein Supermodel: manische Depression, Essstörungen, Zwangshandlungen aller Art, Suchtprobleme und Angstzustände. Jene, die ihn persönlich kennen, die mit ihm gearbeitet haben und die ihn immer Paul und nie “Gazza” nennen würden, reden nicht gerne. Sie leiden mit der gequälten Seele, von der sie glauben, dass man ihr nur noch mit Schweigen helfen kann.
Griechenland (zum x-sten)
Habe gestern (wegen Michalis Pantelouris) “Anne Will” gekuckt. Stöhn.
Ich unterteile hier mal in zwei Bereiche: a) polemische Bemerkungen, b) politische Analyse (naja, nach meinen Fӓhigkeiten)
a) Anne Will: wieder mal ihrer latenten “Fremdenfeindlichkeit” gewahr geworden. Und was sollte das Eingehen auf Lafontaines Karriere? Abrechnung mit dem Macho und seinem Bankentick?? Gegen Oskar kann man manches einwenden, naklar, aber die stӓndigen “hat wieder gekniffen”, “büxt aus”, “rennt davon”??: Gehirnwӓsche. Ich kenne Oskar net, habe mich aber lange (wochenlang) mit einer seiner Freundinnen unterhalten: er ist zumindest in sich konsistent, hat immer für das gestanden, was er halt ist. Das kann man net von jedem/r sagen….. Das Thema des Abends liess in keiner Weise Lafontain’sches erwarten….(nebenbei: Der Name ist super!)
Kramp-Karrenbauer: innerhalb ihrer Partei hatte ich sie bisher für …einigermassen ertrӓglich gehalten, immerhin ist sie ne Frau (und hat kurze Haare und nen korrekten Doppelnamen). Aber gestern: Enttӓuschung! Derselbe dumpfe Mainstream……
Pantelouris: Hat als einziger ansatzweise die eigentlich wichtige Thematik angesprochen: “Von Berlin sagen wir, es sei arm, aber sexy”….
b) Warum immer “Wir müssen denen helfen”? Sagt Bayern das über Bremen, finden wir es unterirdisch. Deutschland bestand dereinst aus einem Haufen von Kleinstaaten, hat sich mühsam zur Nation zusammengefunden (sollen wir das, nebenbei gesagt, begrüssen? Doch das wӓr ne andere Geschichte). Würden wir das Saarland wegen seiner Schulden (aus was auch immer) ausschliessen wollen? Würden die USA Kalifornien wegen seiner Schulden aus dem Dollar schmeissen? Das über die Mittelmeervölker stӓndig so geredet wird: “wir”, “die”, die sind ja faul und wir sind fleissig, exportorientiert und diszipliniert, ehm, zum Lohnverzicht geneigt,….puh, wir hӓtten ja gern mehr Kohle…., zeigt, dass die Idee Europa noch kaum vorhanden ist (ich spreche schon wie Helmut Kohl, smile).
Dann zum anderen: die Schulden der einen sind immer die Gewinne der andern. Warum ist die EU geschaffen worden: um dicke Geschӓfte zu machen, um zu exportieren! Die Thematik ist bekannt, wurde aber bei Anne Will höchstens gestreift (griechischer Rüstungsetat). “Die” hӓtten noch viel mehr schummeln können, “wir” hӓtten die trotzdem genommen. Wir brauchen ja Absatzmӓrkte.
Es wurde ein Trailer gezeigt: Umfrage bei Leuten im Badeanzug oder Bikini, wo sie denn diesen Sommer Urlaub machen tӓten? In Griechenland? (der Tourismus dort ist in diesem Jahr um 50% eingebrochen). Nein, bestimmt net! Die liegen uns nu lange genug auf der Tasche, langsam reichts, zudem ists dort zu unsicher, wir fliegen auf die Malediven (warum net nach Bahrain?). Die Griechen könnten uns ja mal einladen, bei alledem, was “wir” da schon an Mitteln reingesteckt haben. Schlimmste Stammtisch-Ansichten. Wer nӓhrt solche? “Solidaritӓt ist eben keine Einbahnstrasse”, sagt Kramp-Karrenbauer. Bevor ich sie mir aber als solche nicht auch einmal vorstellen kann, weiss ich nicht wirklich, was Solidaritӓt ist.
Naja: nu sind a) und b) polemisch geworden (gg).
Richard Sennett eröffnet die Münster Lectures















Nachtrag. Von der Pressestelle der Universität heißt es: 200 Zuhörer lauschten dem Vortrag Richard Sennetts über die Probleme, die der moderne Kapitalismus für das Zusammenwirken der Menschen mit sich bringt. Mit jemandem produktiv zusammen zu arbeiten, so Sennett, sei schwierig und erfordere vor allem Zeit, bis alle Beteiligten sich aneinander gewöhnt haben und Prozesse eingespielt seien. Zeit, die in heutigen Kurzzeitbeschäftigungen oft nicht gegeben ist. Das Ergebnis seien Einzelkämpfernaturen und eine Aushöhlung des Begriffs “Teamwork”, der zunehmend eine kurzzeitige Zusammenstellung eines Pools aus verschiedenen Mitarbeitern denn eine abgestimmte Nutzung der Kompetenzen eines jeden Teammitglieds meine. Anstellungsverhältnisse lediglich auf die Laufzeit eines bestimmten Projekts zu begrenzen, heiße, Menschen immer wieder auf den Anfang kooperativer Annäherungsprozesse zurückzuwerfen und Lernprozesse zu unterbinden.
“Das kapitalistische Kurzzeit-Regime raubt den Menschen die Fähigkeit, miteinander zu kooperieren und sich in ihrer Umwelt aufgehoben zu fühlen”, betonte Richard Sennett. Sicherheit sei in den letzten Jahren sukzessive zugunsten einer Atmosphäre der “existenziellen Bedrohung” abgebaut worden, so dass der Mensch selbst in seiner Freizeit Angst um seinen Arbeitsplatz und seinen Stellenwert im “Team” habe. Die Sprache in Unternehmen vergegenwärtigt laut Sennett das grundsätzliche Missverständnis, dem die Ideologie der führenden Business Schools folge: “Klare Ansagen werden wie ein Mantra eingefordert. Dabei sorgt gerade eine eindeutige und autoritäre Sprache für eine Entmündigung des Mitarbeiters.” Statt Angestellte entsprechend der von Unternehmen propagierten Selbstverbesserungs-Slogans zu fördern, würden sie konsequent disqualifiziert und durch unsichere Arbeitsverhältnisse ihrer Würde beraubt.
Doch wie Kontinuität schaffen, wenn es schlicht zu wenig Stellen gibt? “Wir werden nie wieder Verhältnisse wie in den 80er Jahren mit Vollbeschäftigung haben”, prophezeite Sennett. Europa sei jedoch wohlhabend genug, um jeden Menschen arbeiten zu lassen. Der Mensch brauche eine produktive Tätigkeit, auch in Teilzeit. Nötig sei ein Umdenken der Politik: Der “starke Staat” müsse das Grundeinkommen und eine gesetzliche Regelung von Arbeitszeit und Vertragsdauer durchsetzen, argumentiert Sennett.
Henri Alleg (is nu auch im “Naipaula” untergekommen)
Im 13xx lebt schon über neunzigjӓhrig Henri Alleg. Er kam in London 1921 als Harry Salem zur Welt, wollte aber wohl nicht den auf Melchisedek zurückgehenden Namen JeruSalems tragen. Bald zog er mit seinen Eltern, die noch in Kongresspolen gelebt hatten, nach Paris. Ohne diese ging er 1939 nach Algerien, wo er als Journalist und dann Chefredakteur für die Unabhӓngigkeit des Landes von der Kolonialmacht Frankreich kӓmpfte und bald auch Mitglied der dortigen kommunistischen Partei wurde. Nachdem seine Zeitung, der “Alger Républicain” 1955 verboten wurde, ging er in den Untergrund, versuchte aber weiter, seine Artikel in der französischen “L’Humanité” zu veröffentlichen. Oft gelang es der französischen Zensur, dies zu verhindern. Bald wurde auch er – von den Fallschirmjӓgern der 10. Armee – verhaftet, ins Gefӓngnis geworfen und verschiedentlich gefoltert. Hinter Gittern schrieb er sein Buch “La Question” (Die Frage: so wurde die Folter früher genannt. Als diese mit der Französischen Revolution abgeschafft wurde, dachten viele – aufatmend, nach hartem Waterboarding – sie sei nun für immer ein Gespenst der Vergangenheit. Sie hatten nicht mit dem 20. Jahrhundert und den folgenden gerechnet……J.P. Sartre, der das Vorwort zu dem Buch schrieb, meinte, Hitler sei zwar eine einmalige Erscheinung gewesen, habe aber viele, die ihm nacheiferten. Zitat Colonel Mathieu, einer der Befehlshaber der Fallschirmjӓger: “Lassen Sie uns prӓzise sein: Das Wort ‘Folter’ kommt in unseren Befehlen nicht vor. Wir stellen Fragen – questions – wie es in jeder Polizeioperation gegen eine unbekannte Bande getan wird.” Gemeint ist in Allegs Buch aber auch die Frage: Was bedeutet es, ein menschliches Wesen zu sein?
In Algerien kursierte unter den französischen Truppen, in deren Rӓngen – Fremdenlegion! – wohl auch ehemalige SS-Leute zu finden waren, das Wort: “Hier wird französisch befohlen und deutsch getötet”.
Spӓter floh Alleg in die Tschechoslowakei und kehrte erst nach dem Friedensabkommen von Evian nach Algerien zurück. Ausgerechenet die erste arabische Regierung unter Boumedienne verwies ihn des Landes. Ein Jude kann eben nicht proarabisch sein.
Nun wohnt er im Land seiner Peiniger. Absurd, gell? Aber wer wohnt schliesslich da nicht? Naipaula fühlte mit ihm und vermietete ihm obiges Zimmer für ein Inschallah.
“When I’m gone people will forget all the rubbish and all that will be remembered will be the football. That’ll do for me.”
1970 drehte der deutsche Filmemacher Hellmuth Costard einen Film über ein Match zwischen Manchester United und Coventry City*, in dem die Kamera während der gesamten Spieldauer ausschließlich auf George Best gerichtet war. „Fußball wie noch nie“ wurde 1971 von der ARD ausgestrahlt und rief massive Proteste hervor, da der Großteil der Zuschauer es unmöglich fand, den Film zur besten Sendezeit auszustrahlen bzw. ein Fußballspiel lang nur einen Spieler herauszuheben. Es häuften sich nach der Sendung die Beschwerdebriefe.
Unvergessen ist der Nihilismus von George Best, einem der ersten Medienstars unter Fußballspielern, passend zu seinem extravaganten Lebensstil, der sich in seinem vielzitierten Ausspruch wiederfindet: „Ich habe viel Geld für Alkohol, Frauen und Autos ausgegeben, den Rest habe ich einfach verprasst.“ – Beim Champions League Finale 1999 verließ Best, seines Zeichens inzwischen nicht mehr Spieler, sondern Fan von Manchester United, vorzeitig das Stadion, da seine Mannschaft im Nou Camp von Barcelona gegen den FC Bayern München kurz vor Schluss mit 0:1 zurücklag. Die Wende durch zwei späte Tore zum 2:1 Sieg von Manchester verpasste er.
George Best wurde am 3. Dezember 2005 – 64 Jahre alt und kurz zuvor von Pelé in die Liste der 125 weltbesten Fußballer aufgenommen – in seiner Geburtsstadt Belfast beerdigt, er starb infolge von Multiorganversagen. Etwa 100.000 Menschen gaben ihm an einem regnerischen Tag die letzte Ehre, was dieses Begräbnis (Blick in die FAZ-Fotogalerie) zu einer der größten Zeremonien dieser Art in der Geschichte Großbritanniens machte. Um Best zu würdigen, wurde der Flughafen in „George Best Belfast City Airport“ umbenannt. Hierzu fand eine offizielle Zeremonie in Anwesenheit von Angehörigen im Mai 2006 – an seinem 60. Geburtstag − statt. Die Umbenennung war sehr umstritten. Nur 52 % der Bevölkerung standen hinter dieser Entscheidung.
Öffentlicher Alkoholismus – etwa beim Training und im Fernsehen -, Leidenschaft für Glücksspiele, hohe Schulden, Unterhaltung von Nachtlokalen, Trunkenheitsfahrten, Polizistenbeleidigung, Liaisons mit Models und häusliche Gewaltexzesse trugen wohl zum nicht ungeteilten Ruhm dieses Ausnahmefußballers bei. Nach dem sportlichen Höhepunkt im Jahr 1968 („Annus mirabilis“: Europapokal der Landesmeister erstmals für eine britische Mannschaft gegen Benfica Lissabon und Europas Fußballer des Jahres) begann sein stetiger Abstieg. 37 Mal stand er in der Nationalmannschaft Nordirlands, seine letzte Partie für United absolvierte er am 1. Januar 1974 gegen die Queens Park Rangers an der Loftus Road. Der Linksaußen mit der legendären Rückennummer 7 absolvierte in elf Jahren 466 Pflichtspiele für Manchester und war in dieser Zeit der Toptorjäger mit 178 Treffern – darunter alleine sechs in einem Spiel gegen den Viertligisten Northampton Town. Er war zudem in sechs aufeinanderfolgenden Spielzeiten bester Torjäger seines Vereins und in der Saison 1967/68 mit 28 Ligatreffern Torschützenkönig in der englischen Eliteklasse.
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*http://www.11freunde.de/dvd-edition
Fußball wie noch nie – George Best. Ein Film von Hellmuth Costard
Ein zeitloses Denkmal für einen der besten britischen Spieler aller Zeiten: Die Kameras sind ausschließlich auf George Best gerichtet. In Echtzeit sieht man ihn über 90 Minuten agieren, in Zweikämpfe gehen, Pässe schlagen, aufs Tor schießen. Der Nordire war der erste Popstar des Fußballs, galt Ende der 1960er Jahre sogar als der “fünfte Beatle”. Pelé sagte über den Linksaußen, er sei der technisch beste Spieler, den er je gesehen habe.
»Costard hat hier etwas Zeitloses geschaffen und damit gleich drei Denkmäler errichtet. Eins für sich, eins für George Best und – das wichtigste – eins für den Fußball.« (Welt am Sonntag)
»Ein Meisterstück über Identität und Handlungsfreiheit, Action und Charakter.« (Süddeutsche Zeitung)
»Das eindrucksvolle Vermächtnis zweier Männer, der eine vor, der andere hinter der Kamera, die eigenwillig ihren Weg gegangen sind, die jeweils auf ihre Weise den rebellischen Geist dieser Epoche verkörperten.« (Der Kurier)
»So sehen Märchenstunden des Fußballs aus, die auch von der Einsamkeit des Spielers mitten im Match erzählen, und der Titel war auch nicht nur ein leeres Versprechen.« (Frankfurter Allgemeine Zeitung)
Kennst du das Land?
Allgemeine Empörung herrscht über die Inhaftierung und die Rückenschmerzen von Julia Timoschenko und das autokratische Regime in der Ukraine, wo die Menschenrechte mit Füssen getreten werden. Möglichst kein westlicher Politiker soll zur Euro 2012, die in wenigen Wochen beginnt, fahren, ja, leise wird sogar ein Sportboykott erwogen. Gleichzeitig wird sich natürlich auf die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi vorbereitet, und Deutschland macht dicke Geschӓfte mit China und Russland, keiner interessiert sich für die Menschenrechte in Dagestan, Azerbeidshan (demnӓchst Eurovision Song Contest in Baku), Tadschikistan, Bahrein (Formel1-Rennen), undsoweiter. Die Vergabepraxis von sportlichen Grossereignissen richtet sich in keiner Weise nach den demokratischen Bedingungen in den ausrichtenden Staaten.
Na klar: Sport ist allgemein in den Ruch der Unehrlichkeit geraten. Man dopt, man wettet, man besticht, man erpresst. Der für Jahrzehnte oberste Fussballboss der Welt, der Schweizer Josef Blatter, steht selber eher für Mafia, Korruption, Intransparenz etc, als für Human Rights….
Frau Timoschenko aber wird zu einer Art Ikone, einer Marianne der Menschenrechte, einer ukrainischen Aung Suu, einer Mutter Theresa der Rückenschmerzen (letztere, die inzwischen zumindest selige Theresa, schilderte in den Slums von Kalkutta den dortigen Leuten Krankheit und Siechtum als gottgegeben, flog aber selbst im Privatjet in eine kalifornische Spezialklinik, als das Zipperlein zu ihr selbst kam….) hochstilisiert. Dabei ist Julia Timoschenko rechtskrӓftig verurteilt (die Gerichte dort…Rachefeldzug… persönliche Revanche Januschenkos etc…Ja, aber wenn: warum fordern wir dann nicht viel eher unabhӓngige Gerichte in Kiew, in Charkiw, aber auch in Moskau und Berlin?) Julia Timoschenkos Familie zӓhlt zu denen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion schnell sehr reich wurden (wie stellten sie das an?), über ihre Karriere vor Gerichten siehe Hermanitous Artikel.
Zum Vergleich: Es gibt ein Land – gerne wird es als Brücke zwischen Europa und Asien bezeichnet – in dem Journalisten, Politiker, Oppositionelle, na, zahlreiche Menschen, nicht etwa rechtskrӓftig verurteilt, sondern ohne Gerichtsverfahren jahrelang im Gefӓngnis sitzen. Ein Land, in dem, wenn ein Verfahren über Korruption (Deniz Feneri, “Leuchtturm”) eröffnet wird, als erstes die beiden untersuchenden Staatsanwӓlte eingebuchtet werden. Ein Land, wo über unabhӓngige Richter und parteilose Gouverneure nur gespottet wird. Wo gerade alle staatlichen Theater geschlossen werden sollen (“Wir werden die Stücke, die uns gefallen, finanziell fördern”, sagt der oberste Boss. Man stelle sich mal vor, wir hӓtten in Theater und Oper nur ein Programm, das Ursula von der Leyen, Norbert Röttgen, Angela Merkel, Peter Altmaier oder Horst Seehofer gefӓllt…..). Wo die Schülerin und der Schüler einen Fragebogenzum Ankreuzen vorgelegt bekommen: Was willst Du im Religionsunterricht hören:
a) Koranlektüre
b) “Das Leben unseres Propheten”
Wo der Premierminister über diktatorische Vollmachten verfügt und alle, die nicht der Regierungspartei angehören oder zumindest beipflichten, von jeder weiteren Karriere Abstand nehmen können, wo mit grossem Eklat eine Feindschaft zum Staate Israel inszeniert wird, gleichzeitig aber der (Waffen)Handel zwischen beiden Lӓndern blüht?
Na? Wo liegt es? Wer würde da nicht gerne hinfahren, dorthin, wo die Zitronen blühn….(Aber Kiev? Pfui, Deibel). Und welches sind seine grössten Handelspartner??
Und noch eine Frage: welche Masstӓbe hat die Bundesregierung angelegt, als sie den Verkauf von hunderten von Leopard-Panzern an Saudi-Arabien erlaubte?
Bevor wir also gross von Boykott tönen, sollten wir aufpassen, nicht selbst zu Heuchlern zu werden. Und andere, die uns das Blaue vom Himmel herunterlügen, werden wir darauf aufmerksam machen.

